Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Die Reaktion in Russland. Aus Petersburg wird der „Neuen Jüdischen Korrespondenz“ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Wer noch daran zweifelt, dass in Russland die Reaktion auf dem Marsch und zwar bereits ziemlich weit vorgerückt ist, den müssen einige Verfügungen der letzten Tage davon überzeugt haben. Das Verhalten der Regierung gegen die Juden ist ja ein guter Gradmesser für Fortschritt oder für Reaktion. — Ich verzeichne folgende Nachrichten: Neue Beschränkungen. Das Ministerium des Innern erliess am 23. (10.) November eine Verordnung, alle Zirkulare über die Beschränkungen des Wohnrechtes der Juden zu sammeln. Diese Verfügung könnte sowohl e'uie Wendung zum Besseren wie einen Schritt zum Schlechteren bedeuten. Auf Grund genauer Erkundigungen, die ich eingezogen habe, ist aber anzunehmen, dass wieder einmal die Pessimisten Recht behalten werden. Man will nämlich in die Wohnrechtsbeschränkungen, die jetzt ausserordentlich verschieden sind, „System“ hineinbringen. Bei dieser Systematisierung, wie sie die russische Bureaukratie versteht, wird aber für die Juden ganz gewiss nichts Erfreuliches herauskommen. Das geht aus der neuerdings in allen grösseren Städten verschärften Anwendung der Wohnrechtsbestimmungen hervor, über die der Petersburger Stadthauptmann soeben wieder eine neue Verordnung erlassen hat, und über die erst kürzlich aus Riga und aus Moskau berichtet wurde. Der Petersburger Stadthauptniann und die Juden. Am 22. (9.) November hat der Stadthauptmann Generalmajor Dratschewski die Pristaws der einzelnen Stadtteile aufgefordert, ungesäumt Massnahmen zu ergreifen, dass 1. die Bücher über die Juden genau geführt werden und in jedem Fälle angegeben wird, aui Grund welcher Bestimmungen der betreffende Jude das Aufenthaltsrecht ün Petersburg geniesst; 2. dass streng darauf geachtet werde, dass Juden, denen vorübergehend der Aufenthalt in der Residenz gestattet worden ist, nicht über den festgesetzten Termin hinaus in der Residenz verbleiben; 3dass sofort •dem Handwerkeramte über diejenigen Juden Bericht erstattet werde, die hier als Handwerker verzeichnet sind, aber kein Handwerk ausiiben, damit diese Juden aus dem Verzeichnis der Handwerker gestrichen werden, und 4. strengstens darauf zu achten, dass Juden unangemeldet nicht in Petersburg leben. Diese Verfügungen bedeuten natürlich wieder für eine ganze Anzahl von Juden die Ausweisung, da es kein Geheimnis ist, dass Juden, die als Techniker etc. praktisch gearbeitet haben, und nun in Petersburg eine Hochschule zu ihrer weiteren Ausbildung besuchen, und ähnliche, als Handwerker angemeldet sind, weil sie sonst kein Wohnrecht iin Petersburg hätten. Auch alle diejenigen, die in halb handwerksmässigen, halb kaufmännischen Berufen tätig sind, dürften jetzt der Ausweisung verfallen. Strenges Regiment- Die Regierung beabsichtigt anscheinend, überhaupt iihre bisher den Juden gegenüber geübte „Milde“ fallen zu lassen und ein strenges Regiment einzufiihren. Der jüdische Dumaabgeordnete Nisselowitsch, der bekanntlich oft bei der Regierung zugunsten der Juden vorstellig geworden war, hat jetzt vom Ministerium des Innern eine sehr unzweideutige Mitteilung erhalten, dass er nämlich fernerhin sich nur in solchen Angelegenheiten an das Ministerium wenden möge, die einen prinzipiellen Charakter haben, dass er es aber unterlassen solle, mit Angelegenheiten, die einzelne Personen betreffen, das Ministerium zu bemühen. Ebenso wurde Herrn Nisselowitsch vom Kultusministerium ein abschlägiger Bescheid erteilt auf sein Ersuchen, den jüdischen freien Zuhörern an der Universität die Zulassung zu erleichtern. Wenn bisher auch die Juden, wenigstens die kleine Zahl der wohlhabenderen unter ihnen, das Leben m Russland einigermassen erträglich finden mochten, weil in Russland nach einem bekannten Worte der „Absolutismus — gemildert durch die Korruption“ herrschte, so scheinen auch diese Zeiten jetzt zu Ende zu gehen. Wie das aber weiter werden soll, wenn die Lebensbedingungen statt besser von Tag zu Tag unerträglicher werden, das weiss kein Mensch zu sagen. Der Chronist kann nur die Tatsachen verzeichnen, und die Grossen in Israel mögen beizeiten Zusehen, damit nicht erst neue Schrecknisse ihnen wieder die Augen öffnen für die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Lage der russischen Juden. Der Balken im eigenen und der Span im fremden Auge. Ein jüdischer „Tscheche“, Herr Rudolf K o hier aus Kolin, urteilt über die jüdischen Deutschen Prags in einer Zuschrift an die tschechische „Union“ folgendermassen: „Vor mir liegt ein Zeitungsbericht über die letzte Plenarversammlung des deutschen Vereines in Prag. Als erster Redner figuriert ein Herr Dr. E c ks t e i n (dessen Wiege gewiss im Teutoburger Walde stand), als zweiter ein Herr Dr. Bruno Kafka (unstreitig auch ein Urgermane). Der Inhalt dieses Berichtes versetzte mich in Aufregung, die mir auch die Feder in die Hand drückte. Als aufrichtiger Patriot, als Jude böhmischer Kultur, verfolge ich mit Schmerz und Betrübnis die Begebenheiten der letzten Zeit, die sich in unserem Heimallande abspielen. Gestatten Sie, meine sehr geehrten Herren Stammesgenossen, dass ich als einfacher Bürger dieser Stadt, dieses von mir geliebten Landes, aus der mir gebührenden Reserve heraustrete, um vom Standpunkte des jüdischen Bürgers, des jüdischen Kaufmannes einen laultönenden Protest dagegen erhebe, dass gerade meine Stammesgenossen, die Juden in Prag sich berufen fühlen, das Deutschtum in Prag zu verfechten uud behilflich sein wollen, die Germanisierung im Königreich Böhmen durchzuführen. Ich weiss nicht, ob diese Leistungen aus Dankbarkeit dafür geschehen, dass die Juden jetzt mehr Fusstritte als wie bisher erhalten oder dafür, dass der deutsche Student einen jüdischen Studenten für nicht satisfaktionstahig erklärt, oder dafür, dass Herr K. H. Wolf und Iro mit einem Juden nicht bei einem Tische sitzen wollen. Oder ist es die Dankbarkeit dafür, dass die deutschen Abgeordneten während der Abstimmung bei der bekannten Resolution Schmidt sich so mutig und freisinnig benahmen, dass nur mit Hilfe der slavischen Stimmen die Resolution zu Falle kam, oder dafür, dass die deutsche Universität in Prag dem jüdischnationalen Dozenten Dr. Mahler, dem jetzigen Reichsratsabgeordneten, die Vorlesungen durch Verweigerung der Lehrmittel und des Saales unmöglich machte und seinen Aufenthalt in Prag verekelte? Oder ist es die Dankbarkeit dafür, dass sie einem Verein angehören, der bis zur Stunde noch nicht judenrein ist V Glauben denn meine meine germanischen jüdischen Stammesgenossen, dass das deutsche Kasino in Prag nicht schon längst judenfrei wäre, wenn man in Prag auf ihre Anzahl und auf des jüdische Geld verzichten könnte? Es mögen nur meine jüdischen germanischen Stammesgenossen versuchen, die Portemonuais eine Zeitlang nicht zu öffnen und sie werden sich überzeugen, wie sie aus sämtlichen deutschen Korporationen hinausgeekelt werden. Das Band, welches die Deutschen mit den Juden verbindet, heisst Geld, Geld und wieder Geld. Ist sich mein germanischer jüdischer Stammesgenosse Herr Dr. Eckstein bewusst, dass seine Reden, die in einer halben Stunde gehalten wurden, Hunderte und Tausende jüdische Existenzen auf Jahre hinaus bedrohen oder gar vernichten? Ich klage meine germanischen jüdischen Stammesgenossen des Verrates an dem jüdischen Volke an, ich klage sie an, dass ihre Handlungsweise uns Juden böhmischer Kultur, sowohl in moralischer als wirtschaftlicher Hinsicht unberechenbaren Schaden verursacht, ich klage sie an, dass sie entweder bewusst oder gedankenlos, das gute Einvernehmen zwischen den Juden und der Bevölkerung des böhmischen Teiles des Königreiches Böhmen stören. Wenn sich nun die Verhältnisse zu unseren Ungunsten ändern, schleudern wir euch den Vorwurf ins Gesicht, dies verschuldet zu haben. Das böhmische Volk hat einen ähnlichen Leidensweg, einen ähnlichen Kampf um seine Rechte wie wir Juden zu bestehen. Warum sollen es gerade auch Juden sein, die sich zwischen zwei, auf gleich hoher Kulturstufe stehende, sich bekämpfende Nationen mengen?“ Herr Köhler erkennt die Fehler der jüdischdeutsche . Assimilanten und charakterisiert sie ausgezeichnet. Er bleibt auf halbem Wege stehen und wendet die gewonnene Einsicht bezüglich der eigenen Person nicht an. Wenn die jüdischen Tschechen dank gewisser Umstände keine so schmäliche Rolle wie die Herren Eckstein, Kafka und Konsorten spielen, so sind doch ihre „slavischen“ Assimilationsbeslrebuugen ebenso entwürdigend, unklug und verdammenswert, wie die Anbiederungssucht der Prager Juden. Herr Kobler möge zu Ende denken und erkennen, dass man sich die Achtung als Mensch und Jude nicht durch Assimilation, sondern nur durch das Bekenntnis zu einem eigenen Volke erringen kann. Abschaffung des schimpflichen Eidschwures more judaico in Rumänien. Der Eidsehwur „more judaico" wurde den Juden von den staatlichen Behörden während des ganzen Mittelalters auferlegt, weil man annalun, dass die Juden ihre Eide unter einer reservatio mentalis (Vorbehalt in Gedanken) leisten. Zu dieser Annahme gelangte man, weil die Juden angeblich durch ihr Kol-nidrei-üebet alle während des nächsten Jahres geleisteten Schwüre und Gelübde auiheben. Das Kol-ndrei-Gebet ist aber von den Marannen, die äusserlich Christen waren, in die Liturgie auigenommen worden, um für die Teilnahme an den fremdreligiüsen Zeremonien Verzeihung zu erbitten. Die Formen, unter welchen die „.Indeneide“ geleistet wurden, waren sehr schimpflich. So mussten die .iuden in einigen Ländern ein Toter;- gewand anlegen. auf dem „Totenbrett“, aui welchem die Leichen gewaschen wurden, stehen und vor dem geöffneten Thoraschrein in Gegenwart des Rabbiners, der Höllenstrafen androhte, schwören, ln Rumänien vollzog sich die Eidesleistung more judaico in der Synagoge, vor dem offenen Thoraschrein in Gegenwart des Rabbiners. Der Schwörende musste Tallith anlegen und einen schrecklichen Banniluch anssprechen, der sich an ihm erfüllen sollte, wenn er meineidig sei. Gegen diese schimpfliche Art der Eidesleistung wurde von den Juden schon seit Jahren ein heitiger Kampf geführt. Vor einigen Tagen erst ist die Abschaffung des Jtideneides gelungen. Endlich haben auch, rumänische Juden einen Sieg errungen! Sie haben bisher in Rumänien noch nie einen Erfolg gehabt, — nun können auch sie einen solchen aniweisen: Der barbarische Eidschwur more judaico wurde am 24- November durch Spruch des Hohen Kassationsliofes abgeschabt. Das Hauptverdienst an dieser Abschaffung, einer wahriiaft barbarischen und der heutigen Zeit unwürdigen Erniedrigung der Juden, fällt dem Rabbiner Dr. I. Niemirower in Jassy zu, der sich als erster weigerte, einen solchen Schwur more judaico entgegenzunehmen. Er wurde wegen dieser Weigerung vom Gericht mit einer Geldstrafe von 50 Francs belegt. Gegen diesen Spruch legte Dr. Niemirower Berufung beim Tribunal in Jassy ein, das ihn jedoch abwies mit der Begründung, dass die Art, wie die Beweise vor Gericht zu führen und zu bekräftigen seien, nach rumänischem Gesetz dem Richter anheimgestellt ist, und dass die Weigerung des Dr. Niemirower demgemäss eine innere Administratiousfrage des Gerichtes sei, die von diesem selbständig und definitiv erledigt werden könne. Dr. Niemirower appellierte gegen dieses Urteil beim Kassationshof, der über diese Sache am Dienstag den 24. November in seiner ersten Sektion unter dem Vorsitze des Präsidenten Scarlat Ferikyde verhandelte. Der frühere Justizminister C. Dissescu, der als Verteidiger des Dr. Niemirower fungierte, behauptete vor dem Kassationshof, die Verordnung vom Jahre 1844, durch die dieser Schwur eingerichtet wurde, sei durch die neue Zivilprozessordnung aufgehoben. Demgemäss hätte also der Jassyer Richter irrig geurteilt, wenn er sich auf die Dispositionen der Verordnung vom Jahre 1844 betreffend den Eidschwur more judaico berufen hätte, um den Eid unter dieser barbarischen Form zu erzwingen. Dissescu berief sich weiter auf die Rechtsprechung des Kassationsliofes vom Jahre 1904, wo der Hohe Gerichtshof bestätigt habe, dass der Eidschwur more Judaico, so wie er in der Verordnung von 1844 vorgesehen ist,