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Jüdische Zeitung · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 Abgewiesene Renegaten. Warschau. Acht Junge Juden, die das Konkurrenzexamen am Warschauer Polytechnikum sehr gut bestanden hatten, aber ihres Judentums wegen nicht aufgenommen wurden, wandten sich an dem Karattischen Chacham (den Oberpriester der Sekte der Karaiten) in Petersburg und sprachen ihren Wunsch aus, zum Karäertum überzutreten. Der Chacham zögerte lange mCt der Antwort. Schliesslich teilte er den jungen Leuteii mit, dass die Karaiten im Prinzip gegen das Renegatentum sind, und dass er also ihre Bitte ablehnen müsse- — Man könnte mit diesem Bescheide ganz einverstanden sein, wenn nicht die Sekte der Karaiten, die doch eigentlich Juden sind, alter alle Rechte in Russland haben, stets gegen die Juden Partei ergreifen würde. So muss matt auch diese Antwort des Karaitischen Chacham als eine Feindseligkeit gegen die Juden auffassen, zumal dem Chacliam nicht entgangen sein kann, dass es den jungen Leuten offenbar darauf ankam, nicht zum Christentum überzutreten. Moralisch wird ihre nicht sehr tapfere Handlung dadurch natürlich nicht besser. Die christliche Klerisei ist weniger skrupulös und nimmt wahllos, was sich ihr bietet. In Warschau haben viele jüdische Studenten, denen die Aufnahme an der -Universität verweigert wurde, die Taufe genommen und damit ihr Ziel natürlich erreicht. Da sich nun auf diese Weise die Zahl der „christlichen“ Studierenden vermehrte — so ■ . . eröffneten sich dementsprechend — im Verhältnis der Prozentnorm, nach der Juden zugelassen werden! — zwei weitere Vakanzen für Juden, die auch, sogleich besetzt wurden. * * * Die Juden und die städtische Selbstverwaltung in Polen. Warschau. Die aus Petersburg eingetroifene Nachricht, dass die Frage der Einführung der städtischen Selbstverwaltung im Königreiche Polen von der Regierung ausgearbeitet und der Duma vorgelegt werden soll, hat wieder die Frage der Beteiligung der Juden an den Selbstverwaltungsorganen auf die Tagesordnung gestellt und wird von verschiedenen politischen Gruppen auf verschiedene Art gelöst. Nach dem von Rechtsanwalt Suligowski im Jahre 1905 ausgearbeiteten Projekte der städtischen Selbstverwaltung im Königreiche Polen haben alle Einwohner, weiche Polnisch lesen und schreiben, das Recht, sich an den Wahlen in die städtische Selbstverwaltung zu beteiligen. Nach diesem Projekte besitzen also fremde Juden wie auch solche polnische Juden, die Polnisch weder lesen noch schreiben, kein Wahlrecht. Dieses Projekt wird gegenwärtig von allen konservativen Parteien stark bestritten, es ist ihnen zu fortschrittlich und in seiner Behandlung der Judem'rage zu radikal. Die gegenwärtige Stimmung aller konservativen Parteien geht dahin; dass man Juden von der Selbstverwaltung vollständig ausschliessen soll. Die extrem klerikale Partei verlangt, dass man den Juden ganz einfach kein Stimmrecht verleihen solL dass aber die höheren lokalen -Behörden das Recht haben sollen, nach ihrem Gutdünken einige Juden in die Stadtduma mit beratender Stimme einzuladen- Die weniger klerikale und politisch reifere „Partei der realen Politik“ hat einen anderen Ausweg gefunden, der aber zu demselben Ziel führt Sie schlägt vor, dass die Wahlen nicht nach Revieren, sondern nach Wahlkreisen stattfinden sollen. Auf diese Weise wird man die Möglichkeit haben, immer eine christliche Majorität zu besitzen. Die Nationaldemokraten und andere Parteien haben sich über diese Frage noch nicht ausgesprochen. * * * Eine Rabbinerkonferenz. Warschau. In einigen Tagen wird in Warschau eine Rabbinerkonferenz stattfinden, an der nicht nur Vertreter aus dem Warschauer Gouvernement, sondern auch Delegierte aus dem ganzen Königreich Polen teilnehmen werden. Die Konferenz wird bei geschlossenen Türen stattfinden. Nicht einmal Vertreter der Presse werden Zutritt erkalten. Auch die Vorbereitungen zur Konferenz vollziehen sich im Geheimen, Die Einladungen sind unterschrieben: „Komitee, bestätigt von den Rabbinen und der hohen Regierung“. Die Geheimtuerei lässt den Schluss zu, dass es sich um einen gemeinsamen Streich der Pfaffen und der Regierung gegen die aufgeklärten Elemente handelt. Wir werden noch auf die Ergebnisse der Konferenz, von welcher man trotz aller Vorsichtsmassregeln wohl etwas erfahren dürfte, zuriickkommen. * sp Ein offener Brief der Hooligans. Moskau. Die „Russkoje Snamja“ richtete an D u m o r o, den Führer der Schwarzen Hundert- Männer, einen offenen Brief, in dem sie ihm mitte lt, dass die Juden ihn zu ihrem nächsten Opfer ausersehen haben und dass sie mit ihm ebenso verfahren wollen, wie sc mit Trepow und Plehwe. Weiters raten die besorgten Hooligans :D umoro, Schwarz und Ko k o w z e w an, keine jüdischen Aerzte zu konsultieren, die Einladungen judemreundl eher Personen abzulehnen, Beamten, welche mit den Juden sympathisieren, die Hand nicht zu reichen, da es alle diese Leute auf den Tod der drei Hooliganführer abgesehen hätten. . * * * Petersburg. Der Stadthauptmann hat im Juni insgesamt 107 jüdische Handwerker ausgewieseD, trotzdem die jüdischen Handwerker in Petersburg das Wohnrecht haben. Die Ausweisung erfolgte lediglich mit der Begründung, es sei festgestellt, dass die Betreffenden ihr Handwerk tatsächlich nicht ausüben. Natürlich wird man sich dabei auf allzu peinliche Untersuchungen, warum die ausgewiesenen Handwerker ihr Handwerk vielleicht zeitweise nicht ausübten, kaum eingelassen haben. Auch dürften die Feststellungen selbst nicht in allen Fällen ganz einwandfrei sein, da bekannt geworden ist, dass auch Handwerker, die tatsächlich zur Zeit der Ausweisung ihren Berufen oblagen, gleichwohl nicht die Zurücknahme der Ausweisung erwirken konnten. — Diese Ausweisungen erinnern lebhaft an die Fälle jener Mädchen, die, um in Moskau studieren zu können, die „gelbe Karte“ der Prostituierten bei der Polizei nahmen, wodurch sie das Wohnrecht im „heiligen“ Moskau erhielten, die dann aber ausgewiesen wurden, 'weil sie „nachweislich ihren Beruf nicht ausübten“. * * * Kischenew. Der berüchtigte antisemitische VolksaufwieglerKruschewan, dessen finanzielle Verhältnisse es ihm nicht erlaubten, seine Zeitung „Drug“ weiter erscheinen zu lassen, erhielt, damit dies verhütet werde, aus Petersburg 10.000 Rubel. * * * Ein neues Ausnahmegesetz gegen die Juden. Moskau. Soeben ist eine neue Verordnung erschienen, die bezeichnend für die russische „Konstitution“ ist. Das neue Gesetz verbietet den Juden nicht nur wie bis jetzt, den Aufenthalt in Moskau, sondern sogar die Durchfahrt. Es bedroht nicht nur die Juden mit einer grossen Geldstrafe oder Gefängnishaft, sondern auch diejenigen Personen, bei denen diese „Verbrecher“ von der Polizei aufgefunden werden. In welcher Lage befinden sich nun diejenigen Juden, die Moskau auf der Reise berühren und dabei von einem Bahnhof zum andern müssen? Es muss also den Juden die Benutzung der Moskau berührenden Bahnlinien untersagt werden. Unter dieser neuen Verordnung werden auch die Moskauer Kaulleute zu -leiden haben, da sie, um einer schweren Strafe vorzubeugen, jeden sie besuchenden Juden fragen müssen, ob er berechtigt sei, Moskau zu betreten. Die neue Verordnung wird natürlich wieder zu neuen Missbrauchen der Polizei führen. Bis jetzt hat es nur nächtliche Treibjagden auf die gesetzwidrig in Moskau lebenden Juden gegeben, jetzt mit der Einführung des neuen Gesetzes, werden auch bei Tage Jagden auf die durchreisenden Juden stattfinden. An Jägern wird es in dieser Zeit nicht fehlen. In der Praxis wird das neue Gesetz darauf hinauslaufen, dass den Juden neue Ausgaben erwachsen und der Moskauer Polizei neue Einnahmen! * * * Roosevelt über Gewissensfreiheit. Newyork. Während des Wahlkampies erhielt Präsident Roosevelt Tausende von Briefen, die ihn über die Religion des Präsidentschaftskandidaten Tait amragten. Nunmehr hat Roosevelt einen offenen Brief in der Presse veröffentlicht, in dem es heisst: „Ich habe alle d'ese Brie.'.e nicht beantwortet, weil ..ch es als schimpflich betrachte, die Frage nach dem religiösen Bekenntnis eines Mannes zu diskutieren, um dadurch polit'sch zu beeinflussen. Einem Bürger mit Vorurtelen gegeniiberzutreten, weil er einer bestimmten Konfession angehört, oder konfessionslos ist, wie es Abraham Lincoln war, ist eine ‘Besdh.mpfung der Gewissensfreiheit, die ein Fundament des amerikanischen Lebens ist. ‘Ich glaube, dass unsere Republik noch viele Jahrhunderte bestehen wird und ich hege keinen Zweifel, dass unter ihren künftigen Präsidenten sich nicht nur Protestanten, sondern auch Juden befinden werden. In meinem Kab'nett sitzen momentan Seite an Seite Kathol keil, Protestanten, Unitarier. Methodisten, Presbyterianer und Juden. Jeder ist nach seinen individuellen Fähigkeiten für den Platz, auf den ich .',hn gestellt habe, erwählt worden. In keinem einzigen Falle aber hat eines iMaimes religiöser Glauben se ae Ernennung irgendwie beeinflussen können. Man verlangt, dass Taft die Welt wissen lassen soll, welcher Rel.gion er sei. Ich aber sage, dass dies se,ne Privatangelegenheit st, zwischen ihm und seinen Erzeugern, zwischen ihm und seinem Gew ssen. Zu verlangen aber, dass er öffentlich ein Glaubensbekenntnis ablege, hiesse die ersten Prinzipien unserer Regierung negieren, die vollkommene religiöse Freiheit garantieren und jedem Mann das Recht gewähren, in religiösen Angelegenheiten nach seinem eigenen Ermessen und Gutdünken zu handeln.“ * * * Der Chacham Basch! beim deutschen Botschafter. Konstantinopel. Der stellvertretende Oberrabbiner der Türkei, Kaimakam Chacham Baschi Nahum ist am 19. v. M. vom Botschafter Freiherrn Marschall v. Bieberstein auf Empfehlung der deutschen Regierung empfangen worden. Ueber die Konferenz liegen bis nun keine offiziellen Nachrichten vor. * Absetzung des Chacham-Baschi Rabbi Meier Panizel. Jerusalem. Wie bereits 'berichtet wurde, brach kurz nach der Bekanntmachung der Konstitution ein heftiger Kampf gegen den Inhaber des Chacham-Baschi-Amtes R. M. Panizel in Jerusalem. aus- Die Gegner des R. Panizel, an deren Spitze der Direktor der Allianceschule, Antebi, stand, warfen »ihm vor, dass er unrechtmässigerweise in den Besitz seines Amtes gelangt sei. Trotzdem R. Meier zahlreiche Verteidiger fand, gelang es der gegnerischen Partei doch, die Stellung des Chacham-Baschi zu untergraben. Durch Anklagen, die sie gegen R. Meier vor dem Pascha in Jerusalem und dem Oberrabbiner für alle jüdischen Gemeinden im türkischen Reiche, dem Chacham-Baschi in Konstautinopel erhoben, erreichten sie, dass zwei Vertrauensleute zur Untersuchung dieser Anklagen aus Konstantinopel nach Jerusalem entsandt wurden und schliesslich R. Meier durch ein Telegramm aus Konstantinopel seines Amtes enthoben wurde. Wer sein Nachfolger werden soll, ist noch gänzlich unbekannt. In Jerusalem scheint überhaupt kein passender Kandidat für diesen Posten zu sein. Doch wird von einigen die Kandidatur des R. Eliaschar, Sohnes eines früheren Chacham-Baschi, genannt. * * * Die Abgeordneten des Jerusalemer Sandschaks. Jerusalem. Alle drei Abgeordnete entstammen sehr angesehenen Jerusalemer Familien. Rouchi ei Halidi, gewesener Konsul in Bordeaux, äst ein moderner, feingebildeter, von echt liberalen Anschauungen durchdrungener Mann im Alter v,n 35 Jahren. Auch Said Effendi, der am Anfang der Dreissigerjabre steht, besitzt ein umfangreiches Wissen und kennt auch gut die hebräische Sprache. Als ,mehrjähriger amtlicher Zensor der hebräischen Zeitungen in Jerusalem hatte er auch Gelegenheit, sich mit den modernen Bewegungen innerhalb des Judentums bekannt zu machen. Hafez-Bey, zuletzt Kaimakam in Gaza, im Alter von 60 Jahren, ist wegen seines rechtschaffenen Charakters, und seiner judenfreundlichen Gesinnung allgemein bekannt.

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