Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Schwelle des deutschen H;uses zu setzen, ln dem Artikel in Nr. 261 vom 11. November des „Znaimer Tagblatt“ wurde der Freude Ausdruck gegeben, dass Herr Oskar Teufel in Vertretung des „deutschvölkischen“ Vereines wieder das Bürgervereinshaus betreten hat. Wie lange wird es noch bis zum Kompromiss zwischen Liberalen und Radikalen dauern? Und die Folge dieses Zusammenschlusses wird ein Fusstritt se'n für d e getreuen mosaischen Anhänger des Deutschtums. Wenn die Juden schon blind sind gegenüber den Vorgängen in ganz Oesterreich, so könnte man ihnen doch wenigstens soviel Urteilskraft Zutrauen, dass s'e n:cht e:ner Partei Gefolgschaft leisten, die sie von sich stösst und als inferior betrachtet. L. B. * * * Antisemitische Ausfälle in Ungarn. Budapest. (Orig.-Korrespondenz.) Ein Fall hält jetzt die h'esigen jüdischen Kreise in Aufregung, welcher ein geradezu erschreckendes Zeugnis der hierzuorte herrschenden judenfeindlichen Tendenz liefert. Dr. Stefan Fried reich, Professor an einer hiesigen hauptstädtischen Realschule, veröifentl chte unlängst unter dem Pseudonym „GörcSöni Denes“ in dem klerikalen Hetzorgan „Alkotmäny“ einen gegen die Juden gerichteten, vor Wut schäumenden Artikel, worin der saubere Pädagoge u. a. erklärt, dass ihn der Anblick eines jüdischen Schülers anwidert. Jeder erwartete d e Intervention des Unterrichtsnvnisters, doch der klerikale Graf ist auch diesmal seinen Prinzipien treu geblieben . . . Endlich traf sich ein jüdischer Stadtrepräsentant. Dr. Hecht, der den Bürgermeister in der letzten Stadtvertretungssitzung diesiällig interpellierte. Dr. Hecht führte aus, dass es die 180.000 jüdischen Bürger Budapests nicht dulden können, dass in einem, von ihren Mitteln erhaltenen Institute gegen die Schüler „mosaischen Glaubens*' gehetzt werde. Der Bürgerme:ster erwiderte in se'ner Antwort, -dass er das Vorgehen des Professors Friedreich nur missbilligen, jedoch gegen denselben kein Disziplnarveriahren einleiten könne, da dieses Recht einzig allein dem Unterr chtsminister zustehe. Unter 'Einem te:lte er mit, dass er die bezüglichen Akten dem Minister unterbreitet habe. Das ist gewiss sehr löbfch, doch wäre es noch b:ll ger gewesen, wenn der Herr Bürgermeister den Münster ersucht hätte, wie dies in anderen Fällen geschah — gegen den würdigen Jünger Luegers das Disziplinarverfahren einzuleten. — Hier handelt es sich aber um Juden, uni Jude .... das ist was anderes. * * * Galizische Verwaltungspraxis. Brody. Als in Preussen das neue Vereinsgesetz, das nur Vorträge in deutscher Sprache gestattet, angenommen wurde, waren es vornehmlich galizische Blätter, die gegen die brutale Entrechtung der preussischen Polen protestierten. Im eigenen Lande aber wirtschaften die Polen, trotz Zusammenhänge stehendes Intermezzo des Lustigmachers eingelegt. Nachdem sich Jehuda für Benjamins Rückkehr dem Vater gegenüber verbürgt und nach dem stark wirkenden Abschiede Jacobs von Benjamin, führt die Handlung wieder nach Aegypten. Rüben will dem Bassa das in den Säcken gefundene Geld zurückerstatten, der Beamte weigert die Annahme, denn „in der Casse habe nicks manquirt.“ Die Brüder werden von Joseph zum frohen Mahle geladen. Der zuerst sehr ängstliche, aber bald zutraulich werdende Benjamin erhält den Ehrenplatz an Josephs Seite. Joseph gibt sich ihm zu erkennen und vertraut ihm den Plan an, die Brüder zu prüfen. Die Mahlzeit selbst kommt in dem Spiele nicht vor. Dafür schildert sie der gar nicht geladene Pickelhäring in aufschneiderischen Spässen und betont besonders den ungeheurlichen Appetit der Fremden. Die Handlung geht sogleich zum Funde des Bechers im Sacke Benjamins über. Die Brüder werden durch eine „Kompagnie Reuter verfolgt und attrappiert!“ und Benjamin wird von Joseph wegen des Diebstahls zur Sklaverei verurteilt. Jehuda tritt energisch, obgleich mit grosser Prahlerei für den Bruder ein. Nun gibt sich endlich Joseph den Brüdern zu erkennen und befiiehlt, den Vater Jacob und alle die Seinigen nach Aegypten zu holen. Jacob preist eie Gnade Gottes und reist mit seinem ganzen Hause alsbald nach Aegypten. Das Wiedersehen von Vater und Sohn ist der l.beralen Verordnungen brutaler und rücksichtsloser als die reaktionärsten Junker. Schon voriges Jahr konnten wir von zwei Fällen melden, in welchen polnische Bezirkshauptleute Versammlungen auilösten, weil sich die Referenten der jüdischen Sprache bedienten. Etwas Aehnliches ereignete sich vorige Woche in Brody. Die jüdisch-sozialdemokratische Partei hatte Affichen angebracht, in welchen s e mitte Ite, dass ihr Organ, der in jüdischer Sprache erscheinende „Sozialdemokrat“, vergrössert wurde. Der Bezirkshauptmann von Brody konfiszierte die jiitfschen Plakate und beauftragte die städtische Polizei, d ese staatsgefährlichen Affiche von den Ankiindigungstaieln herunterzureissen. Die Berecht gung für diese Handlungsweise findet der Bezirkspascha darin, dass die Plakate in einer lande sfremden (!) Sprache abgefasst sind. * * * Ein jüdisches Witzblatt. Lemberg. Vergangene Woche ist in Lemberg unter dem Titel „Der gitee Bruder* ein jüdisches Witzblatt erschienen. Redakteur des neuen Blattes, dem wir viel Glück wünschen, ist Majer C h artin e r, der gewesene Wiener Korrespondent des „Lemberger Tagblatt“. * * * Austritte aus dem Judentum. Zufolge einer soeben erschienenen Broschüre von Dr. Gominski „Die Aenderungen der Konfession in Lemberg von 1868 b’s 1908“ haben im Laufe der letzten J0 Jahre 713 Personen das Judentum verlassen und 56 (vornehmlich getaufte Juden) das Judentum angenommen. Im ersten Halbjahr 190S traten 19 Personen über. * ♦ Praktischer Antisemitismus. St. Petersburg. Die russische Regierung ist nicht so unmenschlich, als es scheinen mag. Sie ist sogar den Juden gegenüber zuvorkommend — aber nur in gewissen Fällen, besonders dann, wenn sie auswandern. So hat die Eisenbahnverwaltung vorige Woche eine Verordnung erlassen, wonach die jüdischen Emigranten, welche Russland den Rücken kehren, bloss' ein Viertel des gewöhnlichen Fahrpreises zu entrichten haben. Wenn sie im Lande bleiben, haben viele von ihnen selbst gegen Erlag des zehnfachen Fahrpreises kein Recht, ausserhalb des Ansiedlungsrayons zu reisen; wenn sie auswandern, gewährt man ihnen alle möglichen Erleichterungen. In bezug auf antisemitische Praktiken marschiert Russland doch immer weit voran. Das muss ihm der Neid galizischer Bezirkspaschas und Wiener Gemeinderäfe lassen. * * * Nachahmenswert! Petersburg. Der bekannte Philanthrop I- Feinberg in Irkurtsk, der bereits vor einem Jahre 10.000 Rubel und vor eiwgen Monaten überaus flach behandelt. Jacob wird sofort zur „Audientz“ bei Pharao befohlen und in derselben der Gunst und Huld des mächtigen Königs versichert. Auch wird Joseph als „Gubemör über sein gantz Königreich“ von Pharao nochmals bestätigt und das Fastnachtsspiel klingt in einem überschwenglichen Lobspruch Jacobs auf Pharao aus. Der für diese Ausführungen zur Verfügung stehende Raum gebot nur eine kurze Angabe des Inhalts, und eine beschränkte Anführung interessanter Textstellen, sowie sehr knappe Bemerkungen über Einzelheiten des eigenartigen, für die Beurteilung der deutschen Schauspielliteratur vor 200 Jahren, sowie für die der lokalen und jüdischen' Kulturgeschichte jener Zeit wichtigen und wohl eines Neudruckes werten Stückes. „Frkft. Ztg.“ Allerlei. Der Kalender der Chinesen ist beinahe gleich dem jüdschen. Die Aehnlichkeit ist so auffallend, dass man füglich behaupten könnte, diese beiden Völker haben ihn derselben Quelle zu verdanken. Das Jahr beginnt etwa im Monate Schebat, also im Jänner—Februar, mit dem ersten Neumond nach Eintritt der Sonne in das Zeichen des Wassermanns. Es hat 35-4 oder 355 Tage und zerfällt in zwöli Monate. Diese zählen genau wie bei den Juden 29—30 Tage und beginnen mit dem Neumonde. Auf 10.000 Frcs. dem Odessaer Komitee für die Zwecke der jüdischen Kolonisation in Paläst na zur Verfügung gestellt hatte, hat diesem Komitee neuerdings 20.000 Rubel überwiesen. — Es ist erfreul ch, dass einzelne jüdische Philanthropen altmähl ch einzusehen beginnen, dass es nicht damit getan ist, wenn man momentan die Not mi ldert, sondern dass es darauf ankummt. diejenigen jüdischen Unternehmungen zu unterstützen, die dazu angetan sind, den notleidenden Juden das zu schaffen,, dessen Fehlen die Ursache aller ihrer Leiden ist, nämlich eme Hemat, in der man sie nicht verfolgt und drangsaliert. Unsere Millionäre, die so gern und viel für klerikale und iremdnationale Institute spenden. sollten das Beispiel beherzigen. Schöne Seelen finden sich! Petersburg. Die Nachricht von dem Ueberfali der deutschnat.onalen Studenten auf die jüdischen Studenten in Wien hat in den Kreisen der „echtrussischen Leute*" natürlich grosse Freude hervorgerufeu. Das Organ des Verbandes „Russkoje Snarnja“ veröffentlicht einen Artikel, in dem es die russischen Studenten auiiordert, diesem Bespiele ihrer Wiener Kollegen zu folgen und die jüdischen Studenten genau in derselben Weise zu behandeln. —■ Es ist also nicht anzunehrrien, dass die russischen Studenten, die im allgemeinen ene ernstere Lebensauffassung haben, als die Wiener deutschnationalen Jiinglnge, den Rat der „Russkoje Snarnja“ beiolgen werden. Aber gleichwohl ist d'ese Freude der Verbändler noch charakteristischer als für die echten Russen, die man ja längst von dieser Seite kennt, für d:e Wiener deutschnationalen Studenten, denen man zu ihren neu gewonnenen Freunden nur aufrichtig gratulieren kann. Da haben sich doch endlich schöne Seelen gesucht und gefunden. * * * Ein Dokument der russischen Kultur. Petersburg. Die anlässlich der verschiedenen Pogromprozesse von den Anwälten der Juden gehaltenen Reden sind gesammelt worden und in Buchform erschienen. Das Buch ist sehr umfangreich und umfasst zwei Teile- Es stellt eine furchtbare Anklage gegen die russische Verwaltung und Gesellschaft, wie sie lauter und eindrucksvoller noch nicht erhoben wurde und enthält auch ein bedeutendes Verteidigungsmaterlab Der jetzt erschienene zweite Teil ist auch mit einer geistvollen Einleitung aus der Feder des berühmten Schriftstellers Wladimir Korolenko versehen. Leider hat die Zensur manches aus dem wertvollen Buche, besonders aus den Reden Hillersohns und S k a r j a t i n s im Bialystocker Prozess gestrichen. Die Reden dieser beiden Anwälte, wegen deren ihnen jetzt der Prozess gemacht wird, bilden indessen auch noch in ihrer verkürzten Form den interessantesten Teil des Sammelwerkes. diese Weise tr.tt alle zwei bis drei Jahre ein überflüssiger Monat hinzu, der Schaltmonat, der den Namen des ihm vorangehenden Monats mit dem Zusatze „shun“ erhält. Also unser Weadar. Das Schaltjahr zählt 383 oder 384 Tage. Je 60 Jahre werden zu einem Zyklus zusammeiigeiasst. Gegenwärtig zählen die Chinesen den 78. Zyklus, also annähernd der Zählung der Juden seit Erschaffung der Welt. Die Juden in den galizischen Mittelschulen. Der galizische Landesschulrat hat soeben statistische Daten über die Mitte'schulen in Galizien veröffentlicht. Wir entnehmen aus ihnen, dass im Jahre 1906/07 in Galizien 30-685 Schüler an Gymnasien und Realschulen eingeschrieben waren. Davon warenrömisch-katholisch 17.868 (58.25 Prozent); griechisch-katholisch 6079 (19,83 Prozent). mosaisch 6461 (21 Prozent). Der Rest verteilte sich auf andere Koniessionen. Die Zahl der Juden in Russisch-Polen- Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitees betrug die Zahl der Juden in Polen am 1. Januar 1980 1,716.064, und zwar in der Stadt Warschau 277.787, im Gouvernement Warschau 189.597, Gouvernement Kaiisch 100.080, Gouvernement Kielce 104-515 Gouvernement Lomza 103-394, Gouvernement Lublin 205.894, Gouvernement Petrikau 282.075, Gouvernement Plock 69.781, Gouvernement Radom 150.133. Gouvernement Suwalki 80-599 und Gouvernemeint Siedlce 149.317. Die Gesamtzahl der Juden beläuft sich auf 14.5 Prozent der Bevölkerung Russisch-Polens.