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Jüdische Zeitung · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 Künstlern und Schriftstellern hat die Idee aufgegriffen und will den Versuch wagen. Sie geht daran, in Wien eine jüdische Bühne zu gründen. In kleinem Stile, vorläufig in intimem Kreise. Für Stücke ist gesorgt Einige Berufsschauspieler, die mit ganzem Herzen dabei sind, einige Literaten, einige Bürger. Dilettanten und Studenten haben sich zusammengetan. Das nötige Kapital wird sich bald finden. Wir können also in kurzer Zeit die Schaffung einer jüdischen Bühne in Wien erwarten. Jüdisch in dem Sinne, dass nicht nur die Autoren und die Stücke jüdisch sind — solcher Bühnen gibt es genug und die meisten sind nichts weniger als jüdisch — sondern in dem Sinne, dass sich die Gründung des ganzen Unternehmens im Zeichen des neuen jüdischen Geistes, getragen von der Hoffnung eines Zukunftsjudentums, vollzieht. Welche Prognose kann man dem neuen Unternehmen stellen? Wir müssen uns jeder Prophezeiung enthalten. Tausend Gründe sprechen für das Gelingen, viele dagegen. Gewiss ist eines: Eine jüdische Bühne in Wien kann höchstens als verfrüht, keineswegs als überflüssig bezeichnet werden. Aus dem jüdischen Leben. Zionistischer Wahlsieg. Pilsen. Am 22. v. M. fanden in Pilsen im dritten Wahlkörper die Wahlen in den Vorstand und in die Umlagekommission der Kultusgemeinde statt- Sowohl in den Vorstand als auch in die Umlagekommission wurden je 4 Zionisten, und zwar die Herren Dr. Julius Zentner, Dr. Eidlitz, Dr. Löwenstein, Adolf Sauer, Simon Brunner, Hermann Lederer, Friedrich Gutfreund und Gustav G r ü n w a 1 d gewählt. Am 24fanden die Wahlen für den zweiten Wah':- körper statt Den Zionisten gelang es, zwei Mandate zu erobern. Gewählt erscheinen die Vorstandsmitglieder des Vereines „Zion“, die Herren Julius Deutsch und Josef Eisler. Schliesslich kam noch bei der am 26v. M. stattgefundenen Wahl für den ersten Wahlkörper der Obmannstellvertreter des Vereines „Zion“, Herr Hubert G u t w i 11 >i g, in den Vorstand. * * * Die Exzesse in Prag und die reichsdeutschen Studenten. Berlin. Die Akademische Rede- und Lesehalle in Prag feierte dieser Tage das Fest ihres sechzigjährigen Bestehens, und in diesen Zeiten der erregten Nationalltätenkämpfe war natürlich vorauszusehen, dass es ohne kleinere oder grössere Zusammenstösse dabei nicht abgehen würde. Es ist nun zu grösseren Zusammenstössen gekommen. Die Tschechen haben die deutschen Studenten auf der Strasse beschimpft und geschlagen — und die Sache droht grosse Dimensionen anzunehmen. Was geht das die Juden an? Die Juden, die bekanntlich in Oesterreich (wie in Ostdeutschland) ohned es schon in Gefahr sind, zwischen den kämpfenden Nationalitäten zerrieben zu werden?! Es wurde bereits 'hervorgehoben, dass in Prag Juden — jüdische Studenten — es für nötig befunden haben, für die bedrohten antisemitischen Studenten zu demonstrieren und die für diese bestimmten Prügel in Empfang zu nehmen. Aber damit nicht genug. Die Berliner „Freie Wissenschaftliche Vereinigung“, eine zu 95 Prozent jüdische Verbindung, sandte e:ne Deputaten nach Prag, deren Vorsitzender, cand. jur. Löwenthal sich in Prag als „Vertreter der reichsdeutschen Studentenschaft“ feiern liess und eine Rede hielt, iH der er u. a. sagte: „Ich habe erwartet, dass mehr deutsche studentische Korporationen den kurzen Weg nach Prag finden werden und bitte Sie, überzeugt zu sein, dass auch die deutschen Studenten kämpfen werden, für den Ruf: „Deutsches Recht, deutsche Einigkeit und Freiheit!“ 'Man kennt die Stellung der Juden in der deutschen Studentenschaft zur Genüge, um die unerhörte Taktlosigkeit des Herrn Löwenthal würdigen zu können. Auf der Strasse, während der tschechischen Demonstrationen, wurde 'Herrn Löwenthal, wie dem „B. T.“ von der „F. W. V.“ mitgeteilt wird, „nur ins Gesicht gespuckt“, während sein Begleiter verwundet wurde. Herr Löwenthal hätte es also, wenn nach seinem Wunsohe noch mehr deutsche Korporationen nach Prag gekommen wären, passieren können, dass er auch von der anderen Seite noch angespuckt worden wäre . . . Dann hätte man wenigstens von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen können. * » * Reichsratsabgeordneter Df. Gabel in Zaleszczyki. Zaleszczyki. Am 22. v. M. fand in Zaleszczyki eine grosse Volksversammlung statt, in welcher Abg- Dr. Gabel über den „Jüdischen Klub“ referierte. In einer zweieinhalbstündigen Rede erläuterte Dr. Gabel die Ziele und die Mittel der jüdischen Politik, schilderte die parlamentarischen Verhältnisse und die vom Jüdischen Kiub betriebene Politik. Das Referat wurde beifällig aufgenommen. An der darauffolgenden Diskussion beteiligten sich die Gg. M. Horowitz und der Obmann des Bukowinaer zionistischen D.-K- Gg. Siegmund We iss glas, welcher eine Resolution beantragte, in der dem Jüdischen Klub das Vertrauen und dem Abg. Dr. Gabel die Anerkennung ausgesprochen wurde. Diese Resolution wurde unter stürmischem Beifall angenommen. Nach der Versammlung begab sich Dr. Gabel 'in den Zionverein, wo ihm das Diplom eines Ehrenmitgliedes überreicht wurde. * * * Kurzsichtige Juden. Znaim. Das Schulvereinsfest ist vorüber und das Alltagsleben hat wieder begonnen. Da ist nun Zeit, E:nkehr zu halten und Kritik zu iiben an dem ■Verhalten der* „teutschen“ Juden Znaims. Der „Znaimer Turnerklub“ ist ein nationaler Vereii. Das „Znaimer Tagblatt“ führt nämlich unter den nationalen Vereinen, die sich am Deutschen Schulvereinsfeste beteiligt haben, auch den „Zna'mer Turnklub“ an. Wir finden ihn da in auserlesener Gesellschaft: Schulvereinsortsgruppen, Bund der Deutschen Südmährens, Schlaraffia, Musikverein, Turnverein. Deutsch-volkl. Arbeiterbund „Eiche*, Deutsch-völkischer Verein u. a. Selbstverständlich ist unter „national** hier „deutschnational“ zu verstehen; denn tschechische oder spezifisch jüdische Vereine haben sich ja an dem Schulvereinsfeste nicht beteiligt. Ein unbefangener Leser wird sich natürlich d:e Frage aufwerfen, wozu man eigentlich in Znaim zwei deutsche Turnvereine brauche und ob beide Existenzberechtigung haben; da wäre es ja gut, den später gegründeten auizulassen und in den bereits bestehen einzutreten. Die Verhältnisse liegen so: Der Znaimer „Turnverein“ nimmt nicht einmal jüdisches Geld an, geschweige denn Mitglieder auf. Das saubere Gegenstück zu diesem rein teutonischen, Farbe bekennenden Verein bildet der Znaimer „Turnerklub“. Er besteht aus lauter Juden und es war bei der Gründung stillschweigende Voraussetzung, nur Juden als Mitglieder aufzunehmen. Schon damals wehrten sich einige charaktervollere Elemente, in einen Verein einzutreten, der nicht den Mut habe, oifen Farbe zu bekennen und sich jüdischer Turnverein zu nennen. Die Gründer hatten nämlich Angst,, dass ihnen bei Betonung ihres Judentums von der Stadtgemeinde kein Turnsaal überlassen würde. Die liberale Gemeindevertretung hat den „deutschen Turnern mosaischer Konfession“ ohnedies den Saal verweigert und sie mussten durch"de- und wehmütige Bitten bei der Statthalterei gegen diese Entscheidung mehrmals vorstellig werden. Aber die Wahrheit gelangt schliesslich doch zum Üurchbiuch; man hat ihn als nationalen Verein an-: erkannt. Er ist reichlich entschädigt und es werde ihm die hohe 'Ehre zuteil, von der Schriftleitung des „Znaimer Tagblatt * in einer Reihe m:t den rein-arischen Vereinen aufgezählt, in eine 'Kampflinie mit den mutigen Kämpfern für das bedrohte Deutschtum gegen die „Veleba-Cibulka-Partei“ gestellt zu werden. Vielleicht wird aber dieser Jubel über die Gleichstellung mit den radikalen Vereinen ein wenig gedämpft durch den Umstand, dass auch der Vertreter des deutschvölkischen Vereines bei diesem Feste erschien, obzwar er geschworen hatte, nie mehr seinen Fuss über di* alsbald sündige Neigung zu dem jungen schönen Sklaven und bekennt sie den Hörem in einem langen Monolog recht unverblümt Joseph weigert sieb, wie bekannt der Herrin Liebe zu erhören; er empfiehlt sich ihr nach kurzer Rede mit folgenden charakteristischen Worten: „Zudem wärs ihr eine grosse Affront Hiermit adieu, Sie bleiben gesund.“ Auf Josephs fortgesetzte Weigerung beschliesst die rachsüchtige Selicha des Sklaven Tod. Pickelhring rät ihr, Joseph als Verführer bei Potiphar anzuklagen. Sie tut es sofort unter heuchlerischen Tränen. Pickelhäring erhält den Befehl von Potiphar: „Thu den „Bestia“ gleich zu mir führen, damit ich ihn kann examiniren.“ Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen lässt Potiphar den Joseph durch Pickelhäring in den Kerker bringen, „wo alle Lebensverschuld gefangen seyn, allda soll er verbrengen sein Zeit. Bis auf weiter Bescheid!“ Die folgenden Vorgänge der Handlung ereignen sich zwei Jahre später. Pharao tritt auf. Er erzählt seinen Traum und bedroht alle seine „Astrologus“ mit dem Tode, falls sie ihn nicht zu deuten wissen. Nun erinnert sich des Königs Mundschenk, dass ihm Joseph im Kerker einen Traum richtig ausgelegt, worauf Pharao den Joseph an den Hof berufen lässt Dort hat sich inzwischen auch Pickelhäring als Stemseher ausgegeben, obwohl er, wie er frech und naiv sagt, seine eigenen Träume nicht deuten kann. Pharao erzählt nun Joseph den Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen und den sieben vollen und den sieben leeren Aehren, den Pickelhäring in seiner dummdreisten Weise zu deuten versucht, während Joseph den Traum als eine göttliche Verkündigung der sieben Jahre des Ueberflusses und des diesen folgenden gleich langen Zeitraumes schwerer Hungersnot erklärt. Zum Zeichen, dass er wahr spricht, weissagt Joseph dem Pharao, die Königin würde noch selbigen Tages einen Prinzen gebären, dafür würde aber gleichzeitig der Erbprinz sterben. Da beides wirklich eintriflt, empfängt Joseph das königliche „Petschier“ (Siegel) und wird im ganzen Reich „als Marschall und Vize“ (Vizekönig) feierlich ausgerufen. Ein Huldigungschor sämtlicher Hofbediensteter zeigt abermals eine längere Unterbrechung der Handlung an, welche erst wieder gegen das Ende der sieben fruchtbaren Jahre einsetzt. Josephs Vorkehrungen gegen die bevorstehende Hungersnot bilden ein Zwischenspiel, in das auch Pickelhäring mit plumpem Witz eingreift. Von Aegypten versetzt dann die Handlung die Zuschauer wieder nach Kanaan, wo auch Hungersnot herrscht. Jacob bittet seine Söhne nach Aegypten zu reisen, „woselbst sie sich flattiren, sie wären capabel, die gantze Welt zu verproviantiren“, um Frucht einzukaufen. Naphtali rät dann, den Brüdern dort nach Joseph zu forschen und ihn gegen gute „Rantzion“ zu befreien In Aegypfen angelangt, werden die Brüder alsbald zu Joseph gebracht, obgleich, nach Jacobs Rat, jeder durch ein anderes Tor eingezogen ist. Deshalb erklärt ihnen Joseph, der sie erkennt, dass er sie für Spione halte. Er fürchte, ,sie[würden auch hier „Krakel“ anfangen, darum müsse Simeon solange in Haft bleiben, bis die Brüder den bei dem Vater zurückgebliebenen Benjamin nach Aegypten gebracht hätten. Eine sehr lustige Episode des Spieles ist in diese ernste Szene eingefügt. Simeon, der Eisenfresser, wehrt sich gegen seine Gefangennahme; Manasse, Josephs kleiner Sohn, entwaffnet ihn und prügelt ihn durch. Sowohl dieses Intermezzo, als die frühere Ausforschung der Brüder durch Joseph, ist nicht der Genesis, der sonst die Handlung treu folgt, sondern dem Midrasch Bereschit Rabba (deutsche Ueberlragung, S. 447 und 44S) entnommen. Die Brüder reisen heim und sind erschrocken, das Geld für das gekaufte Korn wieder in ihren Säcken zu finden. Jehuda deutet dies Wunder, als Strafe für die einstige Verkaufung Josephs. Abermaliger Wechsel des Schauplatzes. Jacob empfangt in Kanaan seine. schmerzlich erwarteten Söhne herzlich, will aber nichts von Benjamins Reise nach Aegypten .wissen. Um über die Zwischenräume der in rascher Folge in Palästina und in Aegypten sowie auf der Reise zwischen beiden Ländern sich abspielenden Vorgänge hinwegzuhelfen, ward abermals ein' komisches, aber wegen seines ■ obszönen Inhaltes hier nicht anzudeutendes, übrigens mit der Handlung in keinem

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