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Jüdische Zeitung · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Öffnung in zwei bis drei Monaten sicher bevorstehe. Wir wollen uns jetzt mit der Erscheinung etwas näher befassen. Sie macht ersichtlich, welche Uebung die Deutschnationalen in der Entstellung der Wahrheit und in der Verleumdung besitzen. Richtig ist es zwar, dass zwei Drittel der Mensabesucher Nkhtdeutsche sind. Nie aber haben diese die Veranlassung zu Skandalen geboten, nur das bekannt provozierende Betragen der Deutschen sowohl in der Universität als auch in der Mensa hat diese verursacht. Die Deutschen stellen die nichtdeutschen Elemente als Gäste und Eindringlinge dar, als ob deren Väter nicht ebenfalls durch Steuerzahlung zur Erhaltung der Universitäten beitragen. Eine krasse Unwahrheit ist die Behauptung, dass die Mensa nur aus deutschen Mitteln erhalten werde. Die Mensa erhält Subventionen von Landtagen und Gemeinden, also Gelder, die keineswegs von Deutschen allein herrühren, ferner von privaten Förderern, zu 40 Prozent von Juden. Es ist also unwahr, dass diese Wohltaten in erster Linie für Studenten deutschnationaler, id est antisemitischer Richtung bestimmt sind. In der Mensa erhalten täglich 150U bis 2000 Studenten ihre Mahlzeiten zu einem relativ billigen Preise. Die Juden bilden ungefähr 40 Prozent der Mensabesucher. Trotzdem die Mensa von jüdischen Spendern erhalten wird und auch viele Juden in der Mensa speisen, sind sie im Kuratorium bloss durch ein Mitglied der akademischen Verbindung „Kadimah“ vertreten und dieses figuriert nur als Vertreter des medizinischen Unterstützungsvereines und nicht als Vertreter der Juden, während die Deutschnationalen fast alle Mandate in Händen haben. Wie erwähnt, erklären die Deutschnationalen, dass der Eröffnung der judenreinen Mensa innerhalb 2 Monate kein Hindernis entgegenstehe und dieses auch sicher erfolgen werde. Die Mensa academica ist am 2. Dezember wiedereröffnet worden.*) In dem Momente, wo eine deutsche M e n s a g e g r ü n d e t w i r d, hat die allgemeine Mensa academica zu existieren aufgehört. Denn die im Kuratorium sitzenden Professoren werden nicht eine Mensa erhallen, die nur den nichtdeutschen Elementen zugute kommt. Sie *) Die Wiedereröffnung der Mensa wurde durch, die Brutalität der deutschen Studenten verhindert. Sie besetzten nämlich am Mittwoch die Mensa, vertrieben die daselbst speisenden Studenten und Hessen die anderen nicht hinein. Das Kuratorium hat unter diesen Umständen wiederum die SchHessung der Mensa auf unbestimmte Zeit verfügt. (Die Red.) von Schafzucht und -Schur schildernd, ist nicht idyllisch, sondern realistisch . . . Der Schäfer kann sich reichlich ernehren, Wenn er alle Jahr seine Schaaf thut schehren. Schehrt er sie nit kahl, Hatt ers im Jahr zweimahl. Das Intermezzo füllte eine Pause in der Handlung aus. Die Brüder sehen Joseph nahen. Simeon fordert Levi auf, jenen zu erschlagen, Levi entgegnet — wie in der Bibel — mit dem Vorschlag, Joseph in die Grube zu werfen. ,So haben wir nicks zu verantworten, Wenn ihm das Ungeziffer soll ermordten.* Nach Josephs Ankunft wird er seines seidenen Hemdes, um das ihn schon früher die Brüder so sehr beneideten, entkleidet, und trotz seines Flehens in die Grube gestossen. Jehuda rät nun, da er „Heyden oder Türcken“ kommen sieht, diesen Joseph als Sklaven zu verkaufen. Nun entbrennt ein heftiger Streit zwischen den Midianiten und den herbeigeeilten Brüdern, weil jene den zur Strafe in die Grube geworfenen Knecht mitnehmen wollen. Die Midianiten betrachten Joseph als einen Jüngling edlerer Art und nicht als einen Knecht. Darob bedroht sie Simeon, der Tyrann des Spieles; endlich machen die Midianiten den auch zur Ausführung kommenden Vorschlag, den Knecht zu kaufen, Joseph wird wird ihnen auf Levis Rat für 20 Silberlinge zugeschlagen. Aber bald überkommt die Midianiten Reue wegen des Handels und sie einigen sich stehen vielzusehr unter dem Einflüsse und der Gewalt der deutschnationalen Terroristen. Ja, es besteht sogar die Gefahr, dass die Gelder der Mensa academica der deutschen antisemitischen Mensa zugefübrt werden. Die vorläufige Sperrung der Mensa hat die Juden gelehrt, welch immense Bedeutung dieses Institut für sie hat. Hunderte von Studenten standen in den letzten Tagen des Monates ohne Geld da, mit wertlosen Mensaabonnentenkarten in der Hand. Nur der brüderlichen Fürsorge der jüdischen Verbindungen und Vereine gelang es, die Not zu lindern. Die Sperrung der Mensa wird in zwei Monaten unbedingt erfolgen und Hunderte von Studenten wird es dadurch unmöglich gemacht, bei der heutigen Teuerung ihr Studium fortzusetzen. Es ist daher Pflicht der jüdischen Studentenschaft, sich gegen dieses Ereignis zu wappnen und an die Gründung einer jüdischen Mensa zu schreiten, respektive die Gründung einer solchen vorzubereiten. Pflicht der jüdischen Bürgerschaft und der jüdischen Gemeinden* ist es, die jüdische Studentenschaft hierin auf das tatkräftigste zu unterstützen. Juden! Weiset denen, die für ein deutsches Studentenheim, für eine deutsche Mensa betteln kommen, die Türe! Die Honorigkeit der Juden beginnt in den Augen der deutsehen Helden erst dann, wenn sie mit Geld herhalten sollen. Vertreter der jüdischen Gemeinden, jüdische Mitbürger! Unterstützet das jüdische Mensakomitee! L a d i s. Eine jüdische Bühne in Wien. Die jüdischen Theaterbesucher Wiens bilden zwei Gruppen. Die eine schwört auf Eisenbach, die andere auf Sonnenthal. Die erste liebt Schmonzes, die zweite begeistert sich an den Stücken, die vor den Augen des „Presse“-und „Zeil“-Rezensenten Gnade gefunden haben. Die Gliederung in Verehrer des Budapester Orpheums und in bedingungslose Anhänger des Burgtheaters entsprach bis vor wenigen Jahren den tatsächlichen Verhältnissen. Die jüdische liberale Intelligenz ging zu Sonnenthal, die Kaijuden mit ihren Frauen und ihren Gästen aus der Provinz zu den Budapestern. Heute liegen die Verhältnisse anders. Es gibt bereits Juden, welche vor dem Judentingeltangel Ekel empfinden und auf die jüdischen Stücke im deshalb, den Joseph an ihnen entgegenkommende Ismaeliten (Türcken, wie sie sagen) weiter zu veräussern. Diesen zweiten Verkauf behandelt der Autor des Spiels sehr originell; der Handel wird „gegen contant“ geschlossen. Der Ismaeliten Reiseziel ist Aegypten, dort hoffen sie, Joseph zu gutem Preise loszuwerden. Sie bedrohen und züchtigen ihn, für den sich Rüben verwendet und den Jehuda sogar wieder loskaufen will, was zu der vorgeschrittenen Handlung in so auffälligem Widerspruch steht, dass man der beiden Brüder Verwendung als an falscher Stelle abgedruckt betrachten möchte. Für die körperliche Misshandlung Josephs werden die Ismaeliten durch Gliederreissen bestraft. Die folgende Szene, in der sich Joseph vor dem auf dem Wege nach Aegypten gelegenen Grabe seiner Mutter Rachel betend niederwirft und diese ihr Kind tröstet, hat später eine merkwürdige Beliebtheit und Verbreitung gefunden. Sie ist nach Leo Wieners „The History of Yiddisch Literature“ (London 1899), das Vorbild der sehr volkstümlichen jüdisch - deutschen Ballade „Die Stiefmutter“ (»The stepmother“) von Michel Gordon, 1869 in Schitomir erstmals veröffentlicht. Die Quelle der Ballade war dem russischen Autor um so sicherer bekannt, als unser Spiel nach Wiener früher von Elieser Pawier, einem russischen Polen, bearbeitet ward. Die Brüder hatten, auf Jehudas Zureden, sich verpflichtet, das wahre Schicksal Josephs dem Vater zu verhehlen. Isachar rät, „Josephs Hembd in Zickelgen- Blut einzuweichen“. Naphtali erhält den Auftrag, Burgtheater gerne verzichten würden, weil sie wissen, dass ebensowenig das Zugstück Eisenbachs „Scholet, Kugel, Bohnen, Eier“ als „Nathan der Weise* jüdische Typen vorführen und eine Vorstellung vom Juden zu geben vermögen. Sie empfinden die Schnurren Eisenbachs, die Lotzelach seiner Helfershelfer als Verunglimpfungen des Judentums und die salbungsvollen Worte Nathan des Weisen als Verschleierung der brutalen Wahrheit. Die modernen Juden, denen das Judentum inneres Erlebnis geworden, sehnen sich nach einer neuen Kunst, die nicht bloss dem Menschen in ihnen und nicht nur dem Juden, sondern ihrem jüdischen Menschentum entsprechen kann. Bewusst und unbewusst suchen sie eine Verbindung mit der eigentümlichen jüdischen Empfindungs- und Gedankenwelt. Dieses Streben zu fördern und zu unterstützen ist Pflicht jeder Organisation, deren Ideeninhalt der jüdischen Moderne entnommen ist. Der Inbegriff aller Arbeit, die den modernen Juden jüdische Art vermitteln soll, ist in dem hundertmal zur rechten und Unrechten Zeit gebrauchten Schlagworte „Kulturarbeit“ enthalten. Die einen berufen im Namen der „Kulturarbeit“ jüdische, die anderen hebräische Sprachkonferenzen, man gründet Dilettantentheater, Gesangvereine und Touristenklubs. Man versucht, in jeder Lebenslage so zu sein, wie man denkt und empfindet. Eine der wichtigsten Formen, in welchen sich diese jüdische Kulturarbeit vollziehen könnte, wäre entschieden eine jüdische Bühne. Sie würde in ieichtfasslicher und moderner Weise die neuen Ideen den breiten Massen vermitteln und zwischen der jüdischen Kunst und dem jüdischen Publikum eine Verbindungsbrücke schlagen^—Eine jüdische Bühne wäre gleichzeitig ein notwendiges Erziehungsinstitut für jüdische Schriftsteller und jüdische Schauspieler. Ueberall, wo Juden in grösseren Massen wohnen, in den Städten der russischen Ansiedlungsrayons, in New-York und Philadelphia hat man bereits die Notwendigkeit einer jüdischen Bühne eingesehen und jüdische Theater begründet, die sich langsam von Vergnügungsetablissements zu Kunstinstituten entwickelt haben. Es muss befremdend wirken, dass in Wien, einer der grössten jüdischen Siedlungen der Diaspora, kein jüdisches Theater besteht. Dies ist um so bedauerlicher, als bereits genügend jüdische Dramen jüdischer Künstler vorhanden sind, mit denen man einen Versuch wagen könnte. Eine Gruppe von jungen jüdischen Jacob Josephs Tod mitzuteilen. Nach breit ausgesponnenen Klageliedern, in welche die Brüder heuchelnd einstimmen und Jacob von dem Geiste seines Vaters Isaac getröstet wird, bittet der Vater die Söhne, da Josephs Leichnam nicht gefunden ward, mit „Büchs und Schwert“ auszuziehen und die erste beste „Bestie“, die ihnen begegnet, zu erjagen. Die Brüder stimmen einen „Jäger-Chor“ an und fangen einen Wolf, der aber seine Unschuld nachweist, worauf ihn Jacob freigibt Sowohl jüdische Zeitgenossen, als Sc hu dt, warfen dem Verfasser die längst bräuchliche Einführung des Pickelhäring in die einem biblischen Stoff gewidmete Handlung vor. Dass dieser erst in der zwe.ten, nunmehr kurz zu skizzierenden Hälfte des Spieles auftrat, zeugt überdies auch von durch religiöse Beweggründe geleitetem Taktgefühl, dem sich zudem noch Bedenken wegen der Zensur zugesellt haben mögen. Pickelhäring erscheint zuerst als Käufer Josephs auf dem ägyptischen Sklavenmarkt; er schimpft über den Geiz Potiphars, dessen Dienstleute „nur die Beine vom Fleisch erhielten“, sich aber (im alten Aegypten) „Kaffee, Schokolade und was sie wollten für ihr Geld“ kaufen könnten. Potiphar tritt hinzu, schilt den faulen Knecht aus und kauft den Joseph endlich den Midianiten um vier Pistolen „zahlbar durch seinen Kassierer im Kontor“ ab. Potiphar überträgt dann dem ihm wohl anstehenden Joseph „die Commande“ über sein ganzes Haus, die der Jüngling dankbar annimmt. Potiphars Gemahlin, Selicha, empfindet

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