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Jüdische Zeitung · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 im Namen des jüdischen Volkes gearbeitet wird, geht auf die Dauer nicht an. Bei der grossen Masse hat sich die Vorstellung, dass unser Volk zum grossen Teile aus Geldleuten und Spekulanten ä la Rothschild, Taussig, Guttmann u. a. besteht, ohnehin festgesetzt und ein guter Teil des Judenhasses ist dieser irrtümlichen Auffassung zuzuschreiben. Wenn nun bei allen Gelegenheiten die jüdische Geldaristokratie und ihre Agenten der Welt als „Vertreter* der Judenschaft aufgetischt werden, was Wunder, wenn der verhängnisvolle Irrtum sich immer breiter macht? In Wirklichkeit einer nationalenOrganisierung desJudentums mit allen Kräften entgegenarbeiten, aber bei Anlässen, wo es sich um Einheimsung persönlicher Ehrungen bandelt, der Welt den Bestand einer Organisation vorzutäusch'en, ist ein unsauberes Geschäft. Mit einer Vertretung, die nur an hohen Fest- und Feiertagen funktioniert, ist dem jüdischen Volke nicht gedient. Und das jüdische Volk wird sich auf die Dauer solche Vertreterkomödien schwerlich gefallen lassen. Wohlgemerkt, ihrHerren Fest- und Feiertagsjuden! Aller Tugenden voll Ist Freussen! Moide Tugend, Hinmielstocbter, du hast uns schnöde verlassen und bist nach Preussen gelaufen. Noch sehen wir ein Zpfelchen deines Barchentunterrockes zwischen schwarz-weissen Grenzpfählen winken und sind allein. Umweht vom süssen Wohlgeruche des Lasters, umrauscht von Spitzen und Seidenhöschen, umgarnt von des Wollustteuiels Fallstricken. \Vehe uns Armen! Du aber, als geborene Amtsrichterstochter, verwitwete Oberfiskalräf n und nunniehro verehelichte Regierungshaumeisterin lebst eil gottgefälliges Leben in Jägerwäsche, Liebe zum angestammten Herrscherhause und selbstgestrickten Wollstriimpfen und waschest dich am Sonnabend m.t grüner Sei'e. In legitimer, das geselzLche” Ausmass an Sinnenlust nicht überschreitender Umarmung hast du ein liebliches Kiudlein geboren: die preussische Moral! Ein putziges 0 ngelchen. Das Maul etwas gross, die Knochen etwas derb, aber ansonsten ein reizender Bengel. — Aus dem Leben dieses süssen Fratzen weiss die „Frankfurter Zeitung“ eil kurzweiliges Histörchen zu berichten. Der Geheime JusLzrat B 1 o e m in Düsseldorf hat für ein H.e i n e- Denkmal einen Fonds gesammelt.. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuche muss für einen derartigen Fonds ein Pfleger bestellt und vom Gerichte bestätigt werden. Der Justizrat meldete nun bei der Behörde einen seiier Sekretäre als Piieger an, aber siehe da: das Amtsgericht Düsseldorf Verführungen usw. An anachronistischen Episoden, selbst an lokalen Zügen und an dialektischen Färbungen mangelt es dem Spiele ebenso wenig, wie an eingelegten Gesängen, Schäfer- und Jägerliedern, Geistererscheinungen und ähnlichen den „Haupt- und Staatsaktionen* eignenden charakteristischen, auf die Menge berechneten Anziehungsmitteln, als deren grösstes der Hanswurst galt Das Stück ist in dem von den mittleren und unteren Volksklassen in Frankfurt zu Anfang des XVffl. Jahrhunderts gesprochenen Dialekt gehalten, selbstverständlich fliessen auch deutschhebräische Worte und noch mehr die den Juden aus vielfachen amtlichen Erlassen bekannten, freilich auch zuweilen missverständlich angewendeten französischen, lateinischen und italienischen Ausdrucksmittel des Kurialstils ein, die heute viel komischer wirken als zur Zeit der Darstellung. Die weder in Akte noch Szenen eingeteilte Handlung umfasst ungefähr zwölf Jahre; der Schauplatz wechselt oft Schudt hebt unter anderem die Ausstattung und den Reichtum der Kostüme hervor, die auch wohl den starken Zudrang zu den Auilührungen, so dass städtische Wachen zur Aufrechthaltung der Ordnung bestellt werden mussten, gefördert haben mochten. Uebrigens war die Judengasse stets zum Purimfeste, der Zeit der Aufführungen des Spieles, zur Verhütung von Ausschreitungen, durch Soldaten bewacht. Die handelnden Personen des Spieles waren Jacob, seine zwölf Söhne, Manasse, Josephs weigerte die Bestellung und 'Bestätigung mit der Begründung, dass diese Gelder zu unmoralischem Zwecke gesammelt worden seien! Ein Urteil, wie es nur im Lande der Denker und Dichter gefällt werden konnte. Deutschland, magst ruhig sein! Nie wird dein heiliger Boden eine Lastersäule tragen, eine Heine-Denkmal, ein Bildnis dieses jüdischen Schweinekerls, der leider zu dichten verstand, die deutsche Sprache meisterte wie keiner, und dem Volke Lieder schenkte, die nie verklingen werden. Wenn die preussische Regierung noch ein bisschen Schneid hat, konfisziert s'e das Sündengeld und errichtet dafür ein Kriegerdenkmal von lebensgrossen Regimentsinhabeni und Pferden. Majestät liefert die Pläne und eine längere Ansprache. Preussen allemal voran, ooch in der Moral! Hurrah! Hurrah! Hurrah! * * * Ein nettes Pärchen- Die vorletzte Nummer des Wiener „Interessanten Blattes“ liefert einen wertvollen Beleg für das Kapitel: „Jüdische Protzenmoral und antisemitische Ehrlichkeit“. Das Blatt bringt eine Illustration der Einweihung des vom niederösterreichischen Landtage erbauten und unter der Leitung von Nonnen stehenden Kinderheims in Gföhls. Im Vordergründe des Bildes stehen Arm in Arm der würdige und bekannte Antisemit und christlichsoziaie Führer Bielohlawek und die wohlangesehene Jüdin Frau von Guttmann! Wir Juden können auf unsere Geldaristokratie stolz sein! Charaktervoll ist die Gesellschaft, dass es nimmer höher geht! Nicht nur, dass der liebe Stammesgenosse Guttmann einem pfäffischen Institute hunderttausend Kronen spendet, schmiegt sich noch seine Ehegesponsin stolz und warm an den Arm des Judenfressers, des Führers der Partei, welche sich die Aechtung und Austreibung aller Juden zum ersten Ziele gesetzt hat. Im Kampfe gegen die Jüdischnationalen, siehe die letzten Wiener Kultuswahlen, wird von offizieller Seite immer der Vorwurf erhoben, dass die Jüdischnationalen die segensreiche Vorherrschaft der Reichen im jüdischen Gemeindeleben zu Unrecht bekämpfen und mit den Antisemiten, paktieren. Schön. Heute fragen wir: „Sind diese Guttmann s und Konsorten. Zierden des Judentums, leuchtende Vo'rbilder an Charakter und Würde? Und wer geht mit den Antisemiten Arm in Arm?“ Bei der Diskussion dieser Fragen wird das Bild aus dem „Interessanten Blatt“ noch wertvolle Dienste leisten. Die Momentaufnahme des denkwürdigen Kreuzungsversuches zwischen Geidjüdentum und Antisemitismus soll der Nachwelt nicht verloren gehen. kleiner Sohn, Seracli, Aschers Tochter, Potiphar und seine Frau Selicha, Pharao, der Mundschenk Pharaos, ein Bassa, ein „Ausrufer“, Pickelhäring, Chöre, ismaelitische und midianitische Kaufleute und Bediente. Ausserdem erschienen Rachels und Isaaks Geist, ein redender Wolf, sowie ein das Stück eröffnender und die aus demselben ziehende Lehre kündender „Prologus“, der unter anderem ausführle: „Drum auch ihr werd dieses wohl observieren. Und euch den rechten Weg thun führen. Dadurch werd werden euch wieder bekannt. Das gelobte Land. Das heilig Haus soll werden wieder gebaut als zuvor. Amen, es soll werden in unseren Tagen wohr!“ Das eigentliche Stück beginnt mit einer Szene zwischen Jacob und Joseph. Der Lieblingssohn beschuldigt seine Brüder des Genusses von Fleisch nicht geschlachteter Tiere, der Uneinigkeit untereinander, der Ueberhebung der Kinder Leas gegen ihre Stiefbrüder, die Söhne von ihrer Mutter „Dienstmaden*, ferner „machen sie grosse „connoisance* mit Frauenzimmer. Es ist eine grosse Vergunia. Als sie sollen tun gegen unsere Sermonia'“ Jacob glaubt Joseph: sie gehen ab. Nun erscheinen die Brüder. Simeon, der sich noch später oft als Bramarbas offenbart, führt das Wort und fordert die anderen zur Rache an dem sie bei dem Vater anschwärzenden Joseph auf. Die folgende Szene, wenn anders diese im Buche nicht gebrauchte Bezeichnung und Einteilung statthaft ist, zeigt den Die Mensa academica in Wien. Im Gefolge der letzten Krawalle haben die Deutschnationalen an der Wiener Universität ein Mittel geschaffen, das an Perficlie überhaupt nicht überboten werden kann. Sie erzwangen vom Kuratorium die Sperrung der Mensa academica unter der Androhung, die Mensa zu stürmen. Sie gaben hiebei folgende Erklärung ab: „Die Mensa academica, die auf einem Boden einer deutschen Universität gegründet wurde, wird von zwei Drittel nichtdeutscher Studenten frequentiert. Dieser Teil der Studentenschaft, welcher der Wohltaten der Mensa teilhaft ist, bildet fast immer die Veranlassung zu den politischen Zwistigkeiten. Wenn nun diese als Gäste an der Wiener Universität anzusehenden Studenten in so ausgiebiger Weise von der aus deutschen (!) Mitteln erhaltenen Mensa Gebrauch machen, so wäre es ihre Pflicht, sich in ihrer politischen Betätigung ruhiger zu verhalten. Die nichtdeutschen Studenten haben aber jedesmal den Zankapfel in die Wiener deutsche Universität getragen. Die Studenten deutschnationaler Richtung können es nicht länger zulassen, dass die die Ruhe an der Wiener Universität störenden Elemente Wohltaten in Anspruch nehmen, die in erster Linie den Studenten deutschnationalen Färbung zukommen sollen. Durch die Gründung einer deutschen Mensa, die ausschliesslich nur durch Mittel aus deutschen Kreisen aufgebracht werden soll, wird nicht nur ein äusserliches Merkmal für den Studententisch geschaffen, sondern es werden die die deutsche Mensa frequentierenden Studenten nicht mehr notwendig haben, mit Studenten anderer Nationalitäten beisammen zu sitzen. Durch die derzeitige Schliessung der Mensa soll den nichtdeutschen Elementen das Benefizium, dessen sich dieselben seit der Gründung in so reichlichem Masse freuen, vor Augen geführt werden. Wir haben nach den bisherigen Erfahrungen, die wir mit den nichtdeutsehen Studenten gemacht haben, nicht das geringste Interesse daran, das die Mensa gerade diesen zugute -kommen soll, und erblicken in der Schliessung der Mensa eine raschere Verwirklichung unseres seit Jahren angestrebten Zieles, nämlich die Gründung einer deutschen Mensa“. Ferner erklärten die Deutschnationalen, dass sie selbst im Falle der mit ihrer Zustimmung erfolgten Wiedereröffnung der Mensa an die Gründung einer deutschen (judenfreien) Mensa schreiten würden, deren Bestand bereits gesichert ist und deren Erschlafenden Joseph, ein singender Engel deutet ihm den bekannten Traum von den elf Garben, die sich vor der zwölften neigten. Die Prophezeiung ist freilich besser gemeint als gereimt. Da werst du werden ein grosser Held. . Wie auch vorgemeldt. Denn deine ist worden in der Mitt gestellt. Wie die Justiz von hohe Potentate, Wenn sie ausgeben ihre Mandate, So werden sie umringt von ihre Soldate! Wieder ein lokale und anachronistische Anspielung : In dieser Weise wurden die hohen obrigkeitlichen, vor allem die kaiserlichen Verordnungen, damals im Ghetto verkündet. Josep h erzählt den Traum den Brüdern. Jehuda verweist ihm seinen Hochmut und warnt ihn vor der Rachsucht der Brüder. Als später Joseph auch dem Vater den Traum erzählt, ist Jacob zwar erfreut darüber, bedauert aber, dass die Brüder davon erfahren. Nach dem Abgang von Vater und Sohn bestärkt Ascher in kurzem Zwischenspiel die Brüder, in ihren Anschlägen gegen Joseph. Der Vater hat diesen nach Sichern geschickt. Die folgende Szene zeigt ihn auf der Wanderschaft; er singt „Bettlieder* (Gebete), vertraut aber der Gnade Gottes und fleht seinen Engel an, ihm Wegweiser zu sein. Der Engel erscheint alsbald und vermeldet Joseph, dass seine Brüder von Sichern nach Dathan verzogen. Joseph will ihnen folgen. Das nun folgende komische Schäferlied, den Nutzen

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