Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitun □; Redaktion, Administration und Jnseratenaufnahme: IX., {f>ÜFl;cnsiTasse $£f. 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden tätlich von 10 —12 Uhr vormittags. =0 Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. — Verkaufsstellen in Wien : Admistration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeiturigsbureau Goldschmiedt,I.,WollzeileNr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: i | In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— . halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, , halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. Mk. 3.—.;; Im übrigen Aasland ganzj. Fräs. 15.—. : Ü . . --=C Manuskripte werden nicht zurückgesteUt. Vertretungen in der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitunsverschleiss Wlzek, Graben 33. — Buchhändierische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Manuskripte werden nioht zurückgestellt. ■ In Lemberg: Karl Buchstab. Nr. 49 Wien, Freitag, den 4. Dezember 1908. II. Jahrgang. Hüs den) lobalte: Fest- und Feiertagsjuden. Aller Tugenden voll ist Preussen. Ein nettes Pärchen. Die Mensa academica. Eine jüdische Bühne in Wien. Aus dem jüdischen Lehen: Die Exzesse in Frag und die reichsdeutschen Studenten. Galizische Verwaltungspraxis. Abgewiesene Beneganten etc. Die Reaktion in Russland. Der Balken im eigenen und der Span im fremden Auge. Die Aufgaben des jüdischen Proletariats. Von Dr. Pasinanik. Genf. Palästina. Feuilleton: Jüdisches Fastnachtspiel vor 200 Jahren. Von Anton Bing. Liste der Ueberlänfer. Vereinsnachrichten. Farteinachrichten. Sonntag den 13. Dezember halb 10 Uhr vor- ~ mittags findet im Kongressbureau, IX., Tiirkenstrasse 9, der Distriktstag des innerösterr. Distriktes statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des D.-K. 2. Unsere Stellungnahme zur Wiener Kultusgemeinde. 3. Neuwahl des D.-K- 4. Allfälliges. Die Vereine des Distriktes werden auigcfordert, unverzüglich die Wahl ihrer Delegierten für den Distriktstag vorzunehmen und das Ergebnis dieser Wahl dem D.-K. mitzuteilen. Zugleich sind die rückständigen Schekel- und Parteistcuerbeträge abzuführen. Das Innerösterreichische Distriktskomitee Wien, IX-, Türkenstrasse 9. Rundschau. Fest- und Feiertagsjuden. Das Kaiserjubiläum hat auch der österreichischen Judenschaft eine Ueberraschung gebrächt: Eine Vertretung. Ueber Nacht; urplötzlich sind unserem Volke Wortführer erstanden. In der Hofburg haben sie dem Kaiser die Glückwünsche der jüdischen Untertanenschaft überbracht und im Namen des jüdischen Volkes Loyalitätserklärungen abgegeben. Merkwürdig, höchst merkwürdig! In den Tagen der Not, wenn über die Juden ein Unglück hereinbricht, wenn ihnen ein Recht genommen oder ein Unrecht angetan wird, ist von einer offiziellen Führerschaft nichts zu merken. Es finden sich einzelne, die protestieren, andere wenige, die sich zu Hilfsaktionen au&affen, aber eine Repräsentanz, die als Sprecherin des jüdischen Volkes dem Feinde mit Wort und Tat offen und mannhaft entgegentritt, hat sich noch nie gefunden. In solchen Fällen belieben unsere Gemeindevertretungen, unsere Kultusvorstände, Kultusräte und andere im Hintergründe zu bleiben. Da werden Kompetenzschwierigkeiten vorgeschoben, achselzuckend wird auf Paragraphe hingewiesen, die ein gemeinschaftliches Vorgehen „gesetzlich“ verbieten. Jede Verantwortung wird abgelehnt, alles der „privaten* Intervention überlassen. In den Tagen der Not gibt es nur „lokale, konfessionelle“ Verwaltungskörper und nur in den Tagen des Ordensregens, bei offiziellen Schmausereien und Empfängen werden rasch jüdische „Volksvertretungen“ aus den Boden gestampft. Die Nationaljuden verlangen seit Jahr und Tag den Zusammenschluss aller Juden Oesterreichs. Von denselben Herren, die so treulich vor dem Kaiser von den Gefühlen der „gesamten und geeinten“ Judenheit zu sprechen wussten, wird dieses Verlangen beharrlich abgelehnt und der Bestand einer jüdischen Volksgemeinschaft abgeleugnet. Seit Jahr und Tag verlangen die Nationaljuden eine Vereinigung der Ost- und Westjuden. Mit Hohn und Verachtung wird ein Zusammengehen mit den „kulturell tiefstehenden und verdächtigen* Elementen aus dem Osten verweigert, von dem nämlichen Wiener Herrn Präsidenten Stern, welcher es diesmal für gut fand, die Huldigung des „schmutzigen galizischen Packs* dem Kaiser darzubringen. Woher haben plötzlich all diese Herren Kultusvorstände das Mandat genommen, im Namen der gesamten österreichischen Judenschaft zu sprechen? Von einer kleinen Klique gewählt, vom jüdischen Volke nie gekannt, jeder Berührung mit demselben ängstlich ausweichend, hatte diese zusammengewürfelte Gesellschaft dennoch die Kühnheit, im Namen einer grossen Volksgemeinschaft zu sprechen! Wir Juden haben schon ein Pech mit unserer „Vertretung* bei den Kaiserfeierlichkeiten. Im grossen Festzuge lief ein karikierter Kaftanjude mit Pajes unter dem Gejohle des Zuschauerpöbeis als einziger „Repräsentant“ der Juden mit und nun war’s der Stern. Der Hort aller protzenhaften Assimilationsjuden. Insoweit es sich um Ergatterung mehr oder minder wertvoller Titel und Auszeichnungen durch mehr oder minder würdige Paradejuden handelt, mag ja der ganzen Angelegenheit wenig Bedeutung beizumessen sein. Aber dass immer und immer wieder FEUILLETON. Frankfurter Aufführungen eines jüdischen Fastnachtspieles vor zweihundert Jahren. Von Anton Bing. Im Anfang des XVIII. Jahrhunderts war die dramatische Kunst in Frankfurt am Main, wie nahezu in allen Städten Deutschlands, fast ausschliesslich durch wandernde, für kurze Zeit einkehrende Gesellschaften ausgeübt. Die gegebenen Stücke wurden nur vereinzelt gedruckt, so dass authentiscne Dramen wenig bekannter Verfasser des XVII. Jahrhunderts, gleich den Haupt- und Staatsaktionen, fast nur in grossen Bibliotheken zu finden sind. Ein vollständig erhalten gebliebenes Bühnenstück, das vor gerade zweihundert Jahren in Frankfurt am Main oftmals vor einem ganz aussergewöhnlichen Zuschauerkreise gegeben ward, dürfte deshalb wohl noch heute das Interesse der Literatur- und Kunstfreunde erregen. Der im Jahre 1711 in Frankfurt und Leipzig erschienene dritte Teil des des fiinfbändigen Werkes „Jüdische Merkwürdigkeiten mit historischer Feder geschrieben*' von Johann Jakob Schudt, des Gymnasii Moeno-Francof. Gon-Rector, enthält unter anderem den vollständigen Abdruck zweier in Frankfurt im Anfang des XVIII. Jahrhunderts gegebener jüdischer Schauspiele. Während das erste unbedeutendere, auch oft recht derbe und anstössige Stück, das „Alias verus- Spiel vom Ham an, Mordechai und Esther“, nur in hebräischen Lettern ohne Interpunktion zum Abdruck gelangte, hat Schudt das zweite und bedeutendere Stück, die „Jüdische Gomoedie von der V e rkauffung Josephs“, zur genauen Wiedergabe in deutschen Lettern gebracht. Auch macht er ausführliche Mitteilungen über die Verfasser und Darsteller sowie über den Schauplatz des Spieles. Andere Berichte über dessen Darstellung sind nicht vorhanden, wurden doch vor zweihundert Jahren öffentliche Theateraufführungen nicht besprochen, geschweige im engen Bannkreise des Ghetto, nur an bestimmten, alljährlich wiederkebrenden Feiertagen, zum Purim- und Tempelweihfeste veranstaltete Spiele, wie die Frankfurter. Etwaige schriftliche Aufzeichnungen von jüdischer Seite gingen wohl bei dem grossen, die alte Judengasse völlig vernichtenden Brande vom 14. Jänner 1711, drei Jahre nach der ersten Abhaltung der Spiele, unwiederbringlich verloren. Nach Schudt war das Theatrum in der Frankfurter Judengasse im Hause „zur silbernen Kand“ (Kann) aufgeschlagen, dem David Uff gehörig und von Löw Worms „zum Zins“ bewohnt. Als Verfasser des Spieles nennt Schudt Di. Buch, Kap. o.">, S 19) einen gewissen Beermann aus Limburg, später angeblich in Friedberg verheiratet, als Darsteller bezeichnet er Prager und Hamburger Juden-Studenten (Bachurim), die auch das bereits genannte Ahasverusspiel in Frankfurt auiführten, das auch unter anderem gleichzeitig in Berlin gegeben ward. Ausser diesen kam hier noch ein verloren gegangenes Spiel „David und Goliath“ zur Vorstellung. Das Stück ward nach Schudt 1711 in Metz dargestellt und soll auch später an anderen < »rten gegeben worden sein. Steinschneider erwähnt noch eine Aullührung, die im Jahre 1*5* zu Minsk in Russland stattgefunden hat und die in der Zeitung „Hamagid“ besprochen ward. Die „Verkaufung Josephs" lehnt sich genau an das Alte Testament, Genesis, Kapitel 97 bis 16 in der Führung der Handlung an, doch (locht der Verfasser in diese auch Auslegungen des Urtextes durch jüdische Gelehrte, talmudische Aus-