Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 48 jetzt eine Verordnung erlassen, laut welcher jeder Jude, der nach Kurland kommt und sich dort niederlässt, ohne das Wohnrecht in Kurland zu haben, mit 500 Rubel Geldstrafe belegt oder mit drei Monaten Gefängnis bestrait werden soll. — Das ist das Echo der Petersburger und Moskauer Verfügungen, die nun also in Russland Schule zu machen scheinen. Nichtsdestoweniger werden aber wahrscheinlich die jüdischen Bankiers bei der nächsten russischen Anleihe ebenso stark beteiligt sein wie früher. * * * Die Türkische Nationalbank. Konstantinopel. Hiesige Kreise sind seit einiger Zeit eifrig an der Arbeit, eine Türkische Nationalbank ins Leben zu ruien. Es erhellt ohneweiters, von welcher grossen Bedeutung die Gründung eines solchen nationalen Finanzinstitutes für die Türkei wäre. Man spricht davon, dass die Bank mit einem Kapital von etwa 3'A Millionen türkischer Pfund begründet werden soll, für das ein ansehnlicher Grundstock bereits gezeichnet ist. Leitende Männer aus Politik, Finanz und Handel treten mit ihrer ganzen Persönlichkeit für das Projekt ein, das demgemäss alle Aussicht hat, in kürzester Zeit realisiert zu werden. Hier wäre ein Angriffspunkt für jüdische Finanziers, der Türkei einen grossen Dienst zu erweisen, der jedenfalls bessere Früchte tragen würde, als die Liebesdienste, die man Russland und der russischen Re,- gierung erwies, aber die jüdische Geschichte der letzten Jahre ist so überreich an verpassten Gelegenheiten, dass man kaum zu hoffen wagt, es könnte plötzlich einmal im richtigen Moment das Richtige getan werden. Eine Lektion über Anstand. Mittwoch den 25. November kam vor dem Gerichtssekretär Dr. Stolz des k. k. Bezirksgerichtes Josefstadt in Strafsachen die Ehrenbeleidigungsklage unseres Gg. Dr. Egon Zweig gegen H- Wilh. Kuifner, Mitglied des Israelitischen Kultusvorstandes in Wien und seines engeren Ausschusses zur Verhandlung. Die Klage erzählt, wie der Kultuspräsident Dr. Stern in der öffentlichen Vorstandssitzung vom 25. Oktober die Opposition der Mitarbeit am „Deutschen Volksblatt“ fälschlich beschuldigte, wie Dr- Zweig dem Präsidenten zurief: „Das ist eine Lüge!“ und alsbald aus dem Saal gewiesen wunde und wie der Beschuldigte dem Abgehenden nachrief: „Hinaus mit dem Lausbuben!“ Herr Kuffner und sein Anwalt, Kultusvorsteher Dr. Leopold Kohn, versuchten die Anklage dahin abzuschwächen, als hätte der Ruf des Beschuldigten „Lausbuben hinaus!“ gelautet und als sei der Privatankläger vom Beschuldigten, der abgewandt sass, weder gesehen, geschweige denn persönlich gemeint worden. Aus den Zeugenaussagen Viktor Altar, Hermann Plaschkes und der .Kultusvorsteher Oskar Marmorek und Dr. (Markus Spitzer, welch letzterer die schwere Verdächtigung der Opposition durch den Kultuspräsidenten uneingeschränkt wiedergab, ergab sich aber, dass Herr Kuffner keinen Zweifel hegen konnte, wen er mit seiner Beschimpfung meinte. Herr Dr. Kohn bot namens seines Klienten eine Erklärung an, dass dieser die inkriminiertc Aeusserung, als in der Aufregung abgegeben, bedauere. Der Vertreter des Privatklägers Dr. Krasny refüsierte aber diesen Antrag, da im Annahmeialle Dr. Bloch, das Amtsblatt des Kultusvorstandes, den Freispruch in gewohnt gehässiger Weise gegen die zionistische Partei ausschroten würde. Die Erhebung und Weiterverfolgung der Anklage diene nicht persönlicher Rachsucht, sondern der Verteidigung der zionistischen Parte’ehre, welche von den Offiziellen systematisch besudelt wird. Der Richter erkannte sohin nach Ablehnung aller weiteren Beweisanträge Herrn Kuffner der Beschimpfung für schuldig und verurteilte ihn zu 200 Kronen Geldstrafe. So wurde gerichtlich erhärtet, wie der gesellschaftliche Anstand, dessen Verletzung uns die Offiziellen so gerne bezichtigen, von ihnen selbst gewahrt wird. Zu bemerken ist noch, dass bei Bemessung der Strafe der Richter der vom Verteidiger, Kultus Vorsteher Dr. Leopold Kohn, vertretenen Anschauung, wonach der Sitzungssaal des Kultusvorstandes nicht zu jenen Orten gehört, an we1 c h en ein besonderer Anstand erforderlich i s t, anschloss und daher den für Beleidigungen an derartigen Orten norm'erten höheren Strafsatz nicht anw'endete. Palästina. Für Chanukkah-Feiern eignen sich besonders gut zum Verkauf oder zur Verlosung Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bezalel“ im Jerusalem. Die Schule hat zu diesem Zwecke passende Kollektionen, welche Filigranarbeiten in Silber, Damaskusarbeiten in Bronze, Bilderrahmen, kleine Teppiche oder Kissenplatten enthalten, zum Preise von 2, 4 und 5 Pfd. Sterl. zusammengestellt. (1 Pfd. Sterl. Fr. 25.20, M’k. 20.50, K 24.25, Rubel 9.50, Doll. 5.—.) Bestellungen unter gleichzeitiger Uebersendung des Betrages an die Anglo Palest ne Co. in Jerusalem sind zu richten an d:e Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem. * * * Die Parlamentswahlen in Palästina. Jaffa (Palästina). Am 24. Oktober haben hier die Abgeordnetenwahlen für den Kreis Jaffa stattgeiunden, nachdem die Wahlen in den anderen Kreisen bereits abgeschlossen waren. Das Resultat ist, wie bereits kurz berichtet, dass drei Mohammedaner zu Abgeordneten für den Sandschak Jerusalem gewählt w'orden sind, und zwrar: Rohi el Kalidi, türkischer Konsul in Bordeaux; Said Effendi Husseni in Jerusalem; Hafez Bey, stellvertretender Kaimakam in Gaza. Alle drei Abgeordneten sind sehr gebildete und moderne Leute, d'e auch den Juden gegenüber stets eine freundliche Stellung eingenommen haben und wahrscheinlich auch im Parlament die Rechte der Juden vertreten, werden. — Der jüdische Kandidat Dr. Levy in Jerusalem, hat seine Kandidatur nicht aufgestellt, nachdem aus dem Ausfall der Wahlen im Kreise Jerusalems zu ersehen war, dass die mohammedanischen Wahlmänner nur für mohammedanische Kandidaten stimmen würden. Die jüdischen Wahlmänner haben deshalb, nachdem Dr- Levys Kandidatur nicht in Frage kam, ihre Stimmen für die mohammedanischen Kandidaten abgegeben. Die Christen haben, obwohl sie im Sandschak Jerusalem recht zahlreich sind, insbesondere in den Städten Bethlehem, Nazareth, Ramleh, auf ihre Kandidaten nur unbedeutende Minderheiten vereinigen können. * * Feindselige Stimmung gegen Oesterreich. Jaffa. Die Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Oesterreich hat hier zu feindlichen Demonstrationen der arabischen Bevölkerung geführt. Angeblich’ ist von Konstantinopel die Parole ausgegeben worden, österreichische Waren zu boykottieren. Dies fassten die Bootsleute und Lastträger am hiesigen Hafen dahin auf, dass ke'n österreichisches Schiff mehr in Jaffa landen dürfe. Als der Dampfer „Euterpe“ des Oesterreichischen Lloyd hier eintraf, weigerten sich die Bootsleute, die Post, die Passagiere und die Waren zu Land zu bringen und verhinderten gewaltsam jeden Verkehr mit dem Schiffe. Sie gingen sogar so w’eit, das österreichische Postamt anzugreifen, so dass dieses se:ne Bureauräume schliessen musste, um die drohende Menge am. Eindringen zu verhindern. D.e Lokalregierung legte sich ins Mittel und es gelang schliesslich, wenigstens d:e Post vom österreichischen Schiffe herunterzubringen. Dagegen war es unmöglich, die Landung von Passag:eren und Waren zu erwirken. Das Schiff blieb, von jedem Verkehr mit dem Lande abgeschnitten,l’A Tage im Hafen und wrar schliesslich genötigt, nach Beirut weiterzufahren, ohne Passag:ere und Waren ans Land gebracht zu haben. Auch in Beirut verweigerten bei Ankunft des Dampfers „Euterpe“ die Hafenarbeiter und Bootsleute jeden Dienst und verhinderten mit Gewalt jeden Verkehr mit dem Schiffe. Erst als auf Interventen sämtlicher Konsuln der Wali das gesamte Mlitär aufbieten und Kanonen am Hafen auffahren liess, war es möghch, wenigstens die Passagiere ans LaiF1 zu bringen. Die Ausschiffung der Waren erwies sich als unmöglich und das Schiff musste weiter,'ahren, ohne seine Güter gelöscht zu haben. Die österreichische Schiffahrt und der österreichische Handel werden durch diese Ereignisse und durch die Ungewissheit wie es den nächsten österreichischen Schiffen ergehen wird, schwer geschädigt. Jedenfalls zeugt das solidarische Vorgehen der arabischen Arbeiter von einer hohen nationalen Moral, die auch dann anzuerkennen und von uns jedenfalls zu beachten ist, wenn wir vielleicht auch der Meinung Ausdruck geben müssen, dass der Boykott nicht die richtige Form nationaler Gesinnung ist. * * Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina- Berlin. Ara 10. November fand in Berlin die erste Versammlung des anlässlich des achten Zionistenkongresses im Haag gegründeten Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina statt. Den Geschäftsbericht erstattete die Vorsitzende Frau Prof. Warburg. Der Verband, dem jüdsche Frauen aller Kreise und verschiedener Richtungen angehören, umfasst gegenwärtig etwa 500 Mitglieder, hat in Berlin, Hamburg, Köln, Breslau, Königsberg i. Pr. sowie im Haag besondere Ortsgruppen begründet und findet bei den jüdischen Frauen urid Mädchen überall grosse Sympathien. Er unterstützt gegenwärtig das jüdische Krankenhaus' in Jaffa und hat die Schwester Fräulein Tempelmann als dessen Leiterin eingesetzt; er verfügt zur Zeit über einen Barbestand von 2500 Mark. Die Versammlung beschloss, eine straffe Zentralisation der Verl, andsleitung in Berlin und die Einleitung einer grosszügigen Propaganda. Zuschriften für den Verband sind zu richten an (die Schriftführerin, Fräulein stud. med. Resa Hirsch, Berlin NW., Flensburgerstrasse 12. Geldsendungen an das Bankhaus A. H. Heymann & Co., Berlin NW., 7, Unter den Linden Nr. 59. * * =t= Handarbeitskurse in Jaffa. Durch die Bemühungen des Palästina-Amtes ist ein wichtiger Fortschritt im Schulwesen Jaffas zu verzeichnen. Als Herr Dr. Ruppin seinerzeit nach Palästina übersiedelte, brachte er aus Berliner Handarbeitsgeschäften Muster, Material und Aufträge für weibliche Handarbeiten mit. Man hoffte damals, dadurch sofort eine Anzahl von Mädchen Beschäftigung und Brot geben zu können, denn in Berlin verdienen junge Mädchen mit diesen Handarbeiten 2-50 bis 3 M. pro Tag, und in Jatia wäre ein Verdienst von 1 Frcs. täglich für ein junges Mädchen schon ein sehr erwünschter. Der Versuch ist aber trotz Aufwendung von Mühe und Geld daran gescheitert, dass die jungen Mädchen hier von Handarbeiten absolut nichts verstehen und mit 14 Jahren infolge mangels jeder Unterweisung und Uebung ungeschickter sind als ein deutsches Mädchen von 6—7 Jahren. Dies wird hier allgemein als Mangel empfunden, nicht nur. wreil es die Mädchen der Möglichkeit eines Verdienstes beraubt, sondern auch, weil sie später als Frau im eigenen Haushalt zu jeder- Handarbeit für den eigenen Gebrauch unfähig sind. In Anerkennung dieser Verhältnisse hat das Palästina- Amt im Einverständnis mit dem A.-C- und zusammen mit dem Odessaer Komitee den Plan gefasst, die Schülerinnen der beiden oberen Klassen der Mädchenschule des Odessaer Komitees und eventuell noch andere geeignete Mädchen zu einem einjährigen Handarbeitskurse zu vereinigen. Diese Kurse haben inzwischen schon begonnen und stehen unter der technischen Leitung der Frau Hirschenberg, der Witwe unseres jüngst verstorbenen grossen Malers. („Welt.“) Hilferuf. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern wurde von ihrem Manne verlassen und steht völlig mittellos da. Spenden mögen unter M. B., VIII., Piaristengasse 4, oder an die Redaktion der „Jüd. Ztg-“ gerichtet werden.