Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 mentarische Tätigkeit wie auch über das Wirken des Jüdischen Klubs. Dienstag den 10. November iand in Jazlowiec eine Wälder Versammlung statt. Hunderte Wähler — jüdische und ruthenische — hatten sich in der Synagoge eingeiunden. Abg- Dr. Gabel berichtete über das Verhältnis des Jüdischen K'ufcs zu den anderen Parteien im. Parlamente. Er wies auf die volks- und arbeiterfeindliche Tätigkeit der antisemitischen Parteien hin. Zum Schlüsse seiner Rede {orderte er die anwesenden Juden auf, ihre Kräfte in den Dienst des Zionismus zu stellen, der infolge der Ereignisse in der Türkei vor neuen hoffnungsvollen Möglichkeiten stehe. Die Ausführungen des Dr. Gabel wurden mit stürmischem Beiiall aufgenommen. Ueber Antrag des Kultusvorstehers und Bürgermeisters wurde ihm das Vertrauen votiert- Dieselbe Resolution wurde auch von den ruthenischen Wählern angenommen. Mittwoch den 11. ds. ianden in Potok zloty, Donnerstag in Wisnowczyki Wählerversammlungen statt. Abg. Dr. Gabel war überall Gegenstand herzlicher Ovationen. * * * Pclonyi redivfyus. Budapest. (Orig.-Korr.) Die ungarischen Juden haben wiederum einen derben Faustschlag ins Gesicht erhalten, und zwar unter Beifall eines nicht unbeträchtlichen Teiles des ungarischen Abgeordnetenhauses. Der den Schlag versetzt hat, war kein anderer als der gewesene Justizminister P o l o n y i, der saubere Gentleman, ein alter, neu aufgegangener Stern auf dem politischen Himmel Ungarns. Kaum einige Tage, nachdem die königl. Kurie den Polonyi-Lengyel-Prozess annulliert und somit den Exminister moralisch verurteilt hat. erschien derselbe im Abgeordnetenhause und hielt eine Brandrede gegen die ungarischen Juden. Sein jetziges Auftreten ist charakteristisch, nicht nur für ihn, sondern auch für das ganze öffentliche Leben. Andere Länder haben ja auch ihre traurigen Gestalten, doch ist von Podbielski in Preussen nichts zu vernehmen, sogar Nasi, der feurige Sizilianer, verhält sich still, allein P o 1 o n y i darf den Ritter der Ehre und der Moral spielen. Er führte in seiner Rede aus, dass die Juden es sind, die durch ihre I m m o r a 1 i t ä t unsere Hauptstadt vergiften. „Ich bin ein aufrichtiger Freund des konfessionellen Friedens, doch kann ich nicht ruhigen Herzens mitansehen, wie die Hauptstadt judaisiert wird. Von den 200 Stadtrepräsentanten, die gewählt werden, sind 178 Juden. Im Jahre 1869 bildeten die Juden 16.6% der hauptstädtischen Bevölkerung, 1906 ist ihr Prozentsatz auf 23.6% gestiegen. Und so manche von den jüdischen Stadtrepräsentanten haben vor zwei Jahren noch in Rumänien gewohnt. Während das starke ungarische Vd'k zur Auswanderung gezwungen ist. wandert ein anderswo unbrauchbares, unproduktives Volkselement nach Ungarn ein ■ . . Nur auf diese Weise ist es zu erklären, dass das patriotische Gefühl in der Stadtrepräsentanz im Abnehmen begriffen ist . . .“ Lebhafter Beifall von allen Seiten der Koalition ' begleitete Polonyis Ausführungen. Es nimmt uns nicht wunder, er hat ja allen aus dem Herzen gesprochen. Seit Jahrzehnten ist es das Bestreben der Budapester Juden, als Vollb'ut-Magyaren zu erscheinen, und nun ist ihnen ihr wohlverdienter Lohn zuteil geworden. Ob sie daraus die Lehre ziehen werden? ... B. * * * „Der jüdische Handwerker“. Berlin. In Berlin erscheint seit kurzem unter diesem Titel ein Monatsblatt, das als Organ des „Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens“ von diesem Verein herausgegeben wird. Oer Verein, der seit etwa 15 Jahren besteht, hat den Zweck, das Handwerk unter den Juden zu fördern durch den steten und regen Austausch von Erfahrungen, durch Bekämpfung der leider bestehenden Vorurteile gegen Handwerk und jüdische Handwerker, durch Einwirkung an massgebenden Stellen, bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen tunlichst jüdische Handwerker zum Mitbewerb heranzuziehen, durch Förderung und Unterstützung aller Vereinigungen, die sich die Hebung des Handwerks zur Aufgabe gemacht haben; durch Gewährung von Darlehen an Mitglieder usw. Zur nachdrücklichen Unterstützung aller Programmpunkte hat der Verein das genannte Blatt gegründet, und er hofft, damit dem jüdischen Handwerkerstande ein Organ geschaffen zu haben, in dem dieser seine Wünsche und Hoffnungen zum Ausdruck bringen kann. Angesichts der Tatsache, dass es in Berlin allein ungefähr 2000 selbständige jüdische Handwerker gibt, die sich zirrn Teil in nicht gerade guten Verhältnissen befinden, kann man dem Unternehmen nur von Herzen Erfolg wünschen. * * * Jüdische Flüchtlinge. Breslau. Im Monat Oktober hat sich die Zahl der durch die Stationen Myslowitz und Ratibor von der preussischen Eisenbahn beförderten Auswanderer aus Russland und Galizien nach Amerika gegenüber dem Vormonat fast verdoppelt. Im wesentlichen ist die Vermehrung auf die Massenauswanderung jüdischer Landleute aus dem Gouvernement Cherson des russischen Reiches nach Argentinien zurückzuführen. Die Rückwanderung aus Amerika nach Russland und Galizien durch die genannten Eisenbahnstationen hat sich im Gegensatz verringert. An Auswanderern wurden befördert von Myslowitz über Hamburg 1886, über Bremen 1772, über Antwerpen 677, über Rotterdam 113, von Ratibor 1746, zusammen 6194 Personen, gegenüber 3717 Personen im Monat September. An Rückwanderern wurden befördert über Myslowitz von Hamburg 1704, von Antwerpen 354, von Rotterdam 263, von Bremen 111, über Ratibor 1495, zusammen 3927 Personen, gegenüber von 578-4 Personen im Monat September. * * * Russische Gerechtigkeit. Warschau. Ein krasses Beispiel für die Härte der russischen Gerichte bot die Bestätigung des Urteils gegen die Warschauer „Poale-Zion“ durch das Hauptkriegsgericht. Wegen Zugehörigkeit zur Partei der Poale-Zion, die sich die Niederwerfung der bestehenden Staatsordnung in Russland zur Aufgabe gestellt hätten, waren nämlich Sontag zu 6 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien, Babjatzki, Sajontschow'sky und Rauf zu je 4 Jahren, Turschawsy zu 2~/= Jahren verurteilt worden, während die minderjährigen Kutschinsky und Neuhaus je 3 Jahre Geiängnis erhalten hatten. Gegen das unerwartet harte Urteil war Berufung eingelegt worden. Der Appell an die höhere Gerechtigkeit erwies sich jedoch als fruchtlos. * * * Verlorene Liebesmüh! New York. Staatssekretär E 1 i h u R o o t, der auch dem Kabinett des neuerwählten Präsidenten der vereinigten Staaten, Taft, angehören wird, hat sich vor einigen Tagen über die Passfrage in Russland wie folgt geäussert: „Unsere Regierung hat ihre Haltung bezüglich der Durchsetzung einer gleichmässigen Behandlung aller unserer Bürger, auch der jüdischen, in Russland nicht geändert. Unsere Administration hat die Aufmerksamkeit der russischen Regierung auf diese Angelegenheit wiederholt gelenkt und die Errichtung eines neuen Vertrages, durch welchen die Frage .geregelt werden soll, des öfteren urgiert. Wir haben erst vor kurzem wieder eine ungünstige Antwort erhalten und haben daraufhin der russischen Regierung unseren Wunsch nach einer vollständigen Revision und Amendierung des ganzen Vertrages vom Jahre 1832, durch welchen die gegenseitigen Wohnrechte der Bürger beider Staaten geregelt werden, wissen lassen.“ * * * Die Juden in Tunis. Tunis. Auch in die Judenheit von Tunis kommt nun allmählich neues Leben. Am 5. November erschien hier die erste Nummer einer jüdischen Wochenschrift „Le Defenseur“ (Redaktion: 28, Rue de Naples, Tunis), die das Organ der Juden in Tunis sein will. Man muss nun unter den Juden von Tunis in zwei Kategorien unterscheiden, erstens: die eigentlichen tunesischen Juden, die Untertanen des Bey sind, und die entschieden in einer weit schlechteren Lage als die übrigen tunesischen Bürger leben, zweitens die europäischen Juden, die gleichviel, ob sie in Tunis geboren oder später eingewandert sind, offiziell den verschiedenen europäischen Nationalitäten, Franzosen, Italiener, Engländer zugerechnet werden, und die alle Rechte gemessen, die den anderen Bürgern der betreffenden Nationalität zukommen. Die neue Wochenschrift „Le Defenseur" will sowohl das Organ der tunesischen wie der in Tunis lebenden europäischen Juden sein. Für die tunesischen Juden wird „Le Deienseur" das Kamprorgan zur Erlangung ihrer Bürgerrechte sein und für die europäischen Juden ein Blatt zur Vertedigung des Judentums gegen die üblichen Angriffe, an denen es natürlich auch in Tunis nicht fehlt- Int Direktionskomitee des neuen Blattes sind Juden beider Kategorien vertreten. Es besteht aus den Herren Nissim Haddad, Rafael Sceniama, Viktor Scafalom, Alfred Valensi. Die vorliegende erste Nummer enthält eine Anzahl recht temperamentvoll und mutig geschriebener Artikel. Der Programmartikel, der den Titel des Blattes führt, enthält scharfe Angriffe gegen die ungerechte „Rechtspflege“ des Dar-el-Bey und eine Kritik der „Entschuldigungsvorschläge", die Herr De Dianous den tunesischen Juden gemacht hatte. In einem weiteren Artikel von Marcel Cauwel „II faut que la France Sache . . .“ spricht der Veriasser die Hoffnung aus, dass das französische Volk auch die Befreiung der Juden von Tunis durchsetzen werde und schiiesst mit dem Satze: „Le peuple frangais a demoli d’autres bastilles“ — Man kann den Juden von Tunis, die.sich nun energisch zu rühren beginnen, nur vollen Eriolg im Kampi um ihre Bürgerrechte wünschen und hoffen, dass sie in ihren auf das Rechtsgefiihl der Franzosen basierten Erwartungen nicht getäuscht werden. * * * Juden im türkischen Parlament. Smyrna. Wie bekannt, wird das türkische Parlament im nächsten Monat einberufen werden. Die Wahlkampagne,-die seit einigen Wochen begonnen hat, wird eiirigst betrieben und ungefähr 100 Abgeordnete sind bereits gewählt worden. Darunter befinden sich zwei Israeliten, wovon der eine, namens Emanuel Carasso, auf das Vilajet (Provinz) Salonich, und der andere, Nissim Mazliah, beide Rechtsanwälte, auf das Vilajet Aidin entfällt. Mazliah bekleidet seit Jahren das Amt eines Hauptsekretärs des jungtürkischen Komitees „d’Union et Progres“, und als solcher fand seine Kandidatur starke Unterstützung seitens des genannten Komitees. Das Parlament, welches zirka 250 Deputierte zählen wird, wird aller Voraussicht nach fünf Juden einschliessen. und kommen ausser den beiden obengenannten Viiajets noch Konstantinopel, Jerusalem und Bagdad in Betracht, die je einen jüdischen Abgeordneten in das Parlament entsenden werden. Nachdem die jüdische männliche Bevölkerung in der ganzen Türkei aui 250.000 Einwohner geschätzt wird und nach dem Wortlaute des Gesetzes je 50.000 männlichen Geschlechts auf einen Deputierten Anrecht haben, so werden die Juden in der Kammer richtig vertreten sein- Das ist als ein sehr grosser Erfolg anzusehen, da doch die Israeliten, wenn sie auf sich selbst angewiesen wären, angesichts ihrer Minorität lange nicht ein solches Resultat aufzuweisen gehabt hätten. Wie die Sache jetzt steht, haben z. B. die Armenier, die die Israeliten an Zahl bedeutend übersteigen, im Vilajet Aidin, dessen Sitz Smyrna ist, noch keinen einzigen Abgeordneten. Die Griechen, deren Bevölkerung bloss im Vilajet Aidin sich einer halben Million nähert, haben trotz Propaganda, die mit den lärmendsten Szenen verfolgt wurde, es nur mit Mühe auf zwei Deputierte bringen können- Der Grund ist darin zu suchen, dass die Türken gegen die Griechen sehr argwöhnisch sind und den Juden Vertrauen entgegenbringen. * * * Ein weisser Rabe. Petersburg. Der Privatdozent an der Petersburger kaiserlichen technischen Hochschule, N. Friedmann, wurde zum ordentlichen Professor an dieser Hochschule ernannt. Es ist das seit Jahrzehnten der erste Fall, dass ein nichtgetaufter Jude in Russland in das Amt eines ordentlichen Professors berufen wird. * * * Wieder eine drakonische Verfügung. Riga. Der Kurländische Generalgouverneur Meller-Sakomelsky, der berüchtigte Führer der Strafexpeditionen in den Ostseeprovinzen. hat II fl ml S-p.if m -jä'/ri;*« - ■0.f; Hill?*} W.'r S3i ’-Ä-Jf: kt v ‘ $ ISIS ■!>?{?. V; 7j;7 ’;