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Jüdische Zeitung · 1908-11-27 · 48 (27.11.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG J^ektoi^^riednm^| Selten hat ein jüdischer Gelehrter der Neuzeit einen solchen Weltruf bei unserem Volke erlangt wie der greise Lektor Friedmann, den wir Mittwoch den 25. d. M. in Wien zu Grabe getragen haben. Denn Friedmann schrieb für alle Juden, in der Sprache seines eigenen Volkes: Hebräisch, und es hat kaum eine hebräische Zeitschrift oder ein Sammelwerk in Russland, Palästina oder Amerika gegeben, welche die lehrreichen Beiträge aus der Feder Friedmanns, oder, wie er mit Vorliebe hebräisch zeichnete, Meier Isch-Scha- 1 o m s missen mochte. Wurde er aber in jenen fernen Kreisen gern gelesen und als Gelehrter verehrt, so haben wir Wiener, ob wir zu seinen unmittelbaren Schülern gehörten oder auch nicht, ihn gern gehört und als Lehrer geliebt. Und wir hatten guten Grund ihn zu lieben. Wenn man ihn sprechen hörte, vergass man, dass man einen „gelehrten“ Mann vor sich habe, der die besten Editionen alter talmudischer Quellenschriften besorgt und mit tausenden scheinbar kleinlichen Fussnoten versehen hat; man vergass auch, dass ein Greis aus alten verschwundenen Zeiten das Wort ergriffen habe, um zu jugendlichen, lebensquellenden und hoffnungsvollen Gemütern zu sprechen, Die so Belehrten zählen nach Hunderten, nach Tausenden, nicht allein in Wien, sondern in unserer ganzen Monarchie. Im Bethhamidrasch, wo er seit dessen Gründung (1864) sich eine Lehrstätte aufgeschlagen hatte, konnte man am Sabbat vormittags und an Winterabenden zahlreiche gebildete Juden aus den entlegensten Städten finden, die es als grösstes Vergnügen ihres Aufenthaltes in Wien betrachteten, einem Vortrage Friedmanns aus Thora oder Midrasch zu lauschen. Und wie gerne lauschten wir ihm, wir Jüdischnationalen. Gab es jakeine jüdiscbnationale Veranstaltung, keine zionistische Feierlichkeit, an der sich nicht der greise Lektor bis spät in die Nacht beteiligte und unter jubelndem Beifall seine warmen, von jugendlicher Begeisterung erfüllten Ansprachen hielt. Man sah es ihm an, wie gern er bei den jüdischen Studenten weilte; sein freudestrahlendes Gesicht sagte es deutlich, auch wenn er es nicht mit seinem Munde so oft und so aufrichtig versichert hätte. Nicht Rabbiner war er seinem Amte nach und doch einer der hervorragendsten Gelehrten seiner Zeit; nicht Prediger von Beruf und doch Lehrer des Volkes im edelsten Sinne dieses Wortes. Als Lehrer war er glücklich, die Jugend um sich versammelt zu sehen und überglücklich, dass diese Jugend jüdisch sei und dem Namen Jude Ehre mache. Inmitten dieser Jugend fühlte er sich selbst verjüngt und der Ton, in dem seine Lehren nun erklangen, war nicht greisenhaft gelehrt, sondern der Ton eines jugendlichen Freundes Gleichgesinnten gegenüber. Der alte, beinahe Siebzigjährige verschmähte es nicht, an einem Sederabende Haus und Familie zu verlassen und sich in ein Restaurant zu begeben, um an der Tafel zionistischer Studenten den Seder mitzumachen und bei den „Arba-Kossoth“ von echtem Palästinawein ihnen bis nach Mitternacht die Haggada zu erklären. Ich hatte das Glück, an einem solchen Sederabende teilzunehmen und der Eindruck, den ich vor nunmehr zehn Jahren davongetragen, wirc mir noch lange unvergesslich bleiben. Ein solches Entgegenkommen, eine solche Liebe zur. Jugend wird man vergebens bei anderen zünftigen Volkslehrern suchen. Friedmann liebte die Jugend mit der mächtigen Liebe, die er für sein Volk hegte und er liebte sein Volk, wie es nur ein Nationalgesinnter zu lieben vermag. Seine Liebe quoll aus dem unversiegbaren Born der talmudischen Poesie, der Agada, und im Geiste dieser Agada hatte sich seine Gesinnung als eine nationale entwickelt und stets bewährt. Er forderte für die Jugend eine nationale Erziehung, denn es genüge nicht, wenn die Jugend bloss durch die Beobachtung einiger Zeremonialgesetze jüdisch bleibe, während ihr Inneres des jüdischen Geistes, der jüdischen Seele entbehre. Ihm sei „lieber eine jüdische Seele ohne Zizoth und Tephilim als Zizoth und Tephilim ohne jüdische Seele“. Es genüge ihm ferner nicht, wenn nur Rabbiner das Studium der jüdischen Lehre und Traditionen betreiben. Das Volk selbst müsse in der Lehre Bescheid wissen. Der jüdische Rabbiner dürfe nicht wie der christliche Geistliche der Angestellte, der alleinige Hüter der Religion bleiben. Die jüdische Religion sei nicht international wie die anderen; Judentum ohne Nationalität sei undenkbar. ’Hascliiloah IF, 291.) Aus Friedmanns Lebenslauf ist nur wenig bekannt. Er war am 4. Tammuz 5591 10. Juli 1831 in Kraszna (Ungarn) geboren, wanderte als Knabe von einer Jeschibah in die andere, wo er nebst dem Talmud auch labbala studierte und sich besonders stark vom Chassidismus angezogen fühlte; als praktischer Kabbalist wollte er sogar im Alter von sechzehn Jahren nach Palästina gehen, um dort des Propheten Elia ansichtig zu werden; die Wirren des Jahres 1848 verhinderten ihn jedoch daran. Um jene Zeit wandte er sich dem nationalistischen Talmud- und besonders dem Bibelstudium zu, und erst zwanzigjährig, begann er die deutsche Sprache zu lernen Im Jahre 1858 kam er nach Wien, um als ausserordentlicher Hörer an der Universität zu studieren; er hat wohl hier nicht den Doktorgrad erreicht, aber die Lehrkanzel im Beth-Hamidrasch, auf die er bei dessen Gründung berufen wurde, bot ihm Gelegenheit genug, als Lehrer und Erzieher zu wirken und sich einen Namen zu schaffen, der zu den klangvollsten in der jüdischen Wissenschaft gehört. Dr. M. B. Aus dem jüdischen Leben. Jubiläumsgottesdienste. Wien. Aus Anlass des sechz:gjährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph I. findet Mittwoch den 2. Dezember 1908 ein feierlichere Gottesdienst in den Bethäusern der israelitischen 'Kultusgemeinde statt, und zwar: im Tempel I.. Seitenstettengasse 4. um viertel 12 Uhr vormittags, im Tempel II., Tempelgasse 3, um 10 Uhr vormittags, im Tempel XV., Turnergasse 22 (Fünihaus) um 10 Uhr vormittags, im Tempel XVI., Hubergasse 8 (Ottakring) um 8 Uhr vormittags, im Tempel XVIII., Schopenhauerstrasse 39 (Währing) um 10 Uhr - vormittags, im Tempel XXI., Schidnlergasse 12 (Floridsdorf) um 4 Uhr nachmittags. * * * Versammlung der Finken. Wien. Freitag den 19. November 1- J. fand in den Souterrainlokalitäten des Caie Gartenbau eine Versammlung der jüdischnationalen Finken statt. Cand. ing. Ernst Buchbinder erstattete ein eingehendes Referat über die bisherige Tätigkeit des Exekutivkomitees für den „Verband der j ü d.-n at Finken an den Wiener Hochschule n“, worauf beschlossen wurde, unverzüglich an die Neueinreichung der Statuten und Anerkennung des Verbandes an den Wiener Hochschulen zu schreiten. Eine lebhafte Debatte entwickelte sich anlässlich der Vorgänge an der Wiener ■ Universität und es gelangten schliesslich folgende Resolutionen zur Annahme: „Wir fordern die gesamte Studentenschaft, besonders die jüdische, auf, ihre jugendliche Energie, Kampflust und ihr Wissen nicht an läppische Ideale einer verschwundenen Zeit zu verschwenden, sondern sie in fruchtbarer Kulturarbeit in den breiten Massen ihres Volkes, der Demokratisierung des Staates und der Gesellschaft zu betätigen.“; In Anerkennung des Rechtes einer jeden Nation auf freie Entfaltung ihrer Kulturinstitutionen, deren Gipfel die nationale Universität bilden soll, in weiterer Erwägung jedoch, dass die Verwirklichung dieses Rechtes untrennbar mit der Eroberung der nationalen Autonomie durch die Völker verknüpft ist, stellen wir fest, dass alle österreichischen Hochschulen, also auch die Wiener Universität, obwohl sie Pflegestätten der betreffenden Kultur und Sprache darstellen, derzeit als von allgemeinen Staatsmitteln unterhaltene Institutionen allen nationalen Gruppen Oesterreichs, welche die Staatsmittel aufbringen, vollkommene Gleichberechtigung zu gewähren verpflichtet sind-“ Zum Schlüsse wurden noch Wahlen für das Exekutivkomitee iür den „Verband der jüd.-nat. Finken an den Wiener Hochschulen“ vorgenommen, welche nachstehendes Resultat ergaben: cand. ing. Ernst Buchbinder, Präses (für Mähren und Schlesien); cand. ing. Emil Roth (iür Galizien); cand, med- Aurel G o n d a (für Wien und Innerösterreich); stud. med. Phöbus Tuttnauer (für die Bukowina); pharm. Eugen L ö w y (für die südslawischen Länder). * * * Luegers polnische Parteigenossen. Krakau. Das Programm der neugegründeten polnischen christlichsozialen Partei enthält unter anderen ethisch hochstehenden auch folgenden auf die Juden bezüglichen Programmpunkt: „. . Schliesslich übernimmt die Partei die wichtigste und schwierigste Aufgabe, der sich die anderen Parteien nicht unterziehen wollen: m i t den Juden aufzuräumen ... Die Juden sind ein zersetzendes Element, sie bringen uns den grössten Schaden, weil sie von unserer Arbeit leben. Sie werden nie aufhören, unsere ärgsten Feinde zu sein, die wir auf das energischeste bekämpfen müssen. Darum erhebt die polnische christlichsoziale Partei die Forderung: Weg mit den Juden, den Fremdlingen unter uns. Kampf den Juden, beständig, energisch und überall! ‘ — Man sieht, Lueger kann mit den Früchten, die aus seiner Saat aufgegangeai sind, zufrieden sein. Sie ist auf fruchtbaren Boden geiallen. Was sagen aber die mosaischen „Volksgenossen“ der polnischen Christlichsozialen zu diesem Programmpunkt? . . . * £ * Galizischer Judenhass. Stanislau. Dass der Antisemitismus in Galizien durchaus nicht nur auf Motive rein politischer oder ökonomischer Natur zurückzuführen ist, sondern dass in den hiesigen „leitenden“ Kreisen derselbe instinktmässige und fanatische Judenhass herrscht, wie ihn etwas roher der Strassenpöbel von Odessa oder Kiew zeigt, das beweist ein kleines Vorkommnis, das nicht sehr welterschütternd, aber um so charakteristischer ist für die Gesinnung, die man uns Juden hier im gelobten Lande Galizien entgegenbringt. Nach österreichischem Gesetze müssen bekanntlich die Advokaten vor Etablierung einer Advokaturskanzlei einen Eid leisten. Diese Eidesleistung geschieht im Oberlandesgericbt vor einer Kommission von fünf Gerichtsräten. Der Lemberger Oberlandesgerichtspräsident, Exzellenz Tchörznicki, führte es als Sitte ein, den christlichen Advokaten nach der Eidesleistung zu gratulieren, was die übrigen Mitglieder der Kommission stets mitmachten. Bis jetzt trat der vom Oberlandesgerichtspräsidenten gemachte Unterschied zwischen Juden und Christen nicht krass hervor, weil man es so einrichtete, dass entweder lauter Juden oder nur Christen zur Eidesleistung erschienen. Vorige Woche ereignete es sich nun, dass unter den vier erschienenen Advokaten ein Christ und drei Juden waren. Da fanden es die Herren Richter für passend, den christlichen Advokaten zu beglückwünschen, dessen drei jüdische Kollegen jedoch achtlos beiseite stehen zu lassen. Juden gegenüber darf man eben nicht nur roh und ungerecht, sondern sogar — was in der „guten Gesellschaft“ doch viel schlimmer ist! — taktlos sein! Abg. Dr- Gabel vor seinen Wählern. Buczacz. Vorige Woche besuchte: Abg. Dr. Gabel seinen Wahlkreis und referiertem mehreren Wählerversammlungen über seine eigene parla-

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