Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-11-27 · 48 (27.11.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438215--0877-2440428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Aerzte und Advokaten in der Liste fehlten, fast alle, die bei der Wahl vor zwei Jahren oppositionell gestimmt haben. So ist es dem Kultusvorstande gelungen, die Stimmenzahl der Opposit:on gewaltsam um gute zwei Dritteile herunterzudrücken. Die Massregel hat momentan seine Zwecke gefördert, ihn selbst aber für immer ins Unrecht gesetzt. Der Wahltag war ein Tag der jüdischen Plutokratie Wiens. Börseaner, Bankdirektoren, Fabrikanten, Grosskaufleute drängten sich um die Urne, ein Paradeaufmarsch von Elementen, die dem Judentume innerlich und äusserlich schon längst entfremdet sind. Man fühlte sich zeitweise auf die Börse und den Turf versetzt. Nicht allein der Umstand, dass die Mittleren und Aermeren aus der Wählerliste hinausgeworfen und die Reichen schön unter sich gelassen worden waren, schuf dis Bild. Galt es doch eine Liste von Millionären und ihren Schützlingen durchzusetzen und eine Gruppe fernzuhalten, die das allgemeine gleiche Wahlrecht, andere radikaldemokratische und vor allem nationale Forderungen auf die Fahne geschrieben hat und gegen die Vorherrschaft der Geldleute im Gemeindeleben energisch und unzweideutig Stellung nimmt. Die Stimmen dieses jüdischen »Adels“ der zionistischen Opposition triumphierend entgegenzuhalten,wärekomischundabgeschmackt. Mit diesen Stimmen wollle und durfte ja die zionistische Opposition nie rechnen. Dass ihnen ein veraltetes und ungerechtes Wahlrecht, ein Gewaltakt, diesmal noch die Oberhand verschafft hat, ist eine bedauerliche Erscheinung, die aber nicht von Dauer sein kann, weil sie sich auf Unrecht gründet. Der Zudrang dieser aus ihrer selbstbewussten Ruhe aufgescheuchten Machthaber ist nur erfreulich, denn er liefert den Beweis, dass der zionistische und nationale Gedanke immer klarere Formen annimmt, seine Volkstümlichkeit erkannt, voll gewertet und von den Allgewaltigen gefürchtet wird. Mit seinem dezidierten Eintreten für die Kultuspartei hat der Geldadel nur den Charakter der letzteren schärfer hervorgehoben, sie nur allzu deutlich als sein gefügiges Werkzeug gekennzeichnet. Der zionistischen Opposition kann die geschaffene Klarheit nur höchst erwünscht sein, denn sie ist ganz danach angetan, den demokratischen Gedanken zu fördern und die breite jüdische Oeffentlichkeit Freunde und Feinde erkennen zu lassen. Die Agitation wurde seitens der Offiziellen fieberhaft betrieben, der letzte Mann aufgeboten und kein Mittel ungenützt gelassen. Mit dem Wahlrechtsraub liess man es nicht genug sein. Es wurden Kultusbeamte auf die Wählerschaft gehetzt, anrüchige Pressorgane, aus Gemeindemitteln subventioniert, mit der Propaganda betraut, von der Kanzel herab und in der Gemeindestube wurden Lügen offiziell kolportiert, ja, man hat die Unterschriften bekannter Wiener Juden auf Wahlaufrufen gefälscht. Man begreift im ersten Momente nicht recht, wie sich Männer von Stand und Ansnhen und im Privatleben der Mehrzahl nach ehrenhaft, die offiziellen Führer, so weit erniedrigen und sich einer derartigen, speziell im jüdischen Leben bis nun nie geübten Taktik befieissen können. Ein Umstand gibt des Rätsels Lösung: Der Kampf um dieWiener Ku lt u s g e m ein de ist heute ein eminent politischer Kampf. Die Jüdischnationalen sind heute nicht mehr als fantastische Schwärmer halb verächtlich, halb lächelnd abzutun. Sie haben kraftvoll in die österreichische Politik eingegriffen, sie haben die Juden national revolutioniert. Bisher war die Kultusgemeinde eine Agentie der deutschliberalen, der deutschdemokratischen, kurz aller Schwindelparteien, die ausschliesslich von der politischen Kurzsichtigkeit der Juden leben. Wenn die Jüdischnationalen sich ihrer bemächtigen wollen, geschieht es in erster Linie, um diesem schmachvollen Zustande ein Ende zu bereiten. Auch die Jüdischnationalen wollen sich dieses Instrumentes bedienen, um die politische Haltung der Wiener Judenschaft zu beeinflussen. Die Wiener Juden sollen aus der Gesellschaft jüdischer und christlicher Streber und Oeschäftspolitik°r herausgerissen und einer ehrlichen, demokratischen, nationalen Volkspolitik gewonnen werden. Das haben die Gegner endlich erkannt und darum dieses verzweifelte Kämpfen, diese skrupellose Agitation, dieses wütende Ringenuin dehietztenünterschlupf der korrupten Asssimilationsp ol itik! Diesmal hat endlich Programm gegen Programm, die Assimilation gegen den zionistischen Nationalgedanken gekämpft. Dieser Kampf war ein wesentlich anderer, ein viel wichtigerer als alle vorhergehenden. Dass diesmal noch Verzweiflung und Niedertracht über unsere dezimierten Reihen numerisch siegen konnten, hat wenig zu sagen. Diese Niederlage bedeutet mehr als mancher Sieg. Der Gegner hat seinen letzten Mann aufgeboten, wir aber stehen im Anbeginne unserer Entwicklung. Dieser Kampf war gut und wertvoll. Er hat uns den Wert einer festen, entschlossenen und rücksichtslosen Stellung doppelt schätzen gelehrt. Er hat, zum Schrecken aller lichtscheuen Assimilationspolitiker, Klarheit geschaffen und uns den Weg gezeigt, der zum Siege führt. Ein deutsch-akademisches Heldenstückchen. An den Hochschulen Oesterreichs ha/ aie deutschnationale Jugend Oesterreichs eil. Schreckensregiment etabliert. Was sich nicht a>S Deutsch bekennt, wird als geduldeter „Gast” behandelt und, je nach Laune, angerempelt, geschmäht und verprügelt. Alle Bübereien werden unter der Spitzmarke „Nationale Schutzarbeit“ verübt, von der Presse als „Heldentaten” bejubelt uwl den akademischen Behörden, welche anderen Studenten bei dem geringstem Anlasse mit scharten und schönsten Massregeln auizuwarten wissen, sahen ruhig zu und wahren „wohlwollendste“ Passivität. Besonders an der Wiener Universität sind die Zustände einfach unhaltbar geworden. Es vergeht ke;ne Woche, ohne dass sich Uebermut und Uebermacht ein Opfer ausersehen. Bald sind's die Slawen. bald die Juden und jetzt die Italiener. Die letzten gegen die Zionisten gerichteten Angriffe der deutschen Heldetijünglinge wurden bereits ausführlich geschildert. Nunmehr kamen die Italiener an die Reihe. Statt sich von einer zehnfachen deutschen Majorität ergebenst prügeln zu lassen, alle gerechten nationalen Forderungen ruhig zuriickzustellen und respektvoll verzückt und entblössten Hauptes den Klängen der „Wacht am Rhein" zu horchen, haben die Italiener die Frechheit besessen, sich rücksichtslos und verzweifelt zu wehren. Sie haben auf die Uebermacht geschossen! Nun schreit die deutsche Hetzpresse „Weh” und die Heidenjiingiinge jammern „Ach". Der Gebrauch von Schusswaffen kann gewiss niemanden gefallen. Aber die deutschnationalen Studenten sind die letzten, welche sich über Gewalt beklagen dürfen. Wenn sie sich jetzt au die Bevölkerung um „Schutz" wenden und davon sprechen, dass „Zionisten. Slawen und Italiener „einzelne“ wehrlose deutsche Studenten überfallen und misshandeln”, so treiben sie die freche Heuchelei nur auf die Spitze. Nie h a I) e n Zionisten hei mtückisch angegriffen. Die deutschnationaleii Studenten waren es, die feiger Weise den Juden die Ehre abgesproehen. einzelne Juden überfallen. jüdische Studentinnen und Greise misshandelt haben. Den Aufruf, den die stolzen Sprösslinge des deutschen Edelvolkes erlassen haben, ist, soweit er die Zionisten betrifft, ein lügnerisches Pamphlet. Unsere zionistische Jugend hat gelernt, sieh tapfer zu wehren und keinen Schimpf uiigesiihnt zu lassen- Die Waffen der Feigheit und' Tücke überlässt sie den antisemitischen Pogromheiden der I Wiener Aula. - derssprachigen Zeitungen obliegen soll; 2. eines philologischen Komitees (einer Akademie zur Erforschung der hebräischen Sprache entsprechend); 3. eines pädagogischen Komitees (in der Form eines Lehrerverbandes); 4. eines Komitees für hebräische Konversation (Ibriah); 6. eines literarischen Schiedsgerichtes; 6. eines Komitees zur Herausgabe hebräischer Bücher und Zeitschriften (einer Verlagsanstalt); 7. eines Fonds für hebräischkulturelle Zwecke, das ist für die vom Kultuskongress beschlossenen Gründungen. Das ist der Inhalt des Braininschen Aufrufes: Es wäre sehr schön, wenn alles durchgeführt würde. Man muss aber den Erfolg bezweifeln. Uns fehlen keine Gedanken und Vorschläge. Uns fehlt es an Menschen, an Arbeitern, welche. die Vorschläge durchführen sollten. Wir haben eine „Safoh brurah“, eine „Agudas Sofrim“, eine „Ibriah“, den „Sinai“ und andere Institutionen gehabt. In einigen dieser Institutionen war Brainin der Spiritus agens und er sollte wissen, dass all diese Einrichtungen vieles hätten ausrichten können. Wenn aber bis jetzt nichts geschehen ist, so ist es darum, weil nur Plänemacher aber keine Arbeiter da waren. 1—w. Allerlei. . Taschlich in Newyork. Amerika zeigt immer etwas Neues, in der alten Welt Unbekanntes. Wer würde in Europa, denken, dass in der Metropole der neuen Welt der Gebrauch des Taschlich- Machens geradezu zu einem Stadtereignis geworden wäre? Aber dennoch ist dem so. Das jüdische Viertel von Newyork. grösstenteils von Exulanten des Zarenreiches bewohnt, liegt an dem Ufer des sogenannten Ost-Flusses (East-River), welcher von zwei mächtigen Hängebrücken, der Brooklynbrücke und der Williamsburgbrücke, überspannt wird. Diese Brücken werden seit einigen Jahren von den Tausenden östlicher Juden, die noch treu an den überlieferten Gebräuchen festhaiten. mit Vorliebe als geeignete Stätten zur Vornahme des Taschlich-Ritus gewählt. Am zweiten Tage des Neujahrsfestes dieses Jahres schätzte man die Zahl der betenden Männer, Frauen und Kinder, die sich;m Laufe des Nachmittags auf die Brücken begaben, auf über hunderttausend. Es war ein merkwürdiger Anblick und viele Nichtjuden hatten sich eingefunden. um dem Akte zuzuschauen. Am folgenden Tage brachten sämtliche Zeitungen Berichte darüber, die in durchaus sympathischem Tone gehalten waren. Der „Evening Sun“ hatte sogar einen Leitartikel darüber gebracht, der in ganz gelungener Weise eine Erklärung des Brauches als Symbol der sittlichen Reinigung und der Befreiung von Sünde gibt, die dem Juden in dieser Zeit von seiner Re- I'gion zur Pflicht gemacht wird. Die Rauchleidenschait bei den semitischen Völkern. Die „Jewish Chronlcle" in London veröffentlicht einen sehr interessanten Artikel über die Rauchleidenschaft bei den semitischen Völkern, und ganz besonders bei den Juden. Sie bezeichnen die Rauchleidenschaft als ein direkt charakteristisches Zeichen der jüdischen Rasse. Die Rasse ergibt sich dieser Leidenschaft nicht nur aus Gewohnheit, sondern empfindet das Rauchen als. Temperamentssache. Gleich den alten Damen. d:e gerne und viel starken Kaiiee oder Tee trinken, so zwingt die Nervosität die Semiten zum Tabaksgebrauch. Bemerkenswert ist die auf englischen Bühnen gebräuchliche Darstellung des jüdischen Intriganten. Wahrend sein christlicher Bruder mit augfedrehtem Schnurrbart und einer Zigarette m Munde erschein, wird der jüdische Intrigant mit e ner grossen Nase und einer dicken schwarzen Zigarre im Munde dargestellt. Auch die übrigen semitischen Völker fröhnten dem Tabak über alle Massen und rauchen mit Leidenschaft besonders die schweren Wasserpfeifen. Eine jüdische Abteilung im amerikanischen Nationalmuseum. Das Nationalmuseum der Vereinigten Staaten besitzt eine grosse Sammlung jiid'scher Kultusobjekte, die jetzt gesichtet und n euer eigenen Abteilung des Museums untergebracht wurden. Das Museum liess über diese Gegenstände von den jüdischen Gelehrten Dr. Cyrus Adler und J. N. Casanowicz einen separaten Katalog anfertigen, in welchem nebst den Abbildungen der interessanteren Objekte, auch das Historicum derselben gegeben wird. Die Herausgeber des Katalogs sagen in ihrem Vorworte, dass diese Sammlung des amerikanischen Nationalmuseums eine der wertvollsten und bedeutendsten in der ganzen Welt ist und ihre Katalogisierung und Beschreibung den Forschern dieses Faches hervorragende Dienste leisten können. ' - _

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.