Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 48 selbst auf den neuen Wegen, die sie einschlägt, mit geradezu überraschender Deutlichkeit darbietet. Solch ein Fingerzeig ist die Umwälzung in der Türkei und das Erwachen des alten Orients, dessen Augenzeugen wir heute sind. Die letzten Ereignisse bilden nicht etwas Zufälliges, Vorübergehendes, sondern haben ihre Ursache in einer langen Reihe von Erscheinungen, die zur technischen Erschliessung Vorderasiens und der Anreihung dieser ältesten brachliegenden Gebiete an. unsere heutige Kulturwelt führen müssen. Während an er die Jungtürken oder vielmehr das türkische Volk sein grösstes Interesse und seine ganze Energie dem Balkan zuwenden muss, bedarf es für seine weitverzweigten Hinterländer: Anatolien, Mesopotamien und vor allem Syrien und Palästina eines neuen Menschenzuflusses und äusserer materieller Mittel. Auch sind die Bewohner dieser Länder noch nicht dazu herangereift, die Kultur in ihrer vollkommensten Ausgestaltung aufzunehmen. Die Zuleitung eines Stromes europäischer Kulturelemente wäre in jeder Beziehung erwünscht Das grosse Werk kann nicht verheissungsvoller in Angriff genommen werden als dadurch, dass es einsetzt, wo sich ihm die historischen Ueberlieferungen zur Anknüpfung darbieten. Und diese weisen deutlich genug auf die Juden hin, welche nicht aufgehört haben, die Kultur des Okzidents in sich aufzunehmen und darum jetzt am geeignetesten sind, sie im Orient, in ihrer geschichtlichen Heimstätte als Bürger und Pioniere dem geliebten Boden einzupflanzen. Die Juden als Sendboten der Kultur werden kein territoriales und kein Machtinteresse irgend einer einzelnen Macht vertreten, sie repräsentieren, politisch betrachtet, im eminentesten Sinne das neutrale Weltbürgertum. Eben deshalb vereinigen sie in sich alle Bedingungen, um in erster Reihe und insbesondere auf dem Boden ihrer alten Heimat erfolgreich an der Verwirklichung des grossen Gedankens mitzuarbeiten, der sich anschickt. auf der Lokomotive die Urstätten der Weltzivilisation zu durchfahren, sie für dieselbe zurückgewinnen. Und sind denn auf ihre äusseren Merkmale geprüft die europäischen Ausfahrten nach China, die Besiedlungen in Afrika so sehr verschieden von dem zionistischen Ziele? Ueberschüssige Kraft findet in Europa keine entsprechende Verwendung und sucht eine solche weit draussen, wo rückständige Länder und Völker ihrer zu kultureller Förderung bedürfen. Fruchtbare Kraft, die man in europäischen Ländern niederhält, will der Zionisbemerkl, die erste jüdische Tageszeitung in Palästina: „Cbawazeles“ erscheint viermal wöchentlich; „Hapoel Hazoir“ monatlich und der „Haomer* periodisch. Einige Jahre sind vorüber. Bevor noch der Schall der fröhlichen Renaissancelieder verhallt war, begann man schon die Grabgesänge für die jüdischen literarischen Unternehmungen anzustimmen. Die Jargonausgabe der „Welt“, die-„Hammer“ Ausgaben und noch andere literarische Unternehmungen wurden aufgegeben. Die „Literarischen Monatsschriften“, das jüdische Organ der jüdischen Intelligenz ist mit Mühe und Not vier Hefte alt geworden und starb schliesslich eines sanften Todes. Nun ist auch der „Fraind“ eingegangen. Einige Jahre bloss dauerte der jüdische Rummel und alles, was den Ehrgeiz hatte, ehrlich und anständig zu sein, konnten sich nicht halten. Am Leben geblieben sind das „Tagblatt“ (Wilna), der „Hajut“, „UnserLeben“, der „Landschadchen“, die gesamte marktschreierische Presse, mit ihren „Tagebüchern eines Dienstmädchens“ und ihren Geschichten für Hausmeister und Greisler. Diese Entwicklung auf dem literarischen Markte des jüdischen Russlands ist kein Zufall. Dieselbe Erscheinung ist in Amerika zu verzeichnen, trotzdem dort ein zahlreiches jüdisches Publikum lebt und der Jargon gang und gäbe ist, so dass man meinen müsste, dass die besten Bedingungen für die Entwicklung der jüdischen Presse gegeben sind. Tatsächlich haben unsere Leute von der jüdischen Presse und der jüdischen Literatur in mus sammeln und nach Palästina verpflanzen, damit sie dort für sich selbst, für die Wiedergeburt der Türkei und für die gesamte Kultur sich bewähre. Auch dieser Zusammenhang, den man fürwahr nicht erst künstlich zu konstruieren nötig hat, zeigt, dass die Judenfrage etne Wellfrage ist. Als solche aber reicht sie über alle Sonderkämpfe hinaus. Allerdings behaupten viele, dass es auf bereits bebauter Scholle in der Fremde behaglicher zu leben ist, als auf erst zu bebauender im heimatlichen Eigenbereiche. Man stelle sich aber die Wandlung vor. Wenn erst europäische Ingenieure und Techniker, wenn geschulte und emsige Handelsleute, wenn opferbereite Kapitalisten sich einfinden, wie rasch und erfolgreich könnte das „heilige“ Land in ein Land der Arbeit für das heimatlose jüdische Proletariat, die orientalische Stagnation in lebendig pulsierendes, produktives, Werte schaffendes und umsetzendes Gedeihen verwandelt werden. Palästina wieder ein blühendes Land, eine Stätte eigener Wohlfahrt und völkerverbindenden Verkehrs! Die grosse Wandlung unserer Zeit ist im Zionismus lebendig und zu den Pionieren der unwiderstehlichen modernen Kulturexpansion stellt auch er sein Kontingent, um es dort, wohin alle Bedingungen der Zugehörigkeit es rufen, nutzbar zu machen. Nichts kann moderner und fortschrittlicher sein als der Zionismus, der zugleich in dem weiten Geleise des allgemeinen Kolonisationstriebes und in dem engeren der nationalen Selbstbesinnung mit allen übrigen vorwärts drängt. Nicht in der charakterlosen Selbstentäusserung, welche sich Assimilation nennt, liegt die Erfüllung eines geschichtlichen Berufes, sondern in der Verbindung des natürlichen Selbsterbaltungszweckes mit den allgemeinen Bedürfnissen. Nicht dort, wo die Kulturschande von Rennes, Polna, Könitz und Kischenew möglich ist, haben die Juden ihr volles Bürgertum zu erhoffen. Erst wenn sie mit dem alten Spruche werden sagen dürfen; „Musst mir meine' Hütte doch lassen stehen, die du nicht gebaut J* Erst dann wird die Judenfrage, diese heikle Frage, an der heute die ganze Menschheit krankt, imidealsten Sinne und vollkommen gelöst sein. R. N. N. ' Die Wiener Kultuswahlen. Die Wiener Kultuswahlen haben mit einem Siege der offiziellen Kandidaten geendet. Während die Zahl der oppositionellen Stimmen relativ die gleiche blieb (vor zwei Jahren haben von 18.000 Wahlberechtigten Amerika Wunder erzählt: die Zahl der Abonnenten zählt nach Zehntausenden, die jüdischen Bücher erleben Riesenauüagen und das jüdische Theater — da ging schon den Lobes- und Kulturgigerln vor lauter Entzücken der Atem aus. Wir haben aber schon eie amerikanische Phraseologie zur Genüge kennen gelernt und wissen, dass wir keinen Grund haben, unsere amerikanischen Brüder zu beneiden. Die amerikanische Presse, der sozialdemokratische „Vorwärts“, die schwankende „Wahrheit“, die bourgeoisen „Morgenblatt“, „Jiddische Gazetten“ und die anderen Bluff-Zeitungen sind unter jeder Kritik. Das sind „Business-Blätter“ allergröbster und allerniedrigster Sorte. Was ihre literarischen Macher anlangt, kann man ausser auf Jehoasch auf alle, selbst auf den grossen (in Gänsefüsschen) Jakob Gordin verzichten. Es ist kein Zufall, dass die Jargonrenaissance schliesslich in der Küche und in dem Fleischhauerladen gelandet ist Sowohl in Amerika als auch in Russland hat die Entwicklung diesen Weg genommen, mit dem Unterschiede, dass in Amerika die Entwicklung ihren Weg aus der Küche nahm und in die Küche kam, während in Russland der Ausgangspunkt der Salon war und die Landung in der Küche erfolgte; Begonnen hat man mit dem „Jud“ und gekommen ist man bis zum „Hajnt“ und „Landschadchen“. Die Entwicklung haben Abrahamowitz, Rabinowitz, Perez, Asch, Nomberg und Reisen vorbereitet und heute — leben die Schund- und Küchenromane. Jetzt.erst verstehe ich Rüben Brainin? aristozirka 1800, heuer von 1(L500 zirka 1100 oppositionell gestimmt),, ist 4ie' Zahl der für die Offiziellen abgegebenen Stimmen beträchtlich gewachsen auf durchschnittlich 38u0. Das Ergebnis wird in weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung eine lebhafte Diskussion entfesseln und hüben und drüben agitatorische Verwendung finden. Dass auf Grund der nackten Ziffern im gegnerischen Lager, teilweise auch von Nänerstehenden, von einem „glänzenden“ Siege des alten, konservativen „Systems“ gesprochen werden wird, ist gewiss. Die Betrachtung der Bedingungen, unter welchen die Wahl vollzogen wurde, und der Erscheinungen, die während des Kampfes zutage getreten sind, lassen jedoch zu gegenteiligen Schlüssen gelangen. Das numerische Ergebnis war in erster Linie durch den seitens der herrschenden Kultuspartei verübten Wahlrechtsraub bedingt. Auch heute, also nicht mehr in der Hitze des unmittelbaren Kampfes und nicht mehr unter dem Diktate der Wahlagitation, kann 'das Vorgehen des Kultusvorständes nicht gelinder qualifiziert werden. Der Umstand, dass von 22.000 Kultussteuerträgern fast 12.0u0 ohne Federlesen ihres Wahlrechtes für verlustig erklärt werden, ist an sich ganz ungeheuerlich und steht in der Geschichte aller Vertretungskörper ohne Beispiel da. Die Motivierung dieser Massnahme gestaltet sie noch krasser und drückt ihr vollends den Stempel der Gewalttätigkeit auf. Weil sie mit der letzten Steuerquote um einige Wochen im Rückstände geblieben sind, nimmt man Leuten, die seit 20 Jahren und länger Steuerträger und Wähler sind, das Wahlrecht! Die Bestimmung des Statutes, welches diese Massregel vorschreibt, ist so alt wie das Statut selbst. Nie aber ist es während der Jahre jemandem eingefallen, von diesem unmodernsten, widersinnigsten und ungerechtesten aller Paragraphen Gebrauch zu machen. Heuer, zum ersten Male, in der unsäglichen Angst vor der Opposition, hat man ihn ohne vorherige, ausreichende Ankündigung zur Anwendung gebracht. Nur um die Opposition zu erdrosseln! Der Ein wand, dass beide Teile auch nur annähernd gieicbmässig betroffen wurden, ist eine lächerliche Notlüge. Die Rückstände rühren lediglich aus den mittleren und unteren Schichten der Steuerzahler her, wo man von der bisher anstandslos gewährtenStundung gezwungenermassen Gebrauch macht. Es hat sich auch am Tage der Wahl gezeigt, dass fast alle Gew erb s- und kleineren Hande’lsleute, Beamte und jungen kratische Ausführungen im „Haolam“, dass er den Jargon trotz der Masse, die hinter ihm steht, nicht beneide und dass er auf das Hebräische und seinen kleinen Leserkreis stolz sei. Freilich, man soll die Masse erziehen. Und die Kunst ist tatsächlich ein pädagogischer Faktor von grosser Bedeutung, aber nicht jeder Künstler will und kann Pädagoge sein und ohne den pädagogischen Zwang will und kann er nicht den Schweiss- und Küchengeruch der grossen Masse einatmen. Trotz seiner aristokratischen Haltung will Brainin doch die grosse jüdische Masse für das Hebräische gewinnen und im Vereine mit Doktor Lewin und Dr. Hellmann plant er die Einberufung eines Kulturkongresses für das nächste Jahrln seinem Aufrufe (erschienen im „Hedhasman“) führt er aus: Die jetzige Zeit ist kritisch. Die hebräische Literatur hat noch nie eine so schlechte Zeit durchgemacht. Und wenn wir uns nicht vereinigen und organisieren und alle Mittel anwenden, um die hebräische Sprache und Literatur zu beleben und unter allen Schichten des jüdischen Volkes zu verbreiten, dann müssen wir daran zweifeln, ob unsere Kindei unseren nationalen Idealen treu bleiben werden. Aus diesem Grunde lädt er alle Hebraisten zum Kongress ein und schlägt vor die Gründung: 1. eines Agitationskomitees, dem die unabhängige Propaganda für die hebräische Sprache und Literatur, die Schaffung von Lesehallen und hebräischen Schulen, die Herausgabe von Flugblättern, die Abfassung von Artikeln in hebräischen und an-