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Jüdische Zeitung · 1908-11-27 · 48 (27.11.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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□-c Redaktion, Administration und Wochenschrift. P' - Q Abonnementspreise: j Inseratenaufnahme: In Oesterreich-Ungatn: IX., (färitensiFasse $p. 9- Erscheint jeden Freitag. Ganzjähr. K 10.—. halbjähr. K 5.—, v.erteijähr. K 3.—.! Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: Verkaufsstellen in Wien: Admistration, Turkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Alk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10 —12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. vormittags. n . r Einzelne Nunamern 20 Heller. Im übrigen Ausland ganzj. Fräs. 15.—. Ü C Manuskripte werden nickt zurückgesteilt. Vertretungen In der Provinz: Manuskripte werden nloht zurückgestellt. In Brünn: Zeitungsburean, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitunsverschleiss Wlzek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buahstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 48 Wien, Freitag, den 27. November 1908. II. Jahrgang. ftas den) $i)balte: Eine Weltfrage. Die Wiener Kultuswahlen. Ein deutsch-akademisches Heldenstückchen. Aus dem jüdischen Leben: Luegers polnische Parteigenossen. Polonyi redivivus. Galizischer Judenhass etc. j~Lektor Friedmann, j Eine Lektion über Anstand. Palästina. Feuilleton: Aus der jüdischen Presse. Liste der Ueberläufer. Vereinsnachrichten. Parteinaohrichten. Eine Weitfrage. . . ... Von einem Christen. . - »Der kranke Mann“ am Bosporus hat viele Jahrhunderte die christliche Welt beschäftigt und die Diplomatie der Grossstaaten in steter Unruhe gehalten. Nun aber beginnt der Kranke sich zu regen, erwacht aus seinem trägen dolce far niente und zeigt merkbare Symptome der Genesung. Die orientalische Frage tritt so von selbst ihrer Lösung entgegen. In gewisser Beziehung zur orientalischen steht eine andere, viel ältere, sämtliche Völker und Länder berührende Weltfrage: Wohin mit den Juden? Heute mehr als jemals bedarf es einer Antwort. Die Judenfrage nimmt unter den Weltfragen einen ganz eigentümlichen Platz ein, weil sie zugleich die objektiven und subjektiven Merkmale eines über die ganze Welt ausgedehnten Problems besitzt. Die Juden sind über die Welt zerstreut. Man findet sie als Kanfleute in Wladiwostok, als Goldgräber in Klondyke und Transvaal, als Tierhändler in Kassala, als Kommissionäre in Hammerfest. Ihr Verhältnis in und zum Staate ist überall ein Thema, um das man sich nicht mit Stillschweigen und Hinwegsehen herumdrücken kann. Es ist dabei ganz glelcbgiltig, ob es sich um einen konstitutionell oder absolutistisch regierten Staat, um eine nationale oder föderalistische Republik handelt, ln Russland und Rumänien sind es Ausnahmsgesetze, in Amerika die Immigrationsbill, in Oesterreich- Ungarn ökonomischer Boykott, in Deutschland und Frankreich gesellschaftliche Isolierung usw. Aber mit dem Geschicke der Juden selbst, mit der Verschiedenheit der Behandlung, die ihnen zuteil wird, ist das Problem nicht erschöpft. Es fragt sich auch, . ob die .luden aus der geschichtlich gewordenen Gesellschaftsordnung, aus dem Handel und Wandel, aus der Reihe der produktiven Elemente hinweggedacht werden können, ohne dass eine klaffende Lücke entsteht. Ueberall ist eine grosse Scheu vorhanden, sich nach dieser Richtung hin mit dem Judenprobleme auseinanderzusetzen. Auch die konsequentesten Antisemiten und Nationalisten sagen nicht: .Wir wollen die Juden austreiben“; sie sagen nur: .Die Juden sollen mit uns nicht Recht und Wohlfahrt teilen.“ Und darum hat der Zionismus, der keine Sekte, sondern der wahre Ausdruck des Judentums ist, die Forderung formuliert, dass den Juden, die nicht bleiben wollen oder können, wo ihnen Recht und Wohlfahrt versagt sind, auf dem Boden ihrer alten Heimat eine rechtlich gesicherte Heimstätte eingeräumt werde. Es gibt keine geradlinigere Logik und keinen unzerre:~ bareren Causalnexus. Die Judenfrage ist nicht, wie die meisten übrigen Weltfragen, eine Machtfrage. Sie i-t ganz und gar eine Kulturfrage. Nicht von Macht zu Macht kann sie gelöst werden, sondern alle Mächte werden früher oder später zu ihrer Lösung sich vereinigen müssen, weil sie dazu durch die Unwiderstehlichkeit des Kulturbedürfnisses genötigt sein werden. Man kann Neger und Kulis hin und her schicken, ohne sich viel darum zu kümmern, ob Recht und Menschlichkeit zu erröten Ursache haben; aber die Juden sind ein Teil der heutigen Kulturwelt, sie haben zu dem ethischen und moralischen Fundament derselben die Grundsteine gelegt, sie sind mit ihr im Gange der geschichtlichen Ereignisse geistig und materiell so sehr verwachsen, dass es nicht möglich ist — ein umgekehrter Sprach der Porzia —, dieses Pfund Fleisch aus der Kulturwelt herauszuschneiden, ohne dieselbe der Gefahr der Verblutung anszusetzen. Es wird also ein Weg der Lösung gefunden werden müssen, das Wertelement, welches die Juden in der allgemeinen Kultur darstellen, für diese zu erhalten, zugleich aber dem Rechte, das sie beanspruchen, Rechnung zu tragen. Nicht bloss im Interesse der Juden, sondern im Interesse aller. Was nun der Zionismus anstrebt, bedeutet, dass nicht bloss den Juden um ihretwillen eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu freier und menschenwürdiger Entfaltung eingeräumt werde, sondern auch um der anderen willen, denen die jüdische Kulturarbeit zustatten kommen wird. Wie zu diesem Ziele zu gelangen ist, kann man aus mancherlei Fingerzeigen entnehmen, welche die Kultur FEUILLETON. Aus der jüdischen Presse. Seelenandacht soll hier abgehalten werden. Die jüdische Welt hat in den letzten Tagen zwei Tote zu Grabe getragen. Zwei Lebewesen haben ihre Seele ausgehaucht. Kein Auge ist darob nass, kein Klagelaut hörbar geworden. Sang- und klanglos liess man sie ins Nichts versinken. Hier aber soll ihrer gedacht werden. Zwei jüdische Zeitungen sind gestorben: „Dr. Birnbaums jüdische Wochenschrift“, im Alter von 7 Wochen und der »Fraind“, das älteste und beste jüdische Tagblatt. Nur sehr wenige erfuhren von der Geburt der Bimbaumschen Wochenschrift, die Zahl derjenigen, die von ihrem Leben Notiz nahmen, war nicht grösser. Darum haben auch nur wenige über ihren Tod geweint. Anders verhält es sich mit dem „Fraind“. Er war das einzige ernste und vornehm redigierte jüdische Blatt unter allen jüdischen Zeitungen Europas und Amerikas; bei seiner Geburt lebten die Hoffnungen vieler Juden, die man heule „Yiddischisten“ nennt, auf; sein Einfluss machte sich, zeit seines Lebens, in der jüdischen Welt fühlbar. Er war zwar ein wenig behäbig, in der letzten Zeit liebäugelte er mit manchen rückständigen Strömungen. Als durch Russland ein Sturm brauste, gewöhnte er sich sogar ans Bücken; im Grunde genommen aber war er ehrlich. Eine Eigenschaft, die man nicht genug hervorheben kann. Umso bedauerlicher ist es, dass der „Fraind“ zugrundegegangen, während die „gelbe Presse“ trotz oder wegen ihrer ekelhaften zynischen Scheinheiligkeit in der jüdischen Masse Triumphe feiert. Der „Fraind“ wurde zugleich mit der Wiener „Zeit“ begründet. Wie allgemein behauptet wird, ist die „Zeit“ ein Judenblatt, das heisst mit jüdischem Gelde gegründet worden. Man sagt, dass der „Zeit“ Millionen zur Verfügung standen. Der „Fraind“ besass nichts als eine Konzession, was freilich in Russland speziell für eine jüdische Zeilung sehr viel bedeutete. Ohne Millionen, ohne Hinterbörsenmänner, ohne Banksubventionen trat der „Fraind“ ins Leben und entwickelte sich zusehends. Die Abonnentenzahl stieg von Tag zu Tag; 10.000! 15.000! 20.000! Die Yiddischisten tanzten vor Freude. 20.000 Abonnenten nach einem Zeiträume von wenigen Monaten! Und obendrein bei einer jüdischen Zeitung! Die Abonnentenzahl stieg immer mehr. Man sagt, sie hatte 70.000 erreicht. Während derselben Zeit verschwanden die hebräischen Zeitungen eine nach der anderen. Der alte „Hameliz“, der junge „Hazofeh“ die verjüngte „Hazefiroh“, der „Haschiloach“, der „Ham’ozer“, alle gingen ein! Der „Fraind“ aber gedieh vortrefflich und neben ihm entstanden neue jüdische Bläiter. Die Freude der „Yiddischisten“ war grenzenlos. War denn diese Entwicklung der jüdischen Presse nicht der beste Beweis für die Lebenskraft unserer Volkssprache und die Abgelebtheit des Hebräischen? Einige Jahre sind vorüber. Wir können jetzt untersuchen, in welchem Masse sich die Hoffnungen der Jiddischisten verwirklicht haben. Einige Jahre sind vorüber und in der hebräischen Literatur regt sich neues Leben. Freilich einer grossen Abonnentenzahl können sich die hebräischen Unternehmungen nicht rühmen. Aber sie leben, wenn auch bescheiden, so doch ansländig und ernst. Das Tagblatt „Hed Hasman“ entwickelt sich, der „Haschiloach“ hat jetzt mehr Abonnenten als um jene Zeit, während welcher Lieder zu Ehren der Renaissance des Hebräischen angestimmt wurden. „Hassafrus“ hat bereits das dritte Buch herausgegeben und gut abgesetzt; derselbe Verlag schreitet an die Ausgabe einer literarischen Wochenschrijt „Rsehutim“; in Palästina hat die hebräische Tagespresse einen verhältnismässig grossen Aufschwung genommen; der „Hazori“ erscheint täglich und ist nebenbei

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