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Jüdische Zeitung · 1908-11-20 · 47 (20.11.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 wurde, eröffnet. Hierauf ergriff der Referent Herr cand. iur Israel Taubes (,Emunah“) das Wort und betonte in seinen Ausführungen, dass . die Juden jetzt nicht nur die klerikale Bewegung, sondern einen viel ärgeren Feind, nämlich die verkappten Gegner, zu bekämpfen haben, welche die nationale Begeisterung auf ihre Fahne geschrieben und unter .Freisinn“ Unterdrückung der Juden verstehen. Der Referent gibt in seinen weiteren Ausführungen.ein Bild der letzten Vorfälle an -der Wiener Universität und befasst sieb mit der angeblichen Gefährdung des deutschen Gharakters der Wiener Universität durch die Juden, weist auf die Verhältnisse an unserer Universität hin, welche am eklatantesten die Unrichtigkeit und Böswilligkeit derartiger Behäup- . tungen beweisen und bespricht ferner die Haltung des Wiener Rektorates in dieser Angelegenheit Er schliesst mit einem heftigen Proteste gegen die Auswüchse des Chauvinismus, der so weit geht jüdischen Studenten Satisfaktion zu verweigern. Der Referent legt der Versammlung folgende Resolution vor, welche mit grossem Applaus einstimmig angenommen wurde: Die am 15. d. M. im Hörsaale V tagende jüdische Studentenversamraiung an der k. k. Franz Josephs-Universität in Czemowilz, protestiert energisch gegen die unerhört niedrige und tückische Art des Ueberfalles von deutschnationalen auf einzelne jüdischnationale Studenten. Sie sieht in den letzten Ueberfallen nur den Ausbruch einer schon seit Jahren geführten systematischen Hetze gegen die jüdischen Studenten an der Wiener Universität, einer Hetze, die darauf gerichtet ist, die jüdischen Studenten, nachdem Urnen durch die Weidhofener Beschlüsse die soziale Gleichwertigkeit abgesprochen wurde, auch noch von der Universität selbst zu verdrängen. Die Versammlung verwahrt . sich auf das entschiedenste dagegen, dass der Wiener akademische Senat, dem Drucke der deutschnationalen Studenten nachgebend, die in gerechter Abwehr um ihr Recht kämpfenden jüdischen Minoritäten ~mter Ausnahmsgesetze stellt, und erwartet vcu jener Behörde, dass sie den gefassten Beschluss ausser Kraft setzen werde. Die Versammlung drückt der für die Ehre und Vollberechtigung kämpfenden jüdischen Studentenschaft die herzlichsten Sympathien aus und erklärt feierlich, sie' mit alleu Mitteln in ihrem gerechten Kampfe zu unterstützen.“ — Der Seniorenkonvent der jüdischnationalen Verbindungen an . der Czeraowitzer Universität richtete an t das Exekutivkomitee der jüdischnalionalen Studentenschaft an den Wiener Hochschulen ein herzlichst gehaltenes Sympathietelegramm. — Ausserdem langten von allen Seiten Zusümmungskundgebungen ein. — Das über die. akademische Verbindung „Kadimah* verhängte Farbeuverbot wurde bereits am Samstag den 14. November aufgehoben und die Verbindung .Kadimah“ nahm auch am Bummel in Farben teil. Das Piüsidium begab sich nach dem Bummel zum Rektor und gab seiner Befriedigung über die Aufhebung' der ungerechten Massregel Ausdruck. Beim Christlich-deutschen Gesangs-Verein. Mein Freund, Herr Gschiesler, lud mich ein Zum christlich-deutschen Gesangsrerein — Ich sprach, ich sei leider nicht im Besitze Einer entsprechenden Unfallspolizze Und auch kein Freund der beschwerlichen Kuren Von Blutgeschwülsten und Gliederfrakturen, Er aber meinte, ich wäre ein Vieh Und er übernähme die Garantie. Des abends um halb -neun fuhren wir vor Beim Restaurant .Zum gtünenTor“, Zwei Herren mit übernatürlichen Füssen Bemühten sich eifrig, uns zu begrüssen; Doch schon bei der freundlichen Händereichung Empfand ich eine Knochenerweichung, Und lieblich^ lächelnd, trotz inuerer Qual Betrat ich mit Herzbeschwerden den SaaL Hier sass eine Menge von grossem Subjekten, Die kein besonderes Vertrauen erweckten, ln schwarzen Röcken und gelben Krawatten — Die Hände warfen bedenkliche Schatten. Und Hypertrophien des schwachen Geschlechts Bewegten die Köpfe nach links und rechts. Mein Freund,Herr Gschiesler, war wie zuHaus; .Mein Lieber, so sieht es bei Christen aus!“ .Sehr schön!“ sagte ich .Nur etwas heiss; - Und ferner riecht es sehr nach Schweiss!“ Drauf; sassen wir friedlich in einer Nische Und warteten auf das Künstlerische. JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Am Nebentisch sass ein Kooperator; Und ein Apotheker, der gleichfalls Potator, Daneben ein Mädchen mit Greichpn-Zöpfehen; An ihrer Nase hing einsam ein Tröpfchen. Da schlug eine grosse Trommel Bumbum, Die Sänger stiegen aufs Podium. Sie machten alle tiefernste Gesichter, Wie Richter oder salyrische Dichter, Und gleichsam zur Prüfung des künftigen Schalls Betasteten alle "den eigenen Hab. Jedoch in der Mitte der wogenden Schar Da stand ein Mann mit entsetzlichem Haar: Er war gestreift wie die Tigerkatze Und ähnelte einer Matrosenmatratze Und gab den Anschein durch häußges Beben, Als herrschte darinnen ein reges Leben. Der Mann schlug stampfend auf seinen Pult Als wäre dieser am Jucken schuld — Doch da verstummte der Lärm im Saal Und es hub an der .Deutsche Choral“. Das war ein Strom von gedehnten Tönen, Wie wenn sich Hunde zum 'Monde sehnen, Und der Dirigent mit dem zückenden Schopf Hob analog verzückt den Kopf — Mir war die Seele aufgetaut Und ich bekam eine Gänsehaut. Man sang von des Herzens geheimen Tri—hieben, Von ha—himlischer Se—liensucht und treuem Li—hieben, Dass der Himmel blau und die Wiesen so grün. Und dass nur in Deutschland die Blumen blüh’n, Das Solo .Es lebe Germania!“ Sang der Tenor Wenzel Skareda. Bei dem Piano, das hier entstand, Senkte der Meister die Taktslock-Hand, Die andere aber bewegte sich indessen Als wollte der Mann Zitronen pressen. Und als der erhebende Chorus aus Erhob sich ein Brüllen und wüster Applaus. Man äusserte Ueberschwaugs-Gefühle, Man schwenkte Tücher und stieg auf die Stühle — lm Auge der Maid haben Tränen geleuchtet, Sie war noch mehr als früher befeuchtet. Da plötzlich — mir stockte im Halse das Bier — Bewegte sich eine Gestalt vor mir — Ich kannte sie vom .Röten Ochsen“ Als Matador im Stemmen und Boxen, Privatim war sie Schankknecht bei Dreher, Und, wie ich bemerkte, hier Komiteeherr-.— Sie sprach mit Freund Gschiesler eindringlich und leise Und sah mich an bedrückenderweise, Ich hörte öfter das Wörtchen ,Jud* Und suchte schleunigst meinen Hut. Doch Gschiesler.bemerkte mit grosser List: .Der Herr bt nämlich J o u mal i s t!“ 0, Zauberwort! Jählings erhellt’ sich die Miene, Der ßulldogg lächelt wie Colombine — Er sagt: .Oes freugt müh!“, verbeugte sich tief Und quebchle mir meine Finger schief. .Erlauben Sü, üch heusse Schmitschka!“ (Er roch sehr stark nach Borowicka.) Drauf bat er mich noch hierzubleiben Und einen schönen Bericht zu schreiben — Ich gab ihm drauf mein Ehrenwort Und ging unter Goimel-Benschen fort. ■i Ich bin dem Worte treu geblieben Und habe einen Bericht geschrieben; Es bleibe natürlich dahingestellt,. Ob dieser Bericht Herrn Schmitschka gelallt — Ich will ihn nicht fragen, dieweil ich mich sehne Nach Seelenfrieden und Hygiene. Doch dir Freund Gschiesler, viel Dank für die Spur Zu Antisemitischem Wesen und Deutscher Kultur! Beda. Aus dem jüdischen Leben. Aron Vecht gestorben. Antwerpen. Am Sonntag den 8. d. JVL, nachmittags 5 Uhr, verschied in Antwerpen Herr Aron V e c h t, Mitglied des Grossen A. C., an den Folgen einer Operation, die zehn Tage vorher an ihm vorgenommen worden war. Dienstag den 10. November, früh um 9 Uhr, waren d e zahlreichen Freunde und Gesinnungsgenossen versammelt, um dem Verblichenen das letzte Geleite zu geben. Rabbiner Dr. Wiener widmete dem Verstorbenen im Trauerhause' einen wärm empfundenen Nachruf, worauf der Trauerzug sich in Bewegung setzte. Am Grabe sprach namens der zionistischen Organisation das Mitglied! des A. C. Herr Jean Fischer, der in glänzender Weise 'den Lebensgang des Verstorbenen und seine Bedeutung für den Zionismus schilderte. Es folgte eine kurze Ansprache von Herrn Dr. Mirkin, der den Toten im Namen des Misrach'i-VeTeins Bnei Zion als gesetzestreuen Juden feierte. Im Namen des Vereines Sephäth Zion sprach Herr NeumaTk und hob diie wohltätigen Eigenschaften des VerbLichenen besonders hervor. Zum Schluss sprach Herr Rabbiner De Vries aus Haarlem in holländischer Sprache. * * * "! Russische Cholerabekämpfung. Riga. Die Gesellschaft zur. Unterstützung armer und kranker Juden . in R:ga wandte. sich seinerzeit an d.e Stadtverwaltung mit, dem Ersuchen um eine materielle Beihilfe zur Herausgabe einer in jüdischer Sprache abgefassten Broschüre „Die Cholera und ihre Bekämpfung“. D.e. Bitte wurde damit motiviert, dass die jüdische Bevölkerung in Riga ungefähr 40.000 Seelen betrage, von denen ein sehr grosser Teil nur die jüdische Sprache versteht und erst nach fünf Wochen (!!), als in Riga die Cholera bereits längst erloschen war, erfolgte eine. Antwort der hohen Behörde, und zwar natürlich eine, ablehnende. Diese Entscheidung spricht Bände. Sogar angesichts einer solchen Gefahr, wie die Choleraepidemie ist, deren Verbreitung unter den Juden doch auch für d:e übrige Bevölkerung hätte im. höchsten Masse geiährlich . werden können, vermochte sich der. russische Tschinownik des altgewohnten Judenhasses nicht zu entschlagen ... * * * Graf Witte und die Juden. Petersburg. Grat Witte hat der russischen Presse folgende Mitteilungen zugehen lassen: „ Ich lese heute im „Golos Moskoi“ einen Artikel unter . den* TiteMi,Graf Witte und d'e dudeii“,1den wahr^ scfleinlich ’ jetzt deshalb veröffentlicht wird, weil ich fern von Russland weile. _ In diesem Artikel wird gesagt, dass zur Zeit, da ich Ministerpräsident war, die Frage der Beschränkung des zum Besuche höherer Lehranstalten zugegebenen Prozentsatzes von Juden im Miifsterrat erwogen wurde, und dass alle Minister, ich selbst eingeschlossen, nur mit Ausschluss zweier, Durnowo und Bjr.ley, gegen solche Beschränkungen waren. Das ist wahr- Aber die Zeitung berichtet weiter: Graf Witte a’s Premierminister wurde beauftragt, diese Entscheidung : dem Kaiser zu unterbreiten. . Einige Wochen später' fragten die Minister den Grafen über das Schicksal dieser Entscheidung, und Graf Witte antwortete, . es sei noch keine Bestimmung getroffen worden; aber ehwge■ Zeit später wurde es offenbar, dass der Graf, der sich so warm für eine Zurücknahme der Beschränkungen 'ausgesprochen hatte, die Entscheidung des M.nisterrates dem Zaren überhaupt nicht unterbreitet hatte: In seinen unaufhörlichen politischen Manövern hielt er es wahrscheinlich nicht für angebracht, sich selbst vor den höheren Instanzen als allzu liberal zu ze:gen, und so hielt er ieinfach d.e Entscheidung des Ministerrates geheim. Ich halte es für notwendig. zu erklären, dass dieses absolut unwahr ist“ -;.vi. . * * * Ein jüdischer Literatürverein Petersburg. In Petersburg wurden die Statuten der „Jüdischen Literarischen Gesellschaft“ zum Zwecke d&r Forschung und Entwicklung der wissenschaftlichen und schönen jüdischen Literatur in Hebräisch, Jargon und arideren Sprachen legalisiert. Die Gesellschaft hat das Recht auf Veranstaltung von. Versammlungen, Vorlesungen, literarischen Abenden, Ausstellungen usw. Ihre Tätigkeit erstreckt sich auf ganz Russland. * * * Freisprechung der beiden Brodsky Kiew. In dem bekannten Prozess gegen de beiden Söhne des. jüdischen Millionärs Brodsky, die während des Kiew.er Pogroms auf die Hooligans geschossen und einen derselben schwer verwunde:

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