Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438214--0866-2440416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 JÜDISCHE ZEITUNG Seite S zu habenden kaiserlichen Räten, Hofräten, Regieru'ngs- und Kommerzienräten und von 20 Kultusvorständen unterzeichnen lässt, sondern auch die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl der.Unterschriften direkt gefälscht ist Leider gestattete uns die Zeit nicht jeden einzelnen Herrn, dessen Unterschrift auf dem offiziellen Wahlaufruf prangt, zu fragen, ob die Unterfertigung mit seinem Wissen und Willen und nach Kenntnisnahme des Aufrufes erfolgt ist. Die wenigen Stichproben, die wir angestellt haben, zeigen, mit welcher Skrupellosigkeit die offiziellen Herrschaften fremde Namen zu ihren Zwecken benützen. So erklärte Herr Luzian Brunner im Aufträge des Herrn Regierungsrat Dr. Steger, dass dieser seine Unterschrift nicht gegeben hat. Herr Regierungsrat Steger fand es auch notwedig, zur Bekräftigung seiner Stellung zu den Kultuswahlen in der letzten Wählerversammlung der Opposition, die Donnerstag den 19. ds. stattfand, zu erscheinen und die Redner der Opposition zu beglückwünschen. Weiters erklärte Herr Plaschkes im Aufträge der Parteifreunde des Dr. Schwarz-Hitler, dass dieser seit drei Wochen in London, weile und vom Missbrauch seines Namens keine Kenntnis habe. Dieser Missbrauch ist um so verwerflicher, als es sich um den Repräsentanten einer Partei handelt, deren Wortführer ausdrücklich und schriftlich erklärt haben, dass — wie es bei einer demokratischen Partei selbstverständlich ist — sie bei den Kultuswahlen gegen die plutokratische Kahalpartei und für die Opposition stimmen werden. Zum Schlüsse veröffentlichen wir ein Schreiben, dass der Präsident der Israelitischen Allianz Herr David R. v. Gutmann an Herrn Luzian Brunner gerichtet hat: Wien, L Fichtegasse 10. 20. November 1908. Sehr geehrter Herr! Von einer Reise retour gekommen, finde ich Ihr geschätztes Schreiben vom 19. ds. vor und teile Ihnen mit, dass ich mich an dem fraglichen Zirkularschreiben nicht beteiligt habe und die Mitfertigung desselben durch meinem Namen ohne meine Berechtigung er- folgt iSt. •' ■ - Ich bitte Sie, hiervon gefälligst Kenntnis zu nehmen und begrüsse Sie hochachtungsvoll David G u t m a n n m. p. Mährischer Brief. ■ ■ As sl mi lanten politik. Seit dem Entstehen der jüdisch-nationalen Bewegung tobt in Prossnitz im jüdischen Lager ein beisser Kampf zwischen Zionisten und Assimilanten. Die letzteren — traurige Reste der verendenden deutschliberalen Partei — sahen durch den frischen Zug jungjüdischer Ideen die Kreise ihrer politischen Gschaftelhuberei gestört. Man muss aber diese Prossnitzer Assimilanten kennen, um die Taktik zu verstehen, die sie „Abwehr“ der jüdischnationalen Bewegung nennen. Wo sollte man denn die Af- . gumente hernehmen? Weit bequemer ist es, mit dem Mittel der Verdächtigung zu operieren. Die Juden dieses kleinen mährischen Städtchens, ein allezeit genussfrohes Völkchen, überliessen seit alters her ihre politische Führung einigen wenigen Männern, die im politischen Kannegiesserjargon am Biertisch die politischen Weisheiten und Enunziationen der „Neuen Freien Presse“ bewundern, die sich in liebedienerischer Weise ohne Rückgrat und ohne Mannesstolz von den deutschen Parteien ins Schlepptau nehmen lassen, und denselben auch dann .noch in angestammter Treue Heeresfolge leistet, als bei der letzten Landtagswahl den jüdischen Wählern ein deutschnationaler Antisemit als Kandidat präsentiert wurde. Die nahezu einmütige Ablehnung der frivolen Zumutung, und die Zuwendung der jüdischen Stimmen an den sozialdemokratischen Kandidaten, brachte die Zionisten in den Geruch der Deutschfeindlichkeit. Die Führer der Deutschliberalen Juden prägten das Schlagwort, die Zionisten seien Feinde der deutschen Kultur und des deutschen Besitzstandes und sehnsuchtsbange nach der Verbrüderung mit den Tschechen. Mit allen Mitteln skrupelloser Demagogie wurde gegen die Jüdischnationalen gehetzt. Stellten die Zionisten eine aktuelle Frage, wie zum Beispiel vor drei Jahren die Forderung nach Aut onomie in Diskussion und beriefen sie zu diesem Zwecke einen Referenten aus Wien, so wurde an demselben Abend im Deutschen Hause eine Gegenversammlung abgehalten, in der die entgegengesetzte Resolution gefasst wurde und schliesslich ging die deutsche Hauspartei soweit, den Festsaal zu einem Stiftungsfeste der zionistischen Ferialverbindung zu verweigern, was die Abhaltung der Feier im Arbeiterheim zur Folge hätte. Nun schritten die Jüdischnationalen an die Gründung eines eigenen Heims, und es entstand das jüdische Kasino, welches der Sammelpunkt der Prossnitzer Zionisten wurde. Die stattfindenden Diskussionsabende erfreuen sich eines imposanten Besuches; als nun die Liberalen von der ernsten Aufklärungsarbeit hörten, holten sie zu einem verzweifelten Schlage aus, der die Zionisten mit einem Male vernichten sollte. Einer ihrer Führer veröffentlichte im „Mährischen Tages boten* am 4. d. M. eine Notiz unter der Marke: „Die Lage der Deutschen in Prossnitz* und beschuldigt in derselben die Jödischnationalen in der perfidesten Weise. Der Rabbiner der Kultnsgemeinde, ein ob seiner vielseitigen Bildung allseits geachteter Mann, der von seinem stolzen Bekenntnis zum Nationaljudentum keinen Hehl macht, wird in diesem Artikel durch Anführung notorischer Unwahrheiten, in unerhört frivoler Weise besudelt. Ihm sowohl, als einem Professor an der deutschen Staatsrealschale, der stark im Vordergründe der Bewegung steht, wird öffentlich vorgeworfen, dass sie gegen die deutsche Schule kämpfen. Man versucht also das niedrigste Mittel des politischen Kampfes, die öffentliche Denunziation. Diese war das Ziel des nobel gesinnten Artikelscbreibers. Durch die Notiz im Tagesboten, der in Brünn — am Sitze der Landesschulbehörde — erscheint, sollte dieses auf das Treiben des israelitischen Religionslehrers und des Professors an der deutschen Realschule aufmerksam (!) gemacht werden. Als vor zwei Jahren in der hiesigen tschechischen Gesellschaft das freimütige Hervortreten eines Professors an der böhmischen Realschule von einem politischen Gegner denunziert wurde, da konnte das hiesige deutsche Schmockblatt nicht genug tönende Worte der Entrüstung finden, um die Niedertracht des politischen Naderertums zu brandmarken. Jetzt aber, wo der Kampf aus dem Hinterhalt selbst Vorteile bringen soll, da wird die politische Moral zur abgebrauchten Phrase. . Mit welchem Rechte wirft man den Jüdischnationalenvon Prossnitz vor, dass sie Feinde des Deutschtums sind? In unserem Programm gibt es keinen agressiven Punkt gegen die Intel essen des deutschen Volkes; seine Kulturgüter wurden unsere Erziehungsmittel und es liegt uns fern, seine gemeinnützigen Institutionen zu zertrümmern. Wir kämpfen nur — und dies mit aller Energie und mit vollem Zielbewusstsein — gegen die Deutschliberale Partei, gegen jene verträumten Juden, die den kommenden Tag nicht voraussehen und nicht wissen, wie der Antisemitismus alle deutschen Parteien unseres Parlaments einigt, mit welcher rührenden Einigkeit haben diese vor einigen Wochen die Schmidt’scbe Resolution zum Beschlüsse erhoben und unsere Kinder von den Bildungsstätten verdrängen wollen. Das ist das Kampfziel der Jüdischnationalen, und mit dem gewaltigen Ringen nach der jüdischen Autonomie können wir vor der behaglichen Philisterruhe eintr Tischgesellschaft im „Deutschen Hause“ von Prossnitz nicht Halt machen. Die Macher der Prossnitzer Assimilantenpolitik aber winseln und wehklagen seit Jahren: „Ihr sprengt ans die Gesellschaft!“ Wann und wodurch haben wir dies getan? Wir waren es nicht, die. das Tischtuch zerschnitten haben. Als man uns aber die Türe wies und das Deutsche Vereinshaos uns den Saal für die Abhaltung eines Festes verweigerte, da konnte man doeh von uns nicht verlangen, dass wir — wir organisierten Zionisten — die Veranstaltungen unserer erbittertsten Gegner besuchen. Aber auch dann, als wir uns auf fremden Territorium festsetzten, fiel es uns nicht ein, gegen das deutsche Haus — wie man uns vorwirft — planmässig Boykott zu predigen. Dass der Rabbiner oder ein Professor der deuschen Realschule an der Spitze einer Boykottbewegung stehen, ist eine bewusste Unwahrheit. Unsere lokalen Führer haben das Bestehen einer solchen Bewegung jederzeit entrgisch bestritten. Den Professor der der deutschen Realschule als einen Feind deutscher Institutionen zu bezeichnen, ist um so frivoler, als es bekannt ist, dass derselbe Professor durch mehr als ein Jahr für die deutsche Lesehalle Vorträge hielt, die mehr als ein Kulturinteresse' für diesen Verein hatten^ Ebenso ist es eine bewusste Unwahrheit, wenn die Verweigerung des deutschen Hauses Iur eine Veranstaltung der Zionisten nachträglich damit motiviert wird, das dieselben keine Garantie übernehmen wollten, dass im Saale des deutschen Hauses keine deutschfeindlichen Reden gehalten werden. Wahr ist vielmehr — und dies in ganz unverbindlicher Form — ein anwesender Zionist einfach sagte, man könne doch dem Redner nicht verbieten, Reden gegen die deutschliberal e Partei zu halten. Mit diesen und ähnlichen Enthüllungen soll die Oeffentlichkeit irre geführt und das Mitleid all jener angerufen werden, die die deutsche Kultur gefährdet glauben. Was wir hier mit aller Energie zurückweisen, dass ist die Anmassung des Artikelschreibers im „Mährischen Tagesbote n*. Weder er noch seine engeren Gesinnungsgenossen haben ein Mandat, mit den Jüdischnationalen vor der Oeffentlichkeit abzureebnen. Wir bestreiten die Existenz einer antizionistischen Partei in Prossnitz. Die grosse Masse hat sich über unsere Ziele leider noch immer nicht die genügende Aufklärung verschafft. Und die sogenannte führende „Tischgesellschaft* hat die politische Bedeutung unserer Bewegung einfach ignoriert. Sie nennen uns klerikal, wiewohl wir nur nationale Ziele haben und auf das entschiedenste jede Unterstützung klerikaler Bestrebungen ablehnen. Wir sind fortschrittlich im reinsten Sinne des Wortes, aber in unserem Lager haben ebensowohl die Orthodoxen Platz, denn wir sammeln jene Juden, die sich mit Stolz und Manneswürde als solche bekennen und die sich nicht unter Entäusserung ihrer Rassenindividualität in die Gemeinbürgschaft anderer Völker einschleichen und von den Anbiederungen an jene auch nicht lassen wollen, wenn man sie ablehnt und zurückstösst. Zu den Studentenkrawalten. Czernowilz. Sonntag den 15. d. M. fand um 10 Uhr vormittags in Czernowitz eine von den vier jüdischnationalen Studentenverbindungen einberufene Versammlung mit der Tagesordnung: „Stellungnahme zu den jüngsten Vorgängen an der Wiener Universität“ statt. Die Versammlung, zu der sich die jüdische Studentenschaft massenhaft eingefunden hatte, wurde vom Herrn cand. iur. Kalman Schapira („Zephirah“), der auch zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt