Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 gung B. B. Ich muss meinem ungeheuren Erstaunen Ausdruck geben, dass Sie, die man als ehrenwerte Männer kennt, sich zum Vorspann für das volksfeindliche Regime eines. Dr. .Stern hergeben- Ich kenne nicht. Ihre Satzungen, aber ich glaube, es steht darin von Gerechtigkeit, von Friede und Eintracht. Vereinbart es sich mit diesen Prinzipien, ist es gerecht. drei Viertel -des jüdischen Volkes vorn Wahlrecht auszusch Hessen? Ist es friedlich, eine ge'- w a ltige Majorität von einer Tischgesellschaft mächtiger Plutok raten vergewaltigen zu lassen? Wahrlich, es tut mir m der Seele weh, dass ich Sie auf jener Seite erblicke! Und nun, meine Herren, zum Schlüsse- Was ist die Bilanz dieser Kultusverwaltung? D -i e ganze Jugend hat sie gegen sich, nirgends mehr im Volke' einen Anhänger. In einem Hause amtiert sie. das nur ein Ghettowinkel genannt werden kann, und einen Zentraltempel bietet sie uns. der nicht einmal der Würde einer, zehnmal kleineren Gemeinde entsprechen würde. Politisch will sie uns in das Lager der, man kann es ruhig sagen, antisemitischen, deutsch-liberalen Partei treiben und finanziell hat sie, wie ich nachgewiesen habe, einen Erfolg, der relativ von der kleinsten deutschen Gemeinde mit 1000 Einwohnern weitaus übertroffen wird. Vor allem aber: nie hat der israelitische .Kultusvorstand seine höchsten Pflichten erfüllt, wie hat er für die Wahrung der Ehre und Würde des jüdischen Namens gesorgt? Sie wissen es. meine Herren. Als im Jahre 1905 die Massenmorde an Juden in Russland stattfanden, aCs durch die ganze gesittete jüdische und nichtjüdische Welt ein Schrei des Entsetzens ging, als die gesamte Wiener Judenschaft einträchtig eine Protestversammlung veranstaltete, wie sie Wien noch nicht gesehen hat, da erklärte die Kuitusgemeinde, nicht mittun zu wollen und verbot ihrem Oberrabbiner, in dieser Versammlung .zu sprechen. Und als die Schwarzen Hundert Geld brauchten, da war es ein Wiener Kultusvorstand der es ihnen vermittelte. Und was glauben Sie. haben Seine Kollegen getan? Sie haben woh! diesen Kultusvorstand mit Schimpf und. Schande aus ihrer Gemeinschaft gejagt? Nein, im Gegenteil, man hat ihm das Vertrauen im Vorstande und in Volksversammlungen ausgesprochen und ihn noch gebeten, zu bleiben. Meine Herren! Als ich vor zwei Jahren das Programm der offiziellen Partei durchstudierte, da fand , ich darin nichts als die Phrase von einem stufenmässig geläuterten Fortschritt. Zwei Jahre habe ich darauf gewartet, wie dieser aussehen wird. Und wahrlich, die Antwort ist mir geworden. Vor zwei Jahren gab es 20-000 Wähler in der jüdischen Kultusgemeinde und heute, trotzdem Steuerträger und Bevölkerung angewachsen sind, gibt es nur 11000. Das, meine Herren, ist der stufenmässig geläuterte Fortschritt, das ist ein sprungw'eiser, sehr ungeläuterter Rückschritt. Aber sie mögen die Zahl der Wähler einschränken, sie mögen die Grenzen enger und enger ziehen, einem können sie keine Grenzen ziehen und das ist der Geist der Zeit der Geist eines modernen Judentums, der alle Schranken durchbrechen wird und der sich ausspricht in unserer Forderung: Zusammenfassung aller jüdischen Volkskräfte zur Herbeiführung einer neuen jüdischen Renaissance. Gg. Ad. B re ch e r. führt aus: Ich bin sehr froh, dass das verehrliche Präsidium unserer Kuitusgemeinde zugegen ist, da ich Wahrheiten, die ich vorzubringen beabsichtige, nicht gerne hinter dem Rücken sage.- Ich bitte nicht zu erschrecken, wenn ich den Mut habe, micfo als Oppositionellen vorzustellen; man sucht nämlich allenthalben der Ansicht Verbreitung zu verschaffen, dass die Oppositionellen ein Wildes, unbändiges Element sind, welches alles Bestehende niederzureissen beabsichtigt Die Oppositionellen sind in Wirklichkeit ehrliche und gute Juden, bei denen das Judentum mit dem Herzen zusämmengew'achsen ist. Als ich zum ersten Maie das Programm der Oppositionellen erhielt, empfand ich eine aufrichtige, herzliche und innige Freude, da ich mir sägte, dass endlich einmal eine Basis geschafien ist, auf welcher wir Weiterarbeiten und alle jene Mängel, welche sich im Laufe der Jahre auf dem Gebiete der Verwaltung' unseres Kultuswesens herausgebiLdet haben, beseitigen, beziehungsweise schlechte Institutionen durch bessere ersetzen können. In Angelegenheit des Steuerwesens vindiziere ich mir das Recht, ein Wort dreinzureden, da ich seit 1898 in den verschiedenen Steuerkommissionen praktisch arbeite und seit dem Jahre 1902 als ernanntes Mitglied der Erwürbsteuer-Kommission tätig, sonach in der Lage bin, in Steuersachen autoritativ mitzureden. Ich teile Ihnen die Wahrnehmung mit. die ich vor mehreren Jahren, als ich in.die Einschätzungskömmission der Kultusgemeinde berufen würde, machte. Die dort geübten Einschätzungen sind nichts anderes als Lizitationen auf K o st e.n.i r e md e r Taschen. Ueber unser famoses Wahlsystem hier Worte vorzubringen. Hesse Eulen nach Athen tragen. Es ist ein beschämendes Schauspiel, dass gerade wir fortschrittliche Juden T>ei uns selbst das rückständigste Wahlsystem .Oben, das ie erdacht werden konnte. Noch eine andere Angelegenheit liegt mir am Herzen. Leider hat sich "zwischen ostländischen und w'estländischen Juden 7 eine arge Spaltung herausgebBdet, die insbesondere hier auf dem Wiener Boden in einen unleidlichen Antagonismus ausartete. . ' Die einen bezeichnen , die anderen 'höhnisch als „polnische Juden“,- während vice versa die höhnische Gegenbezeichnung „Muravczik“ lautet und so weiter. ■■ Man sollte .nun.meinen, dass unsere geistlichen Funktionäre als, Friedensmänner aufzutreten hätten, um diesen Antagonismus zu brechen, beziehungsweise die'Spfdtuiig zu-überbrücken. Däs gerade Gegefißyl ist'lder Fall, denn unsere geistlichen Funktionäre-scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu-haben, diese Spaltung noch zu erweitern, .iiideui sie'die Kartzel bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten dazu missbrauchen, um noch mehr Unfrieden'.'zu--stiften. (Hier wurde der. Redner .vom Vorsitzenden Dr. Alfred Stern unterbrochen, der es nicht ,zuliess; dass den geistlichen Funktionären die Wahrheit gesagt werde.) Um des lieben Friedens willen und um den Preis, dass der Verlauf der heutigen Versammlung ein ruhiger wird, breche ich das letztere Thema ab und gehe auf ein anderes über. Wir haben in Wien eine Korporation,' welche über 8000 Mitglieder in der ganzen Monarchie besitzt. ■■ Diese Korporation pflegte in früheren Jahren stets vor den Kultusratswahlen so Stellung zu nehmen, dass sie entweder das offizielle Walflkomitee selbst bildete, oder in das letztere eine ansehnliche Zahl von Mitgliedern delegierte. Gelegentlich der jetzigen, also der bevorstehenden Kultusratswahlen, hat nun der Vorstand der „Oesterr. isr. Union“ auf Grund besserer Einsicht beschlossen, ein Programm in modernem jüdischem Sinne, den hiesigen Verhältnissen angemessen. zu verfassen. Damit ausgestattet, begab sich nun der Präsident der Union. Herr Meyer, und der Vizepräsident, Herr kais. Rat Wilhelm Anninger, zum Präsidenten der Kuitusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern und brachten in Gegenwart von Mitgliedern des offiziellen Wahlkomitees das Anliegen vor, dies Programm in absehbarer Zeit zur Diskussion zu stellen. Als Herr Dr. Stern dies anhörte, gab er den beiden Herren in Gegenwart der anwesenden Herren vom offiziellen Wahlkomitee folgende Erklärung ab. welche würtlich verzeichnet würden: „Gegenüber der Forderung, dass der Kultusvorstand das auigestellte Programm innerhalb einer befristeten ■ Zeit diskutieren so£I, erkläre ich auidas Bestimmtesfe: ich werde es niemals zugeben, dass ein von einem Wahlkomitee oder von einem Vereine, und wäre er auch so hervorragend, wie es die „Union“ ist, vorgelegtes Programm vom Vorstände auch nur in Diskussion gezogen werde. Von einer Befristung kann schon gar keine Rede sein. Es steht jedermann frei, einzelne konkrete Anregungen im Wege einer Petition (!) vor den Vorstand zu bringen. Solche Anregungen werden immer in Beratung gezogen, aber i c h dulde es nicht und muss mich ganz entschieden dagegen verwahren, dass eine Reihe solcher Vorschläge programmartig zusammengefasst und dem Vorstände vorgelegt werde. Ich werde auch-gerade solchen Mitgliedern des Kultusvorstandes, die sich auf ein derartiges Programm haben verpflichten lassen, wenige r Einfluss einräumen.“ Diese den genannten beiden Herren erfolgte Antwort seitens des Herrn Kultuspräsidenten, wurde mir von den beiden Heren nicht nur mit der Ermächtigung,sondern auch mit dem ausdrücklichen Ersuchen überschickt, dieselbe in weitesten Kreisen mitzuteilen, und da mir mein Kammerkollege, Herr kais. Rat Anninger, heute noch persönlich dies bestätigte, habe ich die Mission hiemit erfüllt, indem ich diese von Autokratie und Zarismus strotzende Antwort hier der Oefientlichkeit zur Kenntnis bringe. Ich schiesse nun, indem ich Ihnen noch sage, dass ich es mir, zur Aufgabe mache, die Kultusräte von dem Gesindel zu befreien, welches sich wie die Kletten an die Rockschösse derselben, hängen, und. weiters, dass ich unsere geistlichen Funktionäre in solange bekämpfen werde, bis sie ihre Hetztaktik aufgeben oder den Laufpass bekommen, und dass ich, bei aller Ehrfurcht vor den' hier anwesenden Herrn Kultuspräsidenten, den Zarismus und die Autokratie in unserem Kultusvorstande mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln stets bekämpfen werde. Das ist mein Programm! * * * . Wählerfang, gefälschte Unterschriften. Auf welchen Tiefstand die offizielle Partei bereits angelangt ist, beweist nicht allein der Umstand, dass sie ihre Wahlaufrufe von allen in Wien das Dunkel erfüllte sie. Aber der Baalschem lag auf -der Erde wie eine rote Flamme. Der Rabbi von Koraczow aber hat sein Buch nicht vollendet Ja, es weiss kein Mensch, was daraus geworden ist. Allerlei. Ehescbliessungen im Jahre 1905. Das erste Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reiches, 16. Jahrg. 1907, bringt die Zahlen der Eheschliessungen m Deutschland im Jahre 1905- Die Gesamtzahl aller Eheschl.essungen betrug 485.906. Rechnet man die Mischehen zwischen Christen und Juden je zur Hälfte den Christen und Juden zu, so kamen im Jahre 1905 unter 10.000 Christen 81,66, unter 10.000 Juden 70,07 Eheschliessungen vor. Die Zahl der Mischehen -zwischen Christen und Juden, die im Jahre 1901 658 betrug und im Jahre 1902 auf 626 gesunken war, ist im Jahre 1903 auf 668, im Jahre 1904 auf 748 und im Jahre 1905 auf 819, also ziemlich erheblich gestiegen. Unter diesen 819 Ehe- 'schliessungen waren 458 solche zwischen jüdischem Mann und christlicher Frau, 361 zwischen christlichem Mann und jüd.scher Frau. Das grösste Kontingent zu den Mischehen stellt Berlin und die Pro-. vinz Brandenburg (mit den Berliner Vororten). Nicht weniger als 356 43,47 Prozent aller Mischehen {und zwar 143 zwischen jüdischem Mann und christlicher Frau, 126 zwischen christlichem Mann und jüdischer Frau) sind in Berlin und der Provinz Brandenburg geschlossen würden. In Berlin und der Provinz Brandenburg haben unter je 100 heiratenden jüdischen Männern 19,10, unter Je 100 heiratenden jüdischen Frauen 16,17 einen christlichen Ehegatten geehelicht. Für ganz Deutschland betrug dieser Prozentsatz dagegen nur 10,26 bei den jüdischen Männern und 8,46 bei den jüdischen Frauen. Aus dem Amsterdamer Ghetto. Im alten jüdischen Ghetto von Amsterdam, so schreibt „The Volksadvokat“, herrscht jetzt grosse Not Die allgemeine Krisis hat hauptsächlich den Diamantenhandel getroffen, und die Juden des Amsterdamer Ghettos, die sich mit dem Diamantenschleifen beschäftigen, haben ke'vie Arbeit. Die D.amantenschleiferei ist die älteste Beschäftigung der Juden in Amsterdam. Die portug.esischen Juden haben diese Industrie im Jahre 1576 eügeführt und Jahrhunderte lang war sie ihr Monopol. Heutzutage ist die Diamantenschleiferei stark gefallen, aber dennoch giht es im Ghetto noch 63 grosse Fabriken, wro Diamanten geschliffen und 11.000 Arbeiter beschäftigt werden- Diamantenschleiferei ist die e'üzige Beschäftigung, für welche Frauen oft besser bezahlt würden als Männer. Es gibt spezielle Arbeiten in der Diamantenschleiferei, w'elche ke.n Mann verrichten kann, z. B. das Schleifen von kleinen Diamanten, das können nur die langen, zarten Finger der Frau, und eine gute Diamantenschleiferin bekommt immer Arbeit und einen guten Lohn. Das war aber alles früher. Heute sieht man im Ghetto von Amsterdam nur traurige Gesichter. Die Menschen wissen heute nicht, woher sie morgen Brot nehmen sollen. Das Amsterdamer Ghetto ist sehr dicht bewohnt. Juden wohnen dort schon seit dem 16. Jahrhundert. Früher - zwang; man sie, abgesondert zu wohnen von der übrigen Bevölkerung. Heute dürfen sie überall wohnen, aber sie sind schon so sehr gewohnt an die Stätte, wo -ihre Eitern und Ureltern gelebt haben, dass sie sich nicht mehr von dort entfernen wollen.-Die Amsterdamer Juden sind stolz auf -ihr Ghetto, und alles darin ist ihnen teuer, sogar die halbeingefallenen Häuschen, in denen ihre Eltern gelebt haben. Es gibt angesehene Leute, die in solchen Häusern wohnen, die vor hundert Jahren gebaut worden s.nd. Das Amsterdamer Ghetto ist eine Stadt in •der Stadt. Es gibt dort viele alte Juden, die noch niemals die Ghettomauern verlassen haben. Geschäfte gibt es dort sehr wenig, obschon man sagt, der Jude sei ein geborener Kaufmann. Aber jeden Tag Enden dre; Märkte statt, eil Fischniarkt, ein Fleischmarkt und e n allgemeiner Markt für allerlei andere Waren. Die meisten Juden im Amsterdamer Ghetto sind streng fromm. Die meisten, von ihnen sind portugiesischer Abstammung, deren Stammväter im Anfang des 16. Jahrhunderts dort eingewawdert sind. Die erste Synagoge wurde im Jahre 1640 erbaut und sie steht heute noch. Der Streik der jüdischen Diamantenschleifer und die Krisis im Diamantenhandel interessiert die christliche Bevölkerung nur wenig, da die Amsterdamer Juden nicht gewohnt sind, bei Christen Hilfe zu suchen für d:e jftd.schen armen Leute. Das besorgt die jüdische Gemeinde allein und daher wissen die Holländer überhaupt nicht, was im Ghetto vorgeht. Im Amsterdamer Ghetto haben viele berühmte Personen gelebt. Auch der berühmte Maler Rembrandt hat sich im Jahre 1640 dort niedergelassen und seine Bilder dort gemalt. Das von ihm bewohnte Haus wird jetzt in ein Museum umgewandelt.