Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 die Kahalklique wühlt im Geheimen, wir haben Programme, sie haben Eitelkeiten, wir haben ein zielsicheres Streben, sie haben Strebereien, wir haben Ideen, sie haben Intrigen, wir repräsentieren die Jugend, die an die Zukunft ihres Volkes glaubt und für sie mit aller Kraft eintritt, die Kahalstiscbgesellschaft ist die Vertreterin des seelen- und inhaltslosen, innerlich faulen und morschen Mauscheltums aus der alten Schutzjudenzeit. Wer an die Zukunft seines Volkes, glaubt, der kann sich nur für die Opposition, die Sachwalterin des modernen Judentums, entscheiden!“ Mit diesen Worten feuerte Abg. Stand die Anhänger der Opposition an. all •ihre Kräfte einzusetzen, damit in die alte und düstere Kultusstube ein frischer Hauch und junge, moderne Ideen einziehea Die Versammlungen der Kahalpirtei. Allen Gesetzen der politischen Moral und Anständigkeit entgegen wurde der Kahalpartei ihre Agitation direkt vom Kultusvorstand besorgt Der Kultusvorstand versandte im gleichen Couvert mit den amtlichen Drucksorten für die Wähler die Einladungen zu 4 Wählerversammlungen, um so in für Steuergeld gemieteten Lokalen für die Kandidaten der Kahal-Partei Stimmung zu machen. Da aber der Kultusvorstand sehr wohl weiss, dass die Wählerschaft, soweit sie nicht der von obenher gezüchteten Indolenz verfallen ist, oppositionell denkt, Hess er die 200 Kultusbeamten durch ein Zirkular, das diese armen Beamten unterschreiben mussten, zum Besuche aller vier Versammlungen verpflichten. Ebendorthin wurden sämtliche Schamossim unter dem Vorwand des Ordnerdienstes abkommandiert. Nun glaubten die Herren vom Kultusvorstand die Öffentliche Meinung in diesen Versammlungen genügend präpariert zu haben, um zu weiteren Gewalttaten zu schreiten. Schon in der ersten Versammlung bei Guth erklärte der Kultusvizepräsident Dr. Kohn, der den Vorsitz usurpierte, dass er zuerst den sechs sich um eine Wiederwahl bewerbenden Kultusvorstehern, dann den anderen Kandidaten das Wort geben werde. Ueber den Antrag der Opposition, dass abwechselnd je ein Kandidat beider Parteien zu Wort komme, verweigerte Dr. Kohn die Abstimmung und schloss die Versammlung. Die Wähler wollten die Versammlung unter Vorsitz eines aus ihrer Mitte gewählten Vorsitzenden fortsetzen, doch die Schamossim und eine Gruppe von Kultusbeamten hintertrieben dies durch lautes Geschrei und Herbeirufen der Polizei- Bei der zweiten „offiziellen“ Versammlung in Mariahilf usurpierte der Kultuspräsident Dr. Stern selbst den Vorsitz und schob wieder die oppositionellen Kandidaten zurück- Doch vermochten diese durch ihre zündende Rednerkraft und das Gewicht ihrer Argumente trotz der späten Nachtstunde die Wähler so zu fesseln, dass die Kahalpartei eine schwere moralische Niederlage erlitt. scliem empfing den Sabbat in grossem Zittern und hielt den Becher in einer zitternden Hand. Und sogleich ging er von dannen in die Stube, in der' er zu schlafen pflegte, und legte sich auf die Erde, das Gesiebt zum Boden und die Arme von sich gestreckt, und lag so eine lange Zeit. Und da das Haiisgesind und die Gäste auf ihn warteten, kam sein Weib in die Stube und sprach: »Die Lichter werden schon ausgeben.“ Er sprach: »Lass die Lichter ausgehen und schicke die Gäste heim.“ So ging sie, er aber lag immer noch auf der Erde. Aber der Rabbi konnte es nicht länger ertragen, denn sein Herz brannte. Und er ging zu der Stube des Baalschem und lauschte, aber es war sehr still in der Stube. Und er ging an die Tür und sah durch eine Spalte der Tür und schaute in das Dunkel. So stand er und stand bis zur Mitternacht. Da kam ein grosser Lichtschein in die Stube. Und der Baalschem rief: »Gesegnet sei, der da kommt, Rabbi Akiba!“ Und jeden der Heiligen giüsste er bei seinem Namen und rief: »Gesegnet sei, der da kommt!“ Sodann sprach er zu ihnen: »Ich verhänge es über euch, dass ihr Rache nehmt an den Widersachern. An dem Senator, der euch foltern liess. An den Knechten, deren Hand bereit war zu eurer Qual. An dem Volke, dessen Mund jauchzte vor eurem Leide.“ Da tönte durch den Raum ein dunkler Chor und war doch wie eine Stimme, die sprach: »Wir bitten dich, dass dieses Wort nicht noch einmal von deinen Lippen gehe.“ Er aber wiederholte: »Ich verhänge es über euch.“ Uud wieder sprachen Darum mussten die Kandidaten der Kahalpartei in der dritten und vierten Versammlung lange Obstruktionsreden hatten, ehe die Gegenkandidaten das Wort bekamen. Und da unterbrach Dr. Stern fast nach jedem Satz. die Oppositionellen durch lange Zwischenreden, wobei ihm von einem ganzen Kreis von Beamten Material zugesteckt wurde. Und wenn Stern nicht störte, so besorgte das seine Garde von agents provocateurs durch Zwischenrufe, Gelächter und Sesselrücken. Dr. Stern lächelte zu diesem Treiben. Als Gg. Böhm, der gerade am Wort war, vom Präsidenten verlangt, dass er Ruhe schaffe, stürmten, wie auf ein gegebenes Zeichen, 15 Tempeldiener auf die Tribüne, um Böhm zu würgen. Die Zionisten eilten zu Böhms Schutz herbei und die Versammlung schloss nach des Kahals Wunsch mit einem schmählichen Tumult. Ein Versuch der Offiziellen, eine Notiz in die Morgenblätter zu schmuggeln, dass die Opposition die Versammlung gesprengt habe, wurde noch rechtzeitig verhindert. Es lässt sich denken, wie Bloch, der aus Steuergeldern erhaltene Leibjournalist der Kahalniks, deren Gewaltakte in Ruhmestaten zu verdrehen sucht. Der Wahlkampi mag ausgehen, wie immer, unvergesslich wird uns der Wahlkampf 1908 bleiben, weil diesmal die Anschel-haschem vom löbl. Kultusvorstand ihr edles Antlitz ohne jede Maske gezeigt haben. Nachstehend folgen die in den offiziellen Versammlungen gehaltenen Reden unserer Kandidaten Adolf Böhm und Adolf Brecher: Gg- Ad. Böhm führt aus: Die Zionisten kämpfen nicht für uud gegen Personen, sondern für und gegen Ideen. Vergebens hat man von den Kandidaten der Gegenseite die Entwicklung eines Programms erwartet. Mit keinem Worte ist ein solches entwickelt worden. Wir aber haben ein Programm, das nicht etwa ad hoc aufgestellt wurde, sondern die Bedürfnisse der Massen und die Forderungen der Zeit zur Grundlage hat. Als kardinalster Punkt dieses Programmes sei die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht anzusehen. Wir Juden waren es, welche, um ein Wort des Ministerpräsidenten Hohenlohe zu gebrauchen, „den adeligen Gedanken der Rechtsgleichheit“ in die Weit gebracht haben und wir müssen die Schmach erleben, dass gerade die jüdische Kultusgemeinde gerade heute jene Körperschaft ist welche das reaktionärste Wahlrecht Europas besitzt. Mit Unrecht nennt man die Wirtschaft der Kultusgemeinde eine Ghettowirtschaft. Man tut damit dem Ghetto unrecht. Das Ghetto war inmitten der umgebenden mittelalterlichen Barbarei eine Insel der Rechtsgleichheit- Die Wiener ’Kultusgemeinde dagegen ist inmitten demokratischer Einrichtungen der Umgebung des allgemeinen Wahlrechtes eine Insel der Reaktion. Wir verlangen das allgemeine Wahlrecht nicht nur aus den Gründen der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aller Juden, sondern auch deshe'b. weil in diesen für die Juden so ernsren Zeiten nur ein Zusammenschluss aller Juden, nur ein Ltbendigmacl.en aller jüdischen V;>" skryne Hilfe bringen kann. Hilfe nicht nach aussen, wohl aber nach innen. Denn überall und immer bat eine Minorität — und wir sind und bleiben eine die Heiligen: »Wir haben unseren Tod gern gelitten!“ Aber der Baalschem stand mitten im Lichte wie eine rote Flamme und schrie, und sein Wort war wie das Rauschen gewaltiger Flügel: »Für das Schlagen und Stechen, für das langsame Morden, für die Schändung durch ihre Hände, für den Stoss ihrer Füsse, für das Ducken und Erniedrigen, für 'das Spotten und Spielen, für die Knechtschaft der Jahrhunderte, für die Not des Schlechlwerdens nehmet Rache.“ Da war eine Bangigkeit und ein Beben in der Chorstimme, als sie sprach: »Wir bitten dich, dass das Wort des Verhängens nicht zum dritten Mal von deinen Lippen gehe. Denn du sollst wissen, dass du an diesem Abend den Sabbat der Welten gestört hast. Siehe, es ward ein grosses Gewirr, und wir wussten nicht, was das sei. Und wir stiegen zu höheren Kreisen auf, und auch da war das Gewirr, und wir wussten nicht es zu denten. Und als wir zu einem gar hohen Kreise kamen, wurde zu uns gesprochen: .Gehet eilig hinab, machet still die Tränen des Rabbi Israel Baalschem.“ So wollen wir es dir denn erzählen. Du sollst wissen: alle Schmerzen, die ein Mensch leidet in seinem Leben, sind ein leichter Tand gegen die Schmerzen, die wir gelitten haben zur Heiligung des Namens, gesegnet sei er. Und der böse Trieb kam über uns und wollte unsern Sinn beugen, und wir sliessen ihn mit beiden Händen hinweg. Aber es gelang ihm, mit einer Fingerspitze einen Gedanken in uns zu berühren, und er machte ein Zeichen an dem Gedanken. Um dieses Dinges willen ward solche — nur durch Organisation und Selbsthilfe sich auirecht halten können. Die Kultusgemeinde hat unserem Programm nichts anderes entgegengesetzt als' die Worte: „Friede und Eintracht“. Aber unmöglich kann in einer Gemeinde Friede herrschen, solange eine kleine Minorität über die Me.:rheit des Volkes herrscht. Sie sind es daher, welche den Frieden stören, nicht wir. welche gleiche Rechte verlangen. Redner spricht über die selbstverständlichen Forderungen der Ausgestaltung der Bezirkskommissionen, der Wahl der Vorstände nach Bezirken und verbreitet sich ausführlich über die Steuerreform. Er vergleicht die kläglichen Ergebnisse der Wiener Kultussteuer mit den Erträgnissen, welche selbst die kleinsten und ärmsten jüdischen Gemeinden aufweisen- Berlin mit 100-000 Juden bringt 6,000.000 M. aut. Wien mit 170.000 nur 2'/- Millionen Kronen. In Berlin kommen auf 100 Juden 26 Steuerträger, in Wien 13. In Wien beträgt der Steuereingang per Kopi der Bevölkerung 6.40 Mark, in Berlin 13 Mark. Wir verlangen eine gerechtere Besteuerung und Heranziehung weiterer Kreise zur Steuerleistung, indem das abnorm hohe Steuerminimum von 20 K auf 10 und 5 K herabgesetzt wird. Es ist ein Unikum m der Welt, dass eine volkstümliche Opposition von der Regierung neue Steuern verlangt und diese sie verweigert. Ein Beweis für den sittlichen Ernst unserer Forderungen und der Frivolität des Vorstandes. Wir verlangen weiter eine grosszügige Sozialpolitik, um dem Wirtschaft' ichen Boykott der Antisemiten wirksam entgegenzutreten. Noch wichtiger als auf politischem ist auf wirtschaftlichem Gebiete die Selbsthilfe durch Zusammenschluss aller Kräfte. Wenn wir von der Gemeinde z. B. die Gründung einer Gemeindesparkasse verlangen, so sind das zeitgemässe und dringende, aber keine revolutionären Forderungen. Das Armenwesen ist in der ärgsten Weise zersplittert und zerrüttet. Die unrichtige und ruinöse Art, in welcher unter den Juden Wohltätigkeit geübt wird, schreit förmlich nach Abhilfe- Auf der ganzen Welt hat man die Armenpflege modern, und zwar meist nach dem sogenannten Elberfelder System, reformiert. Die jüdischen Wohliahrtsinstituticnen New Yorks z. B. sind in einer geradezu mustergiltigen Weise zentralisert worden, so dass sie in den wissenschaftlichen Werken über diese Fragen als Beispiel zitiert werden. Wenn wir eine Reform des Armenwesens fordern, so liegt dies im dringendsten und unabweisbarsten Interesse unserer Gemeinde. Redner wendet sich zur Frage der geistig-sittlichen Hebung der Jugend und sagt: In dieser Frage spreche ich nicht als Zionist, sondern einfach a's Angehöriger der jungen Generation und als solcher muss ich eine iurchtbare Anklage gegen den Kultusvorstand erheben. Er hätte die Auigabe, vor allem daiür zu sorgen» den Nachwuchs dem Judentum zu erhalten, uud wie erfüllt er diese Aufgabe? Ich weiss es aus meiner eigenen Jugendzeit. Als Religions- 1 e h r e r haben sie mir geradezu eine lächerliche Figur gegeben. Die Religionsstunde war eine Farce, eine Quelle unerschöpflicher Belustigung iür mich und meine Kollegen. Und wahrlich, ohne die jüdische Nationalbewegung wären nicht ich und tausend andere dem Judentum erhalten geblieben. Ist das Ihr Verdienst? Und die Idee, welche so Grosses geleistet hat. wird von Ihnen auf das heftigste bekämpft und beschimpft. So fassen Sie Ihre Auigabe. das Judentum zu führen, auf! — Noch ein paar Worte an die heute so zahlreich anwesenden Mitglieder der verehrlichen Vereintuns bestimmt, für einen Augenblick in das Tal Hinom zu kommen und einen Augenblick lang die Not der Welt zu leiden. Und alle Schmerzen, die wir gelitten hatten, erloschen und waren wie leichter Tand vor diesem Leide. Und als wir in den Garten Eden kamen, sprachen wir: ,Wir wollen Rache nehmen iür die Knechtschaft der Jahrhunderte, für die Not des Schlechtwerdens, die dem bösen Trieb Macht gegeben hat, unsere Gedanken zu berühren. Für den Raum in dem wir gewohnt haben» für die Luft, die wir eingeatmet haben, für den gestörten und entweihten Gottesdienst unseres Lebens wollen wir Rache nehmen.“ Da wurde uns geantwortet: .Wollt ihr Rache nehmen, so müsset ihr in neue Körper eingehen und auf die Erde zurückkehren und noch einmal als Menschen ein Leben zu Ende leben.“ Wir aber sprachen: ,Wir loben den Herrn» gesegnet sei er, und danken ihm, dass wir bestanden haben zur Heiligung seines Namens, und dass wir einen Augenblick lang das grosse Leid im Tale Hinom gelitten haben. Heute aber, sollen wir auf die Erde zurückkeliren, wo wir keinen Raum haben, dem Herrn zu jubeln, und wo wir eine Luit atmen, die nicht des Herrn ist, so kann es fürwahr geschehen, dass wir schlechter werden und die Macht des Bösen erhöht wird. Wir wollen nicht zurückkehren.“ Also sprachen wir. Und so bitten wir dich, dass das Wort des Verhängens nicht zum dritten Mal von deinen Lippen gehe.“ Da schwieg der Baalschem und sprach kein Wort. Und der Lichtschein schwand aus der Stube und