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Jüdische Zeitung · 1908-11-20 · 47 (20.11.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Max Nordau über die Ereignisse in der Türkei und den Zionismus. Herr Braunstein, ein Mitarbeiter der zionistischenWochenschrift „Cronica Israelita“, interviewte unseren; Gesinnungsgenossen Max Nordau. Derselbe äusserte sich .bezüglich der jüngsten Ereignisse in der Türkei, wie folgt: „Ich kann in den jüngsten Ereignissen in der Türkei kein Hindernis erblicken. Im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass sie unsere Sache günstiger denn je gestalten. Wir müssen es nur verstehen, den glücklichen Augenblick auszunützen. Unser verewigter Führer H e r z 1 — und mit ihm all seine Freünde — glaubten sich behufs Erlangung Palästinas nicht nur an die Türkei, vielmehr an alle europäischen Regierungen wenden zu müssen. Die Türkei war eben zu dieser Zeit nicht Herrin ihrer Handlungen. Sie konnte jeden Augenblick vollkommene Beute irgend einer Grossmacht werden. Und die Grossmächte taten alles mögliche, diesen Moment herbeizüführen. In einer solchen Situation mussten wir die Garantie der Grossmächte als unerlässliche Vorbedingung erachten. Aber heute? Heute hat sich die Lage sehr vereinfacht. Die liberale Türkei steht als innerlich gekraftigtes Reich für alle ihre Handlungen selbst ein. Wir sind dadurch unserem Ziele um das gewaltigste Stück Weges näher gerückt. Wir wissen, dass wir nunmehr nur mit dem tatsächlichen Herrn Palästinas und nur mit ihm ein Arrangement zu treffen haben. Die Verhandlungen mit den „Erben“ der Türkei entfallen. Ich wiederhole nochmals: wir haben unendlich viel gewonnen. Wenn einige unter uns das Gegenteil behaupten, so ist das gering einzuschätzen. Unter uns Juden ist leider die Gewohnheit, gerne und viel zu reden und vor Handlungen zurückzuschrecken, stark verbreitet.“ Auf den Einwurf des Interviewers, dass sich Herr Salih E. Gourd?i, ein Führer der Jungtürken und Redakteur des leitenden Organs „La Turquie nouvelle“, bezüglich des Zionismus ungünstig geäussert habe, antwortete Nordau: „Ich sage Ihnen aber, dass Herr Gourdzi als schlechter ottomanischer Jude nur einer persönlichen Meinung Ausdruck gegeben hat. Aus ihm hat nur der parteiische, jüdische „Jungtürke“ gesprochen. Unsere Brüder in der Türkei erblicken die Lage in einem anderen Lichte. Auch ich kenne die Ansichten der führenden Jungtürken. Ich persönlich habe meinen Freund Go wen, einen Führer unserer zionistischen Partei, mit dem Prinzen Sal-eh-Din, welcher bekanntlich die neuen Verhältnisse in der Türkei geschaffen und das neue Regime organisiert hat, in Verbindung gebracht. Prinz Sal-eh-Din hält.un-' sere Sache für aussichtsreich. Nicht nur Gowen, der kürzlich aus Konstant in opelzurückgekehrt ist, denkt optimistisch, ganz bestimmte Umstände-lassen mich zu dem Schlüsse gelangen, dass wir Zionisten nichts zu befürchten und alles zu erhoffen haben“. Die Vertreter der jüdischen Gemeinden Bosniens und der Herzegowina in Wien. Mittwoch, den 11. d. M., um 11 Uhr, hat der Kaiser in der Hofburg die jüdischspaniolische Deputation aus Bosnien und der Herzegowina unter Führung des Präses Salom Effendi in besonderer Audienz empfangen und ihre Huldigung entgegengenommen. Der Deputation gehörten Bl Herren an, alle ausnahmslos in Bosnien und der Herzegowina geboren. Sie repräsentierten fast sämtliche sp anio 1 i sch en G er meinden in den neuen Provinzen. Einige kamen im malerischen Nationalkostüm der Bosnier, die meisten in Salontoilette mit dem roten Fez, den sie auf dem Kopfe behielten, als sie in den Audienzsaal geführt wurden. Josua D. Salom, der Führer der Deputation, hielt an den Kaiser eine Huldigungsansprache, Der Kaiser dankte für die Huldigung der sephardischen Juden und zollte der Tätigkeit der Sephardim volle Anerkennung. Nach der Audienz beim Kaiser begaben sich sieben Mitglieder der Spaniolendeputation aust Bosnien und der Herzegowina unter der Führüng des Präsidenten der Sarajewoer /jüdisßfr-sepbjardisehen Gemeinde, Salom Effendi, i zum Reichsfinanzminister Freiherrn v. Burian. Der Führer der Deputation, Salom, überreichte dem Minister ein Memorandum, unterschrieben von allen jüdischen Gemeinden Bosniens. Darin wird geschildert, dass die Juden seit vierhundert Jahren in Bosnien und der Herzegowina ansässig sind und während dieser Zeit in allen politischen Wandlungen, welche diese Provinzen durchmachten, immer die volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung mit den anderen Konfessionen und Nationalitäten genossen. Die Juden Bosniens richten nun die Bitte an die Regierung, dass sie gleich den anderen im Lande ansässigen Konfessionen als konfessionelle Einheit gewürdigt uud in staatsrechtlicher Hinsicht als selbständige Kategorie behandelt werden. Finanzminisler Baron B u r i a n gab die Zusicherung, dass die Regierung, die im Laufe der Jahre Gelegenheit hatte, die Juden Bosniens und der Herzegowina als ein fleissiges, Kultur und Wissenschaft förderndes Element kennen zu lernen, nicht daran denke, sie hinter den anderen Konfessionen des Landes zurückzusetzen. Wenn er, der Minister, in seinem Expose in den Delegationen der Juden Bosniens nicht ausdrücklich Erwähnung getan habe, so habe dies nur darin seinen Grund, weil er nur Anlass genommen habe, derjenigen drei Nationen -und Konfessionen zu gedenken, die früher in politischer Fehde sich befanden. Er erkläre ausdrücklich, dass die Juden in dem zu schaffenden Landtage ihre Vertretung haben werden. Dr. A1 k a 1 a y fragte den Minister, ob die Juden mit Bestimmtheit darauf rechnen können, dass ihnen gleich den anderen Konfessionen im Lande eine bestimmte Anzahl von Mandaten zugesichert werde, worauf der Minister erwiderte: „Alles, was die anderen Konfessionen bekommen, werden Sie auch bekommen.“ Die Deputation suchte auch beim Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, der einige Tage vorher die mohammedanische Deputation empfangen hatte, um eine Audienz an. Der Thronfolger weigerte sich indes, unter Hinweis auf seine beschränkte Zeit, die Sephardim zu empfangen. Freitag, den 13. d. M., erschienen die Vertreter der aschkenasisch-bosnisclien Juden beim Kaiser in Audienz. Die Wiener Kultuswahlen. \ {. W ählerversammlungen. t 3 In der letzten Woche; landen in allen Bezirken Wiens oppositionelle Versammlungen statt, die sehr gut besucht waren. Unsere Kandidaten entwickelten überall unter dem Beifall der anwesenden Wähler ihr Programm. Ueberall wurden begeisterte Resolutionen gefasst, wonach sich die Wähler verpflichteten, für die oppositionelle Kandidatenliste zu stimmen und iür sie zu agitieren. Den Abschluss der oppositionellen Versammlungen bildeten zwei am Donnerstag den 19d. M. abgehaltene, zahlreich besuohte Wahlversammlungen, in denen Reichsratsabgeordneter Adolf Stand in wirkungsvoller und glänzender Weise die Wichtigkeit des Kultuswahlkampfes besprach und den Unterschied zwischen der Opposition und der offiziellen Kulfusklique hervorhob. „Wir agitieren öffentlich, FEUILLETON. Die Heiligen und die Rache.*) Als die Macht des Bilbul über die Stadt Pawlicz kam und der Triumpf der Lüge einherfuhr, flohen aus allen Orten der Gegend die Juden vor der drohenden Vernichtung in die Weite. Aber einige fromme alte Männer wollten sich nicht bewegen lassen, von dannen za.ziehen. Sie sprachen zu ihren Seelen: „Wie eine lange eingedämmte Schleuse ist dieses fremde Volk. Es will uns schlagen, um seine Kraft zu schmecken. Aber wie lange sind wir selbst wie eine eingedämmte Schleuse gewesen und konnten Gott nicht dienen nach unserem Sinne! Von Geburt auf war unser Leben ein gestörter und entweihter Gottesdienst Denn hier ist die Welt eng und dumpf, und wir haben keinen Raum dem Herrn zu jubeln, und wir atmen eine Luft, die nicht des Herrn ist. Einst war die Mazo das Werk unseres Feldes, und die Krall unserer Hände lebte in unserem Felde und diente Gott. Aber jetzt kommt die Mazo zu uns aus der Erde des Fremden, die unser Feind ist. Einst war der Esrog die Lust unseres Gartens, und der Herz- *) Aus „Die Legende des Basischem“ von Martin Buber. Verlag Buetten und Loening, Frankfurt a. M. schlag unserer Freude lebte in unserem Garten und diente Gott Aber jetzt kommt der Esrog zu uns wie ein Gast aus einem sehr fernen Lande, das wir nicht schauen werden. Und in diesem fernen Lande sind .die Wurzeln unseres'Gebetes geblieben. Nun sprechen wir die Worte, aber sie haben keine Wurzeln, und wie könnten sie da zu Gott emporwachsen? Es ist uns nicht gegeben, dem Herrn mit unserem Leben zu dienen. So wollen wir ihm mit unserem Tode dienen und ausharren zur Heiligung seines Namens.“ Also sprachen sie und Hessen sich in Gewahrsam nehmen und warteten in FreudeD, dass sie getötet würden.. . . ■ Aber einer war nicht mit ihnen geblieben. Das war der Rabbi von Koraczow. In jungen Jahren hatte er ein Buch begonnen, in dem gesagt wurde, wie mau Gott dienen könne mit seinem Leben. Er hatte streng und hart gelebt und alle Kraft und alles Verlangen und alle Gedanken in das Buch getan. Wenn er irgend etwas träumte und wollte, nahm er seinen Traum und seinen Willen wie einen Stein in die Hand und legte ihn auf die anderen, dass sein Bau zu Gott emporwachse. So fügte sich ein Teil des Buches langsam zum anderen. Es war aber alles darin so angeordnet, dass ein Aufstieg waltete von niederen Stufen des Dienstes zu immer höheren. Und so oft er daranging, von einer neuen Stufe zu reden, b ereitete sich der Rabbi in grosser Glut der Seele und lebte in Sammlung alle Tage, bis er in seine Kammer ging, um zu sch reiben. Da sass er dann und tat sein Werk, und keiner durfte ihn rufen und zu Speise und Trank oder zum Schlafe mahnen, bis er vollendet hatte, von der Stufe zu reden. Und er sprach zu keinem von seinem Buche. Als aber der Bilbul dahergezogen kam, unterredete sich der Rabbi mit seiner Seele, und es war ein tiefes Zwiegespräch durch viele Stunden in der stillen Kammer. Und das Buch, das bis zur höchsten Stufe gediehen war — von dieser aber war noch nicht begonnen zu reden — lag auf dem Tische, und er sah es nicht an. Zuletzt aber kam sein Blick und ,ruhte auf dem Buche. Und er erhob sich und nahm das Buch und machte sich auf, nach der Wallachei zu fliehen. Als der Rabbi auf seinem Wege nach Miedzyborz kam, hiess ihn der Baalschem bei ihm bleiben, bis er ihn entlassen würde. Und er blieb beim Baalschem. Und dieser sprach zu ihm: „Die Heiligen werden errettet werden“ und wiederholte es Mal für! Mal. Aber am Vorabend des Sabbat kam ein Brief zum Rabbi; darin stand, wie sie gepeinigt worden waren mit allen Arten der Todespein, und wie sie in Qualen und grosser Freude dahingegangen waren zur Heiligung des Namens. Als der Baalschem den Brief gelesen hatte, ging er Mincha beten und zitterte, und wer ihn ansah, musste zittern. Und einer sprach zum andern: „Wenn erst die Stunde kommt, den Sabbat zu empfangen, wird die Freude gewiss zu ihm einkehren. Denn was immer ihm je widerfuhr, noch nie hat er den Sabbat ohne Freude empfangen.“ Aber die .Stunde kam und der Baal-

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