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Jüdische Zeitung · 1908-11-13 · 46 (13.11.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 46 revolutionär im Sinne der vollständigen Umgestaltung des Seienden ist nur der Zionismus der Tat, das heisst der unmittelbaren Palästinaarbeit. Alles andere ist Opportunismus und möge es in die radikalsten Formen gekleidet sein.' Es bandelt sich nur um das mehr oder weniger. Das ist schon Sache des ästhetischen Geschmackes und nicht 'der politischen Ueberzeugung. Ich gebe ja zu, dass es mehr und weniger schmiegsamen Opportunismus geben kann, aber schliesslich bleibt sich die Sache gleich — Rückgratlosigkeit. Und spreche man nicht vom stolzen Judentum. Was im Judentum wirklich stolz ist, das wehrt der Diaspora ganz den Rücken und geht nach Palästina, um dort sofort jüdisch, ganz jüdisch zu leben. Leider gibt es wenig stolze Juden. Ja, die Puritaner im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, die eben keine Opportunisten waren, haben ihrem eigenen Vaterlande den Rücken gekehrt, um frei in der amerikanischen Wildnis zu leben. Stolzes Judentum in der Diaspora ist eine... dichterische Legende, die nicht einmal schön ist, denn sie spricht von einem Sabbatprinzen, der an den Wochentagen ein ganz simpler Hund ist. Ein Hund, der Schläge bekommt und dabei vor Freude mit dem Schwanz wedelt, ln der Diaspora kann der Jude stolz sterben — das taten unsere Vorfahren im Mittelalter — aber stolz leben... die reinste Legende! Also, die ganze national-jüdische Politik in der Diaspora ist ihrem Wesen nach opportunistisch, sei es um den Juden ein klein wenig zu helfen, sei es um der stockenden Organisation mehr Kräfte zuzuführen, sei es um überhaupt vorläufig beschäftigt zu sein — mein lieber Gott — aus vielen und vielen . Rücksichten, die aber alle mit dem Radikalismus nichts zu tun haben. Und zwar gilt dieser Satz nicht bloss für die bürgerlichen, sondern auch für die proletarischen Zionisten. Die Diasporapolitik der letzteren ist ebenfalls Flickwerk, weil auch ihnen die zwei Grundlagen jeder radikalen Politik fehlt: Nationale Wirtschaft und nationale Kultur mit normalen Formen und lebenskräftigem Inhalt. Drittens: Voran steht die direkt zionistische Tätigkeit, die unter keinen Umständen der Diasporapolitik geopfert werden darf. Denn, offengestanden, sind alle unsere Eroberungen in der Diaspora nicht viel wert. Wirtschaftliche Tätigkeit: Kreditkassen, Zionistische Leihkassen, Kurse zur professionellen Ausbildung, Organisation der Handwerker. All das ist nicht viel wert aus dem einfachen Grunde, weil den Juden der Diaspora die Basis einer normalen Wirtschaft fehlt Die Juden in Italien. Robert Michels behandelt in einem Aufsatze „Etnographisch-statistischs Studien zur Entwicklungsgeschichte Italiens“ auch die einzelnen Konfessionen. Danach sind die Juden (35617 nach der Volkszählung von 1901) fast stationär geblieben, während alle übrigen Religionsangehörigen einen starken Zuwachs erfahren haben. Dieser ‘Bevölkerungsstillstand, der, wie M. betont, relativ sogar einen Bevölkerungsrückgang bedeutet, ist nach Michels keineswegs als ein Anzeichen für eine etwaige Häufung von Uebertritten zur herrschenden Relig’-ori anzusehen. „Nirgends ist die äussere Veranlassung zu einem Religionswechsel geringer, als in Italien, wo Männer israelitischer Konfession häufig die höchsten staatlichen Aemter bekleiden und selbst vom Posten eines Kriegsministers nicht ausgeschlossen sind.“ Die Juden sitzen in Italien lediglich in den grossen Städten. Rom: 7121, Turin 2828, Florenz 2776. Liworno 2-487, Venedig 2474, Mailand! 1022. Auf dem flachen Lande und in den kleineren Orten ist der Jude eine Seltenheit. Als besonderes Charakteristikum der italienischen Juden erwähnt M. ihre ungewöhnliche Mobilität. Die Volkszählung hat festgestellt, dass nur 61,5 Prozent der jüdischen Bevölkerung in derselben Gemeinde ' geboren waren, in der sie zur Zeit ansässig sind. Noch vor einigen Jahrzehnten war ganz Süditalien so gut wie frei von Juden, heute hat die schnell vor sich gehende kapitalistische Entwicklung in Italien die Juden auch nach dem Süden des Landes verpflanzt. Uebrigens hat in Süditalien weder vor noch nach der jüdischen Einwanderung irgend eine Art von Antisemitismus exist ert. und alle diese Kassen werden nicht gegen den objektiven Fortschritt der wirtschaftlichen Entwicklung der Wirtsvölker ausmachen. Wie soll auch die Kreditkasse helfen, wenn überhaupt der Kleinhandel und das Handwerk zugrunde geht? Wenn der Bauer sich wirtschaftlich zu organisieren beginnt und selbständig wird? Und dann die nationale Kultur: In der Diaspora sind wir gezwungen die Kultur des Wirtes zu pflegen; wir müssen deutsch, russisch, französisch sprechen und können nicht bloss mit dem Hebräisch sondern nicht einmal mit dem Jargon auskommen. Nationale Kultur ohne nationale Sprache ist unmöglich, nationale Sprache ohne nationale Wirtschaft ist unmöglich. Deshalb beobachten sie die sehr interessante Erscheinung, dass unsere nationalen Dichter nur daun vollwertig werden, wenn ihre Werke in die herrschende Sprache übersetzt sind. Scholam Asch ist gross geworden, seitdem seine Werke ins Russische und Deutsche übersetzt wurden. Nationales in bezug auf Inhalt kann nur in Palästina geschaffen werden: Nationale Wirtschaft und nationale Kultur. Viertens: Die Diasporapolitik enthält einen radikal-zionistischen Zug in bezug auf die nationale Form, d. i. das Streben nach Anerkennung der jüdischen Nationalität, wodurch eben die Einheit des Judentums sanktioniert wird. Eben deshalb dürfen die Zionisten in ihrer Diasporapolitik keine Sektiererei treiben. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität ist eigentlich die Basis jedweder zionistischen Diasporapolitik, die zugleich die Möglichkeit der nationalen Organisation schafft. Eben nur Möglichkeiten, aber nicht Notwendigkeiten, die von den objektiven Lebensbedingungen geschaffen werden. Also auch Opportunismus, aber wenigstens gesunder Opportunismus, denn er berücksichtigt die Zukunft. Wer aber radikal-jüdische Politik treiben will, der konzentriere seine Kräfte auf die Palästinaarbeit, die eben vollständig frei von Opportunismus ist. In der Diaspora dagegen sind wir alle ohne Ausnahme Opportunisten, denn hier können wir nichts schieben, sondern wir sind die Geschobenen. D. Pasmanik. Aus dem jüdischen Leben. AssimilarUen-Dorado. Budapest. Nur Narreteien und Narreteien! In diesem Zeichen scheint das jüdische Leben in Ungarn zu walten. Bald sind es die Kamocsaer „orthodoxen“ Juden, die ihre Synagoge durch einen kalvinischen Pastor einweihen lassen, damit die Töne der nationalen, d. i. der ungarische Sprache zum ersten in den heiligen Hallen erklingen, bald sind es die Brassöer Juden, die sich in ihrer Empörung als Kern-Magyaren entpuppen. — Es war aber auch ein empörender Fall! Die in Brassö (Kronstadt) erscheinende „Kronstädter Zeitung“ hatte nämlich die — sagen wir — Frechheit begangen, die Juden als Nationalität zu behandeln. Der Hauch der Entrüstung wehte durch die ganze Kehilla und es wurde sofort der Vorstand der Neologen-Gemeinde einberufen, der sich stante pede zu einem Synhedrion ümwandelte und folgende Beschlüsse fasste: I. es gäbe keine jüdische Nationalität, 2. ihr Judentum bestehe in der Angehörigkeit zur israelitischen Religion, 3. die Brassöer Juden seien Magyaren und nu r Magyaren. Das diesbezügliche Protokoll wurde vom Präses Samuel Gross und vom Sekretär Klein unterfertigt, die, wie auch die übrigen Mitglieder des Synhedrions — schon ihrem Namen nach — zweifelsohne von den ersten Magyaren, die vor 1000 Jahren ins Land kamen, abstammen . . . Seit Tag und Jahr lesen wir in den Assimilantenblättern, dass man hierzulande nicht nötig habe,-dem Zionismus den Garaus zu machen, da er in Ungarn niemals existiert hat. Wenn wir aber ein neologes Blatt zur Hand nehmen, finden wir, dass der Zionismus das Haupt- und Lieblingsthema dieser Zeitungen ist. Unlängst war es das Organ der allein seligmachenden katholischen Volkspartei, das „Alkotmäiiy“, welches sich mit den ungarischen Juden befasste und zur Konklusion .kam, dass alle Juden ohne Ausnahme Antipatrioten sind: die Zionisten, weil sie die Errichtung eines Judenstaates bestreben, die Assimilanten, da sie mit den ersteren sjmpathisieren und eben keine . . . Magyaren sind. Der höchstlogische Artikel erschien, doch es nahm niemand von ihm Notiz. Nur der Vorsitzende der orth. Landeskanzlei konnte nicht ruhen, er fühlte, er müsse als Oberhaupt der orth. Judenschait das Wort ergreifen und dem Assimilantenblatt Rede stehen. Kurz und gut: er veröffentlichte einen langen Artikel in einem von einem getauften Juden redigierten Blatte, worin er wie ein feiger Golusjude sich und seine Genossen reinzuwaschen bemüht. Sie wären keine Zionisten, denn Zionismus sei ein Laster und als solches von den gesetzestreuen Rabbinern schon längst verdammt. „Wir haben zwar einige Zionslieder, doch die kathofsche Religion hat auch welche . . .“ Herr Frankl iiihrt weiter aus, dass die Juden der ungarischen Nation angehören, ausser ihr kein Volkstum anerkennen. Bravo, Herr Frankl, das war gut gemacht! Nur haben Sie einige Daten in Ihrem Artikel anzugeben vergessen, z. B. dass Sie trotz Ihres Antizionismus stets ein fanatischer Verfechter der Chaluka sind und Ihre ganze Krait einsctzen, um Geld für die palästinensischen „Armen“ aufzutreiben, und ferner, dass Sie es sind, der eine Häuserbau-Gesellschaft in Jerusalem -gründen will . . . Das Heinesche Wort besteht zu Recht: Feigheit und Furcht sind deine Hüter, Israel! Vor einigen Tagen wurde in Ungarn eine neue Organisation, der „Landes-Religlonsgleichheits- Verband“ ins Leben gerufen. Der Verband wurde von den Führern der ungarischen Protestanten gegründet und bezweckt -die gesellschaftliche Gleichstellung sämtlicher Bürger „ohne Unterschied der Konfession“. Die aufgewärmte Lockspeise scheint den Herren Israeliten sehr zugesagt zu haben, denn im famosen „Egyenlöseg“ werden dem neiien Verband und seinem Präsidenten Michael Zsilinsk3r Lobeshymueu gesungen. Wer ist -denn Herr Zsilinsky und wie hat er sich bis nun dem Judentum gegenüber verhalten. Er ist gewesener Staatssekretär und besitzt als solcher gewiss einen grossen Einfluss, nur ist es ein offenes Geheimnis, dass die schottischen Missionäre in Ungarn, diese berüchtigten Judenseeleniänger, unter seinem Schutze stehen. Jetzt beliebt es Herrn Zsilinsky, gegen die katholischen Klerikalen Brandreden zu halten. Ist er -denn besser? Er, der vor -drei Jahren einer Missionsversammlung, in der die Juden aufgefordert wurden, zum Christentum überzutreten, präsidierte? Solche Männer können nur den Assimilanten imponiereil, uns nicht! Der unausgesprochene Zweck des Religioiisgleiehheits-Verbandes ist, dass sich alle zur g 1 e i c he.n Religion, natürlich zum Protestantismus, bekennen. B. * * * Jüdische Perversitäten. Znaim. Am 7. November veranstaltete die „Frauen- und Mädchen-Ortsgruppe Znaim“ des „Deutschen Schulvereins“ ein Fest, bei welchem neben Couleurschwestern von deutschradikalen „Rabensteinem“ auch die jüdischen Fräulein A. W., G. R., L. W* und I. F. als Komiteedamen mitwirkten. Auch der Turnrat des durchwegs aus Juden bestehenden „Znaimer Turnerklubs“ hatte es nicht unterlassen, im liberalen „Znaimer Wochenblatt“ die Aufforderung an seine MitgVeder zu richten, sich recht zahlreich an diesem Feste zu beteiligen. Wenn auch die Znaimer Judenschaft als einzige in Mähren schon so indolent ist und nicht begreift, dass sie eben Juden und nicht Deutsche sind, so ist es geradezu empörend, wenn sie Vereine von der Art des „Deutschen Schulvereines“ unterstützt. - Es ist ein Zeichen von Perversität, dass Juden noch immer nicht ermessen, welcher Verrichtung sie sich durch solche Handlungen jedem anständig Denkenden preisgeben Während die Obmänner deis „Deutschen Schulvereines“ für eine Resolution Schund, das ist für den .Ausschluss der Juden vom Studium stimmen, während deutsche Horden, die sich so gerne als die Blüte des Volkes der Denker und Dichter bezeichnen, wehrlose Juden in feiger -und meuchlerischer Weise auf der Wiener Universität überfallen, machen es sich die Schwestern dieser Märtyrer

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