Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNG Die bosnischen Spaniolen und der Landtag.*) Von Med. Dr. J. S alom, "Wien. Unter den spaniolischen Juden Bosniens und der Herzegowina herrscht gegenwärtig eine grosse Erregung. Einige Zeitungen haben in den letzten Tagen die Mitteilung gebracht, dass die Regierung anlässlich der Annexion dieser Länder die Kreierung eines Landtages in Aussicht gestellt hat, in welchem bloss drei Konfessionen des Landes, und zwar die serbisch-orthodoxe, die mos- 1 e m i t i s c h e und die r ö m i s c h - k a t h olische durch ihre in eigenen Kurien erwählten Mandanten vertreten sein werden. Die spaniolischen Juden wären demnach mit keiner eigenen Kurie bedacht und infolgedessen würden sie auch im Landtag ek ei ne von ihnen direkt gewählten Vertrauensmänner besitzen. Wiewohl diese Zeitungsmeldungen sich auf keine autoritativen Quellen stützen, haben sie dennoch im Zusammenhänge mit dem Umstande, dass Minister Buri an in der Ausführung seines Exposes vor den tagenden Delegationen die spaniolischen JudenalsselbständigeKonf e s s i o n gar nicht erwähnte und sich bloss auf. die oben erwähnten drei Glaubensbekenntnisse berief, auf die spaniolischen Juden Bosniens und der Herzegowina einen direkt frappierenden Eindruck gemacht und unter denselben eine grosse Beunruhigung hervorgerufen. Die bosnischen Spaniolen, welche durch ihre friedliche Gesinnung, durch ihren Fleiss und ihre Strebsamkeit sichstets die volle Anerkennung der Regierung, die Sympathie und Achtung der andersgläubigen Landesbrüder zu erringen vermochten, wären durch eine derartige Verfügung in ihrem Lebensnerv getroffen; sie, die schon im Jahre 1874 anlässlich der Proklamierung einer konstitutionellen Verfassung von der o tt o m anis c h e n Regierung mit zwei Mandaten bedacht waren, würden jetzt mit dem Anbruch einer neuen freiheitlichen und fortschrittlichen Aera unter dem Szepter Franz Josef I. mit einemSchlage bisauf die tiefste Stufe, in ihrem Lande hinter d en arm s el i gs t en B e 111 er und den einfachsten Bauer zurückgedrängt erscheinen. *) „Sarajevoer Tagblatt“. Wenn die spaniolischen Juden im Verj gleiche zu den anderen Konfessionen wohl in der Minorität sind, so ist ihre Zähl dennoch nicht so verschwindend klein, dass sie bei den Wahlen gerechterweise übergangen wfrden könnten, Auch sie tragen einen nicht unansehnlichen Teil der Landesverpflichtungen, folgerichtig müssen ihnen auch Rechte zugestanden werden, die sie befähigen,-den ersteren nachzukommen. Auch sie haben gleich ihren andersgläubigen Landesbrüdern Heiligtümer und Rechte zu schützen und im zukünftigen Landesrate zu vertreten. Aber auch vom rechtlichen und humanitären Standpunkt abgesehen, wäre eine derartige ungerechte Zurücksetzung der spaniolischen Juden schon aus praktischen Gründen entschieden zu verwerfen, denn die politische Betätigung von 15.000 Menschen in einem schütter bevölkerten Lande, welches zu seiner kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung heute mehr als je zuvor auf die Arbeit eines jeden patrio tisch gesinnten Bewohners angewiesen ist, wäre für das Land selbst nur von Nutzen. Eine willkürliche Unterdrückung und'Lahmlegung ihres allerseits anerkannten Arbeitswillens und Fleisses wäre zweifellos ein grober taktischer Fehler der Landesregierung. Radikalismus und Opportunismus*) (Schluss.) Es kommt noch ein Gesichtspunkt in Betracht; die nationalpolitische Tätigkeit als Mittel der zionistischen Agitation und Organisierung der Masse. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, können wir einige feste Regeln des zionistischen Handelns ableiten. Erstens : Die Grundlage der zionistischen Organisation ist und bleibt der Zionismus, das ist das Basler Programm und nicht diese oder jene Diasporapolitik. Man kann und darf nicht den Mitgliedern der zionistischen Organisation diese oder jene Landesrespektive Diasporapolitik vorschreiben; die letztere muss ihren fakultativen Charakter bewahren und darf absolut keine Störung in die zionistische Organisation hineinbringen. *) Wir veröffentlichen diese geistreichen Ausführungen, ohne jedoch in allen Punkten mit dem Verfasser einverstanden zu sein. (Die Red) Zweitens: Da die Diasporapolitik die Interessen des ganzen Judentums des betreffenden Landes vertritt, so müssen die Zionisten, soweit sie überhaupt Landespolitik treiben, alle nationalgesinnten und -fühlenden Juden zur Arbeit heranziehen und nicht zionistische Sektiererei treiben. Auf dem Gebiete der Diasporapolitik, falls man sie überhaupt anerkennt, muss unser Streben dahin gehen, das einigende Band aller Juden des betreffenden Landes zu bilden, was selbstverständlich ohne opportunistische Allianzen nicht geht. Das muss im vollen Bewusstsein des Opportunismus geschehen. Will man sehr spitzfindig sein, kann man in diesem Opportunismus einen radikalen Zug herausfischen. Denn der Zionismus ist vor allem die Anerkennung der jüdischen Einheit, der einheitlichen Nation. Somit kann man alle Unlernehmen, die zur Vereinigung aller Juden behufs gemeinsamer Tätigkeit führen, als radikal-zionistisch taxieren. Darüber habe ich schon einmal in der „Jüdischen Zeitung“ geschrieben. Ich habe selbst früher daran geglaubt und dementsprechend gehandelt. Die Erfahrungen, die ich speziell in Russland gesammelt habe, belehrten mich eines Besseren. Entweder- oder: Entweder sie wollen schnell die Massen gewinnen, dann dürfen sie nicht viel von Zionismus sprechen, oder aber sie entrollen die zionistische Fahne voll und ganz, dann bekommen sie nicht die Massen. Denn; diese sind immer opportunistisch und auf das Nächstliegende angewiesen. Besonders aber die jüdische Masse. Mir scheint, dass es sich ebenso in Oesterreich verhält Im praktischen Leben aber gestaltet sich die Sache viel schlimmer: Das Mittel wird zum Zweck und es entwickelt sich der Geist der kleinlichen und persönlichen Polilikasterei, die nur viel Schmutz aufwirbelt. Bei vielen Zionisten entsteht dabei eine ganz sonderbare Erscheinung: Man will überall dabei sein, man jagt nach dem Ruhme die ersten zu sein, die A gesagt haben uad dabei verwittert der Zionismus. Es hängt wohl nicht von den Zionisten ab, sondern von dem inneren Wesen der Diaspora, die an und für sich einen schädlichen Opportunismus darstellt. Und mögen Dichter sagen was sie wollen, aber wer im Schmutz steht, kann nicht fleckenlos rein bleiben. In der Diaspora müssen die Juden entweder ihre Werte oder ihre Würde, oder aber beides preisgeben, wie ich es an einer anderen Stelle in bezug auf unsere ganze Diasporagesebichte nachzuweisen versuche. Und damd gelangen wir zum Schlüsse, dass eine radikale jüdische Diasporapolitik ein Ding der Unmöglichkeit ist. Radikal Der Vorbeter ist aucli schon fast am Schlüsse! angelangt und der rothaarige Idiot, der eine Art von Scharamesdienst versieht, holt den Scholar hervor hervor und fragt den Vorsteher, wem er ihn reichen soll. Dieser trägt ihn selbst zu dem Zaddik aus'Odessa, dem so die Ehre wird, den langen Tag mit einem Schofarruf zu schliessen. Der Greis erfasst die Posaune, reckt sich auf, wirft einen kurzen Blick auf die Gemeinde, die sieh schon zum Heimweg röstet, zieht dann die Schulter ein, presst den Schofar in den linken Mundwinkel, richtet ihn mit kurzem Ruck gegen den Steinboden, wölbt die Rechte zum Schalltrichter über der Oberlippe und stösst in Jas Hörn. — — War das ein tröstliches Abschiedsblasen nach den Kasteiungen des Fasttages? War das der Schofarruf, der die „furchtbaren Tage“ vom Alltag, vom Jahre trennt? Nein, das war ein hartes, gellendes, grausames Hineinschreien in die Erde, dort hinunter, wo die Opfer modern, die sie damals wie räudiges Vieh ins Wasser j egten. Das war ein Hinaufzerren geschlachteter Kinder, das war ein blutiges Heranschleifen von erdrosselten Frauen mit Nägeln im Kopf und ßetlfedern im Bauch. „Kommint hinauf!!“ Fremd bin ich liier unter diesen. Gejammert haben sie uud gei'eilschst, ein jeder für sich und . seine Habe und jetzt gehen sie zum Kiddusch. Kommt zu mir, ich gehöre zu Euch, denn Ihr luht meine abgesägten Beine mit hinunter genommen! Kommt! Wir reissen die Wunden auf und heben ein furchtbares Singen an, denn es ist alles, alles längst wieder vergessen . . . So gellt er Ruf des Sehofars. Doch im Verklingen sänfligt sich der Ton und verhallt wie eine Bitte nach Labsal und geliebten Händen . . . Die Kupaschul ist ganz finster geworden. Das letzte Licht war verglommen. Vom Platz her füllt der Schein der Gaslalernen in bleichen Streifen in den Raum und zeigt erschreckte Gesichter. Der totgeweihte Bocher krümmt sich, wie von einem stechenden, physischen Schmerz gequält und drückt sich fröstelnd in die Nische. Der Milchhäger aus der hohen Gass schaut den Schofarbläser mit offenem Munde an und schluckt dann etwas mühsam durch die trockene Kehle hinunter. Der Ghasen sitzt auf der Bank, in sich gesunken, mit geschlossenen Augen, als wäre ihm eine Stimme aus jener Welt erklungen. v Und allmählich schleichen sie alle scheu und wortlos hinaus uud gehen hastig in ihre Häuser, als eilte ihnen das Verderben nach. Wien. Otto Abeies. Allerlei. Der Rabbi Tolstoi. Die „Russkaja Siiamja", das bekannte blutrünstige Organ des „Eehtrussisehei: Verbandes", schreibt: „In einein kleinen polnischen Städtchen war ein gelehrter und angebeteter Rabbi namens Leb Tolst. der es sich zur Lebensaufgabe machte, die Lehren seines Volkes auch den Andersgläubigen zu übermitteln. Er verfasste daher einen neuen Talmud in russischer Sprache. Der Graf W.tte, der bekannte .ludenbeschiitzer, sorgte aber dafür, dass diesem Rabbi der Oraient'tel verliehen wurde. Und nun heisst er nicht mehr Rabbi Leb Tolst, sondern Qraf Leo Tolstoi und wird heute von allen .luden und .iudenbeschiitzem gefeiert.“ Das grösste Waisenhaus der Welt. Das „Hebrew Örphan Asylum" in der City von Newyork ist sicher die grösste und bestgeleitete Anstalt deser Art in der ganzen Weit. Aus dem letzten Jahresberichte geht »hervor, dass das Waisenhaus am Schlüsse des Berichtsjahres 1199 Bewohner hatte, von denen 905 in Amerika geboren wurden, für deren Versorgung im letzten Jahre 210.0110 Dollars ausgegeben wurden. Trotzdem st am Jahresschlüsse ein Uebersehuss von 57.699.77 Dollars verzeichnet worden, der sich hauptsächlich aus Legaten ergeben hat. Der Zuschuss der Stadt Newyork für die Verpflegung von Waisen amerikanischer Bürger betrug im letzten Jahre 151.230.73 Dollars. Leiter dieser riesigen Anstalt st Rev. Salamon Lowensteiu. Ob diese Riesemtjistalt darauf Anspruch machen darf, eine jütische zu se:n, darüber g bt der BercfU leider noch ke ne genügend.- Auskunft.