Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG trägt der Akademische Senat, insbesondere aber dessen Organ, der Kanzleidirektor Blumauer, der als Mitglied einer antisemitischen Studentenverbindung, statt beruhigend einzuwirken, die Juden durch spöttische Bemerkungen und Drohungen noch mehr erbitterte und durch sein Vorgehen die Antisemiten direkt ermutigte. Die Rolle, welche dieser Beamte spielte, war eine derartige, dass die Jiidischnationalen dem Rektor erklärten, sie könnten in Gegenwart Blumauers nicht verhandeln, mit ihm weiter nicht verkehren und würden ihn, falls er es unternehmen sollte, in seiner Eigenschaft als Kanz'eidirektor der Universität nochmals an sie hc-ranzutreten, einfach davonjagen. Bezeichnenderweise bewilligte der Rektor die Entfernung des Kanzleidirektors aus dem Verhandiungssaalä und enthob die jüdischen Studenten des Verkehres mit diesem Herrn. Von der Uebermacht des antisemitischen Pöbels bedroht und von der akademischen Behörde im Stiche gelassen, haben die wackeren zionistischen Studenten einen harten Stand. Sie werden aber den Kampf um ihr akademisches und bürgerliches Recht rücksichtslos zu Ende führen. Noch nie hat die jüdische Ehre mutigere Verteidiger gefunden. Die jüdische Bürgerschaft, welcher Partei sie auch angehören möge, ist ihnen Dank und Unterstützung schuldig. 3* jj- & Sympathiekundgebungen. Noch an demselben Tage erhielt die ,.K a d i m a h" von der jüdisch-akademischen Verbindung „C h a r i t a s“ aus Graz folgendes Telegramm: „Euch und euren wackeren Mitstreitern herzliche Zustimmung zu Eurem stramm geführten Kampfe gegen feigen Terrorismus. Ist unser Erscheinen Samstag notwendig?“ — Von der „Hasmonäa" aus Czernowitz: „Leider zu fern beizustehen, rufen wir dem wackeren jüdischen Kämpfern ein kräftiges „Hedad“ zu. * * * Memorandum der jüdisch-nationalen Studentenschaft an den Rektor der Wiener Universität- Die jüdisch-nationale Studentenschaft protestiert auf das entschiedenste gegen das Vorgehen der deutschnationalen Studenten während der letzten Tage. In brutalster Weise wurden einige .liidischnat < nale abgefang-.n und, wenn sie auf die Frage, ob sie Juden seien, mutig ihre Nationalität einbekannten, misshandelt. Den Anlass für dieses pöbelhafte Betragen der Blüte der deutschen Kulturträger bot ein alter, tiefer Gegensatz, der seit der Zeit des sogenannten „Waidhofener Beschlusses“ datiert. Seit mehr als 12 Jahren wird den Juden zufolge dieses Beschlusses die Ehre abgesprochen, werden sie allen anderen Nationalitäten gegenüber für inferior und satisfaktionsunfähig erklärt. Die jüdischen Akademiker haben damals die ganze Zeit hindurch verachtungsvoll geschwiegen- Nur wenn der Gegner iir seinem Uebermute und im Gefühle seiner Ueberzalil FEUILLETON. Ausklang. (Ein Krakauer Bild.) In der Kupascbule sind die Lichter ganz niedergebrannt und flackern unruhig auf und nieder. Der Jomkippur naht dem Ende. Nur einzelne grosse Kerzen stehen wie niedergebrochene Lilien zwischen den Stümpfen, und sind längst erloschen. Die eigene Schwere oder die Glut des Kol-Nidre-Gebetes hatte sie wie Ruten niedergebogen, bis ihre Flammen auf den Pulten und Simsen erstickten. Die Männer kehren aus dem Gärtchen zurück, das sich bescheiden an die ehrwürdige alte Schule lehnt, denn die Schlussgebete beginnen. Leidenschaftlich schlägt das Wogen der Stimmen an die Mauern und das ergreifende ,Nilo“ trägt tausend versäumte Bussworte in die Höhe. An den buntgeschnitzten Holzbogen jagen die Schatten hin und her, als suchten sie verzweifelt einen Weg hinaus . . . Der bleiche Bocher an der Ostwand, dem die Schwindsucht zeitweise rote Wangen malt, wiegt sich immer rascher über seinem Buche und verlöscht mit dem fliegenden Atem den Kerzenrest am Pulte. sie provozierte, haben sie den Weg der Ehrennotwehr betreten und alle diejenigen gezüchtigt, die i'rech ihre Ehre aniasteten. Sie haben es hiebei ängstlich vermieden, den Kampf auf die Alma tnater zu tragen, und niemasrd kann ihnen'den Vorwurf machen, dass sie den heiligen Ernst des Studiums und des akademischen Betriebes jemals gestört haben. Doch der Uebermut der „Kulturträger“ empfand schon diese Regungen der Notwehr als Anmassung. Die vielen Fälle von Züchtigungen der Beleidiger, die in der letzten Zeit vorkamen, wurden dem Eigendünkel der deutschnationalen Studenten unerträglich. Auch in dem konkreten Falle „Allcmania“ kontra „Kadimah“ und in anderen Fällen schaiiten sich jüdischnationale Studenten die entsprechende und einzig mögliche Genugtuung ausserhalb des akademischen Bodens. Die Gegner aber überfielen mit Mannesmut und Mannesstolz in Horden einzelne, ahnungslose, aus den Vorlesungen kommende jüdische Studenten und misshandelten dieselben, b i s s i e blutüberströmt am Boden liegen blieben. Und dies alles geschah auf einem Boden, der, wie zahlreiche Relegationen in früheren Jahren beweisen, seit jeher als akademischer gilt. Montag den 9. November hat Herr Kanzleidirektor Drv. Blumauer, der selbst einer Verbindung angehört, die Juden keine Satisfaktion gibt, diesen Boden für nicht akademisch erklärt. Nach seiner Auffassung ist jener Boden, auf welchem Juden durch Deutschnationale täglich misshandelt werden, nicht akademisch. Die Polizei hingegen verweigerte ein Einschreiten, mit der Begründung, dass der Ort akademischen Charakter, trage- Die jüdischen Studenten wurden also von beiden Seiten für vogelfrei erklärt, eine Behörde hat der anderen die Verpflichtung zum Schutze zugeschoben. Die einzige Massregel, die getroffen wurde, war ein Farbenverbot f ii r d i e a k a d. Verbindung „Kadimah“. Sollte uns der Schutz der akademischen Behörden in unserer gerechten Sache nicht in wirkungsvoller Weise zuteil werden, so sind wir zu einem Schritte gedrängt, den wir zwar sonst p erhör r e s z i e r e n, zu dem wir aber in der Not, in welcher sich allenthalben unser jüdisches Volk und seine Akademiker befinden, gezwungen sind: zur Selbst wehr der Desperados. Die jüdischnationale Wiener Studentenschaft. * * * Gibt es jüdische Heizpfaffen? Kein Volk hat den Missbrauch der Kanzel zu parteipolitischen und agitatorischen Zwecken so schmerzlich zu fühlen bekommen, als gerade wir Juden. Die meisten und blutigsten Judenhetzen haben vom Altäre den Ausgang genommen- Von überirdischem Glanze umstrahlt, durch die heilige Umgebung vor Erwiderungen und Zurechtweisun- Der schwarzbärtige Milchträger aus der „hohen Gass“ wirft die Augen an die Deckenwölbung und ruft wild hinauf, als gäbe ihm sein Hungerdasein das Recht, befehlend zu ' fordern, was andere winselnd erbetteln wollen. Der rothaarige- Idiot aus der Krakauer Gass mit den triefenden Augen tritt mechanisch von einem Fuss auf den andern, summt ein Weilchen mit, starrt dann eine Weile ein Licht an, bei dem sieh der eingewickelte Papierstreifen gefangen hat, geht aber dann ins Gärtchen hinaus zu den Buben, die ihn so grausam hänseln und zu denen es ihn trotzdem immer wieder hinzieht. Der feiste Getreideliändler mit dem gestickten seidenen Käppchen, stützt gleichmütig den Kopf in die Hand, wie einer, der ruhig die anderen für sich beten lassen darf. Beim Eingang steht ein Soldat, den Talles über dem blanken Waffenrock, reckt den Hals nach vorne und trinkt verzückt die Gesänge, die er ein Jahr lang entbehrte und die dort jetzt ganz leise und verhalten anheben. Dort vorne beginnt nämlich ein Häuflein unter einem Gebetmantel zu beben, hebt sich und sinkt wieder zusammen, um sich wieder hinaufzuwinden und zu wölben. Aus diesem Häuflein erklingt das zart gedämpfte Lied wie aus Märebenfernen. Da reckt sich mit einemmal eine Hand mit fünf ausdrucksvollen Fingam aus dem Häuflein, reisst die Melodie in die Höhe, schwingt sieh hin und her und breitet gleichsam die wundervolle tiefinnige Kadenz Nr. 46 gen geschützt, ist es dem Priester seit ieher ein Leichtes, die Hörer mächtig zu beeinflussen und, unter dem Deckmantel der Religion, für die oft verwerflichsten Ideen zu fanatisieren. Bei uns Juden, als den zumeist und härtest Betroffenen, haben Hetzereien und politische Quertreibereien im Gotteshause den stärksten Widerwillen hervorgerufen. wir waren immer erbitterte Feinde jeglichen Hetzpfaf/entums. Seltsamerweise machen sich aber Zeichen hiefiir bemerklich, dass dieses Institut sich in unserer eigenen Mitte breit zp machen droht. Zu wiederholten Malen wurde speziell in Wien seitens der Rabbiner von der Kanzel herab .zu dem Kampfe der Zionisten gegen die 'herrschende offizielle Partei Stellung genommen. Erst kürzlich hat laut Blättermeldungen der Oberrabbiner, taktvoll, wie der Hochwürdige schon ist, die Opposition mit „Strassenkehrern“ verglichen, dann hat es ein anderer geistlicher Herr für gut befunden, die Ziorvsteu in der Neujahrspredigt als Vatcrlandsverräter sachte zu vernadern und nunmehr hat ein jüdischer Priester, der Rabbiner Dr. David, den Mut gefunden, in seiner Predigt das alte Märchen, die zionistische Opposition 'arbeite mit den Antisemiten Hand in Hand, der Betgemeinde frisch garniert vorzusetzen, selbstverständlich unter den obligaten und gewerbsmässigen Friedensbeteuerungen. Uebrigeus derselbe Dr. David, welcher vor zwei Jahren im Tempel die bekannte Rede gegen die „polnischen“ Juden hielt. Wenn wir Zionisten gegen ein solches Vorgehen energisch Stellung nehmen, so geschieht es nicht aus Parteiinteresse. Der Zionismus ist schon mit anderen Herren fertig geworden, er wird die Angriffe aller jener, die das Liedlein ihrer Brot- und Trinkgeldgeber treulich singen, auch fiberstehen. Aber wir, die angeblichen Reäigionsstörer, wollen nicht, dass der Tempel in eine politische Arena umgestaltet wird, wir Zionisten, Gläubige und Ungläubige, protestieren dagegen, dass gottesdienstliche Verrichtungen mit agitatorischen Manövern verquickt werden. Als Privatmann hat der jüdische Priester das Recht auf eine politische Ueberzeugung und darf sie fördern, auf der Kanzel aber hat der Parteimaiin zu schweigen, nur der Gottesdiener darf reden. Im Interesse der Religion sollte dieser Unfug rasch und radikal unterdrückt werden. Wir geben nur eines zu bedenken: die jüdische Jugend ist heute vorwiegend national und zionistisch. Wenn sie gezwungen wird, im Gottesliause mit anzuhören, wie ihre Ideen herabgesetzt und verunglimpft, ihre Führer straflos verleumdet werden, dann wird dieses Gotteshaus fiir sie kein angenehmer und gern gesuchter Aufenthalt sein;. Alien, die für die religiöse Erziehung unserer Jugend sonst so lebhaft eintreten — und das sind ja vorwiegend Nichtzionisten — sei dieser Umstand zur Beachtung empfohlen. über die Gemeinde. Dann schliessen sich die Finger, als wollten sie die zitternden, seidenfeinen Facettöne festhaUen, die im pianissimo ersterben. Das ist der berühmte Chasen aus der Kupaschule, der Jahr für Jahr auf Flügeln des Gesanges seine Scharen vom Kol Nidrei zum Nilo trägt. Unweit ihm betet eine kräftige untersetzte Greisengestalt. Der Nacken ist breit, die Stirne hoch und über den Augen' wölben sich schneeweisse Brauen. Der Gott der Väter muss ihm verzeihen, dass er ihn nicht mehr stehend preisen und dass er beim Sehmonuessre nicht die drei Schritte nach rückwärts gehen kann. Sie haben ihm damals in Odessa die Füsse abgesägt .... Er kam vor einigen Wochen in diese Stadt. Viele Fromme erwarteten ihn am Bahnhofe — denn er ist ein gepriesener Gottgelehrter — und trugen ihn aus dem Waggon. Dort sitzt er jetzt am Ehrenplatz und ruft mit den Chasen: „Besiegle uns zum Leben und zum völligen Genesen“ .... Es war nur ein letztes Flackern der Kerzen, ein letzter mühsamer Sturm der Gebete. Die Nerven erschlaffen, die Stimmen versagen und die Lichter sinken zischend zusammen. Schon beginnen minder Gewissenhafte oder Beruhigte, wie der Getreidehändler, Talles und Sterbekiitel zu lüften, und mancher nickt zufrieden zur Gattin hinauf.