Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438212--0842-2440390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Einblick in die Arbeitsmethode des „Verbandes der echt-russischen Leute" gewährt. Zu einem bekannten christlichen Rechtsanwalt kommt dieser Tage ein anständig gekleideter Student und führt sich mit folgenden Worten ein: „Ich komme auf Empfehlung von Herrn N. (hier nannte er den Namen eines bekannten Mitgliedes des Verbandes der echt-russischen Leute). Ich sammle Material über die negativen Seiten des Judentums in der Advokatur, und Herr N. sagte mir, dass Sie mit einem jüdischen Rechtsanwalt Streitigkeiten hätten." — R.-A.: „Ja, ich hatte einmal e.nen : kleinen- Zwist in einer Verhandlung mit einem jüdischen Kollegen, aber ich kann Ihnen, weder von ihm noch von anderen jüdischen Kollegen, etwas Schlechtes mitteilen." — Student: „Was können Sie mir aber im allgemeinen von den jüdischen Rechtsanwälten sagen?" — R.-A.: „Ich praktiziere schon zehn Jahre, und ich kann nur sagen, dass es unter den jüdischen Rechtsä anwälten ebenso wie unter den russischen be-; gabte und -unbegabte, gute und schlechte gibt- \ Aber ich habe nie bei den Juden etwas besonj deres Negatives bemerkt. Wir machen in unj -serem Stande keinen Unterschied zwischen einem; Juden und einem Cnristen. Wir leben in Eintracht wie eine grosse Familie.“ — Das Gesicht des jungen Mannes wurde merklich länger. Schliess- •' lieh sagte er: „Ich möchte Sie doch bitten, mir irgend etwas Tatsächliches mitzuteilen. Es kommen doch immerhin, wie man hört, Differenzen zwischen jüdischen und christlichen Rechtsanwälten vor.“ — R.-A.: „Ich habe die Berichte . des Rates der Anwälte seit der Gründung dieser ' Institution veriolgt. In den dreissig Jahren, die 1 diese Berichte umfassen, gab es keine einzige : Beschwerde.“ — Der Jüngling erhob sich von ( seinem Sitz. „Könnten Sie mir dann vielleicht j mitteilen, bei wem ich etwas über die schlechten Seiten der jüdischen Advokaten erfahren könnte?“ — R-A.: „Warum brauchen Sie denn unbedingt die negativen Seiten? Wenn Sie für die Frage Interesse haben, dann dürfen Sie sie doch nicht So einseitig behandeln.“ — Student: „Ach was, ■die Frage hat für mich gar kein Interesse; ich muss einfach meinen Auftrag ausführen.“ — R.-A.: „Auftrag?“ — Student: „Nun ja! Mich interessiert das nicht, aber ich werde dafür befahlt — und da muss ich es doch ausführen.“ — Es versteht sich, dass damit die Unterredung be- ' endet war. Aber wahrscheinlich hat der intelli- : gente junge Mann doch noch zufällig einen antisemitischen Rechtsanwalt gefunden, der ihm die gewünschten negativen Auskünfte gab. Und so werden wir nächstens von einer Eingabe des echt-russischen Verbandes an das Ministerium zu hören bekommen, die alle die so mühselig gesammelten „negativen Seiten“ der jüdischen Advokaten recht drastisch behandeln, wird. 1 ♦ . Uj ♦ I i Eine Illusion. j Berlin. Da: Vorsitzende des Hilrsvereins der | deutschen Juden, Herr James Simon, hat .infolge von aus Rumänien an den Hilfsverein ergangenen Anregungen an die Reichsregierung die Frage gerichtet, ob sie geneigt sein wihrde, auf der bevorstehenden Konferenz das Verhalten der rumänischen Regierung 3n Bezug auf die laut § 44 des Berliner Vertrages übernommenen Verpflichtungen zur Sprache zu bringen. § 44 des Berliner Vertrages sichert nämlich auch den Juden alle Rechte zu. Das Auswärtige Amt ihat erklärt, dass es zurzeit nicht in der Lage sei, eine dahingehende Zusage zu geben und diesien Standpunkt in folgender Weise motiviert. So weit sich übersehen lässt, besteht bei allen S gnatarmächten des Berlinetr Vers träges der Wunsch, das Programm einer eventuellen Konferenz auf diejenigen Fragen zu beschränken, die durch die politischen Vorgänge auf dem Balkan akut geworden sind. Artikel 44 des Berliner Vertrages ist durch diese Vorgänge nicht berührt worden. Es muss ferner berücksichtigt werden, dass man deutscherseits jede Initiative ■bei Aufstellung des Programmes für eine eventuelle j Konferenz vermieden, dagegen aber bei den bis-! herigen Erörterungen aus schwerwiegenden politij sehen Erwägungen nachdrücklich den oben ange- * deuteten Standpunkt der Einschränkung des Konierenzprogrammes vertreten hat. Deutschland würde daher gänzlich aus seiner Rolle fallen, wenn es jetzt eine Diskussion des Artikels 44 verlangen wolle. Diesem Standpunkte gegenüber musste sich der Vorsitzende des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Augenblick darauf beschränken, die Reichsregjerung zu ersuchen, die Angelegenheit im Auge zu behalten, und in Fühlung mit den anderen Signatarmächten des Berliner Vertrages zu bleiben, an welche sicherem Vernehmen nach gleichartige Anträge gerichtet werden sollen. — Wlir verkennen keineswegs die gute Absicht des Deutschen Hilfsvereines, der in der kurzen Zeit seines Bestandes ausserordentlich Erspriessliches im Interesse des jüdischen Volkes geleistet hat. Es ■ist jedooh naiv, sich der Illusion hiiizugeben. die deutsche Regierung werde zugunsten der Juden euies fremden Staates die Initiative ergreifen; behandelt sie doch ihre Juden als Bürger zweiter Klasse, indem sie sie von allen höheren Stellungen im Staats- und M litärdienst ausschliesst. * * * Eine hebräische Musterschule. Czernowitz. Der hebräische Schulverein „Safa Brura'h“ in Czernowitz hielt am Sonntag, den 18. v. M. unter dem Vorsitze Jes Kultusvorstehers Josef Blum im jüdischen Nationalhaus eine zahlreich besuchte Vereinsversammluiig behufs Errichtung der hebräischen Kurse nach dem Lehrsysteme lbrith b'Ibrith für das Wintersemester 190S/09 ab. Der Obmannstellvertreter Dr- Berl Kinsbrunner gab in seinem einstiindigen Referate eine Uebersicht über die Sprachbewegungen der Juden im Altertume und Mittelalter seit dem frühzeitigen Verluste der „heiligen Sprache“ als allgemeiner Verkehrssprache und beleuchtete die überlegene Kraft der hebräischen Nationalsprache über die jüdische Muttersprache uml die anderen im Gebrauche stehenden fremden Sprachen; Er bezeichnete die Errichtung dieser Kurse als das vorzüglichste Mittel zur Wiederbelebung des Hebräischen und Beseitigung des unnatürlichen Zustandes, dass die Juden fremde Kulturen in fremden Sprachen aufnehmen. Die Schule mit hebräischer Unterrichtssprache sei als Musterschule projektiert und hätte die Aufgabe, sowohl die anderen Schulen umzumodeln, als auch den Boden iür die Einführung *des Hebräischen als Unterrichtssprache in den Schulen der Kultusgemeinden und in den Volks- sowie' sonstigen Schulen bei Errichtung der nationalen Schulen vorzubereiten und so unsere National' und Kultursprache zur Umgangssprache zu machen. Nach einer lebhaften Diskussion, an welcher sich nebst dem Vorsitzenden auch Kultusrat David Frankel, Horowitz und andere beteiligten, beschloss die Vereinsversammlung die geplanten Kurse nach der Lehrmethode lbrith b’Ibrith zu errichten und zur Erhaltung derselben nach Kräften beizutragen. — Andere Länder, andere Lieder! In Czernowitz gründet die Kultusgemeinde hebräische Schulen, in Wien hat vor zwei Jahren ein Kultusvorstand die hebräische Sprache als ..alten Plunder" bezeichnet. * * * Eine öffentliche Versammlung der jüdischen Nationalliga „Achwah“. Konstantmopei. Aus ihrem anfänglich stillen und bescheidenen Wirken erwächst allmählich die „Nationale Liga der Juden der Türkei" zu achtunggebietenden Massenmanifestationen empor. Bei der jüngsten grossen öffentlichen Versammlung der „Aohwah“ waren nicht weniger als 2000 Juden aus Pera, Galata, Stambul, Hasköei, Balat, aus allen Stadtteilen und Volksschichten vereinigt. In dieser Versammlung legte die neue rührige Gesellschaft ihr Programm vor und warf die Frage auf, welche Stellung die Juden zu der neuen Ordnung einnehmen sollen. Als erster Redner sprach der Präsident der Liga, Advokat Russe, in türkischer Sprache. Er setzte den politischen Te'l des Programmes auseinander, der die Einigkeit der ottomanischen Nation anstrebt durch de Verbreitung der Staatssprache und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Der Jude sei stolz, im Verein mit den anderen ottomanischen Mitbürgern an den Aufgaben des Vaterlandes mitzuarbeiten. Herr David Ehrekaweh sprach spaniolisch und plädierte iür d'e hebräische und spaniolische Sprache. In iliessender hebräischer Rede, die mit sichtbarem Interesse vom Publikum verfolgt wurde, erinnerte Herr Neufach an die Dankbarkeit, die die Juden den Türken zollen. Sicherlich nicht zu geringerem Teile aus diesen Gefühlen heraus hat Beaconsiield. der eiirig nir die Einwanderung der Juden nach dem ottomaniischen Reich eintrat, die von Russland auf dem Berliner Kongress vorgeschlagene Aufteilung der europäischen Türkei verhindert. Um das Bild zu vervollständigen, sprach auch Herr M. Gorodfchze in Jiddish. Als letzter ergriff das Wort Herr Schabotinski. der als Korrespondent diverser russischer: Zeitungen hier weilte. Wie schon bei seiner Ansprache während der Eröiinungsieier der „Achwah“, sprach er auch desinal italienisch, j Er begriisste die Versammlung im Namen der , russ sehen Juden, die grosse Opfer iür die Fre heit! gebracht hätten, aber nicht das erreicht, was Jie i friedliche Bewegung der Ottomanen dem Reiche i gegeben habe. Die Grösse des ottomanischen ■ Volkes bestehe nicht allein in der Transformation; des Landes, sondern in der Mässlgung und Würde.! Auf die Nationalitätenordnung eingehend, zeigte! er au Bespeien aus dem Nationalitätenkampf in Oesterreich, welche Politik die einzelnen Völkerj schäften betreiben müssten, das sei die ottomani- | sehe Politik. Die Grundlage einer solchen Politik l müsse aber die eigene nationale Würde bilden, j Er vergleicht den Staat mit einem Orchester, wo I jeder sein eigenes Instrument spielt und eben da-; durch die Schönheit der Harmonie erreicht. Die i Juden werden ein wertvolles Element des Staates | sein, wenn sie nicht den Fehlerder Juden anderer Länder begehen und sich sinnlos der einen oder anderen Nationalität äusserlich anschliessen und dadurch den Hass aller National, täten auf; sich ziehen. Die Juden müssen innerhalb der! Völkerschaften jüdische Politik betreiben, wo- J durch allein sie die Harmonie der ottomaivschen 1 Politik auirechterhalten werden. Die „Achwah“ i hat diesen Standpunkt in dem einfachen Satze j der türkischen und hebräischen Sprache ausge- ■ drückt, in der Sprache seien die Gedanken geborgen. die den Einzelnen zum Wohle der Gesamtheit leiten. Die glänzende Rhetorik des Red- ■ ne.is hatte ihre Wirkung nicht verfehlt uml in; wiederholtem brausenden Beiiall machte sich die Begeisterung des Publikums Luft, die zuletzt in förmlichen Ovationen für den Redner endete. ’ Das Meeting der „Achwah" hat gezeigt, dass die Juden des Orients nicht nur iür die Volks- : Sache arbeitswillige Kräite auf weifen, sondern dass auch die Massen für ideale Ziele aufnahmefähig sind. Es wird nicht lange dauern, und die Juden des Orients stehen ihren Brüdern des Okzidents würdig zur Seite. (Die Welt.) * * Ein rumänischer Rechtsgetehrter. f i 1 i I! i! j i t \ i i Bukarest. Die Antisemiten iiihren seit längerer Zeit einen grossen Kampi gegen die Richter der Stadt Jassy, die sie beschuldigen, von den Juden bestochen zu sein. Trotz der klar zutage liegenden Unsinnigkeit einer solchen Beschuldigung, die sich die Richter nur deshalb zugezogen haben, weil sie nicht nach dem Willen der Antisemiten das Recht verdrehen wollten, setzte der Justizminister eine Kommission aus zwei Abteilungen des Kassationshofes ein, uni die Sache zu untersuchen. Das Ergebnis war, wie man es nicht anders erwarten konnte, dass alle Beschuldigungen als absolut haltlose Verleumdungen erwiesen wurden. Die Antisemiten sind darüber natürlich sehr ergrimmt, und ihre Hauptiiihrer, die Herren Universitätsproressoren (!!) Jorga und Cuza, geben sich mit einer solchen Untersuchung natürlich nicht zutriedeu und führen ihre Angriffe gegen die Jassyer Richter weiter. Zu einer besonders charakteristischen Aeusserung hat sich der Herr Professor Cuza in seinem letzten Artikel im „Neamul Romanese“ verstiegen. Dort erklärt Herr Cuza. Professor der Rechte an der juristischen Fakultät in Jassy, kurz und bündig: Die Behörden und die Richter haben national zu sein und national zu handeln — mau weiss, was Herr Cuza unter „national" versteht! Der Richter, sagt Professor Cuza weiter, soll nicht nur nach dem Gesetze urteilen, sondern auch die ganzen sozialen und nationalen Verhältnisse der klagenden Parteien in Betracht ziehen. Wenn er über Juden und Rumänen zu urteilen hat, so muss er immer den Juden verurteilen, auch wenn dieser durchaus im Rechte ist — So spricht ein Lehrer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.