Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 der Rechte an einer rumänischen Universität- | Dass diese Angriiie einen grossen Eindruck auf die Behörden und die Richter machen, steht ausser allem Zweifel. Durch die in Rumänien zu einer dauernden Einrichtung gewordene Hetze gegen alles, was den Namen Jude trägt, sind die Richter zumeist ohnedies schon gegen die Juden stark voreingenommen. Und da die Antisemiten in den einflussreichsten Stellungen sitzen, so wird sich selbst ein wirklich vorurteilsfreier Richter es in Zukunft zehnmal überlegen, ehe er 'ein für einen Juden günstiges Urteil abgibt. * # * Ein Jugendverein für den Nationalfonds. KonstantinopeL Der vor einigen Tagen begründete Jugendverein für den Nationalionds hat seine Tätigkeit begonnen. Neben der Sammelarbeit für den Nationalionds wird sich der Verein auch mit dem Studium der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte .und mit allem, was geeignet ist, die Kenntnis des jüdischen Volkes und das Interesse für Palästina zu verbreiten, beschäftigen. Der besondere Wert des Vereines liegt in der Zusammenfassung der jüdischen Schuljugend, merkwürdigerweise sämtliche Schüler aus nichtjüdischen Schulen, die sich alle besonders der Erlernung der hebräischen Sprache widmen wollen. Es ist ein erfreuliches Zeichen, dass gerade die Jugend der Pflege der nationalen Schätze ihr Interesse zuwendet, doppelt erfreulich, dass es im ottomanischen Reiche geschieht. * * * Unruhen In Bagdad. Konstantinopel, 24. Oktober. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle.) Bei dem Kaimakam Chacham Baschi Nahoum sind Meldungen eingegangen, wonach die Juden von Bagdad der Gegenstand fortgesetzter Angriffe sind, so dass sie ihre Häuser nicht verlassen können; es herrscht vollständige Handelsstockung. * * * Eine jüdische Repräsentanz. Breslau. Ueber die geistige Revolution, die säch in bezug auf die Auffassung der Judenfrage auch in den Kreisen der eifrigsten Assimilanteu vollzogen hat, belehrt folgender Auszug aus einem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“, die Zeit ihres nunmehr 70jährigen Bestandes Wortführerin der „Deutschen mosaischen Glaubens“ war: „Zwölf Millionen Juder, und — kein einziger, niemand kann noch darf im Namen des Millionenvolkes sprechen. Zwölf Millionen Stiefkinder, und niemand kann das Recht für sich in Anspruch nehmen, ihre Interessen wahrzunehmen. Niemand kann oder darf als Anwalt dieser zwölf Millionen Verfolgter und. Unterdrückter auftreten. Wir dürfen uns auch nichts weiss machen und uns nicht selbst betrügen: Unser ganzes Volk, unsere ganzen zwölf Millionen Juden sind und werden verfolgt, unterdrückt, entrechtet, zurückgesetzt, in dem einen Lande mehr, in dem anderen weniger; in den meisten Ländern aber sind wir im besten Falle auch nur die Geduldeten- Wir haben keine Vertreter, die im Namen unseres Volkes sprechen könnten . . . Wenn wir uns entrüsten, wenn unser Gewissen sich empört ob der Folter, ob der Massenmorde an unseren Stammesgenossen, so schreien wir durch die Presse zum Fenster hinaus, und — im besten Falle bekommen wir Mitleidsausdrücke, Kondolenzkarten. Und wir können : an niemanden appellieren aus dem einfachen Grunde, u'eil niemand von unseren zwölf Millionen Juden berechtigt ist, im Namen der Opfer zu sprechen. Weil wir keine Vorsteher unseres Volkes haben, deshalb werden wir auch zurückgesetzt und drangsaliert, werden die Massen verfolgt und gemordet: weil wir herrenlos sind. Wir brauchen Volksvertreter, wir müssen eine Repräsentanz des ZwöIf-iMillionen- Jnden Volkes haben. Eine wahre, echte und wirkliche Repräsentanz, aber keine Pseudo-Repräsentanz . - . Die Repräsentation des jüdischen Volkes muss eben und soll ein jüdisches Volkskabinett sein, das mit den Mächten und Regierungen im Namen der jüdischen Gesamtheit und für diese verhandeln und wirken soll. In ein solches Kabinett gehören Kenner des Volkes und Staatsmänner, nicht aber zufällige und berufsmässige Nur-Philanthropen . . Ferner: Kommt eine Repräsentanz des jüdischen Volkes aus den Vorständen der philanthropischen Vereine zustande, so werden die russischen, österreichischen und rumänischen Juden kaum in diesen Vorstand hineinkommen können. 'Die Juden Osteuropas, Asiens und Afrikas, die doch drei Viertel der Gesamtjudenheit ausmachen, weroen in der Repräsentanz nicht vertreten sein, weil sie nicht reich genug sind, um in den Wohltätigkeitsvereinen eine ausschlaggebende Rolle spielen und sich an der grosszügigeri Wohltätigkeit aktiv beteiligen zu können. Und gerade diese Juden, die Unterdrückten und Verfolgten, die wissen es doch am besten, was de« Juden nottut. Vorsteher des jüdischen Volkes müssen von diesem und nicht von einzelnen Personen gewählt werden. Ein Plebiszit, ja ein Plebiszit kann einzig und allein uns die richtigen Vertreter geben.“ — Darauf folgt ein Vorschlag zur Schaffung einer Gesamtvertretung, die im einzelnen zu diskutieren wäre. Mit der Verbreitung dieses Artikels, der von einem der ältesten und angesehensten jüdischen Blätter gebracht wird, könnte sich die gesamte jüdische Presse das grösste Verdienst erwerben. Denn dieser Gedanke darf nicht zur Ruhe kommen, bis er in einer befriedigenden Form zur Durchführung gelangt ist * * * Erleichterung im russischen Auswanderungsverkehr. Berlin. Wie dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle mitgeteilt wird, fand Cm •Ministerium des Innern eine Konferenz der beteiligten preussischen Behörden und Vertreter der deutschen Schiffahrtsgesellschaften statt, die sich mit der Abänderung der Bestimmungen für den Durchzug russischer Auswanderer durch Deutschland beschäftigte. Es ist beschlossen worden, eine neue Betriebsordnung für die Auswaniderer-KontroClstationen längs der preussisch-ruisteischen Grenze zu erlassen, die wesentliche Erleichterungen für die Auswanderer bringt. U. a. soll die ztvaiigswese Abschliessung der Auswanderer in den Kontrollstationen fortfallen. Damit werden Härten beseitigt, über die d e russischen Auswanderer bisher geklagt haben. * * * Ein jüdischer Bürgermeister in Russland Kiew. In Rajbnischki (Wittebok-Gouv.) war lange Jahre hindurch ein Bauer zum Starosten (Gemeindevorsteher), der weder Lesen, noch Schreiben konnte, gewählt. Die Gemeindeverwaltung litt natürlich unter einer solchen Leitung ausserordentlich und die Unordnung, die in den Büchern und Geschäften der Gemeinde herrschte, hatte unausgesetzte Rügen zur Folge. Vor einem Jahr ungefähr petitionierten nun die Ortsbewohner an die Verwaltungsbehörde, einen Juden zum Starosta wählen zu dürfen. Nach langem Zögern wurde schliesslich die Erlaubnis erteilt und ein Jude namens F r i e d 1 a n d zum Starosta gewählt. Herr Friedland waltet erst seit einigen Monaten seines Amtes und hat schon Ordnung in die Gemeindeverhältnisse gebracht, so dass die Regierung sich veranlasst sah, ihm in einer Zuschrift ihre besondere Anerkennung auszudrücken. •j" „Bauernschlauheit.“ Warschau. Ein charakteristischer Fall wird aus einem Dorfe im Gouvernement Poldolien gemeldet. Da die Juden in diesem Dorfe kein Wohnrecht haben, so benützten die Bauern des Dorfes die gute Gelegenheit, um von den dort ansässigen Juden eine jährliche Abgabe von 10 Rubeln pro Kopf zu erpressen. Kürzlich weigerten sich nun die Juden, diese illegale ,,Gebühr“ für die Erlaubnis zum Wohnen weiter zu zahlen. Daraufhin wandten sieh die guten Bauern an den Gouverneur mit dem Ersuchen, die Julian aus dem Orie auszuweisen, da s:e der Bevölkerung „schädlich“ wären. Die Verwaltungsbehörden gingen der Sache nach und erfuhren schliesslich von den Bauern als Grund der „Schädlichkeit“ der Juden: Die Juden kauften von den Bauersfrauen verschiedene Produkte, wie Eier usw., und zwar ohne Wissen der Männer! Ein so gemeingefährlicher Bevölkerungsbestaridteil könne dort nicht geduldet werden. Die Entscheidung der Behörde über das Gesuch der duntmschlauen Bauern steht noch aus. Jedenfalls zeigt dieses Vorkommnis, wohin solche zweischneidigen Bestimmungen führen. Die Juden versetzen sie in ewige Unruhe, und die übrige Bevölkerung wird, wie die poldoüschen Bauern, heillos korrumpiert. * * * Die Juden in Bulgarien. Sofia. Bulgarien, das jetzt im Zentrum des Interesses steht, hat eine interessante jüdische Geschichte aufzuweisen. Die erste Judengemeinde des Landes wurde voir etwa 1800 Jahren gegründet, und ihre Zahl mehrte sich ständig. Als'- das Bulgarenreich im 12. Jahrhundert mit Venedig, Ragusa und Genua in Handelsverbindungen kam, gründeten viele jüdische Kaufleute dieser Städte Niederlassungen in den bulgarischen Donauhäien- und der jüdische Einfluss kam auf diese Weise zu immer grösserer Geltung im Lande. Ais um das- Jahr 1290 diei Tataren in Bulgarien einfielen, wurde ihr Heerführer bei der Belagerung von Tirnowo von einem Juden getötet. Vierzig Jahrespäter nahm Zar Iwan Alexander eine schöne- Jiidin, namens Sarah, zur Frau, die als Zarin Feodora einen wesentlichen Anteil an der Regierung nahm. Beim Tode .Iwan Alexanders kam der Schn der jüdischen Zarin, Iwan Tschitschman, zur Regierung, der zahlreichen jüdischen Flüchtlingen aus Ungarn Aufnahme in sein Reich gewährte. Unter der Türkenherrschäft lebten die Juden Bulgariens ebenso wie die der anderen Provinzen des Reiches, und wir haben keine Kenntnis von irgendwelchen besonderen Vorkommnissen. Dagegen haben die Juden im Jahre 1877 bei dem grossen Brande von Sofia sich um die Rettung der Stadtsehr verdient gemacht, und in Anerkennung dieser Tatsache bestimmte Fürst Alexander im Jahre 1879, dass die Feuerwehr von Sofia aus jüdischen Bürgern gebildet werden sollte. Im Kriege gegen- Serbien (1885) fochten die bulgarischen Juden mit grosser Auszeichnung, und Fürst Alexander hob ihre Verdienste besonders hervor, indem er sie- „echte Nachkommen der alten Makkabäer“ nannte. Gegenwärtig (besitzen die Juden zwar nominell alle- Bürgerrechte, tatsächlich aber unterliegen sieallen möglichen Beschränkungen, und noch vor wenigen Wochen hatten die Ausschreitungen und" Rechisbeschränkungen einen solchen Umfang angenommen, dass zahlreiche Juden Bulgariens nachdem Türkei auswanderten, eine Bewegung, die angesichts der gegenwärtigen Vorkommnisse wohl", noch weiteren Umfang'annehmen dürfte. * jjj * Erschwerung der Einwanderung. London. Wie aus Montreal gemeldet wird, sind die Bestimmungen für die Einwanderung in-- Kanada sehr erschwert worden. Speziell den Emigranten, die mit amerikanischen Schiffen eiritreffen, werden Schwierigkeiten vielfacher Art in den Weg gelegt. Von den Auswa-nderungsbureaus wird daher den Kanadareisenden geraten, ausschliesslich englische Linien zu benützen, welche allein sich nach wie vor eines ungestörten Schiffsverkehres mit Kanada erfreuen. * * * Jüdische Mohammedaner. Wilna. W.ie der „Hed Hasman“ meldet, sind’ 18 jüdische Studenten, denen die Aufnahme an den russischen Universitäten verweigert wurde, zum- Islam übergetreten. Als neugebackene Mohammedaner stand ihrer Aufnahme nichts mehr inr Wege. * * * Die jüdische Einwanderung nach Amerika. Es ist vor kurzem im Anschluss an die Einwanderungsziffern. aus den ersten acht Monaten dieses Jahres der Schluss gezogen worden, dass,, da die jüdische Einwanderung nach Amerika so-, sehr viel geringer sei als im vorigen Jahre, wahrscheinlich auch ein Teil der Ursachen der jüdischen Emigration weggefallen sei oder sich minder schwer geäussert habe. Das ist aber einedurch nichts gerechtfertigte Anschauung. Die Ziffern der jüdischen Einwanderung gewinnen natürlich erst dann eine Beweiskraft, wenn man sie mit den Ziffern der allgemeinen Einwanderung; vergleicht. Diese Ziffern liegen für den Monat