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Jüdische Zeitung · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 ^Die Juden in Bosnien. Von Gustav Seidemann (Prijedor, Bosnien). Am 7. Oktober 1908, frühmorgens, verkündeten Ausrufer und Proklamationen, dass Kaiser FranzJosefl. Bosnienund Herzegowina der österreichischungarischen Monarchie einverleibt habe. Die Annexion wurde von der grossen Mehrheit der Bevölkerung, das sind Türken und Serben, als eine schmerzliche Ueberraschung empfunden, denn beiden Völkerschaften wurden durch die Annexion Zukunftshoffnungen vernichtet. Nur die in Bosnien und Herzegowina lebendenden österreichisc h-u n g a r isehen Staatsbürger, die gesamte katholische und kroatische Bevölkerung und die Juden haben die Annexion mit lebhafter Befriedigung begrüsst.^> Bei der folgenden Betractffung soll die allgemeine politische Situation nicht oder nur soweit berührt werden, als sie auf die Lage der Juden einen Einfluss auszuüben geeignet ist. j In Bosnien leben zirka 10.000 Juden, davon zirka 7000 Spaniolen und 3000 aus Oesterreich-Ungarn. Genaue Daten liegen nicht vor, da seit dem Jahre 1895 keine Volkszählung stattgefunden hat. Die Spaniol e d, Abkömmlinge der vor mehr als 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden, haben in Bosnien eine gastliche Heimat gefunden. Sie hatten weder religöse, noch nationale Verfolgungen zu erdulden. Der Türke, der bis vor der Okkupation unbeschränkter Herr im Lande war, hat sich den Juden gegenüber immer duldsam bewiesen.) Für Westeuropa ist es gewiss eine merkwürdige Tatsache, dass die Spaniolen, trotzdem sie nicht als Juden verfolgt wurden, trotzdem sie nicht im Ghett o ein gesperrt waren, nie und niemals die Neigung zeigten, sich zu assimilieren, Wortführer und Verfechter des türkischen Volkes zu werden. Sie haben sich beharrlich national als Juden gefühlt und gegeben und daher allerseits Achtung und Duldung gefunden. Die „Barbaren* Hessen den Juden das Leben und die Freiheit; sie verlangten weder den religiösen Uebertritt, noch die Assimilation, sie übten keinen Druck aus, so dass sich die Juden in gesunder natürlicher Lage entwickeln konnten. p)ie Okkupation brachte eine grosse AnzaM österreichisch-ungarischer Juden ins Land, die als Unternehmer, Kauüeute, Handwerker, Privat- und Landesbeamte ihre Existenz suchten und fanden. Die österreichisch-ungarische Verwaltung hat an der günstigen Lage der Juden nichts geändert^ Mag sein, dass sie auch nicht den Willen "Gatte, die Juden zu drücken; jedenfalls verbot ihr die Raison, die Situation in Bosnien, religiöse oder nationale Politik zu treiben. In Bosnien leben zirka 700.000 Serben, 550.000 Mohammedaner (Türken), 3601000 Katholiken (Kroaten), die sich politisch und national scharf scheiden. Die Regierung musste sich darauf beschränken zu verwalten und musste politische Verwicklungen ängstlich vermeid en. ' Für den Zionismus sind beinahe alle Spaniolen zu haben. Von den eingewanderten österreichisch-ungarischen Juden kann das leider nicht so allgemein behauptet werden. Es gibt leider unter den bosnischen Beamten viele getaufte Juden. Ein Teil kam schon getauft nach Bosnien. Das waren die Naiven, die da glaubten, dass sie in der Monarchie mit dem Taufscheine Posten erreichen, die ihnen ohne Taufschein gänzlich verschlossen sind. Dahn sind einige Herren da, denen die Liebe zu einem cliristHchen Mädchen einen willkommenen Anlass bot, schliesslich auch nicht die -besten, die in der stillen Ueberzeugung; dass beim Avancement Christ sein besser ist als Jude sein, sich zur Taufe entschlossen. Es bedarf wohl nicht der Betonung, dass die Renegaten hier so wenig oder noch weniger Achtung finden, als in der Monarchie, denn die hiesige Bevölkerung, für welche religiöserAbfall mitVolksverrat identisch ist, verachtet denVerräter. Unter den Beamten gibt es aber auch viele Zionisten; dass sind diejenigen, die sich nicht taufen lassen wollten, auch unbewusste Zionisten, die mit ihrer Treue zum mosaischen Glauben (den sie in vielen Fällen gar nicht haben) ihre Treue zum Volke dokumentieren. Der Jude in Bosnien muss jüdischnational und z io nistisch sein, da er nur dann, gegenüber den Serben, Türken und Kroaten seine Unbefangenheit bewahren kann. Er wird von niemanden angeteindet, wenn er durch sein Verhalten keinen Grund zur Anfeindung gibt. Man betrachtet ja hierzulande den Juden in nationaler Beziehung nur als Juden; wenn er sich selbst als Pole, Deutscher, Magyare bezeichnet, macht er sich nur lächerlich. Hier bei der Bevölkerung ist die religiöse Scheidung gleichbedeutend mit der nationalen. Da ja beim Juden sich Religion und Volksangehörigkeit sich decken, wären sie Narren, wenn sie die Deckung nicht benützen würden, um den Gefahren zu entgehen, die sie heraufbeschwören, wenn sie sich als Serben, Türken oder Kroaten gebärden. Für nationale Maskeraden, die auch draussen nicht ernst genommen werden, hat man hier kein Verständnis. Dank den lokalen Umständen war die Lage der Juden hierzulande bisher eine annehmbare. Wie sich die, Situation in Zukunft gestalten wird, lässt §jch natürlich jetzt nicht bestimmen^ Vorläufig scheint keine Gefahr, trotzdem’ ‘ merkwürdigerweise von einem Volke, "welches am lebhaftesten und energischesten für seine nationale Freiheit ficht, von den Serben antisemitische Angriffe unternommen werden. Die Serben in Bosnien haben in ihrer politischen Taktik grobe Fehler begangen. An ihrem masslosen Kampfe gegen die österr.-ungar. Monarchie konnten und durften die Juden nicht teilnebmen. So haben zum Beispiel die Juden bei den Gemeinderatswahlen in Sarajewo ihre entscheidende Stimme den Serben nicht geben können, da ihr Programmpunkt : Entrechtung der österr.-ungar. Beamten und Kaufleute, für die Juden nicht akzeptabel war.? Ich bin überzeugt davon, dass die Juden? als Juden lieber mit der serbisch-türkischen Partei gehen würden, als mit den unter Patronanz der christlichsojialen Partei stehenden Kroaten. N^Das Verhalten der Juden in Bosnien sollte der Landesverwaltung selbst ein glänzendes Beispiel jüdischer Loyalität geben. Die - Juden haben — gegen ihr eigenes wirtschaftliches Interesse — denn während des Wahlkampfes haben es die türkischen und serbischen Oppositionsblätter an Lockungen und Drohungen nicht fehlen lassen — und gegen ihr persönliches Empfinden — man kann nicht gut von den Juden verlangen, dass sie für die kroatische christlichsoziale Partei Sympathie hegen — gehandelt, als sie ihre, wohigemerkt: entscheidende Stimme gegen die türkischserbische Opposition abgab. Die Stimme war nicht gegen Türken und Serben, sondern gegen einen bestimmten Programmpunkt allein gerichtet^ Das sollten alle Faktoren einsehen, man darf die Juden, die als politisch-nationale Partei eine selbständige Entscheidung trafen, nicht falsch und einseitig beurteilen. Gerade diese Angelegenheit, die im ganzen Lande Aufregung hervorrief, hat bewiesen, dass es für die Juden gut ist, selbständig und nach ehrlicher Erkenntnis und Ueberzeugung zu handeln, die Freiheit ihrer Ueberzeugung zu wahren und zu betätigen. (j^Die Annexion ist gekommen, eine neue Aera beginnt, ob sie den Juden Schlechtes oder Gutes bringen wird, hängt von diesen selbst ab. Gegenwärtig geht es den Juden hierzulande nicht schlecht. Wer kann aber behaupten, dass sich die Verhältnisse nicht ändern können? Wird die Verwaltung immer neutral und gerecht sein, wird das beginnende politische Leben nicht einschneidende Veränderungen bringen? Wird es nicht Momente geben, wo im vollen Kampfe der Parteien irgend ein Faktor es für gut findet, die Juden zum Sündenbock, zum Blitzableiter zu machen? Die Juden können der Gefahr begegnen, wenn sie sich als Zionisten unabhängig national organisieren.JJ Gerade hier in Bosnien, wo der Serbe für seine Prosojeta, der Türke für Gajret, der Kroate für Napredok arbeitet und sammelt, sollte der Jude nn'p pp nicht vergessen. Mehr. als alleanderen, muss das jüdische Volk für seine Zukunft sorgen, für eine Zukunft, die Freunden und Feinden genehm sein muss. Aus dem jüdischen Leben. Eine gute Antwort. Berlin. Das „Berliner Tageblatt“ bringt folgende Geschichte zur Veröffentlichung: An der Universität Marburg kam ein jetzt in Wien lebender bekannter Naturforscher M. •.. mit jüdisch klingendem Namen für die Berufung als Pharmakologe in Frage. Die Marburger Fakultät wandte sich an einen mit M.... persönlich bekannten Professor und bat ihn, unter der Hand zu erkunden, ob M..,. Jude sei oder nicht; man wolle davon die Berufung abhängig machen- Auf die Anfrage schrieb M..., zurück: „Ich bin zwar nicht Jude, aber wenn die Fakultät besonderen Wert darauf legt, kann ich es ja werden.“ Die gelehrten Antisemiten sollen ob dieser Antwort ganz komische Gesichter geschnitten haben. * * * Was kostet eine Judentaufe? ' London. Die Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden hat, wie aus ihrem Berichte hervorgeht, während ihres nunmehr hundertjährigen Bestehens fünfundsechzig Millionen Mark für ihre Zwecke ausgegeben. Jeder getaufte Jude kostet die Gesellschaft danach im Durchschnitt 21.000 Mark! Die Londoner Zeitungen fragen mit Erstaunen, ob man diese Riesensummen nicht hätte produktiver anlegen können. Wir können uns dieser Frage nur anschliessen und die Bemerkung hinzufügen, dass bei aller Schätzung unserer Volksgenossen uns der Preis von 21.000 Mark für jeden einzelnen — und die besten werden es nicht gerade immer gewesen sein! — übermässig hoch vorkommt. * * * Der Protest der Monarchisten. Moskau. In einer Versammlung der Moskauer Monarchisten hat kürzlich der bekannte antisemitische! Rechtsanwalt Schmackow die Mitteilung gemacht, dass der Gehilfe des Justizministers, Hasmann, der ehemals Jude war, zum Vorsitzenden des Senatsdepartements für Zivilprozesse ernannt werden soll. Die Versammlung beschloss daraufhin, unverzüglich ein Gesuch an den Zaren zu richten, um die bevorstehende Ernennung noch rechtzeitig zu verhindern. Bei der Beliebtheit, deren sich diese Herren oben erfreuen, ist eine Berücksichtigung ihres Gesuches durchaus nicht als unmöglich zu betrachten. Dann werden die russischen Juden also um die heilsame Erfahrung reicher sein, dass die Taufe ihnen auch nichts mehr nützt. Wie die „echten Russen“ ihr Material sammelnj Petersburg. Eine angesehene russische Tageszeitung, „Golos Prawdy“, veröffentlicht das folgende Gespräch, das einen interessanten

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