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Jüdische Zeitung · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Sünde auf Sünde gehäuft und so den Antisemitismus gezüchtet, der bei uns in der christliohsozialen Partei se'nen praktischen Ausdruck .ludet. Nun, da sie all ihren, einst so mächtigen Einfluss im politischen Leben verloren, klammern sie sich an den letzten Rest, d:e Kultusgeme inde. Dort thronen sie mit allen raffinierten Mitteln. Sie haben ein Wahlsystem geschaffen mit der de Kurie de* Höherbesteuerten, wie es beute in keinem europäischen Staate mehr besteht. Durch einen unerhörten Wahlrechtsraub haben sie 7000 Steuerzahler um .rhr Wahlrecht gebracht. Durch die Schaffung von Trauungs- und Begräbnis k 1 a s s e n suchen sie die Gegensätze zwischen den Reichen und Minderbemittelten zu verschärfen. All das s'nd Zeichen des Plutokratismus und des beschränkten Protzertums. Der Pflichtenkre.is der Kultusgemeinde erschöpft sich unseres Erachtens nicht im Gottesdienst und Armenfürsorge. Die Juden in Oesterreich stehen ganz isoliert da. Die Gegenwarts- und die Zukunftsparteien hüten sich, als Jrdenschutztruppen betrachtet zu werden. Während nun alle Berufs- und Interessenkreise durch gesetzliche Organisation aui das politische Leben Einfluss zu gewinnen suchen, stehen wir Juden ohne Jede Organisation da. Warum sollen wir nicht die einzige Organisation, die Kultusgemeinde, de die österreichische Gesetzgebung uns offen lässt, dazu benützen, um auch unser Gewicht fn die Wagschale zu werien? Wir haben wohl einen Gemeindebund, aber Dr. Stern hat ihn zu einer Karikatur herabgedrückt. Dieses Regime der Volksfendlichket und Kulturwidrigkeit, das der heutige Kultusvorstand etabliert hat, muss hinweggefegt werden. Es muss Platz geschaiien werden ifir das Zukunftsfrohe, hoffnungsvolle Judentum. (Stürmischer Beifall.) Herr Dr. Egon Zweig sprach über das allgemein e und gleiche Wahlrecht. Diese Forderung haben wir an de Spitze unseres Programms gestellt, weil wir sie iür einen w esentlichen Punkt unseres Programmes halten. Die heute am Ruder stehenden Leute möchten das Volk am liebsten wie ein wildes Tier an die Kette legen und verhindern, dass sein Einfluss zur Geltung komme- W i r haben volles Vertrauen zum Volke. Wir sagen dies nicht, um demagogischen Sehlagworfen nechzubeten. Welches Wahlsystem ist heute in der Kultusgemeinde in Geltung? Diese Frage ist keine so einfache. Das heutige Wahlsystem ist von niemand anderem zusammengebraut worden, als von Dr. Stern selbst. Und dieses Wahlrecht tragt so das Gepräge seines Schöpfers, ist so verkniffen, dass selbst mancher Kultusvorstand sich darin nicht auskennt. Erst bef. eingehendem Stud.um kommt man hinter alle Schliche. Es wird ihnen wohl bekannt sein, dass dieses Wahlrecht weder allgemein noch gleich ist. Nur derjenige darf wählen, der wenigstens 20 K Steuern entrichtet, nicht nur in einem Jahre, sondern in drei dem Verwaltungsjahre vorangehenden Jahren; so dass das Wahlrecht efne 47» j äh r i g e Sesshaftigkeit bedingt. Das Wahlrecht ist auch kein gleiches. Bis zum Jahre 1900 hatten auch wir ein gleiches Wahlrecht. Doch die fortschreitende Demokratisierung in allen Ländern hat Dr. Stern so begeistert, dass er sich veranlasst sah, unser Wahlrecht zu verschlechtern. Er hat uns die Kurie der „höher Besteuerten“ beschert. Die höher Besteuerten machen einVierzehntel der Gesamtzahl dier Kultussteuer Zahlenden, haben aber ein Drittel der Mandate inne. Diese Herren wählen nicht nur in ihrer Kurve, sondern auch mit den anderen Wählern. Eine einiache Rechnung ergibt, dass die Stimme eines höher Besteuerten 7mal höher ist, als die eines gewöhnlichen Steuerzahlers. Und diese Begünstigung haben sie nicht nur im Kultusvorstand, sondern auch in den Bezirkskommissionen. Mehr als Zweidirittel der Mandate haben diese Privilegierten inne, in ihren Händen ist die ganze Herrschaft konzentriert. Ein Intelligenzwahlre ht, das fast in allen Provinzgemeinden eingeführt ist, existiert in Wi:en nicht. Welches sind die Gründe, die die Machthaber gegen das allgemeine Wahlrecht so wütend ankämpfen lassen? Der Einwand, dass die Regierung ein solches in der Kultusgemeinde nicht zulassen werde, hat sich heute, wo es in fast allen Vertretungskörpern eingeiührt ist, schon überlebt. Der zweite Einwand, | dass das Wahlrecht nur Steuerzahlern gebührt,; ist unmoralisch und trifft auch nicht zu. Denn schon die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke legt jedem e‘ne Art Blutsteuer auf, die weit höher und empfindlicher ist. Die sogenannten indirekten Steuern, als Mitgliedsbeiträge und sonstige Leistungen der Bethausmitglieder, werden bei einer vernünftigen Organisation in die Gemeindekasse fliessen und ihr wahres Wesen als direkte Steuern zeigen. Drittens wird uns vorgehalten, man dürfe die Kultusgemeinde den unbekannten Massen nicht ausliefern, der „Sprung ins Dunkle“ könnte verhängnisvoll werden. Demgegenüber wird bemerkt, dass unsere Brüder, mit denen wir doch täglich lin Fühlung stehen, gewiss so vertrauenswürdig sind, wie die huzullschen Hoiziäller, rnazurischen Bauernknechte und die Hammeldiebe aus der Krivoscie, die das Reichsratswahlrecht gemessen, ohne den Bestand des Staates zu gefährden. Uebrigens ist heute schon die überwiegende Mehrzahl der zirka 38.000 für das allgemeine und gleiche Kultuswahlrecht in Betracht kommenden Personen, nämlich 25.000 mit dem hohen Minimum besteuert. Da bei einer Herabsetzung des Minimums bis zu 5 K noch mindestens S000—10.000 neue Zensiten Zuwachsen werden, verbleibt eine Handvoll „gefährlicher Proletarier“, Es ist dabei noch zu untersuchen, ob die letzteren fn Wahrheit nicht überwiegend religiös orthodox, also em eminent konservatives Element sind. Redner erläutert dann auch andere Punkte unseres Programmes und schllesst mit der Aufforderung zum unerbittlichen Kampfe gegen die Machthaber. Herr Markus erörtert eingehend die Aufgaben der Bez:rkskommiss!oneii, Herr Dr. Zipser betont die Notwendigkeit einer Aenderung der Statuten. Wir werden aui diese ausgezeichneten Reden noch zuriiekkommen. Herr Luzian Brunner führt aus: Es wurde kaum jemandem so oit das Wort Jude zugerufen, als mir, und deshalb glaube ich, d e Berechtigung zu haben, auch hier mitzureden. Es wurde das Programm auseinandergesetzt: das ist die Form, in welcher unsere Kandidaten im Kultusvorstande ihre Tät.gke:t ausüben wollen. Aber ebenso wichtig scheint mir die Frage: Was bedeutet die Kultusgemeinde für uns und was erscheint uns als Aufgabe des Kultusvorstandes? Die Kultusgemeinde ist heute lediglich ein Verwaltungsorgan. Als grösste Judengemeinde in Europa sollte die Wiener Gemeinde eine würdige Repräsentanz des Judentums darstellen. Der Vorstand sollte nicht nur d.e Auigaben erfüllen, dfe in den Statuten vorgeschrieben — auch das tut der gegenwärtige wohl nicht. Unter Juden und Judentum verstehe ich etwas anderes als nur religiöse Zeremonien. Ich erinnere auch der Geschichte unseres Volkes, der Traditionen, die wir haben und der grossen moralischen Mission, die das jüdische Volk in der Geschichte aller Völker erfüllt hat. — Wir haben jetzt 2 Sorten .von Juden: die einen, die sich als solche nicht zu erkennen geben wollen, die anderen, die Nationalen, die die Last des Judentums aui sich nehmen wollen, die sich ihrer Abstammung und ihrer Väter nicht schämen. Unser Kultusvorstand besteht aus Juden der ersten Art. Er ist aus jener Zei, in welcher man sich einbildete, das Judentum sei nichts anderes als eine Religionsgenossenschaft. Es ist der letzte Rest des Liberalismus. Die Leute nützen ihre Stellung aus, um politische Karriere zu machen. Wie .ist tfe Wirtschaft in der Kultusgemeinde? Macht sie dem Judentum Ehre? Betrachten Sie nur einmal ein äusseres Moment: Immer noch ist das Zentrum, das Gemeindehaus in der Seltenstettengasse, in einem versteckten Winkel, als ob man gar nicht aus dem Ghetto hinauskönnte. Es wäre doch da Pflicht der Herren gewesen, schon äusserl ch durch einen monumentalen Bau zu dokumentieren, dass hier die Repräsentanz einer grossen jüdischen Gemeinde ihr.-n Sitz hat. Die Leute im Kultusvorstand s:nd eben nicht die würdigen Vertreter. Die jüdische Jugend steht heute in unserem Lager und das gjbt uns die Hoffnung, dass es mit den anderen nicht mehr lange dauern wird. Wir möchten aber auch so lange nicht warten. Was wir von unseren Kandidaten verlangen, ist, dass er ein Mann sei, würdig das jüdische Volk zu vertreten. Die Kandidaten der Offiziellen möchten um jeden Preis gewählt werden, auf welches Programm, das ist gleichgültig. Sie haben 'keinen Begriff dessen, was sie repräsentieren wollen. Es wurde hier viel von Dr. Stern gesprochen. Ich glaube, der Manu ist ga nicht so wichtig, so bedeutend, dass man viel Worte verlieren braucht. Sie können sich denken, was iür eine Körperschaft das ist, in welcher ö:n so abgetakeltes Genie wie Dr. Stern, ein Mann von solcher Engherzigkeit, eine massgebende Rolle spielt. Er ist gewiss kein Stern, nicht einmal ein Irrlicht. (Lebh. Heiterkeit.) Und was ist das iiir e:ne Gesellschaft, in welcher Leute von minimaler Bedeutung eine ganze Körperschaft regieren. Schon aus Schamgefühl müssen wir sagen: Fort mit dieser Gesellschaft! (Lebhafte Bravorufe.) Es wurde uns der niedrige Vorwurf gemacht, wir gehen mit den Antisemiten. Wir können mit ruhigem Gewissen darüber hinweggehen. Ich würde mir gar nichts daraus machen, wenn uns die Antisemiten helfen würden, jene Gesellschaft hii wegzufegen. — Es gibt keine Gemeinde, die so viele und so hohe Steuern einheimst, aber auch keine, die so wenig leistet. Es muss eben das Bestreben vorherrschen, die Steuern herabzusetzen und eine vernünftige Verwa’tnng e.nzmiihren, statt eine schrankenlose Protektio.. ns Wirtschaft walten zu lassen. D>e Jüdischnationalen, die vor sie hintreten und um ihr Vertrauen werben, sind eine Gruppe, in welcher kein Strebertum gedeiht, eine Guppe, welche mit Begeisterung und seltener Hingabe iiir ihre Ideale kämpit. Ich wünsche, ich hätte die Beredsamkeit der alten Propheten, um ihnen diese Leute zu empiehlen. Wenn es ihnen gehngt, die Kultusgemeinde zu erobern, dann wird wieder der jüdische Name zu Ehren kommen. (Stürmischer Beifall.) Herr Plaschkes zeigte an zahlröchen Beispielen die Schäden des gegenwärtigen Regimes und versprach, mit allen Kräften iür die Opposition einzutreten. Hierauf wurde folgende Resoluten einstimmig angenommen: „Die am 31. Oktober im Hotel Post versammelten Juden sprechen sich dafür aus. dass der jetzige Vorstand der israel. Kultusgemeinde auf das allerentschcedenste bekämpft wird und nur solche Kandidaten gewählt werden, welche sich unbedingt auf das oppositionelle Programm verpflichtet haben.“ Der Vorsitzende schloss hierauf d e imposante Versammlung. * * * Wähler Versammlung Landstrasse. Dienstag den 4. d. fand in Goldmanns Restaurant, Pragerstrasse, eine vom oppositionellen Wahlkomitee einberufene, zahlreich besuchte Kultuswählerversaunmlung statt. Nach dem eingehenden Reierate des Kandidaten Herrn M a x M a r k u s, der insbesondere die Mangelhaftigkeit der kulturellen Einrichtungen nachwies, führte Herr Siegfried Ornstein eine iange Reihe krasser Fälle aus der Missverwaltung der Kultusgemeinde vor; Schuld daran trage weit weniger der oder jener Beamte, vielmehr das ganze, vom Präsidenten Dr. Stern repräsentierte System. „Der Fisch stinkt vom Kopfe und dieser Kopf muss fallen!“ Die oppositionellen Kandidaten, die in den Augiasstall der Kultusgemeinde Ordnung bringen wollen, verdienen als Märtyrer Bewunderung und begeisterte Unterstützung. j Kandidat Herr Dr. J o s e f Z i p s e r beleuchtete mit treifenden juristischen Argumenten, dass tatsächlich seitens des Kahals ein „Wahlrechtsraub“ und durch die Verfolgung der Mlnjanim und Bethausvereine eine Verletzung der gesetzlich gewährleisteten Religionsfreiheit erfolgt sei. Auf Verlangen des Wählers Herrn Spitzer stellte s:ch noch der Kandidat Herr Dr. Isidor M a r g u 1 i e s vor, der das allgemeine, gleiche Kultuswahlrecht als den Kernpunkt des oppositionellen Programmes darlegte. Das heutige reaktionäre Wahlsystem, das einen Riss mitten durch die Judenschaft b:ide, müsse verschwinden. Nach einer zündenden Ansprache des Herrn Dr. Fritz Löhner, der darauf verwies, dass die wachsende Zahl christlichsozialer Ministerien kaitvolle Männer in der Kultusstube zur Gegenwehr brauchen, Männer, wie es die oppositionellen Kandidaten sind. Sämtliche Kandidaten wurden stürmisch begrüsst. Die Landstrasse ist der Opposition gesichert.

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