Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seifp 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 sich Zionismus von Aehad-Haamismus, denn der letztere will nur ein Zentrum der jüdischen Kultur in Palästina schaffen, deren Träger die auserwählte Minderheit unteres Volkes wäre, während das Gros der Nation in der Diaspora bliebe. Will man zu präzisen Schlüssen gelangen, muss man unbedingt einen scharf umrissenen Begriff über das Wesen des Zionismus besitzen. Alle Verschwommenheit muss da verschwinden. Wenn man z. B. sagt, der Zionismus erstrebe eine Heimat für diejenigen Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen, so ist es nur eine opportunistische Phrase; denn was assimiliert ist, hört eben auf Judentum zu sein. Zionismus als Ideal bedeutet eben Wiedervereinigung aller Juden in und um Palästina, d. i. die vollständige Aufhebung der Diaspora. Und wenn man sagt, Zionismus Sorge für die verfolgten Juden so ist zu erwägen, dass zu den materiell oder moralisch verfolgten Juden wenigstens 9/t0 unserer Nation gehören. Mit einem Worte, Zionismus erstrebe die Verpflanzung aller Wurzeln des jüdischen Lebens in den palästinensischen Boden. Hält man an dieser Formel fest, so bekommt man mehr Klarheit und Uebersicht über die Verhältnisse in der Diaspora. Denn die Gegenwart muss vor allem mit der anzustrebenden Zukunft harmonisch verbunden sein. Ist Zionismus die einzig mögliche und gewünschte Lösung der Judentrage, so muss unsere ganze Tätigkeit in der Diaspora die schnellere Verwirklichung des Ideals bezwecken. Und somit haben wir ein Kriterium gewonnen: radikale Politik im zionistischen Sinne ist eine solche, die die Realisierung des Zionismus beschleunigt. Dieses Kriterium schützt uns von sehr vielen opportunistischen Meinungen und Schlüssen, vor allem — vor der sehr süsslich — sentimentalen Meinung, man müsse den ,armen Juden“ sofort helfen, da man ja nicht auf den noch in der wtiten Zukunft verborgenen Zeitpunkt warten kann, wo die jüdische Masse schon in Palästina, sein wird. Nichts hilft den Juden so intensiv und so vielseitig, als die schon jetzt einsetzende praktische Tätigkeit in Palästina sogar wenn die Anfänge sehr bescheiden sind. Denn sie stärkt ihren L ebenswillen und ihr Selbstvertrauen, d. i. die zwei Grundsäulen jedes Volkslebens. Jedenfalls, unter einer Bedingung: wenn die praktische Arbeit in Palästina den Volkscharakter trägt, von der eigensten Initiative der Masse selbst geschaffen wird und nicht von Philanthropen angeordnet ist. Andere Hille können wir Zionisten als Eigen wird, die Weiten und die Grenzen des Ghetto, wunderbar lebendig gemacht durch die Worte des Dichters und unser Mitempfinden, und wie der Dichter auf dem Podium des Konzertsaales zur Tragödie seiner jüngsten Vergangenheit zurückkehrt, sich in die grauen Tage der Not und der Verzweiflung zurückdichtet, kein Mensch mehr, ein zuckender Nerv geworden, als ob ihm die Wirrniss des Körpers und der Seele unentbehrlich wären, doch endlich — hoch über den Jämmerlichkeiten des Tages ein unter Tränen lachender und doch lachender Humor, die Ueberwindung der Materie durch den Geist, der Sieg des dichterischen Genies! Wir haben wieder einen Dichter, der den Rhythmus für unsere Ekstasen, für unser Pathos und unsere Resignation gefunden hat. Und mögen engherzige Neider das Interesse an ihm als Symbol der Zeit erklären, die an den durch die Tradition gewürdigten Produkten gesättigt nach exotischer Nahrung sucht, um dem. überreizten Gaumen eine neue Kost zuzuführen. Wir wissen, dass Morris Rosenfelds Erfolg bei uns wie bei den Kulturvölkern Europas nichts anderes bedeutet als den Durchbrach des neuen jüdischen Kunstideals, das Verständnis für die geistigen Regungen eines Volkes, das zu sieb selbst zurückgekehrt ist Wien, Oktober 1908. Dr. Oskar Rosenfeld. Zionisten unserer Masse in der Diaspora nicht leisten, denn wir negieren überhaupt die Diaspora. Flickwerk mag gemacht werden, von denjenigen Juden, die an der Diaspora festhalten. Dabei können wir Zionisten, als sentimentale Menschen und weichherzige Juden wohl mittun, weil wir leider nicht deD Mut besitzen unseren Pessimismus in bezug auf die Diasporamöglichkeiten bis an sein logisches Ende zu führen, aber vergessen wir dabei nicht, dass es keine zionistische Politik ist, denn dabei wird kein ganzes Nationaljudentum geschaffen, weder in sozialer, noch in kultureller Hinsicht. Wir, Zionisten, sind vorläufig nur ein kleiner Bruchteil des jüdischen Volkes und können nicht für alles sorgen, denn wir müssen unsere ganze Energie der direkt-zionistischen Tätigkeit widmen. Und wären wir das ganze Volk, dann brauchten wir keine Diasporapolitik, denn wir könnten dann sehr schnell den Zionismus selbst verwirklichen. (Schluss folgt.)! Die Wiener Kuliuswahlen. Keine Notwendigkeit und doch eine! Bekanntlich hat Herr Dr. Stern die Eingabe : einiger 30 Kultuswähler, welche am 28. Mai 1908 : neuerlich um Vermehrung und vernünftige Eloj zierung der Wahlkommissionen gebeten hatten, über eine »Urgenz vom 1. September am 6. Ok- | tober in brüsker Weise dahin erledigt, zu einer ■ Aenderung des bisherigen Modus liege „keine Not- ' wendigkeit“ vor. Den Petenten war es aber j schliesslich langweilig geworden, sich auf das! Wohlwollen und die Gerechtigkeitsliebe ihres; Patriarchen zu verlassen und nach viermonat-! lichem vergeblichen Warten auf eine Antwort j hatten sie eine Aufsichtsbeschwerde an den Magi- I strat Wien gerichtet. Der arbeitete etwas expedi-; tiver als der Kahal; schon am 22. Oktober langte die Erledigung des Magistrates herab. Dieser erklärt, eine günstige Erledigung der vorgebrachten Wünsche aus eigener Machtvollkommenheit dem Kultusvorsiand nicht. vorschreiben zu können, weil die Wahlleitung nach dem Kultusstatut dem freien E r m e s s e n des Präsidenten zustehe, „hingegen hat der Magistrat dem Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde nahegelegt, dem Ansuchen nach Möglichkeit zu entsprechen. Laut Mitteilung des Kultusvorstandes sind vom Präsidenten der Kultusgemeinde für die bevorstehende Wahl durch die Gesamtheit der Wähler 15 Wahlkommissionen (gegen 13 im Jahre 190 6) festgesetzt worden. Hierbei sollen ctiie gesamten Wähler der Brigittenau einer in der Malzgasse zu schaffenden Wahlkommission zugewiesen werden. Die Errichtung einer eigenen Wahlkommission in der Josefstadt und in Favoriten erscheint dem Präsidenten mit Rücksicht auf die geringe Anzahl der in diesen Bezirken wohnhaften Wähler nicht tunlich.“ Na also! Was am 6. Oktober noch keine Notwendigkeit war, ist eine Woche darauf zur Notwendigkeit geworden. Der Herr Präsident lässt ia mit sich reden, wenn nur sein liebwerter Nachbar, der Magistrat, ihm etwas nahelegt. So haben ‘ wir schlimmen Zionisten den Brigittenauern schon Erlösung gebracht; sie werden nicht mehr kilometerweit in das Wahllokal Tempelgasse rennen müssen, um den Herren um Stern mit dem Stimmzettel die Meinung zu sagen. Sieh, die Malzgasse ist so nahe! Hoffentlich bringt unser Rekurs an die Statthalterei' auch den Wählern von Favoriten und der Josefstadt ihre eigenen Wahllokale. * * * Die Gewerbetreibenden gegen den Kultusvorstand. Der „Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien“ berief für Donnerstag den 30. Oktober eine Mitgliederversammlung in das Restaurant Khuner, Adlergasse, ein. Das Referat erstattete Herr Ar-' chitekt Giesskann, der das technische Bureau der Kultusgemeinde iür unbrauchbar erklärte, weil es an Beamten fehlt, welche einen einheitlichen Arbeitsplan ausarbeiten können. Die Vergebung der Arbeiten und Lieferungen für die Gemeinde erfolge — allen Anforderungen der Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit zum Hohn — ahne öffentliche Konkurrenz, so dass sich .der Verdacht aufdrängen müsse, bei der Vergebung spiele Protektion mit. An der Debatte beteiligte sich eine grosse Anzahl von Gewerbetreibenden, welche die Anklagen des Herrn Referenten durch Beispiele aus ihrer eigenen Erfahrung belegten. Schl'esslich wurde eine Deputation gewählt, welche die Wünsche und Beschwerden der Versammlung dem Kultusvorstand überbringen soll. * * * Wählerversammlung. Samstag den 3L Oktober fand im -Hotel Fost eine vom jüdischen Nationalverein veranstaltete Kujtuswählerversammlung statt, die einen zahlreichen Besuch auiw.'es und einen würdigen Verlauf nahm. Herr Dr. Lanzer eröffnet« die Versammlung und -wies in seiner Ansprache auf d:e politische Bedeutung der bevorstehenden Kultuswahlen hin. Der erste Redner Herr Dr. Max Bernhard führte ungefähr folgendes aus: In einem Skandalprozesse, der in den letzten Tagen die OeffcntlSchkeit viel beschäftigte, hat sich die jüdische „jeunesse d’oree“ bemiissigt gefühlt, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich zu lenken. Es sind dies die Repräsentanten jener jüdischen Gesellschaft, die als Vertreter des jüd'schen Volkes angesehen werden. Durch Jahrhunderte haben s:e Allerlei. Das 300jährige Jubiläum von Quebeck und die Juden. Vor kurzem wurde bekanntlich das 300jährige Jubiläum der Stadt Quebeck (Kanada) gefeiert. An den Feierlichkeiten haben s:ch auch die 30.000 Juden, die gegenwärtig in Kanada leben, beteiligt: Nach Kanada sind die Juden viel später gekommen als in die Vereinigten Staaten. Der erste Jude Ahron Hart war ein englischer Beamter. und kam mit der siegreichen englischen Armee nach Kanada. Mit ihm zusammen kamen noch einige Juden und nachdem diese sich ständig in Kanada niedergelassen hatten, beganndann allmählich eine jüdische Einwanderung nach Kanada. Die ersten jüdischen Einwanderer waren gleich wie in Amerika spanische und portugiesische Juden, die m't Angelsachsen in die neue Welt gekommen sind! Das Judentum hat in den katholisch-romanischen Ländern sich niemals ruhig entwickeln können, in den spanischen und französischen Kolonien war ihnen auch nie volle Ruhe gegönnt. Viel besser erging und ergeht es ihnen dort, wo sie unter englischer Übermacht stehen- Die Juden von Kanada hatten viel zu leiden, ehe ihnen die Gleichberechtigung gewährt wurde. Im Jahre 1807 wurde der Sohn des ersten jüdischen Einwanderers Hart in die Legislatur gewählt. Daraus entstand ein heftiger Streit darüber, ob ein Jude das Recht habe, in der gesetzgebenden Körperschaft zu sitzen oder nicht Das war dter Ausgangspunkt zu einem langjährigen, heftigen politischen Kampfe zwischen den verschiedenen Parteien, der erst im Jahre 1831 mit der vollen Gleichberechtigung der Juden endete. Kanada wird trotzdem noch lange nicht jene Anziehungskraft besitzen für die Juden, wie die Vereinigten Staaten. Zunächst deshalb nicht, weil dem Volks- ' Charakter der Bewohner Kanadas jene breite Toleranz abgeht, die den Juden eine Gleichberechtigung in der Praxis zufälligen würde. Von den Bergjuden im Kaukasus. Die Bergi ju-den im Kaukasus, denen vor einiger Zeit ", von der Regierung das Anerbieten gemacht worden war, in Polizeidienste zu treten, fiir die sie die Regierung wegen ihrer grossen muskulösen Gestalten offenbar -für sehr geeignet hielt, bekamen jetzt plötzlich von der Regierung eine Anfrage, ob sie- Juden oder Karaiten seien-. Dazu ist zu bemerken, dass die Bergjuden eine Anzahl von Rechten haben, die den Juden nicht gewährt sind, während die Karaiten, eine jüdische Sekte, die nur die Bibel, nicht aber den Talmud anerkennt, den Russen völlig gleichgestellt sind. Natürlich sind die Bergjuden ob der Antwort die sie der Regierung geben sollen, in grosser Verlegenheit. Denn einerseits' sind sie Juden, anderseits aber nehmen -sie insofern eine Ausnahmestellung ein, als sie seit vielen Jahrhunderten im Kaukasus ansässig und mit der Gegend sozusagen verwachsen sind. In Westeuropa sah man die hünenhaften Gestalten der Bergjuden wohl zum ersten Male, als sie anlässlich des VI. Zionistenkongresses in Basel im Jahre 1903 drei Vertreter nach Basel entsandten. Die drei Riesengestalten mit dem unverkennbaren orientalisch-jüdischen Typus und in ihren heimatlichen braunen Mänteln, bis an die Zähne bewaffnet, erregten damals überall lebhaftestes Aufsehen.