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Jüdische Zeitung · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 X. Alle für religiöse Funktionen zu entrichtenden Taxen {Hessen in die Gemeindekasse und darf kein Rabbiner — bei sonstiger Disziplinarstrafe — von einer Partei, Taxen, Honorare öder Geschenke entgegennehmen. Der Gemeinde obliegt die Verpflichtung, dass ihre Rabbiner aus Gemeindemitteln entsprechend honoriert werden. Analoges gilt von den Kantoren und sonstigen Gemeindeangestellten. Es sind feste Rab binatssp r engel zu bilden; wer für eine religiöse Funktion den Funktionär eines anderen Sprengels beansprucht, hat perzentuell erhöhte Taxen zu bezahlen. XI. Lieferungen und Arbeiten für die Gemeinde und ihre Anstalten sind im Wege ötfentlicher Kon kurrenz und womöglich an Gemeindeangehörige zu vergeben. Wirtschaftliche Hebung. XII. Der Gemeinde obliegt die Einleitung einer grosszügigenSozialpolitik, um so dem antisemitischen Boykott zu begegnen. Gefordert wird insbesondere: a) Gründung einer jüdischen Gemeinde- Spar- und Vorschusskasse, die zugleich der Gemeinde als Bankier dienen soll. b) Einrichtung eines Wohlfahrtsamtes; diesem sind der „Arbeitsnachweis“ und das „Lehrmädchenheim“, welche einzugemeinden sind, ferner zu gründende Handwerkerheime, Dienstbotenschulen und -Heime zu unterstellen. c) Errichtung eines Emigrationsamtes zwecks Regelung der Durchwanderung. Reform des Armenwesens. XIII. Das Armenamt ist der direkten Verwaltung des Vorstandes beziehungsweise seiner Armensektion zu unterstellen; deren Mitglieder haben abwechselnd der Armenbeteiligung beizuwohnen. Ueber Vorschlag der Bezirkskommissionen hat der Vorstand Armenräte für bestimmte Rayons innerhalb der Bezirke einzusetzen. Aufgabe dieser Armenräte ist es insbesondere, im Aufträge des Armenamtes oder des Bezirksobmannes oder auch über Anfragen von Wohltätigkeitsvereöien nach der Dürftigkeit zu recherchieren, ferner den Rezepten für Arme ihres Rayons den Beglaubigungsstempel beizusetzen, damit die Medikamente ohne Zeitverlust ausgefolgt werden können. Jeder Bezirksobmann erhält vom Armenamt einen gewissen Betrag zur Handbeteilung an Arme in dringenden Fällen, sobald die Armen sich mit einer Anweisung ihres Armenrates legitimieren. Der Bezirksobmann hat mit dem Armenamt periodisch abzurechnen. Geistig-sittliche Hebung. XIV. Reform des Religionsunterrichtes durch Einschränkung des rein Gedächtnismassigen und intensivere Pflege der jüdischen Geschichte und hebräischen Sprache. XV. Gründung von Filialbibliotheken im Anschluss an die Bezirkskanzleien; diese Bibliotheken haben hauptsächlich Jugendlektüre, belletristische und populärwissenschaftliche Bücher, vornehmlich jüdischen Inhaltes zu führen. XVI. Eingemeindung der Toynbehalle, Gründung von Filialen derselben in allen Bezirken mit dichter jüdischer Bevölkerung. XVII. Errichtung eines repräsentativen „Volkshauses“, welches als Brennpunkt des jüdischen Lebens nicht nur Sitz der Gemeindeverwaltung sein, sondern auch Lokale für die Gemeindebibliothek, das jüdische Museum, für die Vorträge aus jüdischer Geschichte und für jüdische Vereine, insbesondere Turnvereine, enthalten soll. XVIII. Kurzum die Israelitische Kultusgemeinde soll zur Jüdischen Volksgemeinde werden und demnach die begonnene Aktion zur Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Gesamtsorganisation aller Kultusgemeinden Oesterreichs energisch fortsetzen, damit diese Organisation als Verkörperung der Gesamtjudenschaft deren Interessen wirksam nach innen und aussen vertreten kann- Radikalismus und Opportunismus.*) Von Dr. D. P a s m a n i k, Genf. Seitdem die Zionisten begonnen haben, sich energischer an der national-jüdischen Politik in der Diaspora zu beteiligen, kam auch der Streit über Radikalismus und Opportunismus der Zionisten zum Vorschein. Und wie gewöhnlich, bildeten sich allmählich verschiedene Abstufungen, so dass wir heutzutage nicht zwei, sondern vielmal zwei Meinungen darüber verbreitet Anden. Da gibt es sehr radikale — ihrer sind sehr wenige — die jedwede Diasporapolitik als eine dem Zionismus schädliche Tätigkeit und als eine vollständig nutzlose Vergeudung unserer Kräfte perhorreszieren. Andererseils gibt es Radikale entgegengesetzter Schule, die eine sehr intensive Diasporapolitik fordern, aber unter rein „zionistischer Flagge“, d. i. überall und immer den zionistischen Standpunkt betonend, selbst wenn auch die praktischen Resultate gleich Null wären. Man will also die politische Tätigkeit zur Plattform der zionistischen Propaganda und Agitation machen. Zwischen diesen zwei Polen haben wir zahllose Uebergänge, die sich bei genauerer Analyse als Kombinationen der vorigen zwei Standpunkte heraussteilen, ausgebildet. Und offen gestanden, es herscht ein grosser Wirwarr in unseren Reihen, speziell in den Reihen der österreichischen und russischen Zionisten. Es ist auch zuzugeben, dass es nicht leicht ist hier eine mathematisch genaue Formel zu Anden, denn das Leben ist eben furchtbar kompliziert und lässt sich nicht in Formeln einzwängen. Aber deshalb dürfen wir wohl auch nicht Stimmungs- und Zufallspolitik treiben, die nicht von innen heraus, sondern von den äusseren Verhältnissen bestimmt wird. Und ich fürchte, dass wir eben in den letzten Jahren allzuviel die äusseren Umstände durch unser Handeln beeinflussen liessen. Nur dadurch sind die zahlreichen Enttäuschungen entstanden, deren Folgen man in Russland und in Oesterreich verspürt und noch lange verspüren wird. Ich will versuchen durch eine genauere Analyse der in Betracht kommenden Faktoren etwas Klarheit zu schaffen. Vielleicht entsteht dadurch eine prinzipielle Diskussion * * * Was ist Zionismus? V ollständige Negation der Diaspora. Darin unterscheidet *) Wir veröffentlichen diese geistreichen Ausführungen, ohne jedoch in allen Punkten mit dem Verfasser einverstanden zu sein. (Die Red ) FEUILLETON. Ein Morris Rosenfeld-Abend. Die Schüchternen und die im Leben Erprobten, die stillen Träumer und die Werktätigen, die im jüdischen Volkstume Aufgewachsenen und ihm Entfremdeten — sie alle konnten sich an dem Abende, an welchem Morris Rosenfeld seine Jargongedichte las, in einem seltsamen Erlebnis zusammenlinden. So reich waren die drei halben Stunden, dass sie selbst in denen, welche dem neuen Ausdruck des uralten jüdischen Sehnsuehtsdranges seelisch fremd waren, die Vorstellung von einer an Tönen und Farben, an Schmerzen und Trieben wunderbaren Welt erweckten. Vor einem Jahrzehnt begann Rosenfelds Poesie ihren Eroberungszug, zuerst im Dunkel, zaghaft sich erhebend, dann allmählich an Breite gewinnend, und wie sie dann, bestaunt, begriffen, erkannt zum Triumphator wurde, dieser Weg gehört zu den markantesten Erscheinungen der modernen jüdischen Literatur. Nicht dass Rosenfelds im Jargon gedichtete Verse sich im mitteleuropäischen Bildungszentrum Durchbruch verschafft haben, sondern dass der Dichter selbst das Wiener Publikum gleichsam suggestiv ah sich heranzwang, stempelt den Vortragsabend zu einem Ereignis. Denn wie lange ist’s her, dass die aus Amerika zu uns herübergeflatterten Büchlein Rosenfeldsclier Lyrik m stillen, einsamen Stunden von ein paar Jaigonkennern gelesen, manchmal auch in intimem Kreise zitiert wurde! Skeptiker könnten leicht von einem Rosenfeld-Rummel sprechen und das, was den Ausdruck einer nach Menschwerdung ringenden Gesellschaftsklasse bedeutet, „Mode“ nennen. Aber eine Mode dauert nicht zehn Jahre, abgetragene Werte, abgegriffene Worte werden niemals von einer Zeit, die sich täglich besinnt und kaum den Nachhall der Schritte, die sie gemacht hat, vernimmt, als echt anerkannt werden. Allerdings, man darf Rosenfelds Werk nicht literarisch nehmen. Sein Werk ist so voller Leben, voll Kraft und Natur, bis in den innersten Kern von der Tragik des eigenen Schicksals durchwühlt, dass man es nicht würdigen könnte, wollte man es mit dem literarischen Massstab messen. Und gerade dort, wo es pathetisch-iaut aus der Werkstätte losgerissen und ein vom Schöpfer unabhängiges Dasein zu führen scheint, wo also eine solche Kritik das Werk in seinen Mängeln preisgefcen musste, ist es ebenso gross und bedeutend, weil es die Kraft hat, das Erlebnis des Einzelnen zum Erlebnis der Menge zu machen. Durch das geschriebene Wort selbst, nicht minder durch das Leben des gesprochenen Wortes. Der Dichter ist kein Rezitator. Er ist weniger und mehr. Weniger, weil der Tonfall seiner Stimme trotz der wechselreichen, mannigfaltig akkompagnierenden Gebärde der Hand und dem Spiele der Augen das entsprechende Situationsbild nicht vergegenwärtigen kann. Den dargestellten Menschen fehlt die Resonanz, ihr Schicksal verhallt. Er ist mehr als der Vortragskünstler von Beruf, weil er die von ihm geprägte Rede mit derjenigen Nuance Wiedererstehen lässt, in der er sie im Augenblick des Schaffens empfunden hat, und weil er ihr jene Bedeutung zu verleihen vermag, die sein halluzinatorischer Sinn in ihr entdeckt hat. Wenn Rosenfeld seine Verse liest, dann gibt er nicht etwas Fertiges, nicht die Kopie eines bereits vollendeten Originals. Wir können die Phasen des Werdenden verfolgen; wir sehen, wie es wird, ohne die Mystik des vom Schöpfer losgelösten Kunstwerkes zu verlieren. Und dann — Rosenfelds Stimme! Eine Stimme, die sich selbst fremd vorkommt, die sich nicht erkennt, weil sie sich selten gehört hat. Als hätte sie in dumpfen, trügerischen Nächten hinter verschlossenen Gärten geklungen» von dem eigenen Klange erschüttert und dazu bestimmt, ewig im Dunkel zu leben. Angekränkelt; bang vibrierend; sich selbst bemitleidend; echolos. Eine Ghettostimme?! Sei’s eine Ghettostimme. Die Stimme eines Dichters ist sie und wir müssen sie lieben. Ihrer Wehmut willen, ihrer verhaltenen Glut willen. Ein Bild: Der Dichter auf dem Podium. Ein wenig zaghaft eintretend, blendend erleuchteter Säle ungewohnt, von einem undefinierbaren Zwange eingeengt. In dem geröteten und doch verwitterten Gesicht ein paar fahle, tief in den Höhlen ruhende Augen, die irren und blinzeln und am liebsten sich schliessen. Ueberall in den Parkettreihen, hinter der eisernen Barriere, oben an der lückenlosen Gaieriebrüstung eine harrende Menge, ganz Atem und Spannung, dem Augenblick ergeben, möge er bringen, was er wolle. Und wie dann plötzlich ein Ungekanntes, der Mystik der jüdischen Volksseele Entstiegenes unser

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