Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 : i n letzter Zeit der Mitarbeiter- .schait der Opposition zu erfreuen ,h at-“ Da keiner der Kultusvorsteher Miene machte, dieser unerhörten Verdächtigung entgegenzutreten, ■sprang Dr. Zweig, als das einzige unter den Zuhörern anwesende. Mitglied des oppositionellen Wahlkomitees, auf und rief laut: „Das ist eine Lüg e!“ Es entstand eine kleine Panik, der bestürzte Präsident drohte für den Wiederholungsfall mit der Hinausweisung des Zwischenrufers. Als aber die Vorsteher aus der Kurie der Höherbesteuerten ihren Präsidenten haranguierten, forderte der ohne weitere Veranlassung Herrn Dr. Zweig auf, sich .sofort zu entfernen. Dieser fügte sich ohne weiteres mit der Bemerkung: „Der Hieb aber sitzt!“ Nun rief Herr Wilhelm Kufiner dem zum Gehen Gewandten ein Schmpfwort nach, um,- sogleich zur Rechenschaft gefordert, seinen Namen : zu verleugnen. (Die Ehrenbeleidigungsklage wurde noch am gleichen Tage zur Post gegeben.) Dann fährt Dr. Stern fort, gegen die Mm- 1 jamin zu polemisieren und eignet sich hierbei die Behauptung der Firma Grobtuch & Blocii an, dass im Bethause des „Linath Hazedek“ ein Mische Berach für den antisemitischen Bezirks Vorsteher Müller gemacht worden sei. Gratis-Betsitze seien während der diesjährigen Feiertage in Ueberfluss vorhanden gewesen. Der Missbrauch, dass der Feiertagsgottesdienst in unwürdigen Lokalen gestattet werde, sei für heuer nicht mehr zugetroffen, nur über die Zustände in einem oppositionellen Bethause sei der intervenierende Stadtphysikus entsetzt gewesen etc. etc. Hierauf gab Herr Kultusvorsteher Frank wörtlich folgende, von ihm selbst uns zur Verfügung gestellte Erklärung ab: „Im Laufe des gestrigen Tages wurde ich von zahlreichen Bekannten: und insbesondere vor •der heutigen Sitzung von mehreren der Herren Kollegen interpelliert, ob es richtig sei, dass ich und Herr Prof. Ehrmann das Programm des oppositionellen Wahlkomiteies bedingungslos anerkannt hätten. Obgleich ich von Herrn Prof. Ehnnann, der gegenwärtig verreist ist, kein 'Mandat dazu besitze, glaube ich doch auch' in, seinem Namen folgende Erklärung abgeben zu können: Herr Prof. Ehrmann und auch ich haben das Programm des oppositionellen Wahlkomitees nicht unterschrieben, demnach auch nicht bedingungslos anerkannt. Als die Herren uns die Ehre ihres Besuches erwiesen, habe ich ihnen einige Bedenken gegen gewisse Punkte des Programmes mitgeteilt und das Komitee hat, da es diese Bedenken diskutabel fand, trotzdem und wie ich noch konstatieren möchte, einstimmig unsere Kandidaturen nominiert.“ Vizepräsident Dr. K o h n berichtete über die Einführung eines hebräischen Vorbereitungskurses an der theologischen Lehranstalt, der besonders für Schüler aus dem Westen bestimmt ist und von Dr. Rubin geleitet wird. Der Lehrplan sei von der Unterrichtskommission schon genehmigt und brauche nur noch die Bestätigung des Plenums. Herr Dr. Markus Spitzer begrüsste diesen Fortschritt und auch die Vermehrung der öffentlichen Sitzungen, nur würde er wünschen, dass diese nicht bloss im Wahlkampfe, sondern auch sonst stattfinden, um so dem breiten Publikum einen klaren Einblick in die Tätigkeit des Vorstandes zu ermöglichen und allen Missverständnissen vorzubeugen. Wer die äusserst gezähmte Tonart innerhalb des Kultusvorstandes kennt, weiss, dass dies eine radikale Oppositionsrede war. Genützt hat sie nicht viel, denn der Herr Präsident erklärte sogleich darauf die Sitzung für geheim. jfg *i» Der Ottakringer Wählerverein gegen den Kultus-Vorstand. Seiner Zusage treu, hat der Ottakringer Wählerverein, um seine Ideen hinauszutragen, - den heimatlichen Bezirk verlassen und für Donnerstag den 22. Oktober eine Wählerversammlung nach dem „Goldenen Widder“ in der Taborstrasse •einberufen. Nach den einleitenden Worten des Präsidenten Herrn Trnka, welcher den Zweck des Vereines darlegte, gegen die „Jasager“ Dr. Sterns aufzutreten, hielt Herr Goldblatt ein durch seine Schärfe ausgezeichnetes Referat. Die Ottakringer seinen bis nun unentwegte Anhänger des Kahals gewesen, damit sei es nun zu Ende. Als Mitglied der Bezirkskommission, habe Reierent einsehen gelernt, was für ein „Schmarr'nmandat“ er da bekleide und wie' ohnmächtig die Bezirkskommissionen sind, etwas Gedeihliches für das Judentum zu erwirken. Da aber Dr. Stern jedem Verlangen nach bezirksweiser Wahl und Ausgestaltung der Bezirkskommissionen gegenüber taub bleibe, werde Reierent heuer die Steuerberatung in seinem Bezirke, wenn nötig, mit offener Gewalt obstruieren. Dr. Stern, der Allerhöchste der Wieier Judenschaft, habe ferner sein den Ottakringern wiederholt verpfändetes Wort, ihnen das seinerzeit von Rosner bekleidete Mandat wiederzugeben, schnöde gebrochen, und ein Wortbrüchiger sei der Präsidentschaft unwürdig. Bei der krassen Tatsache, dass 60 Prozent der Wählerschaft heuer zum Verschwinden gebracht wurden, könne Dr. Stern den Vorwurf des Wahlrechtsraubes nicht wirksam abwehren, zumal er nichts tat, um die reaktionären Kultus-Statuten diesbezüglich zu ändern. Die von Dr. Stern für Dienstag einberufene Vertrauensmännerversammlung sei eine'Komödie gewesen, ebenso das dortselbst über Vorschlag eines mysteriösen „Bureaus“ gesetzte Wahlkomitee. Redner und Trnka seien wohl hineingewählt worden, werden aber dort nicht bloss nicht mitarbejten, sondern jedenfalls die in der Seitenstettengasse aufgestellten Kandidaten bis aufs Messer bekämpfen. Herr Hermann Plaschkes führt aus, dass der Kahal jetzt einen Verzweiflungskampf führe. Jeder ehrliche Mensch müsse mlteingreifen. um die heuchlerische Clique samt und sonders zu Falle zu bringen. Der wichtigste Punkt des Programmes sei und bleibe das allgemeine und gleiche Wahlrecht, das sich die Volksmasse durch die indirekte Steuerlefstung vollauf verdiene. Die Freibettstellen müssen künftig ohne die Demütigung eines besonderen Ansuchens zu erlangen sein. Die Armenversorgung sei, um der Beteiligung Unwürdiger vorzubeugen, unbedingt nach Bezirken zu dezentralisieren. Die Vorliebe Dr. Sterns für die Polizei ist eine alte. Mit ihr habe er schon bei der letzten Kultuswahl operiert, so dass Redner ihm damals zurief: „Sie spielen eine sehr traurige Rolle, wenn Sie sich nicht anders Respekt verschaffen können!" Jedenfalls sind die oppositionellen Kandidaten zu wählen, seien sie wer immei, nur hätte Redner eine bessere Berücksichtigung der einzelnen Bezirke gewünscht- Dr. W e i s e n g r ü n erwiderte, dass sich das Prinzip der bezirksweisen Wahl nur bei einer völligen Erneuerung des Kultusvorstandes, wie die Zionisten sie wünschen. durchführen lasse. Heute handle es sich nur darum, unbedingt verlässliche Männer in die Kultusstube zu bringen, damit sie die Durchsetzung dieses Prinzips der bezirksweise» Wahl erzwingen. Wie der zionistische Programmpunkt des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes den Lehren der Thora entspricht, werden die religiösen Juden mit ihren Forderungen stets das Gehör nationalgesinnter Kultusvorsteher finden. Der Kahal aber sei weder national, noch religiös, sondern der letzte Schlupfwinkel des deutschen Liberalismus. Auf den Zwischenruf Dr. Landaus: „Die schärfste Gegnerin des Judentums ist die B. B. Loge!“ erwiderte Dr. Weisengrün, dass Frank und Professor Ehrmann jüdischnational gesinnt seien und dass die Zionisten auch Nichtnationale in ihre Liste aufgenommen hätten, wenn sie nur das demokratische Programm zum Sturze des alten Systems zu vertreten bereit wären. Dr. Zipser erklärte, dass der Verband der Tempel- und humanitären Vereine sich mit dem Programm und der Kandidatenliste der Zionisten vollständig identifiziere, eine Erniedrigung hingegen wäre es, von Dr. Stern ein Mandat zu erbetteln. Durch solch ein Gnadengeschenk wäre auch den Bezirken nicht geholfen, denn wie der Fall Wilhelm P o 11 a k und E 11 b o g e n bewiesen, heisst es da: „Stern hat’s gegeben, Stern hat’s genommen.“ Hier helfe nur die durch das Kultusstatut zu garantierende Wahl nach Bezirken. Dr. L i f c z i s verwahrt sich in grosser Erregung gegen den Vorwuri der „Jüdischen Zeitung“, als er in der offiziellen Vertrauensmännerversammlung gegen die Opposition aufge-* treten, er, der in früheren Wahlkämpien als Mitglied der ehemaligen „Jüdischen Volkspartei“ stets mit der Opposition gegangen sei! Allerdings halte er die Wahltechnik der heutigen Opposition für eine verfehlte, auch seien die polnischen Juden vor zwei Jahren von den Zionisten verraten worden ... (?) Max Markus erwartet nur dann die rechte Wirkung, wenn die ganze Liste der Opposition durchdringt. Das zionistische Komitee habe auch ausser seinem Kreise nach zuverlässigen Kandidaten Umschau gehalten, da es die Gemeinde nicht zionistisch, Sondern zu einer jüdischen Volksgemeinde machen will. Herr Sigmund L i f t s c h i s als Mitglied der Obmännnerkonferenz der Bethaus- und humanitären Vereine wiederholt, dass an ihrem Schutz- und Trutzbündnis mit den Zionisten sich ' nicht rütteln lasse. Er trägt den anwesenden Gemeindebeamten F u c h s g e 1 b, was er am 2- Roschhaschono-Tage zur Stunde, als das Bethaus „Linath Hazedek“ gesperrt wurde; im 20. Bezirk gesucht habe. Dr- L i f c z i s hält Fuchsgelb für unschuldig, die Sperrung des Bethauses sei durch den Polizeikommissär Dr. R u z i c k a, einem getauften Juden, aus eigenem Antriebe erfolgt. Dr. S. R. Landau erklärt sich gleichfalls für einen unbedingten Oppositionellen und suchte dies dadurch zu beweisen, dass er unter lebhafter Unruhe der Versammlung der Reihe nach den Ottakringer Wählerverein, die vereinigtet« Bethaus- und humanitären Vereine und Herrn Hofbauer als Führer der Orthodoxen gegen die Zionisten aufzuwiegeln suchte, da diese, obgleich die kleinste Partei (!) innerhalb der Opposition, die Führung ungebührlich an sich gerissen hätten. Herr Fuchsgelb erklärt seine Anwesenheit im 20. Bezirk zur kritischen Stunde damit, dass er beim Armen-Minjan in der Toynbehalle gewesen sei. Herr K r u h weist die Anwürfe Landaus energisch zurück. Redner sei kein Zionist, doch von dankbarer Bewunderung für diese Partei erfüllt, welche nach der Resolution Schmidt und bei alten vergangenen Kultus-Wahlkämpfen mit der grössten Aufopferung und Tapferkeit gekämpft habe- Solchen Führern müsse man unbedingt folgen und die Opposition werde Herrn Landau nicht den Gefallen tun, zu zeriallen. Auch Dr. R y b a c z e w s k i spricht sein un- , bedingtes Vertrauen zur zionistischen Führung aus. deren Loyalität er schon im letzten Wahlkampf bewährt geiunden hat. Dem Ottakringer Wählerverein rate er, der Obmännerkonferenz beizutreten.*) Herr Hofbauer bestätigt gegenüber Dr. Landau, dass Markus als Mandatar des zionistischen Wahlkomitees den Redner beiragt habe, ob er ein Mandat annehme. Die Sache zerschlug sich, weil Redner das oppositionelle Gemeindeprogramm nicht anerkennen wollte. Er habe sein eigenes Programm: die Sicherung einer wahrhaft koscheren Mikwah und wirklich koscheren Fleisches, in letzter Linie die Lostrennung der orthodoxen von den reformierten Juden. Jedenfalls sei er gegen den Kultusvorstand, da dieser dem Redner und seinen Freunden nicht einmal erlaube, die von ihnen gesammelten 150.000 Kronen zum Baue einer eigenen Mikwah zu verwenden. Einen heiteren Abschluss gab der Versammlung Herr Professor Nascher, welcher schilderte, wie er zugunsten der Ottakringer bei Dr. Stern, natürlich vergebens, interveniert habe. Auf die mehrfachen Zwischenrufe hin entschuldigte sich Redner unter lebhafter Heiterkeit der Versammlung mit den Worten: „Ich war gewiss das letzte Mal bei Dr- Stern; so gern verkehre ich mit ihm nicht!“ Z. *) Ist bereits geschehen. (Anrru d. Red.)