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Jüdische Zeitung · 1908-10-30 · 44 (30.10.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 interessierten Behörden zusammengesetzt ist und den Zweck hat, die Bedingungen bei der Aufnahme von Juden in die mittleren Lehranstalten iestzustellen. Die Beschlüsse der Konferenz sind dem Ministerrate zur Bestätigung vorzulegen. * * * Zwei Zionisten gewählt! Jerusalem. Die „Neue Jüdische Korrespondenz“ erhielt von ihrem dortigen Korrespondenten unter denn 26. Oktober folgendes Telegramm: „Bei den Wahlmännerwahlen in Jerusalem wurden vier mohammedanische und zwei jüdische Wahlmänner gewählt. Die beiden jüdischen Wahlmänner sind die Zionisten Dr. Levy, Direktor der Anglo-Palestine Company, und Dr. Yellin. Der Direktor der Gewerbeschule der Alliance Israelite Universelle, Anteln, arbeitete sehr heftig gegen Dr. Levy. Antebi stellte sogar in Dr. Levys Wahlbezirk seine eigene Kandidatur auf, blieb aber mit 105 Stimmen gegen .154 Stimmen, die Dr. Levy erhielt, in der Minderheit.“ — Hoffentlich dürfen diese Wahlen als ein günstiges Prognostiken für die weiteren Wahlen betrachtet werden. Der Mittelstand. Jobann Kaspar Schwendtner heisst er, Bürgerlicher Selchermeister, Ausserdem und separat Wirkt er als Gemeinderat. Seine Frau, geborne Schwänzchen, Arrangiert Luegerkränzchen Und den .Schur“ beim „Wilden Christ*, Wo sie Ehrenjungfer ist. Beide Eheleute Schwendtner Wiegen insgesamt drei Zentner, Denn es hebt des Körpers Wohl Frömmigkeit und Alkohol. Ihrem Bund entsprossen sieben Kinder, die am Leben blieben; Jedes Jahr kam eins im Mai, Nur im vor’gen Jahre zwei In dem Hause keusch und sittig, Blüht die christliche Politik; Täglich wird nach Wurst und Kraut Feierlich ein Jud verdaut. Kunst, Musik sowie Theater Findet man im Wurstelprater, Und die „Kronenzeitung* deckt Den Bedarf an Intellekt. Ahne, Vater, Sohn und Kinder Interessieren Schafe, Rinder, Kirche, Stadt und Vaterland — Dreimal hoch der Mittelstand 1 Beda. Einheit werden. Lag Beomer und am ersten Tage nach Schewuoth versammelt sich die jüdische Masse auf dem Grabe Simons, des Zaddiks, welches gleich hinter der Stadt liegt. Auf dem Grabe wird der ganze Tag mit Weib und Kind zugebracht. Das grosse Feld ringsum ist von Menschen voll. Gruppenweise stehen sie oder sitzen auf ausgebreiteten Teppichen oder auf dem Grase. Hier kann man all die verschiedenen Juden beisammensehen. Juden in russischen Mützen, in schwarzen Hüten, in kaukasischen oder tatarischen Mützen. Frauen, gekleidet wie Araberinnen, Tscherkessinnen, Bucharerinnen oder europäisch augezogen. Gesichter, die man oft auf spanischen Bildern begegnen kann — echte Spanierinnen, arabische und tatarische Typen; es fehlen auch nicht schwarze Kinder. Alle Sprachen der Welt kann man da hören. Hebräisch verschwindet fast ganz vor dem Arabischen. Ein Rauschen und Lärmen, wie man es nur in der arabischen Menge zu hören gewohnt ist Juden verkaufen lärmend verschiedene schmutzige Süssigkeilen, Gebäck, Limonaden und Eis. Hier wird gebetet —und da weint eine Gruppe auf dem Grabe; hier sitzen sephardisthe Frauen und rauchen Zigaretten und da rauchen andere Wasserpfeifen. In einer anderen Gruppe schlagen Frauen die Trommel. Kinder springen lustig herum, über den Platz gehen Soldaten mit Gewehren, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Alles ist lebenslustig und froh. Man freut sich mit in der Freude der Menge, die anfangs so fremd vor-! kommt. i Die Wiener Kuituswahlen. ■ Communique. Die in Nr. 43 der „J. Ztg." abgedruckte Liste ' unserer Kandidaten iür die bevorstehende Kultus- | wähl enthielt auch die Namen der Herren Kultusvorsteher Prof. Sal. Elirmann und Max .Frau k. Inzwischen sind wir von diesen Kandidaturen wieder abgekommen. Hierüber schulden wir der Oeffentlichkeit Aufklärung. Zunächst hatte unser Komitee festgelegt, dass für die Kandidierung nur solche Männer, ob Zionisten, ob nicht, in Betracht kommen, welche die 6 wesentlichen Punkte unseres Gemeindeprogrammes, wie sie in Nr. 43 der „J. Ztg-“ zuni Abdruck gebracht sind, anerkennen. Dies haben unsere beiden Deputierten am 17. Oktober zunächst Herrn Prof. Ehrmann, sodann Herrn Frank mitgetdLlt. Herr Prof. Ehrmann sah unser Programm durch und äusserte bei grundsätzlicher Anerkennung desselben nur gegen die bezirksweise Wahl und die Ausgestaltung der Bezirks-' kommissionen gewisse Bedenken, über die er sich durch Beratung mit Herrn Frank Klarheit zu schaffen vorbehielt. Herr Frank erklärte unseren Deputierten gegenüber jene Bedenken des Herrn Prof. Ehrmann für teilweise berechtigt, indes seien die Vorteile der diesbezüglichen1 Reformvorschläge unseres Programmes überwiegend. Herr Frank für seine Person sprach sich unter Akzeptierung des allgemeinen Wahlrechtes lediglich gegen eine mechanische Anwendung des gleichen Wahlrechtes aus, falls dadurch in absehbarer Zeit die Besitzenden von den Besitzlosen majnrisiert würden, und regte an, bei Aufteilung der Mandate auf die Bezinksgruppen auch deren Steuerleistung mit zu berücksichtigen. Unsere Deputierten meinten, eine solche Rücksichtnahme scheine ihnen grundsätzlich diskutabel- Sohin konstatierte Herr Frank, dass er unser Programm annehme und für dasselbe stimmen und sprechen werde. Auf das Verlangen unserer Deputierten, Herr Frank solle das Programm auch unterschreiben, lehnte er dies als eine überflüssige Formsache und unter Hinweis auf sein gegebenes Wort ab. Nachdem unsere Deputierten dem Komitee berichtet hatten, traten sie am 18. Oktober neuerdings mit Herrn Frank zusammen. Dieser konnte bereits mitteilen, dass er die Bedenken des Herrn Prof. Ehrmann zerstreut hätte und dass nunmehr beide in Annahme des Programmes völlig d’accord seien. Unsere Deputierten drangen sohin darauf, dass der am Vortag von H. Frank geäusserte Wunsch bei der Mandatsaufteilung die Steuerleistung mitzuberücksichtigen, umgrenzt werde, und erklärten, dass diese Rücksichtnahme im Rahmen unseres Programmes und ohne Aufhebung des durch dieselben verbürgten gleichen Wahl- Man freut sich, vor sich eine solche Menge Juden .zu sehen, welche an ihrem Feiertage in ihre heilige Stadt zu ihrem heiligen Grabe kommen. Einige russische Jünglinge versuchen Reden zu halten. Alte Lithauer verhalten sich dagegen feindlich: „Die sind von der heutigen Welt,“ sagen sie im Tone der Verachtung. Aber die Redner versammeln sich um eine grosse Anzahl verschiedener Juden. Hebräisch wird in Jerusalem verstanden. Die Reden machen einen Eindruck, man lauscht mit grosser Zufriedenheit. Nachher wird Beifall gezollt, auch die Juden im roten Fez sind zufrieden. Aber die wenigen Redner und Hunderte von Zuhörern verschwinden in der grossen Menge, welche von ihrem Treiben nicht lässt Sieht man diese grosse jüdische Masse, die sich so frei und munter fühlt, die so gesund und kräftig ist, die auf ihre Art das Land und das Leben in demselben liebt, daan erfahrt mau auch, welch grosses Arbeitsfeld sich vor uns ausbreitet: Diese Masse auf eine höhere Kulturstufe zu bringen, ihnen ein besseres Lebensziel zu setzen! Grosse Kräfte liegen in Jerusalem, die nur darauf warten, dass man sie sammle und -hebe. Jerusalem. Dr. J. Lurie. rechtes nur s o erfolgen könne, dass bei Aufteilung der Mandate auf die Bezirksgruppen zwar die Wählerzahl grundsätzlich massgebend bleiben, dass aber bei der notwendigen Auf und Abrundung der Mandatszahl die •steuerkräftigeren Bezirksgruppen begünstigt werden. Hingegen erhob H. Frank, keinen Einwand und versicherte zum Schlüsse nochmals in formellster Weise, unser Programm anzuerkennen und dasselbe schon in unseren Werbeversammlüngen öffentlich zu vertreten- Auf diesen Bericht hin wurden die Herren Prof. Ehrmann und Frank am 19. Oktober einhellig als unsere Kandidaten angenommen und als solche bei der am ■ gleichen Abend stattgehabten Vertrauensmännerversammlung, welcher auch Herr Frank beiwohnte, nach Erstattung eines ausführlichen Programmreferates, nominiert. Nach Publizierurg unserer Kandidatenliste in Nr. 43 der „J. Ztg,“ vom 22. Oktober gab nun Herr Frank in der Plenarsitzung des Kultusvorstan-' des vom 25. Oktober die an anderer Stelle abgedruckte Erklärung ah. Am 27. Oktober kommentierte Herr Fränkin unserer Komiteesitzung diese Erklärung dahin, dass die Bedenken — unbeschadet des allgemeinen Wahlrechtes und aller anderen Programmpunkte — sich gegen das gleiche Wahlrecht richten; ausserdem sei er der Ansicht, dass bei bezirksweiser Wah> für die Aufteilung der Mandate auf die Bezirksgruppen in erster Linie deren Steuerleistung massgebend sein soll. Es sei ein Missverständnis seitens unserer Deputierten gewesen, das er auch das gleiche Wahlrecht akzeptiert habe- Herr Prof. Ehrrrrann hat sich tn allem und jedem mit Herrn Frank solidarisch erklärt. Da nun die vollinhaltliche Annahme unseres Programmes uns vom Anbeginn Grundbedingung jeder Kandidatur war und da die Geschlossenheit und Strammheit der Opposition gerade jetzt unbedingt nottut, sehen wir uns zu unserem Bedauern genötigt, von der Kandidatur der Herren Frank und Prof. Ehrmann abzusehen. Das oppositionelle Wahlkomitee. jjc ^j. Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 25. Oktober 1908. Und der Zionismus war noch immer nicht tot! Darum berief Herr Dr- Stern zum Staunen seiner Mannen für letzten Sonntag wieder eine öffentliche Plenarsitzung ein. Die zweite’in einem Monat! Erst musste der Sekretär Herr L ie b e n das Plänklerfeuer gegen die Opposition eröffnen. So las er einen Bescheid des Wiener Magistrates vor, worin dem Kahal bestätigt wird, dass er bei Dezimierung der Wählerschaft streng nach dem Statut vorgegangen ist- Hierauf folgte die Verlesung eines Berichtes des Herrn Amtsleiters Kraus vom Armenrat über seine kürzliche Zeugeneinvernahme vor dem Bezirksgericht Josefstadt in Z. R. S-, wo er in einem Zivilprozesse gegenüber dem Präsidenten des klerikalen Vereines „Kinderschutzstationen“ zu erhärten hatte, dass er, Kraus, im Rechenschaftsberichte dieses Vereines widerrechtlich als „Rechercheur für die schutzheischeiiden Kinder israelitischer Konfession“ angeführt sei. Dieser Bericht und seine Publizierung wird erst verständlich, wenn man weiss, dass die Zitierung des Herrn Kraus zu Gericht über Antrag eines oppositionellen Advokaten erfolgt war. Nach Herrn Lieben eröffnete der Kultus- Präsident höchstpersönlich die grosse Kanonade, er sprach wortwörtlich: „Ich habe eine öffentliche Sitzung anberaumt und i c h werde das auch in Hinkunft tun. Denn die Anwflrfe, welche in öffentlichen Versammlungen von verschiedenen Seiten gegen den Kuitusvorstand erfolgen, können nur öffentlich widerlegt werden. Ich konstatiere mit Bedauern, dass diese Anwürfe von halbwegs autoritativer Seite ausgehen oder wenigstens von einer Partei, die von der Unrichtigkeit dieser Anwürfe überzeugt oder doch in der Lage ist, sich zu überzeugen. Diese 'Mitteilungen sind nicht nur in jüdischen, sogenannten oppositionellen Blättern enthalten, sondern zum grössten Teil in einem ausgesprochen antisemitischen Blatte. Ich meine das „Deutsche Volksblatt“, welches sich

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