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Jüdische Zeitung · 1908-10-30 · 44 (30.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.. 44 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 hat die Politik der alten Parteien und daher hat sich auch jene assimilatorische jüdische Politik überlebt, die diesen Schergendienst geleistet hat. Wie viel könnte eine grosse moderne, auf national-sozialer Basis aufgebaute jüdische Volksorganisation für das jüdische Volk in dem parteizerklüfteten Oesterreich erreichen, wie viel aber dem österreichischen Gesamtreiche und den Modernen der übrigen Völker nützen durch die Betätigung der Grundsätze der nationalen, konfessionellen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung aller Oesterreicher. Dafür das Verständnis unter den österreichischen Juden zu wecken, ist die Aufgabe des „Jüdischen Nationalvereines. Dazu ist jetzt die Stunde gekommen. Wir stehen seit der Annexion von Bosnien-Herzegowina vor einem Wendepunkte der äusseren und auch der inneren Politik. Die Politik des Fortwurstelns neigt ihrem Ende zu. Ein Systemwechsel in beiden Reichshälften ist unvermeidlich geworden. Die österreichischen Juden müssen sich schnellstens organisieren, damit sie nichts unvorbereitet überrascht. Aus dem jüdischen Leben. Der zweite Rosenfeldabend. Montag den 26. ds. veranstaltete die jüdischakademische Verbindung „Ivria“ im Saale des Architektenvereines den zweite« Rosenfeldabend, der sich eines überaus guten Besuches erfreute. Herr Dr. Bernhard Münz leitete den Abend durch eine Conference über die Bedeutung des Dichters und seines Wirkens ein. Das Programm war viel glücklicher zusammengestellt als am ersten Abend. Rosenfeld trug in feiner und künstlerischer Weise die Gedichte „Die Verführte“, „Verzweiflung“, „Was ist die Welt?“, „Der erste Verdienst“, „Die Lichtverkäuferin“, „Mein Kind“ und das in der vorigen Nummer der „Jiid. Ztg.“ veröffentlichte Gedicht „Der Jude vor dem Christusbilde“ vor. Sein Interpret Hofburgschauspieler G r e g o r i, welcher die machtvollen Dichtungen „Der Sturm“, „Der jüdische Mai“ und „Blumen im Herbste“ las, übertraf bei weitem die in ihn gesetzten Erwartungen. Der ganze Verlauf des Abends kann als üusserst gelungen bezeichnet werden. * * * Wie sich Don Alfonso in Budapest amüsierte. Budapest. Don Alfonso konnte auch während seines Aufenthaltes in Budapest nicht vergessen, dass er der Herrscher des judenreineu, strenggläubigen Spaniens sei. Es geschah am Hofball. Nachdem der junge König — wie es einem Nachfolger des katholischen Ferdinands ziemt — dem päpstlichen Nuntius die Hand geküsst, wendete er sich an den Unterrichtsminister mit einer, selbst den klerikalen Grafen Apponyi überraschenden Frage: „Wieviel Juden gibt es in Ungarn?“ Wie die Antwort gelautet hat, darüber wurde nichts Gewisses in Erfahrung gebracht. Ihrem Korrespondenten ist aus sicherer Quelle ein Histörchen bekannt geworden, welches der loyalen Judenpresse zwar verschwiegen wurde, die juidenfeindlicben Gefühle des „Rey catholico d’Espana“ aber in einem noch grelleren Licht erscheinen lässt. Kaum zum Feldmarschall des gemeinsamen Heeres ernannt, liess er sich eine Uniform anfertigen. Es erschien bei ihm in der Ofner Hofburg ein Zuschneider, dem man so recht seine jüdische Abkunft ansah. Der König betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. „Sind Sie Jude?“ fragte er ihn endlich. — „Zu Diensten, Ew. Majestät,“ antwortete das Schneii derlein. — „Dann schicken Sie mir einen anderen j Schneider. Von einem Juden lasse ich j mich nicht berühren .. B. Abg. Dr. Diamant — abgenützt. Lemberg. Samstag den 24. ds. hielt der Reichsratsabgeordnete Dr. D ia m a n t, der den Zionisten sein Mandat verdankt und im Parlamente bei jeder Gelegenheit seine Zugehörigkeit zur polnischen Nation hervorhebt, eine Wählerversammlung ab, um den Rechenschaftsbericht über seine parlamentarische Tätigkeit zu erstatten. Anstatt des erwarteten Vertrauens holte er sich aber ein Misstrauensvotum schärfster Art. Viele Redner, hauptsächlich jüdische Sozialdemokraten und Zionisten, warfen ihm Verrat und Vertrauensmissbrauch vor, weil er vor der Wahl versprochen hatte, für jüdische Interessen einzutreten und sein Versprechen nicht nur nicht eingehalten, sondern — wie bekannt — durch die Unterstützung des Ofnerschen Antrages betreffs die Verschärfung der Sonntagsruhe in Galizien, die die jüdischen Gewerbetreibenden und Kaufleute sehr schwer trifft, in das gerade Gegenteil verwandelt hatte. Auf Grund der Ausführungen der Redner nahm i die Versammlung mit alten gegen 18 Stimmen unter grossem Beifall folgende Resolution an: „ln Anbetracht der Haltung des Abg. Dr. Diamant zum jüdischnational denkenden Proletariat kann er von der am 24. ds. tagenden Versammlung nicht als Vertreter des jüdischen Proletariats betrachtet werden-“ * * Potocki als objektiver Beamter. Lemberg. Gelegentlich eines Interviews eines Redakteurs des Lemberger „Tagblatt“ mit dem ruthenischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Oiesnicki stellte der Redakteur an den Abgeordneten die Frage, ob es wahr sei, dass Potocki am Tage der Wahl des Abg. Gabel den ruthenischen Abgeordneten Kost Lewicki zu sich beschieden und ihm angedroht habe, die Ruthenen zu unterdrücken, falls sie den Dr. Gab e 1 wählen würden. Dr. Oiesnicki antwortete wörtlich: „Potocki I.at dem Abg. K o 1 e s s a erklärt. dass er alles anwenden werde, um den ruthenischen Kandidaten zu Falle zu bringen, wenn D r.- Gabe 1 gewählt werden sollt e“. Nach der Wahl rühmte sich Potocki. den Ruthenen in Drohobycz ein Mandat abgerungen zu haben, weil Dr. u ab e 1 und Dr. Mahler mit Hilfe der Ruthenen den Polen zwei Mandate weggenommen haben.“ So sah die Objektivität und Gerechtigkeitsliebe des Statthalters Potocki aus, von der die polnischen Blätter nach seinem Tode soviel zu erzählen wussten! . . . * * * Bukowinaer Landtagswahien und die Juden. Czernowitz. In dem Wahlreformentwune. der dem Bukowinaer Landtag vom Obmanne des Rerormausschusses Dr. O n c i u 1 vorgelegt wurde, werden den Juden als einer nationalen Gruppe 8 Mandate eingeräumt, und zwar in der GrossgruiKibesitzerkurie 2, Handelskammer 2 und in der allgemeinen Städtekurie 4. Der „Frajnd“ eingegangen. Petersburg. Wie uns mitgeteilt wird, hat das älteste und beste jüdische Tagblatt Russlands, der Petersburger „Frajnd“, sein Erscheinen eingestellt. Finanzielle Schwierigkeiten und die Schikanen der Regierung habe« die Herausgeber gezwungen, das Erscheinen des Blattes eJnzustellen. Momentan ist eine Aktion im Zuge, das Wietdererscheinen zu ermöglichen. * * * Ein Judenerlass. Petersburg. Der vom Kaiser bestätigte Beschluss des Ministerrates betreffend die Normierung des Prozentsatzes bei der Aufnahme von Juden in Lehranstalten verfügt, dass die Juden in den höheren Lehranstalten sämtlicher Ressorts mit Ausnahme der Konservatorien in Petersburg und Moskau, wo ein höherer Prozentsatz zulässig ist, in den Residenzen mit 3 Prozent an der Hörerzahl beteiligt sein dürfen. Für die übrigen Städte des Reiches, die ausserhalb der Grenzen liegen, in denen den Juden zu wohnen gestattet ist, ist die Teilnahme mit 5 Prozent für die innerhalb dieser Grenzen liegenden Städte mit 10 Prozent zulässig. Auf Befehl des Kaisers wurde eine Konferenz einberufen, welche unter dem Vorsitze des Ministers für Volksaufklärung steht und aus Vertretern der Halsbändern, behängen. Die Kleider glänzen mit ihren schreienden Farben. Die Bucharer Juden begannen vom Jahre 1891 nach Jerusalem zu kommen. Ihre Zahl beträgt jetzt zirka 1000 Personen. Die Bucharer Juden lassen sich nur in Jerusalem nieder. Sie tun es deshalb, weil sie es als ein Gebot halten. Im Lande selbst aber machen sie nichts. Sie wissen nichts vom Zionismus und der neuen Kolonisation. Ich hörte einen jungen Bucharer mit grossem Schmerze über das jetzige Elend der Juden sprechen, über ihre Unruhe — und mit welcher Begeisterung sprach er von dem einstigen Leben der Juden. Ein so stark flammendes, patriotisches Gefühl ist auch bei unserer russischen Jugend selten zu finden. Und doch wusste er nichts vom Zionismus und von unserer Arbeit in Palästina. Die Bucharer reden untereinander auch eine eigene Sprache. Hebräisch können sie sehr wenig. Ihre Kinder lernen in Jerusalem hebräisch. In ihren Talmud-Thoras ist das Hebräische Unterrichts¬ und Umgangssprache. Sie schicken ihre Kinder auch in die Schulen, besonders die Mädchen. Die ärmsten Juden in Jerusalem sind die persischen. Sie wohnen in kleinen Häuschen; viele Häuser sind aus Blech zusammengestellt wie Buden, und dort wohnen sie in der brennendsten Hitze. Es gibt Zimmer, in denen 1 ein einziger Gegenstand zu treffen ist, ausser einigen Polstern. Die Gassen sind voll von sich herumtummelnden, zerschlissenen Kindern, die Männer und Frauen kleiden sich wie die Perser. Die Männer gehen in tartarisehem Talar und persischer Mütze, die Frauen schmücken sich mit vielem Blech, Messing und Korallen, die Kinder betteln jeden um einen Backschisch an. Die Frauen und Mädchen backen auf der Gasse nach arabischer Art auf kleinen Blechblatten Mazzolh. Die Männer und grösseren Kinder arbeiten in der Sladt. Die meisten Kinder bleiben ohne Unterricht. Die weniger Armen schicken die Kinder in die Allianceschulen, und diese Kinder erkennt man unter anderen sofort. Sie sind reiner, halten sich besser und betteln um keinen Backschisch. Die Schulkinder können hebräisch, untereinander aber reden sie persisch — einen eigenen persischen Dialekt. Die persischen Juden haben auch eine Talmud-Thoraschule, in welcher ein unwissender Lehrer unterrichtet. Die Armut der persischen Juden ist so gross, dass viele von ihnen ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken können, weil es ihnen schwer fällt, einen Franc vierteljährlich zu zahlen. Die persischen Juden können nicht das Arabische und verstehen sehr wenig die hebräische Sprache. Es fällt schwer, sich mit ihnen zu verständigen. Sie leiden auch sehr viel darunter, da sie wie Stumme in Jerusalem herumgehen. Sie wandern erst seit kurzer Zeit in Jerusalem ein. Vor dreissig Jahren gab es ihrer nur zwei Familien, heute sind sie zirka 1450 Personen. Die meisten kamen in den letzten fünf Jahren. Sie kamen entweder auf Eseln oder zu Fuss. Ihr Weg dauerte drei Monate. Die Ursache ihrer Auswanderungen sind die fortwährenden Verfolgungen in Persien.. Hier sind sie trotz ihrer Armut zufrieden. Hier leben sie frei, ungestört und in friedlicher Ruhe. Ich habe mir die persischen Juden näher betrachtet. Fremd waren sie mir durch ihre Sprache, wegen ihrer Kleidung, Lebensart und Kultur. Ich hatte einen Begleiter mit. Er trug den persischen Talar und eine warme Mütze — In dieser brennenden Hitze. Sein Gesicht war rund. Sein Barthaar wie Stacheln. Ich würde ihn eher für einen Tartaren als Juden batten. Ich ging mit ihm durch die persischen Juden und dachte: Wie gross ist der Unterschied zwischen ihnen und mir. Und trotzdem fühlte ich eine gewisse Verwandtschaft mit ihnen heraus, ebenso, wie sie in mir einen Verwandten sahen. Ueberall spürte Lh ihren warmen Blick, ein freundschaftliches Gefühl. Und noch mehr empfand ich die Gemeinsamkeit, als mir ein persischer Jude sagte, dass bei allen Juden in Persien, sogar bei den kleinen Kindern, eine grosse Sehnsucht nach Jerusalem herrsche. Da merkte ich, dass es etwas Stärkeres gibt als Kultur, Sprache und Gebrauch, das uns aneinanderschmiedet. Auch wir besitzen ein Etwas, das in uns, den Kindern Europas, dieselbe Liebe zu Zion hervorruft, wie bei den persischen Juden. Wir besitzen alle das Bewusstsein der einstigen Einheit; es ist ein Wort geblieben, welches unser aller Herz gleich berührt: Jerusalem, das Zeichen der gewesenen Einheit und der kommenden Befreiung. Wegen der grossen Anzahl und der Freiheit, mit der man lebt, fühlt sich die jüdische Masse selbstbewusst und zufrieden. Sie besitzt ihre Feiertage, an welchen sich ihre Zusammenwürfelung aller Individuen ausdrückt, welche durch sie zur

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