Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 die trotz der liebenswürdigsten Anerbietungen nicht einen Heller zahlen wollten. Gott hat sie eben mit Verblendung gestraft und sie sollen vom Erdboden getilgt werden. Und auch dass dieses recht baldigst geschehe, wurde die Firma „Wiener Kultuspräsidium und Blochs Wochenschrift“ gegründet. Gerade Jetzt haben sich die Agenten dieses ehrenwerten Geschäftshauses zu einer grossen Aktion entschlossen und aus dem reich assortierten Lager von Entstellungen, Verdrehungen und Lügen einen besonders zugkräftigen- Artikel mit viel Geschrei auf den Markt geworfen, die saftige Verleumdung: „Die zionistische Opposition ist mit den Christiichsoziaien verbündet“! Die gewiegten Geschäftsleute dürften sich diesmal getäuscht haben. Der Artikel ist nicht neu, alte Ausschussware, erinnert im Gerüche allzusehr an alte Nadereien. Da wird der naivste Kauflustige stutzig- Der Absatz dürfte nicht sehr reissend sein. Und ans Risiko sollten die Herren auch nicht vergessen. Die Zionisten pflegen derartige Mätzchen prompt und ausgiebig zu honorieren, der Lüge kräftig aufs Maul zu schlagen, auch wenn sie in grauen Haaren, mit Ehrenämtern beladen, von urteilslosen Spiessern ehrfurchtsvoll bfgafft, umherstolziert. * * * Von den Patentchristen. Die Herrschaft Luegers hat Opfer gezeugt. Laute und stille. Die lungenkräftigen Märtyrer sind wohlbekannt. Gestürzte liberale Stadtgrössen, die in allen Versammlungen ihr Malheur 'aut beweinen, um alle fetten Pfründen, die ihnen schnöde entrissen wunden, jammern, im übrigen aber vom Ertrage der vergangenen guten Zeiten als Advokaten, Zeitungsschreiber, Verwaltungsräte usw'. auskömmlich und vergnüglich leben. Das grosse Heer der still blutenden Opfer aber kennt die Oeüentlichkeit nicht, seiner hat man vergessen. Das sind die Juden, welche als Beamte und Bedienstete unter der Knute des christlichsozialen regierenden Pöbels stehen. Konsequent übergangen, jeder Aussicht auf Besserung beraubt, von Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen roh verhöhnt und beschimpft, müssen sie, stetig um ihre Existenz zitternd, schweigend dulden. Die Laune eines betrunkenen Luegerhusaren kann sie ins Elend jagen, ihre Familie brotlos machen- Tüchtigkeit, Fähigkeiten und Fleiss vermögen nicht zu schützen. Im nfederösterreichischen Landesausschusse sitzt von früher her ein jüdischer Beamter, der Inspektor Gerenyi. Die Landesirrenanstalt Steinhof, diese Schöpfung, die in der ganzen Welt Aufsehen und bei den Christlichsoziialen ungeheuren Stolz hervorgerufen hat, soll zum grössten Teile sein Werk sein. Um so wahrscheinlicher, als die antisemitischen Führer Steiner und B i e I o h 1 a w e k selbst wiederholt und öffentlich anerkannt haben, dass ihr wichtigster Helfer bei der Reform der Irrenpflege dieser Jude war. Welcher Lohn diesem Manne winkt, illustriert folgender Vorfall: In einer grossen Wählerve rsammlung erhob sich der Stadtrat Schwer und sagte: „Schade, dass der Kandidat schon fortgegangen ist, ich hätte als Antisemit eine Bitte an ihn: Auch im Landhause sitzt nämlich ein Jude darin, der Inspektionsrat Gerenyi, ein ungarischer Jude, der ebenfalls beseitigt werden muss!“ Die Versammlung brach in stürmischen Beifall aus. Wie edel sind doch die Regungen des patentierten Wiener Christentums! Das Fiasko des Baron Hock. Seit Jahren wird die Eroberung Wiens von Seite der sogenannten „freiheitlichen“ Parteien angekündet. Und das Ergebnis ihrer Tätigkeit? Dr. Karl Lueger, der Führer der Christiichsoziaien, erhielt bei den eben stattgefundenen Landtagswahlen in der Leopoldstadt, der Hochburg des „Judenliberalismus“ fast zweimal soviel Stimmen wie der sozialdemokratische Kandidat Pick und dreimal soviel Stimmen wie Baron Hock, der Führer der Deutschdemokraten; 3000 Wähler aber enthielten sich trotz der Wahlpflicht der Stimmenabgabe! Diese nackten Tatsachen in Verbindung mit dem Umstande, dass die Christlichsozialen an 50.000 Stimmen in Wien gewannen, die Sozialdemokraten 3000 Stimmen verloren, finden eine vollkommen ungenügende Erklärung in den berechtigten Klagen über die Wahllisten, sowie in den anderen üblichen nach jeder Wahl stattfindenden Betrachtungen. Der Grund liegt viel tiefer 1 Die sogenannten antiklerikalen Parteien besitzen nicht die genügende Werbekraft, um die Massen den christlichsozialen Machthabern abspenstig zu machen. Die sogenannten freiheitlichen und bürgei lieh - demokratischen Gruppen sind überhaupt in der Bevölkerung entwurzelt und vermochten in ganz Wien kein einziges Mandat zu erringen. Die Sozialdemokraten aber, welche 5 Mandate eroberten, konnten in Wien nur in den Besitz der 3 Arbeiterbezirke, Favoriten, Ottakring, Floridsdorf, gelangenund in diesen zeigen sich allerlei deutliche Symptome der zunehmenden Unzufriedenheit der Arbeiterbevölkerung mit ihren Wortführern. Vielleicht wird nun doch dieser Ausfall der Wahlen die Wiener Juden darüber belehren, dass die Hofinungen, die sie auf die verschiedenen bestehenden antiklerikalen Parteien gesetzt, auf Sand gebaut sind, und dass sie zur Verteidigung ihrer Rechte als Volk und österreichische Staatsbürger andere Wege einschlagen müssen. Die Juden Wiens und Gesamtösterreichs müssen sich auf eigene Füsse stellen, sie müssen eine aufdem national - autonomistischen österreichischen Reiehsgedanken basierende jüdischnationale Volkspolitik verfolgen und eine starke Reichs Organisation ins Leben rufen. Eine solche demokratische jungjüdische Gruppe wird auch Verbündete finden, und wenn auf deutschem Boden keine Parteien vorhanden sind, die unsere Minimalforderung: die Anerkennung als gleichberechtigtes jüdisches Volk akzeptieren und fördern, nun, dann haben wir uns auf uns zurückziehen und niemandem nachzulaufen. Die bestehendi n Parteiengefüge samt und sonders krachen in allen Ecken und ein Auszug der Juden aus den verschiedenen Lagern -würde den unvermeidlichen Zersetzung s- und Neugestaltungsprozess des österreichischen Parteiwesens nur beschleunigen. Die in sämtlichen Bezirken Wiens trotz des Wahlzwanges zu konstatierende grosse Zahl von Wahlabstinenzen ist ein beredtes Zeichen der Unzufriedenheit mit sämtlichen parlamentarischen Parteien, wobei überdies tausende Wähler für den Kandidaten einer Partei nur aus Opposition gegen die andere für „das kleinere Uebel“ stimmten. Allerdings, die grosse antichristlichsoziale Tagespresse geht, das Ergebnis der Wahlen verzeichnend, über die totale Niederlage der antiklerikalen Koalition zur Tagesordnung über. Wochen vorher hat man speziell den Juden viel vom Zusammenbruche der christlichsozialen Partei vorgefaselt und nun sucht man den Zusammenbruch der Deutschdemokraten und den Rückgang der Sozialdemokraten ausschliesslich — durch den Wahlterrorismus der Christiichsoziaien zu erklären. Es ist dies umso bedenklicher, da die ungeklärte politische Lage auch eine Auflösung des Abgeordnetenhauses nicht unmöglich (wenn auch vorläufig nicht wahrscheinlich) erscheinen lässt. Dann aber mögen die österreichischen Juden sich noch auf ganz andere unangenehme Ueberraschungen gefasst machen, wenn sie nicht den Zusammenhang des Antisemitismus mit seiner verkehrten Nationalitätenpolitik begreifen lernen und nicht aulhören, Anhängsel sterbender Parteien zu sein — assimilatorische Schulzjuden. Totkrank ist der ganze Parlamentarismus in beiden Reichshälften, vollständig abgewirtschaftet Gemeinde, besondere Rabbiner und eigene Chalukkah. Die Gemeinde ist von der Regierung nicht anerkannt und existiert nur durch den inneren Zusammenschluss der Mitglieder und durch die moralische Macht der Rabbiner. Auch die Aschkenasim haben sich den arabischen Talar und Gürtel angeeignet. Sietragen jedoch Hüte. Samstag legen sie, auch in den heissen Sommertagen, Pelzhüte und Plüschtalare an. Alle haben lange, krause Pejes. Die Frauen rasieren den Kopf und ihr Gesicht sieht deswegen zart und werss aus. Der jüdische Typus der Aschkenasim ist hier viel vornehmer als bei uns. Vom Studieren sehen auch viele durchgeistigt aus. Unter dem Pelzhut sieht man oft schöne, edle Christusgesichter. Die Mehrzahl der Aschkenasim sind ebenfalls Handwerker und Krämer, weil dieChalukkak nicht zum Lebensunterhalt hinreicht. Fürs ganze Auskommen erhalten nur die Rabbiner, Schochtim, Dajanim, Schamossim und Lehrer in Jeschiwoth- und Talmud-Thoraschulen. Die anderen bekommen - eben nur den auf sie entfallenden Teil der Chalukkah. Die ungarische Chalukkah, die die reichste ist, gewährt allen den vollständigen Lebensunterhalt. Auf die bessarabischen oder wolhynier Juden entfallt im ganzen drei Kronen jährlich pro Person. Die Aschkenasim, die schon lange in Jerusalem wohnen oder dort geboren wurden, können auch arabisch reden. Das Hebräische sprechen sie sehr schlecht In Jeschibotb, Talmud-Tboras und Chejdarim wird noch immer im Jüdischen unterrichtet Die Mugrabim wohnen schon seit sehr langer Zeit in Jerusalem. Sie kamen aus Marokko. Ihre Sprache ist das Arabische. Durch den engeren Zusammenhang der Sephardim haben sie sich auch den spanischen Jargon angeeignet. Die Juden aus Syrien und Mesopotamien sind erst seit kurzer Zeit in Jerusalem. Ihre Sprache ist das Arabische. Sie unterscheiden sich in ihrer Lebensweise nur sehr wenig vom Araber. Sie sind grösstenteils ungebildet. Hebräisch können sie nur sehr wenig. Es gibt auch Männer, die kaum lesen können. Sie sind sehr arm und ihre Armut in der Heimat brachte sie nach Jerusalem. Ihre Kinder besuchen in grosser Zahl die Kindergärten und Schulen und werden mit der Zeit ein nützlicher und kultureller Teil der Bevölkerung werden. Die Grusinier sind sehr gering an Zahl Auch in Jerusalem tragen sie ihre kaukasische Kleidung. Sie sind Arbeiter, Fuhrleute und Kleinhändler. Sie sind grösstenteils Manufakturwarenhändler. Einen wichtigeren Platz in der Gemeinde nehmen die Teimoner, Bucharer und persischen Juden ein. Die Teimoner begannen erst in den letzten Jahren nach Jerusalem einzuwandern. Der Krieg, der in Arabien wütete, zur Zeit als die Verfolgung gegen die Türkei herrschte, zwang sie ihre alteingesessenen Ortschaften zu verlassen. Sie kamen grösstenteils zu Fuss nach Jerusalem. Viele starben Hungers noch auf dem Wege. Ihre Zahl erreicht in Jerusalem 2000 Seelen. Man erkennt sie leicht an ihrem dunklen Gesicht, langen, schmalen Kopf und lebhaften, glänzenden Augen. Die Männer, auch die Jünglinge tragen lange, krause Pejes. Die Frauen sind klein, mager, dunkel, mit gelben und ausgetrockneten Gesichtern. Ihre Sprache ist arabisch, aber alle Männer sprechen auch sehr gut hebräisch. Sie kleiden sich wie die Araber, Frauen und Kinder färben sich sogar ebenfalls die Nägel. Die Teimoner sind sehr arm. Sie wohnen in niedrigen Häuschen hinter der Stadt. Sie sind gute Arbeiter. Sie sind Steinhauer, Lastenträger, Gassen- und Hofräumer. Die Frauen und Kinder sammeln auf den Gassen den Mist auf, den sie dann als Heizmaterial verwenden. Sie sind sehr genügsam. Ihre Bedürfnisse sind sehr gering. Sie leben nicht besser als ein arabischer Fellache. Und trotz ihrer kleinen Verdienste sparen sie noch für schlechte Zeiten ab. Das einzige Bedürfnis, das sie auch höher stellt als den Araber, ist das Lernen. Sie schicken ihre Kinder in ihre Chejdarim, wo .dem Rabbi zirka drei Metalik (ungefähr acht Heller) für eine Woche für jedes Kind gezahlt wird. Die Mädchen schicken sie in die Kindergärten und Schulen. Die Bucharer sind reich. Ihre Gemeinde ist die reichste in Jerusalem. Das Bucharer Viertel besteht aus schönen grossen Häusern. Die Strassen sind gerade und breit, bei einigen Häusern sind auch Gärten. Wenn man ins Buebarer Viertel kommt, vergisst man, dass man in Jerusalem ist. Man glaubt sich nach Turkestan versetzt Die Männer, gross und stark, wackeln in vielfarbigen Talaren und tartarischen Hüten einher. Die Frauen mit vollen und roten Gesichtern, sind mit Schmuck, Broschen, Ketten,