Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 44 loyalen Anhänger des Dr. Stern, wir wenden uns auch an die. Nichtwähler: Wir Vertreter der vereinigten Opposition erklären, dass jeder, der solche Gerüchte verbreitet, ein Verleumder und ein böswilliger Lügner ist. Wir teilen auch in diesem Zusammenhänge dem Publikum mit, dass wir gsgen Dr. Stern sowie gegen Dr. Bloch als Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift“ die Klage erhoben haben. Uns kann nur ein skrupelloser Lügner Beziehungen zu Lueger und den Antisemiten andichten. Wir weisen nur darauf hin, dass mit dem politischen Instinkte, den Lueger stets bekundet, er in uns den gefährlicheren Feind sieht. Andererseits sind wir aber in der Lago, strikte nachzuweisen, dass die Vertrauensmänner der Kuitusgemeinde die Vertrauensmänner des Lueger sind. Gab und gibt es einen grösseren Vertrauensmann der Kultusgemeinde als den Taussig? Als dem Sturme, den die Zionisten entfachten, auch andere Organisationen folgen mussten, wer verteidigte da den Taussig? Der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohnü! In dem Rechenschaftsberichte der Kultusgemeinde für das Jahr 1906 wird ausdrücklich dem Herrn Taussig gegenüber das lebhafteste Bedauern ausgesprochen, dass inan auf seine Wirksamkeit verzichten müsse. Dieser Vertrauensmann der Kultusgemeinde hat nicht nur vor aller Welt die russischen Antisemiten, ja sogar die Mörder der russischen Juden mit Darlehen unterstützt, er ist auch der eigentliche Bankier des Dr. Lueger. Und nun fragen wir angesichts dieser Tatsache, anj gesichts der notorischen Freundschaft der ganzen höheren Kurie, des Vertreterkollegiums mit Taussig, nun fragen wir jeden Juden, wer eigentlich der Bundesgenosse Luegers ist. Wir oder die hochwohllöbliche Kultusgemeindj mit Dr. Stern an der Spitze? Diese Tatsachen sprechen eine beredte Sprache. Wir brauchen keinen Kommentar zu liefern. Niemals hat man gegen eine rein idealistische Bewegung eine so brutale Wahlmache inszeniert. Aber diese Wahlmache ist nicht nur brutal, sie ist auch dumm. Glaubt man wirklich, dass die Wiener Juden so naiv, so leichtgläubig sind, um diese Behauptungen auch dann hinzunehmen, wenn die Aufklärung erfolgt ist? Und die Aufklärung ist erfolgt. Wir haben hoffentlich nicht vergebens an den gesunden Menschenverstand appelliert! Die ganze jüdische Bevölkerung Wiens muss erfahren, mit welchen Mitteln Herr Dr. Stern, der markante Repräsentant des alten Systems, kämpft, wenn er um seine Existenz zu zittern beginnt. Wir werden vor der breitesten Oeffentlichkeit der perfiden Lüge entgegentreten: In der Presse, im Versammlungssaale und vor Gericht. Die Verbreitung der Wahrheit bedeutet den Sieg der gerechten Sache. Und sie wird siegen. Das oppositionelle Wahlkomitee- Rundschau. Das eingestürzte Puppentheater. Die Landtagswahen haben dem Freisinn keine Niederlage gebt acht, -denn er war bei der Kampagne absolut nicht engagiert. Ein paar plump bemalte fadenscheinige Kulissen fielen mit Gepolter zu Boden und haben im Sturze einige Puppen zertrümmert. Die deutsch-demokratische Schmierenkomödie hat ihren wohlverdienten unharmonischen Abschluss gefunden. Ohne ein Programm, ohne die geringste Fühlung mit dem Volke, haben es die „Neue Freie Presse“ und einige getauite und ungetanfte Bezirksmacher vom Kai und von der Leopoldstadt unternommen, der Wiener Bevölkerung die Existenz freisinniger Bürgermassen vorzutäuschen. durch marktschreierische Anpreisung einiger herzlich unbedeutender Persönlichkeiten „populäre“ Führer zu schaffen. Die Opfer des „freisinnigen“ Griindungsschwindels waren natürlich wieder die Juden. Völlig desorganisiert und durch das Umsichgreifen des Antisemitismus verschüchtert und mürbe gemacht, ist Ja dieser intellektuell und wirtschaftlich hochstehende Teil der Wiener Bevölkerung das zahmste Ausbeutungsobjekt für politische Strauchdfebereien. Ein Baron Flock wurde ihnen hingeworfen, ein leibhaftiger Baron und Hofrat dazu, Hofrat und „kein“ Antisemit, man denke nur! Im mi war für viele „Hock“ identisch mit: Rettung vor der christlichsozialen Not, der Reaktion, „Hock" war mehr als ein Programm, er war ein Idol, und seine Trabanten, Schwarz- Hlller. Fürth und Konsorten. Paladine des Fortschrittes. Am Kaffeehaustisch und in der Redaktionsstube ward diese „freiheitliche” Götterversammlung, der deutsch-demokratische Olymp, geschaffen. Jetzt steht der gute, dumme jüdische Stinirnpöbel betroffen da. Verlegenes Schweigen. Die Arrangeure machen sich aus dem Staube. Die liberalen Tagesblätter, die monatelang in endlosen Leitartikeln zum „Kampfe“ gerufen, die „unendliche" Wichtigkeit der Wahlen ausgemalt, das Ende der christlichsozialen Herrschaft auf di* Minute vorhergesagt haben, schwelgen sich aus, knapp sechs Zeilen werden dem „unvermeidlichen“. aber ganz „nebensächlichen“ Siege Luegers gewidmet, nicht etwa im vorderen Teile der Blätter, nein, hinten, zwischen der Selbstmörderrubrik und den Anpreisungen von Speisefett und Stiefelwichse. Die bösen Jüdisch nationalen sind nicht betrübt. Im Gegenteile. Sie freuen sich der Nieder'age der Lüge. Weil sie den ehrlichen Kampf für das Wohl des jüdischen Volkes und gegen alle seine Feinde wollen, müssen sie dieses Debacle willkommen heissen. Ein Versuch. das jüdische Volk neuerlich der deutschen Assimilationspo'itik dienstbar. neuerlich zum Schuiterträgcr politischer Streber zu machen, ist j gescheitert. Dem jüdischnationalen Gedanken, I dem Gedanken von der jüdischen Selbsthilfe ist ein weiteres Hindernis aus dem Wege geräumt- Der Ausfall der Landtagswahlen wird eine erkleckliche Zahl von politischen Geschäitsniachern nötigen, das bis nun so ergiebige jüdische Feld zu räumen und den Schauplatz ihrer Aktionen zu verlegen. weitab vom jüdischen Volke. Geschäftsfreunde. Der Kampf gegen den Zionismus bringt ganz unglaubliche Wandlungen in der jüdischen Gesellschaft zuwege. Aus würdig-glatten Festtagspredigern. geschmackvoll in Ausdruck und Kleidung, werden hetzende Tendenzpfaffen, struppig und ruppig- Ans hochansehniichen Stadtvätern, wohlgenährt an Seele und Leib, und von diplomatischer Ruhe, lügende Demagogen. Rechtsverdreher und Verleumder. Und Wunder über Wunder: Aus Journalisten von bezahlter Ueberzeugung Ehrenmänner und würdige Stützen des alten Systems, Schützer des ruhigen, ehrenwerten jüdischen Bürgertums vor den Angriffen jugendlicher Stänkerer und Streber. Abscheulich und komisch zugleich. Das lieblichste und duftigste Produkt dieses Kampfes ist entschieden die Kumpanei „Wiener Kultuspräsidium und Bloehs Wochenschrift“. Wer kennt sie nicht, die „Oesterreichische Wochenschrift“? Sie fördert die Interessen des „gesamten" Judentums, indem sie gegen bürgerliche Honorare die Beschneidungen von Millionärs¬ und Kultusvorstandssprossen publizert, sie stählt das Judentum im Kampfe gegen seine Widersacher, indem sie die „glücklichen“ Entbindungen von Bankiersgemahlinnen froh kündet, sie sorgt für wohltuende Abwechslung, indem sie ans finanzieller Ueberzeugung heute national, morgen assimilatorisch und deutschliberal ist. Konsequent ist sie nur im Antizionismus, doch nicht der Herausgeber verschuldet diesen misslichen, das abwechslungsreiche Geamtbild so störenden Umstand. Lediglich die hirnverbrannten, betörten Zionisten. FEUILLETON. Ein jüdisches Zentrum.*) Jerusalem ist in der letzten Zeit zu einem jüdischen Zentrum geworden. Während des ganzen Mittelalters bildeten die Juden daselbst nur eine kleine Gemeinde. Noch im Jahre 1837 hatte es nur zirka 3000 Juden. Ludwig August Frankl, der zur Eröffnung der Lämmelschule herkam, fand im Jahre 1856 in Jerusalem 5137 Juden vor, bei einer allgemeinen Bevölkerung von 1S.000 Personen aber 1881 lebten hier schon 13.920 Juden. Von dieser Zeit an begann die jüdische Bevölkerung sehr rasch zu wachsen und erreichte 1S91 zirka 25.322 und zählt heute ungefähr 40.000 Seelen. Die Gesamtbevölkerung Jerusalems beträgt heute 60.000 Seelen, wovon 10.000 Mohammedaner und 10.000 Christen verschiedener Nation sind. Die jüdische Bevölkerung bildet aber kein einheitliches Ganze. Das lange Goluthleben in verschiedenen Ländern ist nicht ohne Wirkung auf die Juden geblieben. Ueberali haben die Juden Fremdes aufgenommen, je höher die Kultur der sie umgebenden Bevölkerung war, je schwächer sie in einem Lande waren — desto *) Wir entnehmen diesen interessanten Aufsatz der vorzüglich redigierten Zeitschrift „Unsere Hoffnung“. mächtiger war die Wirkung der Fremde auf sie. Nach Zion kommen sie jetzt mit verschiedenen Gesichtsausdruck, mit verschiedenen Gebräuchen, mit verschiedenen Trachten, mit verschiedenen Sprachen zurück, um die Verschiedenheiten abzuschütteln, die den einen von dem anderen trennen, um wieder ein vereinigtes Volk mit einer Sprache, mit einer Kultur, mit einer Psyche zu werden. Aber dieser Prozess der Assimilation geht seihst zwischen einem Teil Juden und dem anderen nur sehr schwer vor sich. Die Juden aus den verschiedenen Ländern leben abgesondert und jeder drückt auf seine Art die Sehnsucht nach dem Jerusalem der Zukunft aus. Die Juden Jerusalems sind Sephardim, Aschkenasim, Mugrabim, Bucharer, Teimoner, Perser, Syrier, Mesopotamier und Grusinier. Sephardim, zu denen auch die Juden aus den asiatischen und afrikanischen Ländern gehören, zählt man 18.450 und 22.060 Aschken a s i m, zu denen die Juden aus Westeuropa gerechnet werden. Bis zu den letzten Jahren der Emigration waren die Sephardim in der Mehrzahl. Ihre Gemeinde in Jerusalem wird noch heute offiziell als die einzige angesehen. Sie. allein ist von der Regierung anerkannt. Die Sephardim stammen von jenen Juden, die aus Spanien gekommen sind. Untereinander reden sie in dem wohlklingenden spanischen Jargon, in welchem sie auch eine ganze Anzahl von Zeitungen aus Konstantinopel und Smyrna bekommen. Alle beherrschen gut das Arabische und die Männer reden auch ein schönes Hebräisch. Die meisten kleiden sich wie die Araber, aber auch die europäisch Gekleideten können vom Fez nicht lassen. Ihre Chachamim tragen einen schwarzen Talar mit breiten Aermeln, das rote Fez mit einem weissen Band versehen. Man sieht sie oft auf der Strasse — hohe, starke Figuren mit schönem, stolzem Gesicht. In der Hand tragen sie nach Art eines arabischen Scheichs eine Anzahl Korallen, die sie langsam in die andere Hand fallen lassen. Die Frauen kleiden sich in den besseren Ständen europäisch, die Masse aber arabisch. Viele Frauen gehen auf der Gasse eingehüllt, wie die Araberinnen, in weissen Tüchern oder tragen ein schwarzes Kleid, über welches ein Kragen geworfen wird, der die obere Hallte des Körpers und den Kopf deckt. Andere tragen auf der Gasse das Gesicht verschleiert. Es gibt Sephardim, wenn auch sehr selten, die zwei Frauen haben. Die Mehrzahl der Geschäfte in Jerusalem ist in den Händen der Sephardim. Sie sind Händler und Handwerker. Chalukkah bekommen bei ihnen nur die Chachamim, welche studieren, Dajanim, Lehrer in den Talmiul-Thoraschulen und Arme, welche nichts verdienen können. Die Sephardim sind nicht so fanatisch, wie die Aschkenasim. Sie schicken ihre Kinder gerne in die Schule und führen auch gerne in ihren Talmud- Thoraschulen den Unterricht im Arabischen und Rechnen ein. In einigen haben sie auch Hebräisch als Unterrichtssprache eingeführt. Die Aschkenasim haben eine besondere