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Jüdische Zeitung · 1908-10-23 · 43 (23.10.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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bene 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 43 jüdisches Publikum, in welchem d'e verschiedensten Schichten vertreten waren, in dem gleichen Gefühl der Ergriffenheit und Verehrung gegenüber einem jüdischen Nationaldichter vereinigt zu sehen. Die Veranstalter des Rosenfeld-Abends verdienen daher jedenfalls den Dank der jüdischen Oeffentlichkeit, wenn auch nicht verschwiegen werden darf, dass man den Eindruck gewann, als ob bei Zusammenstellung des Programmes die Tendenz gewaltet habe, das nationale Element in Rosenfelds Dichtungen möglichst zu eliminieren, was dem Abend überdies eine gewisse Einförmigkeit gab- Rcsenteld bat doch nicht nur die Ghettoleiden bejammert, sondern auch dem Sehnen und Hoffen des jüdischen Volkes einen hsnreissenden Ausdruck verliehen. Warum hat man keines d.eser Lieder, warum nicht den „Jüdischen Mai“ öder „Jerusalem“ oder „D>e Sehnsucht“, „Unser Schiri“, den „Judenstaat“ gehört? Die Tendenz, Rosenfeld zu entnationalisieren, wurde dabei doch nicht -rreicbt, weil schliesslich in jedem seiner Gedichte, mag es wovon immer handeln, der Pulsschlag der nationalen Empfindung deutlich hörbar wind. Bei dem Rosenfeld-Abend, welchen am nächsten Montag die „Ivria“ veranstaltet, wird hoffentlich Gelegenheit gegeben werden, ein vollständigeres Bild’ von der Persönlichkeit des jüdischen Dichters zu gewinnen. * * * Empfang der JSdischnationalen beim Rektor der Technik. Wien. Das Exekutivkomitee zur Anerkennung der jüdischen. Nationalität an den österreichischen Hochschulen sprach am 19. d. bei Sr. Magnifizenz, dem Rektor der technischen Hochschule Herrn Prof. Dolezal vor und legte ihm die Forderungen der Jüdischnationalen dar. Der Rektor nahm diese Forderungen entgegen und erklärte, dass in dieser Angelegenheit bereits eine Dekanatssitzung stattgefunden habe, in der die Forderungen der Jüdischnationalen zur Sprache kamen. Die Dekanatskonferenz habe sich in günstigem Sinne ausgesprochen. Der Rektor erklärte ferner, dass es der akademischen Freiheit nicht entspreche, wenn man die Jüdischen Studenten zwingen würde, sich zu einer anderen Nationalität zu bekennen als zu derjenigen, der sie sich zuzählen, und es gehe auch nicht an, dass man die Studenten mit jüdischer Muttersprache nötige, in ihren Nationalen unwahre Angaben zu machen- Um eine definitive Regelung der nationalen Forderungen der jüdischen Studentenschaft herbeizuführen, habe er bereits beim Unterrichtsminister interveniert und werde nochmals urgieren. * * * Im Kampfe gegen die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Prager Hochschulen. Prag. Aus Prag wird uns berichtet: Ehe noch die zustehenden akademischen Behörden zu dieser Frage Stellung genommen haben, sehen sich schon die Beamten der Hochschulen veranlasst, via facti das jüdischnationale Bekenntnis der Hörerschaft zu unterbinden. Sie nehmen wohl die Nationalia, auf welchen die Nationalität „Jüdisch“ ersichtlich ist, anstandslos an, ersetzen aber durch den berühmten roten Strich eigenmächtig die angegebene Nationalität mit „Deutsch“ und leiten hernach die auf solche Weise verbesserten Nationalia weiter- Das Vorgehen der Prager Quästur steht nicht vereinzelt da. An der Wiener technischen Hochschule ereignete sich ein ähnlicher Fall. Einem jüdischen Hochschüler wurde die Annahme eines Nationales, in dem er als Muttersprache „Jüdisch“ angegeben hatte, verweigert. Das Exekutivkomitee zur Anerkennung der jüdischen Nationalität begab sich am 19. ds. zum Rektor der Technik, Prof. Dolezal, und verlangte von ihm Aufklä-rung über das Vorgehen der Quästurbeamten. An anderer^Stelle berichten wir darüber. * * * Fremde Juden. Krakau. Damit sind nicht die russischen Juden gemeint, welche vor den Pogromen nach Oesterrdch geflüchtet sind, sondern 90 Prozent aller österreichischen Juden, die seit Jahrhunderten das Glück gemessen^ in der Monarchie zu wohnen. Dass sie Fremde sind, empfinden sie seit jeher, auf dem Papiere aber galten sie als Staatsbürger. Was kümmern aber ehren' galizischen Gemearderat vergilbte Papiere? Das Staatsgrundgesetz denkt und der Gemeindenat lei’kt! So hält man es in Krakau. Dort wurde nämlich am 29. September von einem Gemeinderat der Antrag gestellt, die Einnahme von Vorstellungen in polnischer Sprache mit 5 Prozent, von Vorstellungen in fremden Sprachen mit 10 Prozent ziu besteuern. Da Jüdisch alsfremdeSprache gilt, so müssten Theateraufführungen in jüdischer Sprache einer lOprozentigen Besteuerung unterliegen. Somit wäre dargetan, dass die Juden — als LandesfrenKte — denn 90 Prozent aller galizischen Juden sprechen die „landesfremde“ Sprache Jüdisch — doppelte Steuern zu zahlen haben. Und trotzdem im Krakauer Gemeinderate Herren, wie Reichsratsabgeordneter Gros's, Landtagsabgeordneter Sare, Kultuspräsident Ti 11 es Sitz und St/mme haben, brachte keiner dieser Ganz- und Halbmoscbkos den Mut auf, gegen diesen, den Staatsgrundgesetzeil bohnsprechenden Antrag zu protestieren. Die Polen haben recht! Solange unsere Sachwalter so aussehen, wie die Krakauer jüdischen Gemeinderäte, sind wir tatsächlich Landesfremde, die keinen Anspruch auf Gleichberechtigung haben. ’■* * v Eigentümliche Logik. Stanisiau. Vor. einigen Tagen standen seine schlachzizischen Gnaden Herr Reichsratsabgeordneter von Rzeszow, Landtagsabgeordneter von Stanisiau und Gouverneur der Oesterreichischungarischen Bank Exz. Bil in.ski von ihren Wählern in Stanisiau und erstatteten d|en Rechenschaftsbericht über deren erspriessüche Tätigkeit. Natürlich malte Se. Exzellenz alles in den hellsten Farben; der langen Rede kurzer Sinn war, dass Galizien ein Paradies sei und die Einwohner dieses Paradieses sich glücklich schätzen mögen, dass ihnen das Schicksal ein derartiges Heimatland beschieden. Diese Meinung vermochte indes die Mehrheit der Versammelten nicht zu teilen. Und diese Mehrheit war jüdisch. Sie erinnerte sich an die Vexationen und Präterierungen, die . die Juden zu erdulden haben und durch den Mund eines Herrn Rauch wurde an seine Gnaden p. t. Bilinski die Frage gerichtet, warum denn im galiz s'chen Landesausschusse keine Juden angestellt werden. Der Herr Bankgouverneur ward ein wenig verlegen, abe rasch gewann er seine Fassung und im verbindlichsten Tone der - Welt sagte er: „Ich bin gewisskein Antisemit und doch ist unter allen Beamten der Oes ter re i chiii s c h - u n garischen Bank kein einziger Jiudie. Der einzige, der in Budapest Vizedirektor war^ verliess den Dienst. Und wissen Sie, warum keine jüdischen Beamten angestellt werden? Weil die Juden zu geistreich (!) sind, um Beamte sein zu können!“ Diese Antwort ist, was Unverfrorenheit anbeiangt, einzig in ihrer Art. Einen Entschuldigungsgrund, dass im Landtage keine Juden angestellt sind, findet Bilinski in der Tatsache, dass auch in der Oesterreichisch-ungarSschen Bank keine Juden aufgenommen werden. Und zwar ihres rührigen Geistes wegen. Der befähigt wahrscheinlich zum Hungertode, zu einem Amt macht er unfähig! Wenn wir diese Regel auf Bilinski anwenden, wird es uns klar, warum er es so weit gebracht hat; ein gütiges Schicksal scheint ihm, wie seine Antwort beweist, wenig davon gewährt zu haben, was die Juden im Ueberfluss besitzen. * * * Die Freigebigkeit eines „Hausjuden“. ZIoczow. Der Präsident der Zloczower Kultusgemeinde Herr Abg. Dr. Gold, sowie dessen Freunde im Kahal klagen fortwährend über die Leere der Gemeindekasse. Infolgedessen wird jedes Bittgesuch der Ortsarmeri abgewiesen. So wurde neulich einer armen Bittstellerin, deren Mann schwer krank damiederlag, die Unterstützung verweigert, In der Sitzung beantragte Dr. Gold die Abweisung dieses Gesuches und zwar mit der Motivierung, dass der Mann obgenannter Petentin so schwer krank sei, dass ihm überhaupt weder Arzt noch Medikamente helfen können- In derselben Sitzung wurde äiich die Petition der Kultusbeamten auf Gewährung einer Remuneration anlässlich der Feiertage über Antrag des Präsidenten abgewiesen. Dagegen protzte aber der Hausjude Dr. Gold mit seiner Freigebigkeit gegen Nichitjuden. Vor ungefähr einer Woche beging der polnischj-national-iantiserrntische Hand werkeTverein „Gwiazda“ seine Fahnenweihe. Bei diesem feierlichen Akte wurde dem Kahalgewaltigen Dr. Gold die hohe Ehre zuteil, die Fahne mit aerri ersten Nagel zu befestigen. Aus 'Dankbarkeit für die ihm erwiesene hohe Ehre glaubte Herr Dr,. Gold gut zu tun, für den genannten antisemitischen Verein 50 K aus der leeren Kasse der Kultusgemeinde zu votieren, was mit überwiegender Majorität trotz Protestes des zionistischen Kultusvorstandes Herrn Dr. Grosskopl angenommen wurde. jj, Ein Raub Im Namen Gottes. Kretowiec bei Zbaraz. Am Abend des 4. Oktober wurde ein jüdisches Mädchen, Hinde Wiese Ith i er, Tochter des Ehepaares Michel und Chana^ Leah W i e s e 11 h i e r, von dem Bauer Jacho Wrobel und: den Bäuerinnen Rozka D e mbicka, Nastia Talocka, während die Eltern beim Kol-Nidre-Gebet waren, geraubt und in das berüchtigte Kloster der Felizianerinnen; nach Krakau entführt. Die Eltern des Mädchiens setzten alle Hebel in Bewegung, um ihre Tochter den Klauen der Proselytenmacher zu entrissen. Sie erstatteten bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige und wandten sich an den Abg. Dr. Gabe), der in der galizischen Statthalterei vorsprach und den Krakauer Advokat Dr. Landau telegraphisch ersuchte, bei der Krakauer Polizei zu intervenieren. Abg. Dr. Mahler, der auch von diesem empörenden Vorfälle verständigt wurde, begab sich sofort zum Minister des Innern F reibe nnrc von Biene-rth, legte ihm den ganzen Tatbestand vor und bat ihn um seine Intervention. Die Behörden versprachen, alles Mögliche zu tun. Nichts destoweniger befindet sich das geraubte Mädchen im Kloster und die Aussicht, dass die Eltern ihr Kind wieder erhalten, ist nicht allzu gross, denn vor den Toren der Klöster hört bekanntlich in Oesterreich die Macht des Staates auf. * * . * Ein Protest. Czernowitz. Die erste Sitzung des Birkowinaer Landtages wurde für dien 5. Oktober einberufen. Der 5. Oktober fiel heuer aui Jom-Kippur. Die jüdischen Mitglieder des Landtages waren daher verhindert, zur Eröffnungssitzung zu erscheinen. ln >der nächsten Sitzung brachte Abg. Dr. Strauch er folgenden Protest ein: Im eigenen Namen sowie in jenem der Herren Abgeordnetenkollegen Wilhelm Tittiuger und Dr. Josef Weidenfeld beehre ich mich, an Eure Exzellenz die folgende Anfrage zu richten: Die Eröffnungssitzung des hohen Hauses hat im den gegenwärtig tagenden Session am 5. Oktober d. J. stattgefunden, d. L am höchsten jüdischen Feiertage, nämlich am jüdischen Versöhnungstage; aus diesem Grunde sind auch die drei jüdischen Mitglieder des hohen Hauses der Eröffnungssitzung fern geblieben. Die Anordnung und Abhaltung der Haussitzungen, abgesehen davon, dass den jüdischen Mitgliedern, die Teilnahme unmöglich gemacht worden ist, die Gefühle der Judenschaft vielfach empfindlich verletzt. Auch aus dem Grunde, damit kein Präjudiz in Hinkunft geschaffen werde, muss ich d(en eängebrachten Protest erheben und gestatte mir nun, an Se. Exzellenz den Herrn Landeshauptmann, die geziemende Anfrage zu stellen: Gedenkt Se. Exzellenz zu verfügen, dass in Hinkunft Sitzungen des hohen Hauses an gebotenen hohen jüdischen Feiertagen nicht abgehalten werden? Der Landeshauptmann erklärte, dass die erste Sitzung am 5. d. stattfinden musste, weil der Landtag für diesen Tag einberufen worden .sei, dass er aber in Hinkunft selbstverständlich alle gebotenen Feieitage, auch die der Juden, berücksichtigen wolle. * _ * * Die Metamorphose eines Ehrenmannes. Czernowitz. In der am 17. d. M. im „iä&r sehen Hause“ abgehaltenen Massenversammlung jüdischer Wähler wurde .nach einem Referate.. .des Dr. Diamant folgende Resolution zum Beschlüsse erhoben: Die heute tagende,, massenhaft besuchte Versammlung jüdischer Wähler brandmarkt das Vorgehenides durch ihr Vertrauen.geprahlten Land-

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