Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 .hauses und über die Entrüstung der Beter gegen den scfouldtragenden Kultusvorstand. Dies Vor- . gehen gegen den Verein sei um so unverständlicher, als er sich hauptsächlich der Armen- und Krankenpflege widme. Redner brach in Tränen aus, als er erzählte, dass sein eigenen, auis frömmste erzogener Sohn nach der Sperrung mit den Worten zu ihm geeilt sei: ..Vater, da muss man sich ja taufen lassen!“ Herr Markus führt aus, dass hier das blosse Protestieren nichts nütze, Dr. Stern und seine Anhänger werden nie freiwillig das Feld räumen, man müsse sie mit dem. Stimmzettel wegiagen. Die Drangsalierung der Bethausveretne habe ja nur den Zweck, sie für die kommende Kultuswahl kirre zu machen. So seien in den letzten Monaten alle Aktionen der Kultusvorsteher auf die Sicherung ihrer Mandate gerichtet gewesen, dahin habe vor allem die geradezu teuflische Idee gespielt, das Ende der Reklaijjiat'ons- und Einzahlungsirist für die Kultussteuer knapp vor die hohen Feiertage festzusetzen; da dürfe man ruhig von Wahlrechtsraub sprechen. Wie will- kürlich der Vorstand bei Entscheidung über die Entwicklung von Feiertagsgottesdiensteu vorgeht, erhellt daraus, dass diese Bewilligung vielen Wohltätigkeitsvereinen, deren Kassen doch durch das Reinerträguis gestärkt würden, brüsk verweigert wird, wogegen Privatpersonen, wofern sie sich nur ■hoher Protektion erfreuen, die Bewilligung erhalten, und mag der Gottesdienst auch in einem Nachtcafe oder Kinenratographentheater inszeniert werden. Diesem ganzen Spuk werde das von der Opposition verfochtene allgemeine und gleiche W a h l r e c'h t ein Ende machen. 'Herr Bernhard T r n k a überbrachte die Grüsse der Unzufriedenen aus Ottakring unld fiernals, die ihren Wählerverein mit dem festen Ziele gegründet haben, das aus dem vorigen Jahrhundert stammende Kultusstatut zu beseitigen. Herr Dr. S. R. Landau meint, der Kultusvorstand wolle in den Bethausvereinen das polnisch-jüdische Element treffen, wie ja seinerzeit die Rabbiner David und Güdemann nach ihren bekannten Ausfällen von der Kanzel durch Dr. Stern . geschützt wurden. Die polnischen Juden sollen sich weiter organisieren und! der Zwingherrschaft unserer Hochfinanz, deren reichen Wahlfonds zum Trotz, den Garaus machen. Hierauf wird die Resolution Dr. Rybaczewskis über die Anträge der Herren Dr. Landau und Markus mit der Abänderung einhellig angenommen^ dass dem gesamten Kultusvorstand und insbesondere seinem Präsidenten, die t'i,eiste Entrüstung ausgedrückt wird. Herr Buchsbaum macht dem „Linath Hazedek“ zum Vorwurf, dass er sich früher von den, gemeinsamen Akt'onen der Bethausveretne ausgeschlossen habe; dennoch sei er der Züchtigung seitens des Kultusvorstandes nicht entgangen. Herr Dr. Zipser ermahnt, den Kultuswahlkampf nicht für oder gegen Personen, sondern grundsätzlich zu führen. Die ganze Liste der Opposition müsse siegen oder fallen. Er bestreite, dass es s'ch um die poInisch-jüd:sche Frage handle, vielmehr sei sie allgemein-jüdisch. Das Volk müsse sich selbst befreien, doch komme vielleicht unversehens die Hilfe von oben hec Diese Zuversicht habe er nach der heute von? Kultusminister den Vorstehern der Bethausvereine gewährten Audienz. Herr Torczyner verweist darauf, welch* Entrüstung selbst 5m Kultusvorstande losgebrochen wäre, hätte e.n kleiner Ohristenbub einen jüdschen Gottesdienst gestört. Wie morgen zu Hoschano Rabbo die Sendboten Gottes mit den Zetteln ausgehen, welche den guten Schluss verkünden, sn möge auch aus dieser Versammlung jeder Wählet als ein Scheliach mit dem Stmmzettel für die Opposition in der Hand hinausziehen, um einen guten Gemar Tow auszurichten. Zum Schluss SDnachen noch die Herreu Adler, Sessel iun. und Kru’h, der dazu aufrief. sieh der Gewaltherrschaft Sterns nicht länger zu beugen, .da wir ja'nicht in. Russland Unter der Kosakenknüte lebten. Hiemit schloss die Versammlung, welche in ihrem ganzen Verlaufe eiri Bild der Entschlossenheit und Würde zugleich gegeben harte. Für den Kultus Vorstand aber war auch nicht eine Stimme laut geworden. Z. Der Kultusminister prüft das Statut der Wiener Kultusgemeinde. Die Obmänner der Minian- und Wohltätigkeitsvereine haben seit Jahresfrist über die Mängel des Kultusstatuts beraten und hierüber vcn Dr. Zipser ein Memorandum ausarbeiten lassen. Dieses wurde Donnerstag den 15. ds* von einer siebengliederigen Deputation zunächst dem Kultusminister überreicht. In längerer Ansprache verwies Dr. Zipser auf die Mängel des Kultusstatuts, das teils gesetzwidrig sei, teils den heutigen Verhältnissen der Judenschaft nicht mehr entspreche. Durch die petitionierenden Vereine, hinter denen tausende Mitglieder stehen, seien alle religiösen Richtungen vertreten. Zur Prüfung der Wünsche des Memorandums mögen nebst offiziellen Vertretern der Kultusgemeinde Vertrauensmänner aus deren Mitte berufen werden. Der Minister, welcher die Deputation sehr wohlwollend empfangen hatte und über den Inhalt des Memorandums offenbar schon vorher wohl informiert war, erkundigte sich : über einige Beschwerdepunkte, besonders betreifs der Bethausfrage. Dr. Zipser bezog § 25 des Kultusgesetzes, wonach dem Kultusvorstand, das Kontrollrecht über die Bethausvereiue nur in religiöser Hinsicht zustehe, materielle Interessen hingegen dürfen den Vorstand nicht leiten. Der Minister erwiderte, die österreichischen Gesetze wollen die Gewissensfreiheit wahren, daher müssen in der Kultusgemeinde auch jene religiösen Richtungen geschützt werden, welche Minoritäten bilden. Nach einem neuerlichen Vortrage des Herrn Pappenheim entliess der Minister die Deputation mit der wohlwollenden Versicherung, er werde das Memorandum in genauester und objektivster Weise prüfen und gerechten Wünschen bestimmt Rechnung tragen. Hierauf begab sich die Deputation zu Hofrat PHat, dem Ministerialreferenten für jüdische Knltusagenden- Auch er besprach einzelne Punkte des Memorandums aufs eingehendste, gab seinem Bedauern Ausdrück, dass den bezüglich des Wahlaktes vorgebrachten Wünschen wegen der Kürze der Zeit nicht schon diesmal in allem willfahrt werden konnte und schloss sich der Versicherung des Ministers vollinhaltlich an. So wird das reaktionäre Kultus-. Statut von unten und von oben zugleich durchlöchert und zerfetzt werden. auftrete. Ein Vertreter von Ottakring- Hernals verlangte unter Unruhe der Versammlung ein Mandat für diese Bezirke. Herr A n i n g e r, Präsident der Union, führt Beschwerde über das mangelhafte Stcuerwesen der Kultusgemeinde. Schliesslich wurde ein zwanziggliedenges Wahlkomitee eingesetzt, in welches u. a. Herr Aninger, Vertreter der polnischen Schul „Beth Israel“ und Vertreter von Ottakring eintrateni. Nachdem bereits von 8 Uhr angefangen ein grosser Teil der Versammlungsteilnehmer sich entfernt hatte, schloss die Versammlung um 10 Uhr nachts. Und derselbe Dr. Stern, der seine Stellung als Kultuspräsident und als Agitationsleiter der einen Partei in so aufreizender Weise verquickt, will uns Zion’sten politische Moral predigen!! Z. Sonntag den 25. Oktober 1908, 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I-, Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Präsidialbericht; 2. W a h I a n g e I.e g e n h e i t e n. * 4s Das Bureau des oppositionellen Wahlkomitees ist täglich von 9—12 und von 2—7 Uhr. 9. Bez.. Türkenstrasse 9, Teleph. 14199, geöffnet. Satrnne!- begen sind daselbst zu haben. Erklärung. In der Nummer 32 der „Jüdischen Zeitung“ vom 7. August 1908 erschien eine Notiz, worin mitgeteilt wurde, dass sich an einem Empfange za Ehren des Grafen Bobrinjski, des Führers der extremsten Rechten im russischen Parlamente, jüdische Politiker, darunter auch Herr Abg. Dr. Natan Löwenstein, beteiligt haben. Diese Tatsache wurde in der erwähnten Notiz in scharfer Weise glossiert. Rücksichtlich der Person des Herrn Abg. Dr. Löwenstein hat sich nun ergeben, dass cBese Mitteilung auf unrichtigen Informationen beruht, da Herr Abg. L ö w e n s t e i n zur genannten Zeit gar nicht in Lemberg war und sich an dem fraglichen Empfange in keiner Weise beteiligt hat Aus diesem Grunde haben wir keinen Anstand genommen, uns wegen der in Rede stehenden Notiz bei Herrn Abg. Dr. Natan Löwenstein zu entschuldigen und sprechen unser Bedauern darüber aus, dass er durch jene Notiz grundlos in seiner Ehre verletzt wurde. Die Redaktion. Die Vertrauensmännerversammlung der Offiziellen. Herr Dr. Stern glaubt mit dem Wahlrechtsraub, mit der Weigerung, die Wählerlisten in den einzelnen Bezirken aufzulegen, und mit der Verweigerung einer vernünftigen Elozerung der Wahlkommissionen noch nicht genug Rühmenswertes vollbracht zu habere. Es ist nunmehr unter Missbrauch seiner Stellung als Kultuspräsident, unter Missbrauch der Amtsräume der Angestellten und der Drucksorten der Kultusgemeinde in die Wahlagitation für die derzeit am Ruder befindliche Partei eingetreten. „Der Präsident“ hat nämlich, für Dienstag den 20. ds., 7 Uhr abends eine Besprechung von sorgfältig gesiebten Vertrauensmännern in den Sitzungssaal der Kultusgemeinde zur Besprechung der kommenden Kultuswahl einberufen. Unter den Erschienenen waren aiich mehrere Rabbiner. Dr. Stern hielt eine einstündige Ansprache, worin er alle Angriffe gegen den Kultusvorstand als Verleumdung erklärte und verkündete, dass er selbst sich an die Spitze der Wahlbewegung stelle und die Agitation allem in die Hand nehme. Herr Wilhelm Pappenheim von der Allianz feuerte zum Vernichtungskampfe gegen die Opposition auf; die Utopie des Zionismus sei bereits tot, nun könne es nicht schwer fallen, auch den jüdischen Nationalismus umzubringen. Dr. L i f c z i s, die jüngste Akquisition des Dr. Stern, erklärte die Angriffe der Zionisten in der Minjan-Frage für imgerechtfertigt und Dr. Schreiber aus der Brigittenau forderte gar vom Kuitusvorstande, dass er zur Wahrung seiner Autorität gegen die Mmjamin noch energischer Aus dem jüdischen Leben. Morris Rosenield in Wien. Wien. Der Vorstand! der Gesellschaft für Sammlung u|rd Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums veranstaltete Mittwoch den 21. d„ abends, im kleinen Musikvereinssaal e:nen Rosenield-Abeml, welcher si'ch zu einer weihevollen Huldigung für den zum ersten Mal in W.ien weilenden grossen jüdischen Volksd'chter gestaltete. Der Schriftsteller Herr Dr. Heinrich Glücktrann leitete den Abend mit ener bege:sterten Schilderung der künstlerischen und menschlichen Persönl'chket Rosenfelds ein, wobei er sehr glücklich an das bekannte, von Vrchlcky entworfene poetische Porträt des Dichters anknüpfte. Sonnenthal reziiierte dann in deutscher Uebersetzung „Die Landstreicher“, „Wohin?“, „Die Schöpfung des Menschen“ und besonders ergrefend und sichtlich selbst ergriffen die gewaltige Tragödie „Der Sturm“, diese gewaltigste Tragödie des Judenei emls. Rosenield selbst las eine Re he von Dichtungen im jüdischen Original vor und er las, trotz der Einfachheit und Runstlos’gke:t seiner Vortragsweise, mit einer solchen Glut und Innigkeit, «lass er kaum eine geringere Wirkung erz:elte, als sein grosser und berühmter Interpret. Der starke Eindruck, welchen die Rosentefdschen Dichtungen aai das äusserst zahlreiche Publikum machten, kam m stürmischem Be fall und lauten Hedad-Ruien zum Ausdruck. Es war erfreulich und interessant, ein