Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG tagsabgeordneten Wiedmann als einen krassen Verirauensbraich, bezeichnet idas Vorgehen dieses Abgeordneten in der gegenwärtigen Landtagssession als einen Bruch des im Hofe der jüdischen Volksschule vor den letzten Landtagswahlen geleisteten Eides und fordert denselben auf, sofern er noch irgendwelches moralisches Verantwortungsgefühl in sich trägt, se'n Mandat niederzuleaen. — Landtagsabgeordneter Wiedmann wurde als Freisinniger von Juden gewählt und entwickelte sich im Laufe einiger Jahre zum Führer der christlichsozialen Partei in der Bukowina. Vor seiner Wahl bettelte er um Judenst.mmen und Hebräergeld und beute lacht er sich über die düpierten Juden ins Fäustchen. Wer den Schaden hat, braucht um den Spott nicht zu sorgen! So mancher lacht über die „gescheiten“ Juden, die eine Schlange an ihrer Brust grossgezogen haben! Wenn es uns nicht bitter schmerzen würde, wahrlich, wir müssten mitlachen! * * * Berlin. Dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle verdanken wir folgende Mitteilung über die Auswanderung nach Amerika im August dieses Jahres, verglichen mit der Auswanderung nach Amerika vom August 1907. Es kamen Einwanderer nach Amerika aus: 1907 1906 Zunahme (-f*) oder Abnahme (—) Oesterreich . 12.395 2.039 _ 10.356 Uogirn. 1.857 — 10.513 Belgien. 482 256 — 226 Bulgarien, Serbien, Montenegro . 509 7 502 Dänemark •. 461 182 _ 282 Frankreich. 877 437 _ 440 Deutschland ...... 3 923 1.962 _ 1.961 Griechenland. 235 _ 1.434 Italien ......... 2 468 _ 13 820 Niederlande. 675 HO _ 415 Norwegen. 533 — 1.115 Portugal. 280 — 1.565 Rumänien. 764 126 _ 638 Russland und Finnland . 21.649 5.194 _ 16.455 Spanien ........ 303 112 _ 191 Schweden . 1.361 713 _ 648 Schweiz. 340 91 _ 246 Europäische Türkei . . . 956 H5 — 841 England 6 516 2.650 — 3.866 Irland. 2.640 1.313 _ 1.327 Schottland. 1.307 599 — 708 Wales. 305 137 — 168 Anderes Europa. 17 — — 17 Gesamt-Europa . . 89.303 21.569 — 67.734 China .. 141 191 + 50 Japan.. 386 1.430 Indien. 177 16 16t Asiatische Türkei . . . . 1.247 304 _ 943 Anderes Asien. 38 3 — 35 Gesamt - Asien . . 3 419 900 _ 2 614 Afrika.. . . . 163 78 _ 85 Australien, Tasmanien und Neu-Seeland. l 145 66 79 Pacifische Inseln . . . . 1 7 + 6 Britisch Nord-Amerika . . 3149 3.192 33 „ Honduras . . . . 2 1 1 Anderes Zentral-Amerika . 136 103 _ 33 Mexiko. 934 772 _ 162 Süd-Amerika. 266 106 _ 160 West-Indien. 1300 988 _ 312 Andere Länder. 7 - 7 Gesamt» Einwanderern; . 98.825 27.782 — 71 043 Die Auswanderung nach Amerika ist also im August dieses Jahres erheblich zurückgegangen, von 98.825 auf 27 782. Eine drakonische Verfügung. Petersburg. Der Petersburger Stadthauptmann hat soeben eine neue Verordnung erlassen, laut welcher Juden, die, ahne das Wohnrecht in Petersburg zu haben, nach der Stadt Petersburg kommen, sofort auf administrativem Wege mit einer Geldstrafe von 500 Rubeln oder mit drei Monaten Gefängnis bestraft werden. Dieselbe Strafe trifft auch die Inhaber von Wohnungen und Hotels oder die Vermieter von möblierten Zimmern usw., die solchen Personen Unterkunft gewähren. Diese Verfügung richtet sich vor altem auch gegen diejenigen Juden, denen, wie berichtet, in letzter Zeit das Wohnrecht entzogen wurde, und die nun natürlich noch mancherlei Angelegenheiten in Petersburg äbzuwickeln haben und deshalb wohl öfters noch auf kurze Zeit nach,Fetersburg zurückkehren mussten. Noch vor einigen Monaten, als die bekannten, sinnlos strengen Ausnahmebestimmungen ubeir den Aufenthalt der Juden in Moskau erlassen wurden, die es den Juden sogar verbieten, Moskau mit der Eisenbahn zu passieren, wenn sie dabei etwa von einem Bahnhofe zum anderen gehen müssen, konnten wir darauf ihinweisen, dass man in Petersburg wenigstens doch noch etvas liberaler ist, indem es den Juden gestattet sei, auch wenn sie kein Wohnrecht in Petersburg haben, sich doch unter bestimmten Bedingungen 24 Stunden in der Stadt aurzuhalten. Nun kommt diese neue Verfügung, die für Petersburg alles bisher Dagewesene übertrrnt. Gleichzeitig aber erhalten sich die Gerüchte, die von einem neuen ziemlich liberalen Judengesetz, das die Regierung der Duma vorlegen wolle, erzählen- Wie man diese verschiedenen Sachen zusammenreimen soll, ist auch daun unerklärlich, wenn man das russische Anleihebediirinis zu Hilie nimmt, denn angesichts solcher Taten der russischen Regierung wird sich wohl sogar ein westeuropäischer jüdischer Kapitalist nicht mit leeren Versprechungen ködern lassen! Morris Rosenfeldabend. Die jüd.-akad. Verbindung „Ivria“ veranstaltet Montag, den 26. Oktober, 8 Uhr abends, im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins (I., Eschenbachgasse 9) einen Vortragsabend, an dem Morris Rosenfeld seine neuesten Dichtungen vortragen wird. Ihre gefällige Mitwirkung haben zugesagt: K. k. Hofschauspieler Prof. Ferdinand Sregori und Schriftsteller Or. Bernhard Münz. Karten ä 5, 4, 3, 2 K sind bei Kehlendorfer (I., Krugerstrasse), im Cafe Jägerhof (IX., Porzellangasse 22) sowie auf der Bude (IX., Glasergasse 4 a, zw. 6 u. 8 Uhr abends) erhältlich. Das Reinerträgnis fällt dem Dichter zu. Palästina. Das Syrian Protestant College , in Betrat. Von Dr. A. Ruppin-Jafia. Bekanntlich gibt es in Beirut zwei Universitäten, die von französischen Geistlichen geleitete Universite Saint Joseph und das aus amerikanischem Gelde unterhaltene und unter amerikanischer Leitung stehende Syrian Protestant College. Der Wirkungskreis beider Universitäten erstreckt sich west über Syrien hinaus; ihre Studierenden rekrutieren sich aus allen Ländern des Orients, aus Aegypten ebenso gut wie aus Kleinasien, aus Tripolis wie aus Mesopotamien, Griechenland und der europäischen Türkei. Eine grosse Zahl, vielleicht die Mehrzahl aller im Orient tätigen Aerzte und Apotheker hat ihre Ausbildung in Beirut erhalten. Interessant ist der Jahresbericht des American Protestant College, der für das Jahr 1907/8 vorl'iegt. Mit berechtigtem Stolze weist der Bericht auf die grosse Zahl prächtiger Gebäude (Hörsäle, Laboratorien, Pensionshäuser) hin, die in Ras Beirut, in beherrschender Lage an der Beiruter Bucht, mit 'herrlicher Ausricht auf Stadt, Meer nnd «he Libanonkette den Komplex der Universität bilden. Die Universität besteht seit dem Jahre 1866; ursprürogEoh war die Unterrichtssprache arabisch, bald wurde dies jedoch durch das Englische ersetzt. Die Universität 'besitzt neben einer VorbereitungsabteSlung 1. eine Abteilung für Sprachen uadi Literatur, 2. eine Abteilung für Handelswissenschaft, 3eine Abteitang für Medizin, 4. eine Abteilung für Pharmazie, 5. eine Abteilung für biblische Archäologie und Philologie. Die Studenten wohnen und essen (nach dem Muster der englischen Colleges) in der Universität; ausser dem Kollegiengeld, das. zwfechen 6—10 Pfd. Sterl. schwankt, haben sie für «Ke Verpflegung jährlich 12 Pid. Sterl. zu zahlen. Die Universität nimmt Studierende aller Konfessionen auf, und es gibt auch eine Anzahl von Juden unter den Studierenden. Für alle Studierenden, auch für die Juden, ist die Teilnahme an den ßibelstunden und gottesdienstlichen Veranstaltungen obligatorisch- Von der großartigen Entwicklung der Universität im Jahre 1866/67 eröffnet, heute zählt sie Studierenden. Mit 16 Studierenden wurde die Univesrität im Jahre 1866/67 eröffnet, heute zählt sie 825. Ueber das Anwachsen in den einzelnen Jahren gibt die nachstehende Tabelle Auskunft: Zahl Zahl der Studierenden in Abt. für der Gesamtzahl c * # 3 9 ■z< bp ** r* fl ßSl 9 .M g •2-0 12 9 9 % 3 |8 1866/67 16 16 1867,68 27 14 _ _ 4t 1868 69 31 21 _ _ _ 52 1869^70 48 29 — — — 77 1870/71 54 31 — — — 85 1871/72 86 25 5 — — 66 1872/73 39 26 19 — — 84 1873/74 29 27 16 2 — 74 1874/75 31 2t 13 3 — 68 1875/76 28 26 »» 1 — 77 1876,77 34 24 47 1 — 106 1877,78 88 21 51 3 — 108 1878 79 25 27 67 2 — 121 1879/80 33 36 38 i — 108 1880/81 29 49 51 2 — 121 1881/82 31 46 74 i —, 152 1882,83 37 47 86 — — 170 1883“84 13 88 99 3 _ 178 1884 85 56 31 96 3 — 186 1885,86 61 30 76 1 _ 168 1886 87 66 27 75 2 170 1887/88 70 31 78 2 _ 181 1888/89 65 33 96 5 — 199 1889 90 56 38 127 7 — •228 1890/91 57 36 102 5 _ 200 1891/92 49 38 104 5 — 196 1892,93 19 42 139 8 _ 238 1893,94 ‘15 49 137 11 _ 242 1894/95 65 59 139 12 — •275 1895/96 70 56 159 12 — 297 1896/97 72 £K> 172 10 — 309 1897/98 80 49 174 15 — 318 1898 99 106 50 202 20 _ 378 1999/00 109 62 240 24 _ 435 1900,01 109 84 315 29 14 551 1901/02 124 109 324 28 26 611 1902/03 121 115 3/8 30 35 629 1903,04 139 129 378 26 45 717 1904,05 146 111 425 21 47 750 1905,06 153 95 450 29 37 764 1906,07 190 102 515 27 38 872 1907,08 186 108 449 30 i 52 825 Dem Syrian Protestant College ist nicht zum geringsten der wachsende englische Einfluss in Syrien zuzuschreiben. * * * Neues Leben in Jerusalem. Die neue türkische Verfassung macht ihre segensreichen Wirkungen bereits auch in Palästina geltend. Während wir bisher keine einzige hier erscheinende Tageszeitung hatten, haben wir jetzt deren gleich zwei bekommen. I>.e beiden hiesigen hebräischen Zeitungen „Haschkafa“ und „Hazwi“, die bis jetzt nur dreimal wöchentlich herauskamen, werden mm in Zukunft täglich erscheinen, und wir werden hoffentlich bald Gelegenheit haben, den belebenden Einfluss, den eine tägliche Presse auf das gesellige und wirtschaftliche Leben der Stadt ausziriiben pflegt, auch in Jerusalem zu verspüren. Auch Sn das Inioranationswesen soll ein neuer Zug kommen. Das jüdische Informationsbureau für Einwanderer hat nämlich beschlossen, genaue statistische Daten über die m Jerusalem vorhandene» Geschäftszweige und Industrien zu sammeln, um Arbeitsuchenden stets mit zuverlässigen und genauen Auskünften auch bezüglich der Arfbertsgefegenheit «Kenen zu können. ♦ # * Hafenbau in Haifa. Das lange Ersehnte soll nun endlich Ereignis werden. Die Vorarbeiten für den Bau eines Hafens haben jetzt begonnen; Unternehmer des Baues sind ein sephardfeoher Jude und ein Araber. Mit dem Ausbau des Hafens wirdl für Haifa eine vollständig neue Epoche beginnen, und man