Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit«» 4 JÜDISCHE ZEITUNG bis nun versteckt unter der Maske des Religionsunterrichtes erteilt wird. Von dem Bel eben des Ktltusvorstandes hängt es ab, wieviel er unseren Kindern von der jüdischen Vergangenheit wissen lasse. Darum geht unser Kampf. Wir s'nd freisinnig bis zum höchsten Grade: Jeder soll das Recht haben, auf Anerkennung seiner Ueberzeugung und seines Glaubens und die jüdische Kultusgemeinde hat die Verpflichtung, jedem die Möglichkeit zu geben, nach seiner religiösen Anschauung zu leben. Deshalb sollen andererseits d e Kultusangelegenheiten in dprart wiird ger Form geübt werden, dass es des Judentums würdig ist. So wellen wir, dass unsere Seelsorger nicht in d e erniedrigende Stellung von Tnnkgeldnehmern lver,- ahgedrückt werden, sie sollen eine ihrem Berufe angemessene Stellung e'nnehnien. Wer sich um sie kümmert, wer mit ihnen gehen will, das ist Privatsache, aber wenn sie schon da sind, dann verlangen wir, dass sie in würdiger Stellung dastehen. (Lebh. Beifall.) Es gibt noch e ilen dritten Vorwurf, der uns gemacht wird: Wir Zionisten wessen nicht, was wir wollen. Diesen Vorwurf können wir leicht mit diem Hinweis auf unser Programm entkräften. Der II. Zuteilung der auf 48 zu vermehrenden Kultusmandate an die einzelnen Bezirksgruppen, damit deren Wähler künftig Männer ihres wahren Vertrauens, welche die Bedürfnisse der Bezirke kennen, in die 'Kultusstube zu entsenden vermögen, und Schutz der Minderheiten durch Proportionalwahl. III. Gründliche Steuerreform, insbesondere durch Herabdrückung des Mindestsatzes der obligatorischen Kultussteuer von K 20.— auf K S.—, zwecks Gewinnung neuer Steuerträger uni hieudurcli neuer Interessenten am Gemeindeleben und durch Herstellung einer Relatorr zwischen der Personaleinkommen- und der Kultussteuer zum Schutz gegen willkürliche Bemessung der letzteren. IV. Einleitung einer grosszügigen Sozialpolitik, um so dem antisemitischen Boykott zu begegnen, insbesondere grür.dVche Reform des heute arg zersplitterten Armenwesens und Errichtung eines Emigrationsamtes. V. Ausgestaltung der Bezirkskommissionen, i welche heule bloss die Stenerbemessung zu be- | gutachten haben,’ zu beschlussfähigen Arbeitskörpern, denen auch ■ ein Teil der Armenpflege anvertraut werden soll. Kampf, den wir führen, ist kein persönlicher. Um; die persönlichen Qualitäten unserer Gegner küm- : mern wir uns gar nicht. Wir kämp'.en für ein Prinzip, das unsere Ueberzeugung ist Die Man- ( ner, de war als Kandidaten auf gestellt haben, präj sentieren wir ihnen nicht als Einzelpersonen, son- , dem als Vertreter unseres Programms. | Ich hätte mich damit begnügen können, ihnen; zu sagen, der Kampf gegen das herrschende J System in der Kultusgemeinde ist uns von Herzl als Vermächtnis hinterlassen worden; wir haben es einfach auszuführen. Ich habe es vermieden. Wir kämpfen, weil die Verhältnisse, unter denen Herzl > die Kampfparole ausgegeben, auch heute noch die-; selben sind. Und da es nicht anders geworden ist, besteht unverändert und absolut die zwingende Notwendigkeit, in den Kultuswahlkampf einzutreten. Redner fordert zum Schlüsse seiner mit grossem Beifall aufgenommenen Rede die Anwesenden auf, für die Wahl alle ihre Kräfte aufzubfeten, um unserer Sache zum Siege zu verhelfen. Hierauf legte als 2. Referent Herr Dr. E g o n Zweig das ausführliche Gemeindeprogramm der WH euer Zionisten dar, und hob als Hauptforderungen hervor: I. Beseitigung des stockreaktionären, unserer demokratischen Voiksüberlieferung hohnsprechenden Wahlunrechtes, welches die Gemeindeherrschaft der künstlich gezüchteten Kaste der Höchstbesteuerten ausliefert, und Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes, beschränkt durch zweijährige S:s£h?ftigkeit und Anschluss der aus öffentlichen Mitteln Unterstützten. VI- Kurzum, die israelitische Kultusgemeinde soll zur jüdischen Volksgemeinde werden und demnach die begonnene Aktion zur Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Gesamtoiigamsation aller Judengemeinden Oesterreichs tatkräftig fortsetzen, damit diese Organisation als Verkörperung der Gesamtjudenschaft deren Interessen wirksam nadh innen und aussen vertreten kann- Dr. Weisengrün verkündete hierauf die Namen der vom Komitee aufgestellten Kandidaten. Wir bringen die Liste an der Spitze des Blattes. Die Kandidaturen wurden von der Versammlung mit grossem Beifall und lebhaften Sympathiekundgebungen begrüsst. g. Versammlung der Wiener humanitären und Bethaus-Vereine gegen den Kulius- Vorstand. •Flugzettel, die überall in der Leopoldstadt und Brigittenau verbreitet wurden, luden für Donnerstag dien 15. d., abends, zu einer .Versammlung beim „Goldenen Widder“ in der Taborstrasse ein, um gegen die am 2. Neujaihrstage während des Gottesdienstes erfolgte Sperrung des Bethauses „Linath Hazedek“ zu protestieren. Die von der Bürgerschaft massenhaft besuchte Versammlung wurde von dem Ehrenpräsidenten des betroffenen Vereines Herrn S i g m. L H t s c li i t z eröffnet. Er führte aus: Der Juden- I schait sei heute Gelegenheit zu offener Aussprache über die Letzten Vorgänge geboten. Es werde dem i Kultuspräsidenten Dr. Stern nicht gelingen, dien Israelite in Bagdad gegründete Schule besteht seit : 1865 und wird von Juden aus Bagdad, die draussen j ihr Glück gemacht haben, reich unterstützt. Sie j zählt gegen 1000 Schüler, die erst später (1890) i errichtete Mädchenschule 420 Schülerinnen. | Ferner gibt es eine Talmud-Thora-Vorbereitungsschule. die von 1200 Kindern besucht wird. Obwohl nun auch Bagdadjuden sich in der Welt Umsehen, verhalten sie sich dennoch äusseren Einflüssen gegenüber ablehnend. Se tragen noch lange Kleider und einen besonderen Turban mit farbigen Mustern. Die Frauen gehen stets in den Izaro eingehüllt, das .Gesicht durch einen langen Schirm verborgen, aus und empfangen keine Besuche. Eine ritterliche Tat. Von Cid, dem berühmten Natkraalhelden Spaniens, erzählt der Vicomte d’Avenel in der „Revue des deux mondes“ folgendes Geschichtchen: „Vom Könige verbannt, wollte er einen Kriegs- und Raubzug gegen die Mauren unternehmen, aber es fehlte ihm an Geld zur Ausrüstung. Da handelte er nach dem polnischen Sprichwort: „Riedy bieda to do zyda“ (In der Not geht man zum Juden). Ern moderner russischer Tschinownik hätte vielleicht einen Pogrom veranstaltet, um das nöt:ge Kleingeld zu bekommen; aber der Spanier des elften Jahrhunderts war doch zivilisierter als ein orthodoxer treuer Diener des Zaren Nikolaus. Er beschloss, 2000 Goldstücke bei den Juden zu borgen gegen Pfand. Er hatte aber nichts zu versetzen oder wollte die Juwelen seiner Töchter nicht verpfänden. Da liess er denn zwei grosse Kisten mit Sand füllen und sie wohl verschliessen und versiegeln; dann liess er zwe! Juden einladen, nahm sie mit grosser Höflichkeit auf. wie es ja die noblen Christen gewöhnlich tun, wenn sie das Geld der Juden brauchen, und gab ihnen die zwei Kisten als Pfand für das Darlehen, indem er den Juden versicherte, dass sie ganz mit Silbergeräten gefüllt seien. Doch zeigte er ihnen selbstverständlich den Inhalt nicht und liess sich von ihnen das Versprechen geben, die Kisten erst zu öffnen, wenn s;e nach Ablauf eines Jahres keine Bezahlung erhalten würden. Die Juden, voll Vertrauen auf das Wort des christlichen Helden, zahlten ihm die 2000 Goldstücke und Hessen die mit Sand gefüllten Kisten in ihr Haus bringen, wo sie sorgfältig aufbewährt wurden.“ Selbst der spanische Dichter findet es für nötig, die „schlechte Tat“ seines Helden mit dessen Not zu entschuldigen. Indessen, der Cid hatte Glück auf seinem Kriegszug, machte viel Beute und löste bei seiner Rückkehr die verpfändeten Kisten bei den Juden ein. Von Zinsen wird nichts gesagt, und es scheint, sie haben das Geld* nur aus Gefälligkeit geliehen. Was wäre nun geschehen, wenn der christliche Heldvon den Ungläubigen besiegt worden wäre? Dann hätten die Juden, die seinem Worte trauten, die Zeche bezahlt und die spanischen Antisemiten sie noch ausgelacht. Sefardim in Ungarn. Die ungarische Presse brachte, gelegentlich des. Besuches des Königs von Spanien interessante Notizen über spaniolische Juden in Ungarn, aus denen hervorgeht, dass auch in Ungarn eine grössere Anzahl sefartlischer Juden wohnt, deren Vorfahren zur Zeit der Türkeiiherrschaft dorthin eingewandert sind. Diese hielten sich von jeher ebenso abseits von Christen und Türken, wie von. ihren aschkenasischen Stammes-, genossen und waren — vielleicht deshalb — bei den Ungarn besonders angesehen. Man betrachtete sie quasi als den jüdischen Adel. Am frühesten siedel¬ Nr. 43 Redner durch den Vorwuf zu verdächtigen, dass er sich an dten antisemitischen Bezirksvorsteher Müller um Schutz und Hilfe gewandt habe. Redner habe sich an diese gesetzliche Instanz halten müssen, nachdem Dr. Stern ohne zwingenden Grund das Einschreiten der Polizei veranlasst hatte- Da auoh in einer sozialdemokratischen W äh1e r ve:satmnlung der Verdacht ausgesprochen wurde, die Orthodoxen hätten sich diem Bezirksvorsteher Müller gegen den Landtagskandidaten Dr. Ellenbogen verkauft, müsse dies offen als Lüge bezeichnet werden. Wahr allerdings sei, dass nach der Wiedereröffnung des Neujahnsgottesdi'pnstes im Betlokale dem Bezirksvorsteher für seine Intervention der wärmste Dank ausgesprochen wurde. Nachdem unter lebhaftem Beifall der Versammlung die Herren Dr. Zipser, Liftschitz, Wenker und Dr. Drucker ins Präs:dium. gewählt waren und nach einem Appell Dr. Zipsers, durch wündevclle Haltung den Protest um so wirksamer’ zu gestalten, erstattete Herr Dr. Rybaczewski e.« Juristisch-sachlichies Referat über den Gegenstand. Hier liege offenbar eine Religionsstörung vor, weil nach der ständigen Judikatur des Obersten Gerichtshofes das Strafgesetz seinen Schutz jeder Betversammlung, auch wienn sie vom Knltusvorstand nicht genehmigt sei, verbürge. Die Sperrung war nur der Höhepunkt einer planmässrgen Drangsalierung, durch welche der Kultusvorstand die Massen des Volkes dafür strafen will, dass sie sich der von den Zionisten so rühmlich geweckten Bewegung, zu r Selbstbefrejung angeschlossen haben. Dennoch wird diese Bewegung unaufhaltsam zum Siege führen. Redner kann aus eigener Erfahrung als Vorstandsmitglied der Brodyer berichten, wie willkürlich der Kultusrvorstand bei Verweigerung der Bethausbewilligungen vorgehiei Allerdings war auch die Verweigerung an diesen Verein mit allen möglichen Paragraphen des Kultusstatuts „begründet“ worden, merkwürdigerweise aber seien alle diese Paragraphen sofort in Wegfall gekommen, als das eine Mal der beim Kultuspräsdenten so einflussreiche Rabbiner Mayerso hn, ein anderes Mal der RR*A. Dr- O f n e r intervenierte. Einer solchen Wiilkürherrschaft müsse dadurch vorgebeugt werden, dass man für die Bewilligung von Minjamin und Bethausberechtigungen klare und für jedermann verständliche Normen festsetze. Schliesslich beantragt Redner eine Resolution, dass dem Kultusvorstande für die von ihm veranlasst« Sperrung des Bethauses „Linath Hazedek“ von der Versammlung das lebhafte B e d am e rn aasgedrückt werde. Hierauf gab Herr Sessel, Schriftführer des „Linath Hazedek“, eine genaue Darstellung über che Sperrung und W:edereröffnung dieses Betten sich die spaniolischen Juden in Temesvar an, wo man .heute noch auf dem jüdischen Friedhofe den Grabstein Assael .Azriels finden kann, der 1636 gestorben ist. Zur Zeit der Wiedererobening Ungarns durch die Christen (1716) lebten in Temesvar noch 12 spaniolische Familien. Ans dieser Zeit (1736) datiert e:ne interessante Verfügung des Kommandanten von Temesvar, Graf Wallach, der diesen sefard’ischen Juden erlaubte, innerhalb der Stadtmauern zu leben, eine Vergünstigung, von der aschkenasische Juden streng ausgeschlossen waren. Auch wurde ihnen 1760 ausdrücklich erlaubt, in ihrer Synagoge Gottesdienst nach ihrem Ritual abzuhalten, eine für die damalige Zeit ungewöhnl'che Freiheit. Hier wse auch anderswo bildeten die Sefardhn besondere Gemeinden. Der erste sifardische Jude, der, sich in Budapest niederVess, war Don Jose Elias, der Urgrossvafcer des bekannten solari-, sehen Schriftstellers Dr. Ar. Adolf Agai Der Grossvater des letzteren, auch Don Jose geheissen, gründete die sefardische Gemeinde in Budapest. Diese hat erst künzlich 'ihre Selbständigkeit aufgegeben und sich mit der Grossgemeinde vereinigt. Im allgemeinen haben es die sec'ardischen Juden in Ungarn weit gebracht, und viele nehmen heute, wenn auch unter anderem Namen, eine sehr geachtete Stellung ein. Heute noch findet man vielfach .die Namen Azriel, Asrael, Majar (das gewöhnlich in Magyar gewandelt wurde), Pereira. Haim, Alcalay. Albacihary usw.