Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wenn die deutsch-tschechische Verständigung auf christlichsozialer Grundlage vor sich gehen würde. Die Obstruktion der deutschbürgerlichen Politiker unter Kommando des Herrn Wolf im böhmischen Landtage und die Demonstrationen in Karlsbad gegen die tschechische Beseda beweisen, gerade so wie die von Herrn Klofac inszenierten Prager Tumulte zur Intervention von Militär führten, dass die Nationalitätenpolitik der „Führer* sowohl im deutschen wie im tschechischen Lager eine rein negative ist, in der ausschliesslichen demagogischen Verhetzung gipfelt und naturgemäss nur der Reaktion frommt. Dass Chauvinismus, Antisemitismus und Reaktion aber Hand in Hand gehen, zeigt sich jetzt wieder drastisch in Ungarn, wo die Juden der magyarischen Koalition zum Siege verhalfen und vielfach immer noch Schergendienste leisten, trotzdem immer unverhüllter der Antisemitismus der jetzigen Budapester Machthaber hervortritt. Anlässlich der letzten Wahlrechtsdemonstrationen in Budapest wurden von den zur Aufrechterhaltung der Ordnung berufenen Organen Juden geprügelt, misshandelt und verhaftet unter Zurufen: „Du bist noch nicht krepiert, du Hund!* „Lauter Juden!“ „So einem Kerl soll man Rechte geben, aber du wirst schon gestehen, du Judenhund!“ Und dieses verlotterte reichs- und volksfeindliche Regime in Ungarn sollten noch weiters die ungarischen Juden stützen, indem sie die ultrareaktionäre Pluralitätswahlrechtsvorlage der ungarischen Regierung direkt oder indirekt fördern!? Nun will man — eine Wiener Zeitung <;fcs bereits — die Juden dadurch könurn, indem man ihnen einredet, das PI uralitäts Wahlrecht nütze ihnen, das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht dagegen sei ein Postulat der Antisemiten! Wie albern! Was kann den Antisemitismus in Ungarn-Kroatien mehr fördern als der Umstand, wenn die Juden, im Gegensätze zur gesamten deutschen, slawischen, rumänischen und aucti besitzlosen magyarischen Bevölkerung sich als Satelliten der klerikal - chauvinistisch - antisemitischen magyarischen Oligarchie missbrauchen Hessen und sie bei der dauernden Entrechtung der Mehrheit der ungarischen Bürger unterstützen würden. Nein. Die bisherige Politik in Zis- und Trausleilhanien des Kampfes aller gegen alle, welche auch das assimilatorische Judentum förderte, muss ein Ende nehmen. Das Donaureich in seiner Gesamtheit, sowie seine beiden Staatsgebiete kann weder einseitig national oder konfessionell, noch im Sinne einzelner privilegierter Klassen regiert werden. Das gleiche Recht für alle Bürger der Monarchie muss endlich in nationaler, wie in religiöser und ökonomischer Hinsicht verwirklicht werden. Das gleiche Recht aber, das wir im ganzen Reiche für uns Juden als Volk mit allen übrigen Völkern fordern, müssen wir aber zuerst im eigenen Hause verwirklichen. Darum heisst unsere nächste Parole: „Eroberung und Demokratisierung der jüdischen Gemeinden!“ Dr. K. Die Wiener Kultuswahlen. Die erste Versammlung. Montag den 19. fand die erste vom oppositionellen Wahlkomitee einberufene Vertrauensmännerversammlung statt. An dreihundert Gesinnungsgenossen waren dem Rufe gefolgt und harrten in gespannter Erwartung der Referate, welche Mitglieder des Komitees als Ergebnis der bisherigen Beratungen erstatteten. Das Komitee, das bereits seit länger als zwei Monaten an der Arbeit ist, hat in einer Reihe von Sitzungen ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet. Es hat bei dieser Wahl das erstemal schon während der Reklamationsfrist die Arbeit aufgenommen und seiner Wachsamkeit ist es zu danken, dass der Wahlrechtsraub, den die herrschende Clique an 7000 Wählern verübte, allen Steuerzahlern und der breiten Oeffentlichkeit bekannt wurde. Durch die an die säumigen Zahler gerichtete Aufforderung wurde erreicht, dass noch während der Reklamationsfrist an 15UO Nachzahlungen erfolgten. Auf diese Weise wurde wenigstens zum Teile der gegen die Opposition geführte Schlag paralysiert. Grosse Sorgfalt wurde auf das Programm verwendet. Das eingesetzte Subkomitee, bestehend aus Reichsratsabg. Dr. Mahler, Dr. Margulies und Dr. Zweig, hat das am III. Zionistentage akzeptierte lvultusgemeindtprogramm in seinen wesentlichen, prinzipiellen Punkten belassen. Es wurde in Konsequenz der prinzipiellen Forderungen weiter ausgebaut und Aenderungen insofern vorgenommen, als es die geänderten Verhältnisse erfordern. Wir werden das detaillierte Programm in der nächsten Nummer publizieren. Von den Kandidaten wurde — was wohl selbstverständlich ist — verlangt, dass sie das Programm akzeptieren und sich verpflichten, dasselbe bei einer eventuellen Wahl zu vertreten. Eine solche Erklärung ist auch von allen 9 Kandidaten der Opposition abgegeben worden. Die Referate, die die Herren Reichsratsabge ordneter Dr. Mahler, Dr. Zweig und Dr. We i s e n g r ü n erstatteten, wurden mit lebhaftem Beifalle aufgenommen. Nachstehend der Verlauf der Versammlung: Herr Max Markus eröffnet«; die Versammlung und begriisste -die Erschienenen. Herr Reich ratsabgeo:xlrieter Dr. Arthur Mahler sprach, von jubelndem Beifall begriisst, über die Notwendigkeit des Wahlkamples: Redner führt aus, dass der Kampf, den die Zionisten um d e Kultusgemeinde führen, eine unbedingte Notwendigkeit ist. Man wird uns gewiss den Vorwurf machen: Ihr Jüdischnationalen wagt es heute. Kampf zu predigen gegen die Kultusgemeinde. in einem Augenblicke, da das Judentum von äusseren Fanden umgeben ist, da wollt ihr trennende Momente hervorheben, das ist verrückt. Wir alle wollen den Kampf und verlangen ihn. weil wir in diesem Kampfe allein die Fre he:t und das Heil für unsere Gemeinde sehen. (Lebh. Be r’a'l.) Warum verlangen unsere Gegner Einheit? Ist sie tatsächlich vorhanden? Kann man bei so gegensätzlicher Auffassung über das Problem der Judenirage, w.e sie zwischen uns und den anderen besteht, von Einheit sprechen? Die anderen schämen sich ihres Judentums, sie möchten es am liebsten in die Ecke stellen, wie mau ein Skelett im Hause nicht merken lässt. Ist es wirklich eine Störung des Friedens, wenn wir erklären, dass unter solchen Umständen ein Zusammenarbeiten nicht möglich ist. dass ein Vermeiden des Kampfes nicht Einigkeit, sondern Lüge und Verschleierung der tatsächlichen V e r li ä 11 n i s s e bedeutet? Doch neben dieser Anklage wegen Störung des Gemtutdefriedens wird gegen uns noch der Vorwurf des Klerikalismus erhoben, weil wir uns um däe Wahlen in die Kultusgemeinde bekümmern. Darauf erwidern wir. dass die Kultusgemeinde eben nicht lediglich ein Organ zur Verwaltung von K«ltusangelegenheiten ist; wir sind uns dessen bewusst, dass die heutige Knltusgemeavde den Kern der zukünftigen grossen jüdischen Volksgemeinde in sich trügt, und der wesentlichste Punkt unseres Programmes ist. de Kultusgemeinde zur \ o 1 k s c ni c i u u c „msziiist*' stalten und ihre Aendcru.ig vo./.ui.creiten. /.u den Agenden der Kuitusgememae gehören sc. ' u heute nicht allein reine Kultustragen. Redner w 11 nur auf den Unterricht unserer Jugend in jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache hinweisen, der grosses Weinen kam über ihn, und sein Beben war stärker als das Pvütteln des Sturmes. Dann warf er sich neben den Gelahrten hin und wartete auf das Vergehen. Aber indem er lag, ein elend taubes Ding, tat sich ganz sacht eine Stimme auf und hub za reden an, erst leise und heimlich, doch allgemach schwoll sie an und ward grossmächtig und schlang das Toben des Meeres wie ein nichtiges Geräusch in ihren Schall. Und der Meister trank den Laut der Gottesslimme. Im Morgenzwielicht erhoben sich der ßaalschem und Rabbi Zevvi aus dem nassen Sand. Haar, Antlitz und Gewand waren ihnen durchnässt, wie denen, die das Meer ans Ufer spült. Sie sprachen nicht und mieden einer des andern Auge und wandten sich, und ohne Wort und Zeichen schritten sie einig den Weg zurück, den sie am Abend gekommen waren. , Als sie mehrere Stunden gewandert waren — die Sonne Stand hoch und trocknete ihnen die leuchten Kleider —, sah der Rabbi von ungefähr den Meister an und gewahrte das alte heilige Leuchten auf seinem geliebten Angesicht. * * * In der, Nacht, da der Baalschem mit der Verlassenheit auf den Wassern und mit der Verlassenheit in seiner Seele kämpfte,- lag das Land, das ihn gerufen hatte, in der Erwartung. Die Stimmen der Lebendigbegrabenen redeten aus der Erde hervor und fragten die Stimmen in der Luft: „Was höret ihr?“ Da sprachen die Schwestern in der Luft: „Ein Sturm braust, und auf den empörten Wassern streitet, der uns erlösen soll“. Und eine Zeit verging, dann fragten wieder die Stimmen der Erde: „Naht er dem Lande?“ Und die Antwort kam: „Das Wort ist über ihm“. Und wieder schwand eine Zeit, und noch einmal stieg die Frage empor: „Was höret ihr?“ Und wie das Rauschen todmalter Flügel klang es zurück: „Wir hören den Schritt des Davonziehenden in der Ferne“. Da tat die alte Erde den Mund auf und sprach: „So will ich mich hinlegen zu sterben“. Und sie verhüllte ihr Angesicht , und schloss die Augen. Und jegliches Ding kehrte an den Ort seiner Ruhe zurück und bereitete sich zum Tode. Und die Stille dehnte sich über das Land hin, und in der Stille war der Gram, und in dem Gram war das Sterben. Aber über ■ der Stille ward ein Ruf lebendig, der durchbrach und zerstreute sie. Und der Ruf umfing das Land und redete zu ihm: „Du wirst nicht sterben, meine Freundin. Erde des Herrn, du wirst erwachen und leben. Und du hadre nicht mit dem, den du gerufen hast. Denn er ist geboren als einer, der wiederkehren soll, und die Hand des Herrn ist über seinen Wurzeln, ihn wiederzubringen zu seiner Zeit; ihn wiederzubringen zu deiner Zeit, o meine Freundin-“ Allerlei. Jüdisches aus Deutsch-Südwestafrika. Aus Swakopmund wurde der „Welt“ ein interessanter Brief zugesandt. Der Schreiber schickt 104 Mk. als Ertrag einer Sammlung für den Nationalionds, die dort bei zwei Bris-MJoth veranstaltet wurde. Die erste ditlser Bris-Miloth war zugleich die erste in Deutsch-Siidwestamku überhaupt. Im Anschluss an diese Bris-Miloth fanden noch zwei weitere Bris-Miloth statt. Der erste_ Junge war 6 Monate, der zweite und der dritte 5 Wochen alt, als die Besehneidung vorgenommen wurde, der Mohe.1 kam aus Kapstadt, das 720 Meilen entfernt ist. und nahm zu gleicher Zeit auch eine Trauung vor. Die Juden in Bagdad. Die jüdische Kolonie ist nicht nur zahlreich, sondern auch mächtig und hält sich abseits von der übrigen Bevölkerung, während die christlichen Chaldäer, Syrer und Armenier (etwa 10.000 in Bagdad) sieh sozial mit der mohammedanischen Bewohnerschaft mischen. Bis ins vorige Jahrhundert hielten die häutigen Kriege und Feindseligkeiten der umwohnenden Stämme die Juden innerhalb der Mauer ihres Stadtviertels eingeschlossen. Mit dem Falle der Mameluken wurden sie frei. Manche wurden Makler der Deiterdare und mit der Finanzverwaitung der Provinz beauftragt. Ein Jude namens David Sussun verliess 1837 infolge eines Zwistes mit seinem Chef Bagdad, machte in Busch: r und später in Bombay einen Laden auf und brachte es schliesslich zur Gründung eines angesehenen Handelshauses in London. In neuerer Zeit erlangte der Jude Daniel Menahem einen grossen Einfluss in Bagdad; er wurde mit senem Getreidehandel zum reichsten Grundbesitzer des_ Landes. Ermutigt durch die wiederkehrende Sicherheit haben mehrere Bagdadjuden in Manchester und Marseille Handelshäuser errichtet. Ein beständrger Abstrom findet auch nach Osten statt: die jungen Leute gehen nach Indien, nach Sangon, Stngapore. Hongkong und Shanghai. Die von der Alliance