Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG ritterlichen Tugenden ausser. Zweifel gestellt!“ — Wie er damals den Juden'den Erfolg gestohlen hat, indem er ihn mit eiserner Stirn den Kernmagyaren zuschrieb, will er jetzt den Juden ihr politisches Recht weg kapern- Er erfüllt seihe Pflicht als Organ einer Regierungs- Clique, aus deren Mitte als Bordellwirte öffentlicn bezeicbnete Individuen als Minister und Steileinverkäufer als oberste Gerichtspräsidenten hervorgegangen sind. Wind diese Gesellschaft im letzten Augenblicke noch die Juden um den Vorteil bringen, sie unter ein Ausnahmsfecht stellen? Wenn auch, das Unglück wäre nicht gross, das System dieser Leute, auf Raub und Unrecht basierend, muss über kurz zusammenbrechen, und besser für die Juden, wenn sie kein Teil daran haben. Das Geschenk, das der blinde Zufall den Juden hingeworfen hat, ist ein verhängnisvolles. Erzwungene Lieb*. Der Obmann der polnischen demokratischen Volkspartei, Dr. Glombinski, hat ach kürzlich vor der breitesten Oeffentlichkeit über den Plan deis in Galizien proponierten nationalen Katasters ausgesprochen und hierbei ein Kulissengeljeimnls verraten. Er hat ausgeplaudert, dass der Hauptzweck der ganzen Einrichtung der sei, die Juden enger an die polnische Nation zu ketten. So eng freilich, dass sie ersticken. Es soll wohl ein polnischer und ein ruthenischer Kataster, nicht aber auch ein jüdischer geschaffen werden, d. h.: man will die Juden zwingen, sich ausnahmslos als Polen zu. bekennen, sie den Polen für ewige Zeiten zu politischen Schergendiensten verpflichten. Die Schlachzizen werden aber trotz der schlauen Rechnung diesmal wenig Glück haben. Unter den Juden Galiziens ist die nationaljüdische Idee kraftvoll erstanden. Die letzten Reichsratswahlen lieferten das beredteste Zeugnis. Opfermutig haben die Wähler gegen polnische Assimilation für .Nationaljuden gekämpft Die. jüdische Jugend Galiziens steht heute fast vollzählig im zionistischen Lager. Der Widerstand' St organisiert und durch papierene Verordnungen nicht aus der Welt zu schaffen. Die Kraft eines Dr. Glombinski und seiner Getreuen wird nicht ausreichen, um die Liebe zum eigenen Volke aus dem Herzen zu reissen und die jüdische Gefühlswelt zu „polemisieren“. Zur Liehe presst man nicht. Dem stürmischen polnischen Werber würde die gezwungene Judenbraut gegebenen Falles manch bitteres Stündchen bereiten, er würde den Zustand der „reinlichen Scheidung“ nur allzu bald fterbeisehmen. Zis und Trans. Die skandalösen Vorgänge im böhmischen Landtage, die zu seiner Vertagung und in weiterer Linie zur Demission der beiden tschechischen. Minister Fiedler und Praschek führten, sowie die noch skandalöseren Strassenexzesse der Anhänger des Abgeordneten Klofac in Prag gegen die dortige deutsche, respektive jüdischdeutsche Bevölkerung sind traurige Vorboten für die im November beginnende Reichsratssession. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Obstruktion aus dem böhmischen Landtage ins österreichische Abgeordnetenhaus übergreift und sich zu einer Minister¬ und Parlamentskrise zuspitzt. Jedenfalls kann heute bereits die Koälitionsmehrheit des österreichischen Abgeordnetenhauses als ge-- sprengt angesehen werden, und immer deutlicher zeigt sieh, dass die deutschen und tschechischen Klerikalen diese Sprengung wünschen, um dann allein zur Herrschaft zu gelangen. Es ist kein Zufall, dass zur selben Zeit auch die magyarischen Klerikalen aus der ungarischen Koalition auszutreten planen und die kroatischen Klerikalen ihre Zeit für gekommen halten. Tatsächlich ebnen in beiden Reichshälften die Antiklerikalen den Klerikalen den Weg. Während in Zisleithanien der deutsch-tschechische, sowie der klerikal-antiklerikale Gegensatz die österreichische Regierung und Regierungspartei immer mehr spaltet, schwebt in Ungarn das Damoklesschwert der Wahlreform und der kroatischen und bosnischen Frage über dem Ministerium Wekerle. Dass alle diese Vorgänge nicht ohne Einfluss auf d>e Lage der Juden sind, ist einleuchtend. ». 'r_ :u Prag die tschechischen Massen gege’.o das Prager Kasino Sturm laufen, so sind die Angegriffenen „deutsche Juden“; wenn die Fenster der Deutschen eingesebiagen und Deutsche geprügelt werden, so befinden sich darunter, wie die Namensliste der verletzten Personen zeigt, zahl-' reiche „Deutsche — mosaischer Religion“, ohne welche nicht allzuviel vom Prager Deutschtum übrigbliebe. Der deutschtschechische Kampf wird auf dem Rücken der Juden äusgetragen, ebenso wie der polnisch-rutheniscbe. Wenn nun in Galizien der Ruf nach einer Sonderstellung Galiziens einerseits immer lauter erschallt und wenn anderseits die Anzeichen einer polnischrutheniseben Verständigung — über die Köpfe der Juden hinweg — sich immer deutlicher zeigen, so muss dies die Juden ebenso nachdenklich stimmen, als .gläubig hinauf, wir Juden haben das Glauben verlernt Hat man uns getäuscht und verraten, so wird man auch die anderen schmählich prellen. Was der alte Vertrag war, wird auch der neue sein: eine Fessel für die Kleinen unji den grossen' Räubern kein Hindernis. Nicht die Völker, Intriganten und Mäkler im goldgestickten Fracke werden beisammen sitzen und die Frage erörtern, wie wohl am leichtesten der . Schwache zu berauben und der Starke zu bereichern wäre. * * * Jude und Betyar. Den Juden in Ungarn ist ein gut Teil der grossen Diebsbeute unversehens in den Schoss gefallen. Das famose Pluralwahlrecht, welches im Grande genommen die frivolste Beraubung und Vergewaltigung der Arbeiter und Fremdnationalen in Ungarn darstellt, gibt allen, die ungarisch lesenund schreiben können, eine zweite, respektive dritte Stimme. Nun beherrschen zirka 75 Prozent der in Transleithanien wohnenden Juden die Landessprache, die Juden sind daher ein politischer Faktor von ausschlaggebender Bedeutung geworden. Eine Ueberraschiing, die den chauvinistischen, feudalen und klerikalen Veranstaltern des politischen Raubzuges höchst unangenehm wird. So jammert jetzt der klerikale „Alkotmany“, noch vor kurzem der eifrigste Verfechter der Wäülreform, dass es nicht angehe, den Juden so grossen Einfluss einzuräumen, und macht der eigenen Clique die bittersten Vorwürfe, weil sie im Eifer des Stehlens dieses Umstandes nicht gedaclit hat; er schreibt: „m andürfeUngarn nicht den verfluchten Judenketzern aus liefern!“ Zur selben Zeit hat aber der liebe „Alkotmany“ Ungarns Ansehen und Ehre bereitwilligst jüdischen Händen anvertraut. Und zwar kam die Sache so: Bei den olympischen Spielen in London 'haben die Ungarn zu Anfang sehr schlecht abgeschnitten, einen Sieg nach dem anderen aus der Hand gelassen. Darob grosse Betrübnis im Lande. In den letzten Tagen errangen sie aber doch drei Weltmeisterschaften: im Säbelfechten, im Ringkampfe und im Gruppemfechten. Grosser Jubel, Fackelzüge, Extrablätter, Bankette zu Ehren der Sieger, Duzbrüderschaften mit Ministern, alles über Vorschlag des „Alkotmany“. Die Sieger aber waren durchwegs Juden. Im Säbelfechten Dr. Eugen Fuchs, im Ringkampfe J. W e i s s, und in der siegrachen Turniertruppe über die Hälfte verfluchte Judenketzer. „Alkotmany aber schrieb: „Diese Leute haben all ihre Kräfte daran gesetzt, die Ehre des Vaterlandes zu retten, das Vaterland . muss ihnen seine Dankbarkeit (!) beweisen. Sie haben die Lebensfähigkeit, die Kraft des unverdorbenen Blutes der ungarischen Rasse 0?) bewiesen und sie haben vor allem die Suprematie der Ungarn gerade in den traditionellen (!) Flaum, der aus dem Vogelneste fällt Das Wort wird die Kräfte entfesseln. Der Bach wird rinnen, der Wald auferstehen, der Weinstock Früchte tragen, der Fels wird sich kleiden. Komm und lege deine Hand auf uns!“ Von der Nacht war die Seele des Baalschem in sich gewiss, dass er sich auftun müsse und hingehen zum Lande. Und er reckte sich empor und schrie zu Gott: „Gib mir Urlaub, Herr, und Frist Löse, womit du mich hier gebunden hältst, damit ich hingehe in dein Land, das mich ruft“ Aber Gott sprach nächtens zu ihm und antwortete: „Israel, es ist mein Spruch über dir, dass du weilest an deinem Orte und dich nicht auftuest nach meinem Lande.“ Da lag der Baalschem viele Nächte in der Qual. Die Stimmen waren vor seinem Ohr und das Wort des Herrn auf seinem Herzen. Und der Jammer der Stimmen fuhr als Sturmwind in dpn Lüften, und es war eine Bewegung wie von grossem Sterben, wie an dem Tage, da Jerusalem, die Herrliche, fiel. Da siegte die Sehnsucht nach der sterbenden Erde über das Wort des Himmels, nnd da tat sich , der Meister auf und wanderte gegen Jerusalem. *. * * Es war die erste Nacht, da sie auf ihrer Fahrt unter fremden Dache sich zur Ruhe legten,\ der Baalschem und Rabbi Zewi der Sehr aber,, sein Schüler, der mit ihm war.ln jener Nacht kehrten die Stimmen der Heimsuchung wieder an den Ort, von dem sie ausgegangen waren. Und da sie heimkebrlen, flog ihnen ein grosses Raunen entgegen, und die alte Erde bebte unter ihrem Grass, und jegliches begrabene, erstarrte und versagende Ding erhob sich und lauschte. Und die Stimmen riefen: „Stehet auf, ihr Schlafenden, und ihr Verstümmelten, bereitet euch, denn euer Erlöser ist auf dem Wege!“ Da hob sich der ungeheure Leib der Erde in einem schweren Atemzug, und in dem einen Aufatmen schüttelte sie den uralten Schlaf ab. Und ein jegliches Ding rief mit herzgeborene'm Ton den Lebensraf aus, und war ein gewaltiges Rauschen der Freude in der Nacht, und ein Leuchten war und ein geheimes grosses Erheben. von Schlucht zu Gipfel, und das versunkene Gut blühte, Schwert und Opferschale, und die erstorbenen Gewässer rauschten, und es kreiste der Saft des Kornes und der Rebe. Und die Sterne über dem alten Lande wuchsen in dieser blauen Nacht der Erwartung. _ * •* * Der Baalschem schritt unverdrossen vorwärts, aber seine Helle und Freudigkeit war nicht bei ihm. Er blieb still und sann in sich, und wenn Rabbi Zewi von dem wunderbaren Ziel , ihrer Reise sprach, antwortete der Meister kaum anders, als mit einem verlorenen Seufzer. Denn er trug ein Dbg auf semern Herzen, das lastete sehr und wurde schwerer mit dem Wege. Das war die GoUesstimme, die vor der Sehnsucht hatte verstummen müssen und nun gar stille schwieg, aber immerdar weilte und nicht von dem Herzen wich. Und zuweilen war dem Meister, als sei ebes zarten Kbdes heimlich verhaltenes Weben in seiner Brust, und nachts war da manchmal ganz inwendig eb Klagegetön ohne Wort, so tief und leidenvoll, dass er erwachend in sich horchen und horchen musste. Allein mit jedem Morgen trug er die wachsende Last weiter auf die Wanderschaft. So liess er Stadt und Land hbter sich, Vertrautes und Fremdes. Der Mond' hatte schon zu mehreren Malen über ihm gewechselt, als er nach ebes Tages Irregehen des Abends an die Küste des Meeres kam, das ihn vom Ziele schied. Doch da war nicht Haus noch Stätte, so weit "das Auge sah, keb Segel am Wasser, nur Strand, schimmernd und weit, der Wasserschlag am Sand und ebe laue Nacht mit mildem Himmelslicht. Da warfen sie sich beide nieder zur Erde, die noch des vergangenen Tages Glut ausatmete, zu ruhen und den Morgen zu erwarten, der sie zu Schiffern weisen würde. In der Mitte der Nacht fand der Meister sich mit dem Weggesellen auf hohem Meer b ebem kleben Schiff ohne Ruder, nur eb Segel über sich, flammend rot und gelb. Das Schiffleb aber wurde von ebem ungeheuren Sturm hb und her geworfen, und ringsum war nicht Himmel noch Land zu sehen, nur Wasser in aller Weite, entfesselt und heulend. Der Baalschem suchte um sich, aber da war nichts als des Wassers tödliche Einsamkeit. Er suchte in sich, aber siehe, da war alles von ihm gewichen, alle Weisheit und alle Herrschaft. Da fühlte er ebe Verlassenheit, die grösser war als die Meeresnot. Er fand sich leer und bar in seber Seele wie die hbgeworfene Schale einer Frücht ohne Saft und Süsse. Ein