Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEIT UH G Seite 7 Nr.42 ' Uiügesetzt - worden. Freilich war diesepapierene Gleichberechtigung auch ein Erfolg. Erhoben sich doch damals im galizischen Landtage Stimmen gegen die Ausdehnung der im Jahre 1867 verliehenen Verfassung auf Galizien. »Unzeitgemäss!“ riefen T o r o s i ewicz, Kr z eczun o w i cz und andere edle Schlachzizen. Die polnischen Politiker spielten aber damals in Wien die Rolle von Staatstreuen und Fortschrittlern und darum hoben sie im Landtage alle Bestimmungen, die gegen Juden und Altkatholiken gerichtet waren, auf. Dem neuen Gesetze Geltung zii verschaffen, gaben sie sich indes keine sonderliche Mühe und heute nach 40 Jahren ■wird der Jude in Galizien nicht nur wie ein Staatsbürger zweiter, sondern wie einer zehnter Klasse behandelt! * * Stojalowski redivivus. Lange Zeit hörte man von ihm nichts. Er war im Polenklub verschollen und schien zu seinen Klubkollegen Gold, Gail, K o- 1 i s c h e r und Löwenstein Zuneigung gefasst und auf alle Juden übertragen zu haben. Sein Antisemitismus schien verraucht. Er hatte ihm genug eingebracht: Ehrenstellen, Diäten, Verbindungen und Einfluss, darum tat er ihn in die Rumpelkammer. Im Parlament gilt der Polenklub als fortschrittlich; ein offenkundig zur Schau getragener Antisemitismus eines Klubmitgliedes könnte auf manches Geschäft störend wirken. Im galizischen Landtag aber ist man junter sich, jede Schweinerei ist landes- und ortsüblich, man darf sich so geben wie man ist. Dies tat denn auch der ehrenwerte Pater Stojalowski. Am 3. Oktober hielt er im Landtage eine Rede, die von mörderischem Judenhasse triefte. Er kündigte einen unerbittlichen Kampf auf jedem Gebiete gegen die Juden an. Was sagten die jüdischen Abgeordneten dazu? Sie befolgten ihre altbewährte Methode — sie schwiegen. O glückliches Jüderivölk, wie bist du üm deine Vertreter zu beneiden! * * * Mauschel protestiert. In der vorigen Nummer brachten wir eine Notiz über eine Versammlung zur Anerkennung der jüdischen Nationalität in Lemberg. Wir vermerkten in einer anderen Notiz, das fast alle jüdischen Techniker in Lemberg jüdischnational sind. Jeder ehrliche Jude freute sich gewiss über diese Feststellungen und'musste annehmen, dass der Servilismus und die Anbiederungssucht aus den Reihen der galizischen Studenten vollständig verschwunden sind. Er mochte vielleicht zur Ehre der polnischen Akademiker mosaischer Konfession glauben, dass sie sich eines besseren besonnen und ihren Sklavensinn verloren haben! Diesen Glauben wollen die letzten Trümmer der mosaisch-polnischen Studentenschaft (im ganzen sechs an der Zahl) nicht aufkommen lassen! Sie protestieren in der. »Jednoäd* gegen die Beschlüsse der Versammlung und unterschreiben ähren Protest: „Polnische akademische Jugend“. Mögen sich ihre deutschfreiheitlich glaubensgenössischen Kollegen in Wien und in Prag darüber freuen! Palästina. Das Jüdische Museum. Ein Schreiben von Prof. Boris Schatz. Jeder, der nach Jerusalem kommt, bemerkt folgenden Kontrast: Das alte Jerusalem mit seinem Turme Davids, den Titus als Andenken seines Heldentums stehen hat lassen, die Gassen, die beinahe nicht nur ihre alten Namen, sondern auch ihre alte Form behalten haben, echte palästinensische Typen mit ihren uralten Kleidern, so dass man glaubt, in jedem alten Juden Jeremias oder einen anderen Propheten zu sehen. Dagegen aber, wenn man. das Stadttor verlässt, sieht man plötzlich Menschen in europäischen verschiedenen Kleidern und Häuser in europäischer Form, so dass sie nicht im geringsten mit dem blauen Himmel harmonieren. Das europäische Haus passt so wenig zur hiesigen Landschaft und das europäische Kleid zum hiesigen Klima, dass man glauben muss, all dies sei nur für eine kurze Zeit gemacht und die Menschen seien Reisende, welche sich hier weder in ihren Häusern noch in ihren Kleidern bequem fühlen. Und wenn die europäischen (Oeider und Häuser auf uns eine unangebrachte Wirkung machen, um wie viel abstossender und disharmonierend sind die jüdischen Kleider und Häuser! Während die Europäer hier ihre Kirchen und Kolonien in ihrem Stil errichtet haben, welche in unseren Augen als der Harmonie der hiesigen Natur widersprechend erscheinen, haben sie es wenigstens darum getan, um sich an ihr teueres Vaterland zu erinnern; wir fühlen uns dagegen sehr beleidigt, wenn wir sehen, wie unsere Juden ihre wilden Städtchen aus dem Golus hierhergebracht und sie mit ihrem ganzen Schmutze unter den blaaen Jerusalemer Himmel hingestellt haben. Und noch beleidigter fühlen wir uns, wenn vor unsern Augen das Kotel-Hamaarawi (Klagemauer) und dabei Menschen in. vielfarbigen Narrenkleidern und Pelzhüten unter der palästinensischen Sonne stehen sehen. Dieses Kotel-Hamaarawi, das alte tragische Monument unserer glänzenden Vergangenheit, von dem jedweder Stein uns von unserer herrlichen Geschichte, unseren schweren Kampf um diese Mauer, den unendlichen Tränen, die viele Geschlechter vergossen haben, erzählen und wo man immer um die Erlösung und Auflebung gebetet hat. Dies harmoniert gewiss nicht mit den Kleidern der jetzigen Betenden. Wir sehen daraus, dass die Juden nicht nur ihr Land, sondern auch das Gefühl als lebendige Menschen verloren haben und im allgemeinen von der Natur entfernt sind, so dass sie nicht fühlen, wie unharmonisch, ja abstossend die lächerlichen Kleider gegenüber der hiesigen Natur sind. Ihr beneidet dann den halbwilden Araber, dessen wilder Anzug sich vielmehr der grauen Erde und dem blauen Himmel anpasst. Dieser Disharmonie begegnen wir hier, besonders bei uns Juden, auf jedem Schritt und Tritt. Der Schneider näht jene Kleider, die er in seinem Lande angefertigt hat, der Tischler macht dieselben Möbel, der Baumeister baut dieselben Häuser und der Kaufmann verkauft dieselbe Ware. Niemand fühlt sich mit diesem Lande verbunden, als ob sie die Schönheit der Natur nicht bemerkten und es ist auch niemand da, der sie darauf aufmerksam machen könnte. Ein Museum, welches Kunst, Antiquitäten und Naturalien sammelt, wird sie der Natur näher bringen, ihr Schönheitsgefühl entwickeln und sie lehren, die schöne Gotieswelt zu sehen und zu lieben. Deijenige, der die Besucher unseres kleinen, leider zu kleine» Museums betrachtet hat, wird an meinen Worten nicht zweifeln. Man muss sehen, mit welchem Entzücken und welcher Freude ein jedes Kind jeden Vogel, jedes Tier im Museum betrachtet. Findet es zum Beispiel hier irgend einen Vogel, dessen Namen es aus der Bibel kennt, dann ist es unbeschreiblich glücklich. Jene phantastische Welt, die es in der Bibel gesehen, findet es im Museum vor seinen Augen und wird sie dann gewiss auch in der Natur bemerken. Es ist interessant zu sehen, wie Mütter mit Kindern auf ihren Armen ins Museum kommen und selbst wie Kinder bei Betrachtung einer alten Münze oder Lampe entzückt werden. Ich habe gesehen, wie eine alte Frau glücklich war, als sie bei uns nur die Photographie der Mumie des Ramses IL bemerkte und dabei wendete sie sich an ihre Freundin mit den Worten: Siehst du, dieser war der König, der uns so viele Leiden antat und was für Aussehen hat er jetzt, während wir doch leben. Und die lebendigen Tiere in unserem Garten — diese sind die Freunde der Besucher geworden. Ein jeder betrachtet sie mit Liebe und erzählt Wunder, wie sie in den Besitz des „Bezalel“ -Museums gekommen sind. Es ist erst das zweite Jahr, seit unser Museum existiert. Spezielle Mittel haben wir für dasselbe nicht gehabt und besitzen leider auch jetzt sehr wenig, sehr wenig für so eine Zentrale wie Jerusalem und für uns Juden, die wir so viele Künstler und Sammler haben. Unter den 58 Herren, die dem Museum Geschenke gegeben haben, befinden sich nur 10 vom Auslande. Ich glaube aber, dass unsere Brüder in der Diaspora nur darum das Museum nicht unterstützt haben, weil sie es nicht kannten. Ich selbst wollte bis jetzt vom Auslande fürs Museum nichts verlangen, weil ich das Zutrauen gewinnen wollte, indem man sehen sollte, dass wir auch ohne Mittel den schweren Anfang gemacht haben. Helft uns jetzt, dies vergrössem zu können. Man muss in einem Orte alles, was der jüdische Genius geschaffen hat, aufbewahren. Wir brauchen Geld, um alle Gelegenheiten, wertvolle Gegenstände Antiquitäten, Kunst und Naturalien aus Palästina aulzukaufen und sie nicht in fremde Museen kommen zu lassen wie bisher. Unsere Künstler sollen uns Kunstarbeiten schicken, welche unseren Schülern als Modelle nützen, den Geschmack der Jugend ausbilden und dem Volke Ehre bringen werden. Wir müssen in der Entwicklung des Bezalelmuseum wie in der des »Bezalel“ selbst die Ehre des Volkes sehen. .In allen Museen der Welt findet mau Namen jüdischer Spender und unter den grössten Künstlern der Welt sind Juden bekannt. Vergesst auch nicht, Künstler und Amateure, unseres alten Vaterlandes und helft dem Bezalelmuseum sich weiter zu entwickeln. Mitteilung des Palästina-Amtes in Jaffa. Aus den Kolonien, a) Judäa. R i s c h o n l’Z i o n. Im Laufe von 28 Tagen der diesjährigen Weinerntezeit sind in unseren Weinkeller von Mitgliedern des Weinbauer- Syndikats in Rischon 2,513.890 kg, ferner aus Wadfcharain und Rechowoth ca. 1,000.000 kg Trauben autgenommen worden. Sämtliche Piianzungsbesitzer haben hier einen Verein unter dem Namen „Chaldai“ (Agrikultur) gegründet, dessen Zweck es ist. die einschlägigen Kulturen genau zu studieren, den Umfang des Anbaus-mit den Absatzverhältnissen auf dem Weltmarkt im Einklang zu erhalten und eine Krisis, wie sie im Weinbau eingetreten ist. rechtzeitig zu verhüten. Die J. C. Ahat unserer Kolonie eine Anle'he von 10.000 Frcs. gewährt, um die Strassen von der. Grenze der Kolonie von Jaffa aus bis zur Synagoge und vom Weinkeller bis zur Grenze gegen Rechowoth auszubessern. Am 15. Aw wurde das 26jährige Bestehen unserer Kolonie von aJlen Einwohnern geefiert. In den umliegenden arabischen Dörfern ist eine Rinderpest ausgebrochen. Seitens der Regierung und unserer Kolonieverwaltung sind Massnahmen getroffen worden, um einer Ausdehnung der Seuche vonzubeugen. Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, dass ein tüchtiger Tierarzt in Judäa und zwei Tierärzte in Galiläa grosse Praxis finden und der Landwirtschaft von Nutzen sein könnten. Ber Jacob (Bir Salem). Endlich wurde in der Tiefe von 38 m an der Steile, an der sich Ruinen des alten Brunnens befanden, Wasser gefunden und einzelne Bestandteile der einstigen Wasserschöpfvorrichtungen entdeckt. Jetzt ist also ein grosser Uebelstand, an dem die junge Kolonie empfindlich zu leiden hatte, behoben. Die Pflanzungen des letzten Winters haben sehr befriedigende Resultate ergeben, dagegen haben Kartoffeln, Tomaten und anderes Gemüse wegen der niederen Preise dieses Jahres nur geringe Einnahmen gebracht. Jedoch würde im allgemeinen gerade ein Gemüseanbau in grösserem Umfange den Koolnisten eine Existenz sichern: hierzu wäre die Errichtung einer Bewässerungsanlage, die 25.000 Francs kosten würde, erforderlich. Beth Arif b. Lydda. Ende Aw ianden Prüfungen in der Schule Kiriath-Sefer statt; die Schule, die letzt an 30 Schüler bereits zählt, ist für die Zeit bis nach den Feiertagen geschlossen. Die Fabrik „A t h i d“ vergrössert ihre Arbeitsräume durch einen Neubau und wird nach einiger Zeit neben der Oeliabrikation auch die Seiiemabrikation in ihrer hiesigen Filiale eitriühren. Jetzt sind in der Fabrik in Beth-Arif 15 Arbeiter beschäftigt. Wad f-Chanin. Der Bau der sechs Häuser auf der Strasse, die den älteren Teil unserer Kolonie (Wadi-Chanin) mit dem neueren (Nes Zionah) verbinden soll (auf dem seinerzeit von der Genlah angekauiten Boden), hat bereits begonnen. Die Errichtung dieser Häuser wurde durch ein Darlehen der Ica im Betrage von 18.000 Francs ermöglicht. Rechowoth. Unsere Kolonie zeichnet sich durch sehr gesundes Wasser aus. Es ist jedoch ein grosser Uebelstand, insbeondere für die entfernteren und auf Anhöhen gelegenen Wohnungen.