Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438209--0802-2440347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.- 42 Verfügungen zu treiien, dass allen tschechischen und 'jüdischen Händlern und Verkäufern ohne Ausnahme die Zuweisung von Standplätzen für die Märkte in Eger zu versagen sei. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. So geschehen in derselben Stadt Eger, deren Juden jahrjährlich 1 ausende Kronen für den Deutschen Schulverein hergeben! .... | Die jüdisch-deutsche Sprache in Russland. . Wilna. Der Vorstand der Wdnaer musikalisch-dramatischen Gesellschaft hatte an die Behörde ein Gesuch gerichtet, in dem die Erlaubnis erbeten wird, die Verhandlungen in jüdischdeutscher Sprache zu führen. Die Behörde lehnte das Gesuch aber unter Hinweis auf den Absatz 3 einer Entscheidung des Staatsrates ab, wonach in den nordwestlichen Gouvernements Russlands die ortsübliche Sprache nicht gebraucht werden darf. Es müssen also alle Versammlungen in diesen nordwestlichen Gouvernements Ln rusiSH scher Sprache abgehalten werden. In einem merkwürdigen Gegensatz dazu steht folgende Mitteilung aus Warschau: Der (Kurator des Warschauer Unterrichts-Rayons hat dße Warschauer Gemeindeverwaltung benachrichtigt, dass gemässe:ner Verfügung . des Ministeriums für Volksaufklärung als Unterrichtssprache in allen jüdischen Gemeindeschulen entweder die russische oder die jüdisch-deutsche Sprache zu gebrauchen sei. Dazu Ist zu (bemerken, dass bis jetzt in den Warschauer Gemefin’deschulen der Untenricht zumeist in polnischer Sprache erteilt wurde. Diese Verfügung richtet sieh also offenbar gegen die Polen und Ist bestimmt, Unfrieden zwischen den Polen und den Juden zu stiften. Es ist also die alte Politik des „Dsvhde et dmpera!“, die von dem russischen Minister für Volksaufklärung mit dem deutschen Namen Schwarz h'er wieder eingeführt ward. * * * Ein Umschwung? Petersburg. Am 19. September hat der Senat in seiner Sitzung über ein Kaissationsgesuch verhandelt, das von einer Reihe von echtrussischen Leuten eingereicht worden war, die vom Bezirksgericht in Grodno wegen Teilnahme an dem Bialystoker Pogrom zu verschiedenen Strafen verurteilt wurden. Der Senat hat bemerkenswerterweise das Kassa'tionsgesuch zurückgewiesen, und die Herren Verbändler werden nun im Gegensätze zu ihren glücklicheren Verbandsgenossen ihre Strafen absitzen müssen, falls sie nicht etwa die kaiserliche Gnade noch zur rechten Zeit erreicht * * * Steuernachlass an jüdische Kolonisten. Petersburg. Die jüdischen Arbeiterkolonisten im Gouvernement Jekaterinoslaw hatten bei der Gouvernementsregierung ein Gesuch eingereicht, dass man ihnen auf Grund des kaiserlichen Manifestes vom 11. August 1904 die Testierenden Steuern erlassen möge. Die Regierung hat aber das Gesuch abgelehnt mit der Begründung, dates den Kolonisten, obwohl sie Ackerbauer sind, die Vergünstigung des kaiserlichen Manifestes, die sonst allen Ackerbauern zukommt, nicht gewährt werden könne, da sie Fremdnationale sind. * * * Juden und Polizei in New York. New York. Die Juden in New York erheben eine eigentümliche Anklage gegen die Polizei, die sie beschuldigen, den Juden feindlich zu sein und in ihrer Feindseligkeit so weit zu gehen, dass sie Verbrechern jüdische Namen geben. Diese Beschuldigung ruft in New York, d. h. in der grössten Judenstadt der Welt, lebhaftes Interesse hervor. Man versichert, dass der Prozentsatz der Juden in New York mindestens 33 Prozent beträgt und dass von der ganzen jüdischen Bevölkerung der Welt ein Sechzehntel auf dem Gebiete von New York wohnt Die Polizei wird beschuldigt, von dem Grundsätze auszugehen, dass jeder verhaftete Mann, der der englischen Sprache nicht mächtig ist, ein Jude sei, und dass sie ihm dementsprechend einen jüdischen Namen gebe. Die Mehrzahl der Polizisten in New York ist von irischer Nationalität, und die Juden behaupten, dass die Irländer Amerikas der jüdischen Bevölkerung genau so feindlich gegenüberstünden wie der ’ deutsch-amerikanischen Bevölkerung. Der offene Protest der Juden gegen die Polizei von New York wurde dadurch her.vorgerufen, dass der Chef der Polizei erklärte,. dass die meisten Verbrechen von Leuten mit jüdischen Namen begangen würden. Parlamentswahlen in Palästina. Jaffa. Auf eine telegraphische Anfrage aus Saloniki und Jerusalem an das' Ministerium des Innern in Konstantinopel ist die Antwort eingegangen, dtfss sämtliche volljährige osmanische Staatsbürger, die überhaupt irgendeine Steuer zahlen, wahlberechtigt sind. Dadurch haben sich die Wahlchancen der Juden und auch der Christen wesentlich verbessert, da auch diejenigen Osmanen, die nur die Militärsteuer (Askerye) zahlen, das Wahlrecht werden ausüben können. Man hatte nämlich früher befürchtet, dass das Wahlrecht nur denjenigen Wählern zustehen wird, die Grundsteuer (Vergho), Gewerbesteuer (Temetu) oder Viehsteuer (Agnan) entrichten- Während fast alle- Mohammedaner eine dieser Steuern zahlen, gibt es unter den osmanischen,Juden (und auch den Christen) Jerusalems nur sehr wenige, die eine dieser drei Steuern entrichten, insbesondere, da die. meisten ihre Grundstücke auf fremde ausländische Namen im Kataster eingetragen haben,. In dem Mutessariflik Akka werden die Mohammedaner wahrscheinlich einen mohammedanischen Kandidaten aufstellen, der als sehr judenfreundlich gilt und auch von den Juden in Safed und Tiberias unterstützt werden wird. Die Auästellung eines jüdischen Kandidaten in diesem Wahlbezirk ist aussichtslos. * * Jüdisches Technikum in Haifa. Haifa* Nach langem Studium aller in Betracht kommenden Städte hat man (sich nun doch für Haifa, als den geeignetsten Ort für die Errichtung des jüdischen Technikums entschieden. Ein Terrain in herrlicher Lage ist bereits angekauft. Man wird von dem neuen Technikum aus eine wunderbare Aussicht auf d-e Stadt und den1 leider noch immer nicht ausgebauten Hafen, d. h. die Bucht von Haifa, haben. Ganz nahe an diesem Platzehat kürzlich die Häuserbaugesellschaft „Agudath Achim“ ein grosseres Terrain erworben, auf dem sie eine Reihe von Häusern erbauen will. Ein Brunnen wird bereits gegraben, und im nächsten Frühjahr soll mit dem Bau der Häuser begonnen werden. Wahrscheinlich wird dann auch das Technikum bereits im Bau sein. Mit der Wahl Haifas für das Technikum hat man zweifellos eine glückliche Hand bewiesen. Denn es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass Haifa eine geradezu glänzende Zukunft vor sich hat. Es hat eine von der Natur so bevorzugte Lage, wie wenige Küstenorte Palästinas und Syriens, und sein Verkehr wächst denn auch von Tag zu Tag. So verkehren die Züge auf der Eisenbahn Haifa—Damaskus, die bisher wöchentlich nur dreimal in jeder Richtung gingen, seit dem 1. September täglich. Auch sonst ist Haifa, das bekanntlich auch eine blühende deutsche Kolonie hat, in einem unaufhaltsamen Aufschwung begriffen, an dem die Juden vorläufig noch wenig teilnehmen. Das wird sich mit der Errichtung des Technikums nun aber hoffentlich ändern. * * * Die Autonomie des Libanon und das türkische Parlament. Konstantinopel. Die Bewohner dds Libanon sandten an die hiesigen Botschafter ein Zirkulartelegramm, in dem sie auf das entschiedenste gegen die ihnen aufoktroyierten Wahlen zum türkischen Parlament protestieren. Die Autonomie des Libanons sei durch einen Vertrag mit sechs Großmächten garantiert, und diese Autonomie dürfe keine Schmälerung erfahren, weshalb der Libanon es ablehnt, Deputierte in das Parlament zu entsenden. * * * . - Juden Im türkischen Eisenbahndienst. Konstantinopel, 4. Oktober. (Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle.) Dar Generaldirektor der' AnatoVschen Eisenbahn-Gesellschaft, Herr Huguenin, hat vor den jüngsten jüdischen Feiertagen eine" Zirkularverfügung an die Hauptämter des gesamten Eisenbahnnetzes gedichtet, des Inhalts, es solle die Dienstemteilung so vorbereitet werden, dass die jüdischen Beamten der Gesellschaft wähnend ihrer hohen Feiertage dienstfrei seilen. Bei dieser Gelegenheit sei hervorgehoben, dass bei allen in der Türkei in Betrieb befindlichen Eisenbahnen- Juden in grosser Zahl in allen Dienstgraden beamtet sind. Vorzugsweise sind es nach der Türkei eingewanderte russische, Juden, die sich mit Vorliebe dem E'isenbahndienst widmen und das besondere Vertrauen der Direktionen gemessen. Das gilt namentlich von dem jüdischen Streckenpersonal, den Zug- und Lokomotivführern, Hölzern und Schaffern, weil diese sich durch Nüchternheit und. Gewissenhaftigkeit auszeichnen und damit die Betriebssicherheit des Etsenbahndienstes erhöhen. Lemberger Brief. Antialkoholbewegung und Antisemitismus. Die in Galizien verbreitete Trunksucht hat dem Lande zweifellos sehr viele Wunden geschlagen. Die unter der Bevölkerung herrschende Armut ist grossenteils auf das Konto dieses Volkslasters zu setzen. Man könnte daher im Interesse des Fortschritts nur zufrieden sein, wenn es gelänge, den Alkoholismus in Galizien einzudämmen. Leider verwenden die herrschenden Kreise im Kampfe gegen die Trunksucht Mittel, die unzulänglich sind, beim Ziele vorbeiführen und einen ausgesprochenen antisemitischen Charakter tragen. So wird jetzt eine Agitation in Szene gesetzt, die die Schliessung aller Schanklokale an Sohn- und Festtagen verlangt. Dadurch würden 25.000 Schänker — durchwegs Juden — schwer betroffen werden, ohne dass irgend ein Erfolg zu erwarten wäre. In England, sind zum Beispiel die Wirtshäuser von Samstag abends bis Montag früh, somit volle 36 Stunden gesperrt und doch entfällt auf jeden Engländer jährlich eine zehnmal so grosse Alkoholmenge wie auf einen Oesterreicher. Anders würde es sich verhalten, wenn man das Alkoholkontingent der galizischen Brennereien reduzieren, die galizische Bevölkerung aufklären und die erschreckende Anzahl von Analphabeten in Galizien durch Verbreitung des Volksschulunterrichtes vermindern würde. Wenn die herrschenden Kreise ein .tatsächliches Interesse an der Bekämpfung der Trunksucht hätten, so würden sie das Uebel an der Wurzel anpacken. Dies Interesse ist aber nicht vorhanden und darum versuchen sie es mit Palliativmassregeln, die obendrein 25.000 Familien, das sind ungefähr 150.000 Personen, auf das furchtbarste in ihrer Existenz bedrohen. Unter den jüdischen Schänkern macht sich jetzt auch eine entschiedene Abwehrbewegung geltend. Für diese Woche ist eine grosse Versammlung nach Lemberg einberufen, die gegen den Plan, strenge Sonntagsruhe im Schank- und Gasthausgewerbe einzuführen, Stellung nehmen soll. Wenn wir auch die Aktion der Schänker gutheissen, so können wir uns doch nicht verhehlen, dass der Zustand, dass ungefähr ein Sechstel der galizischen Juden vom Schankgewerbe lebt, ungesund und unhaltbar ist. Die Antialkoholbewegung in Galizien, ist ein grausiges Memento für alle, die im Dienste des Judentums wirken und ein unumstösslicher Beweis für die -Richtigkeit der zionistischen Prinzipien: Im Golus befindet sich das jüdische Volk in einem ganz abnormalen Zustande, wer ihm wirklich und gründlich aufhelfen will, müsste seine gesamte wirtschaftliche Struktur ändern. * * 40 Jahre Gleichberechtigung. Vor 40 Jahren — am 8. Oktober i.868 — fielen in Galizien die letzten Beschränkungen der jüdischen Gleichberechtigung. Natürlich nur in der Theorie, denn in die Praxis ist sie bis zum heutigen Tage nicht