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Jüdische Zeitung · 1908-10-16 · 42 (16.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 Nr. 42 JÜDISCHE LEITUNG teür.ng ec: Kostnehmer an mehrere Wirte mit dam gleicher, uelde eine ausgiebigere Verköstigung erzielt werden könnte. Jedenfalls sei der einen Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Kosteinschränkung unsere braven Svdenten nicht so weit entkräften wird, dass bei der kommenden Kultuswahlen ihre Agitationskraft darunter. leidet. Christliche Wähler der Israelitischen Kultusgemeinde. Auf mehrere Anfragen stellen wir fest, dass Herr Heinrich Schramm, der berühmte christliche Beamte unserer Kultusgemeinde, in deren Wählerliste nicht enthalten ist, und dies mit Recht, weil er zwar definitiver Portier, aber noch nicht definitiver Beamter ist und weil nach der Kultuswahlordnung nur den definitiven Beamten das Wahlrecht zusteht Sein römisch - katholisches Glaubensbekenntnis wäre allerdings nach der heute geltenden Wahlordnung kein Wahlausschliessungsgrund. Dieses sei auf die Gefahr hin verraten, dass der Herr Kultuspräsident sich diese neuentdeckte Schönheit des Kultusstatutes zunutze macht und sich „streng nach Gesetz und Recht“ mit einer heiligen Scnar christlicher Beamten und Kultuswähler zur Niederhaltung der unbotmässigen Judenschaft umgibt. Dr. Egon Zweig. * * * Wir erhalten folgende Zuschrift: Verehrlicte Redaktion! Am 6. d. M. in der öffentlichen Sitzung des Vorstandes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde berührte der Präsident Herr Dr. Alfred Stern mein offenes Schreiben vom 24. Juli 1908, womit ich ihm, unter Vorhalt seiner Untätigkeit in der Affäre des Gemeinderabbiners Mayersohn, unbefugte Einmischung in meine Privatangelegenheiten vorgeworfen hatte. Hierbei gab Dr. Stern folgende Erklärung ab: In meinem Falle sei keine Privat-, sondern eine Vereinsangelegenheit Vorgelegen, die ihn als Kultuspräsidenten nahe tagierte. Ein Ausschussmitglied eines vom Kultusvorstand sehr reichlich subventionierten Tempelvereines habe einen frommen Juden. Mitglied der „Schiffschul“, der zu einer Trauung in jenes Vereinsbethaus gekommen sei. hinausgewiesen;' der Hinausgewiesene habe dagegen energisch protestiert, was das Ausschussmitglied mit einer Ehrenbeleidigungsklage beantwortet habe, d'es unter , der Andeutung, es liege wegen der Stellung des Beleidigten eigentlich eine Art Religionsstörung vor. Der Beklagte habe sich spontan zu einer Abbitte und, da. dies als ungenügend zurückgewiesen wurde, noch überdies zum Erlag einer Busse von K 400 für jüd:sche Wohltätigkeitszwecke erboten, der Kläger aber habe auch dies abgelehnt und seinerseits als Busse K 1000 für seinen Tempelverein und weitere Beträge für andere Institutionen verlangt. So sei es zur Verurteilung gekommen und er als Präsident habe über Beschwerde des Verurteilten den Kläger vorgeladen und ihm den Standpunkt klar gemacht. „Und so schauen die Privatangelegenheiten aus, über die man sich in jüdischen Zeitungen auslässt!“ Es sei mir nun gestattet, den vom Präsidenten durchaus tendenziös entstellten Sachverhalt wahrheitsgetreu zu schildern: Ich hatte Herrn Back, dies der Schützling Dr. Sterns, in höflichster Form ersucht, einenanderen, doch gleichfalls bevorzugten Tempelsitz einzunehmen. weil diese Bankreihe iür die Veranstalter der Trauung reserviert sei. Auf die gröblich beleidigende Antwort, die mir dieser Herr daraufhin gab, habe ich mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Ortes in keiner Weise reagiert. Meine Ehrenbeleldigungsklage, die ich nicht als Vereinsfunktionär, sondern als Privatmann erhob, bezog sich vielmehr auf jene Beschimpfungen, die mir Herr Back später ohne mindesten Anlass ausserhalb des Betraumes zurief. Nun kamen verschiedene Herren zu mir. u. a. Backs Schwager, und ersuchten mich, von der Klage abzustehen; hierzu erklärte ich micb diesem Schwager gegenüber sofort bereit, sobald er, der Augen- und Obrenzeuge aller Vorgänge gewesen war, als Schiffschulbalbos mir unter Handschlag versichere, dass ich Herrn Back zu seinen Beschimpfungen durch eine Kränkung oder sonst irgendwie provoziert habe. Der Schwager konnte diese Versicherung nicht abgeben. Als vor der Verhandlung der von mir hochverehrte Kultusvorsteher Herr Dr. M. Spitzer einen Ausgleich herbeizuführen suchte, unterwarf ich mich . unbedingt seinem Urteüsspruchej. Dr. Spitzer entschied dahin. Herr Back, ein notorischer Millionär, habe 200 K für Wohltätigkeitszwecke zu erlegen; der aber erwiderte, lieber lasse er sich vom ordentlichen Richter verurteilen. Hierauf stellte Dr. Spitzer unter scharfer Kritik des Vorgehens Backs die Intervention ein. Für die Richtigkeit meiner Darstellung, rufe ich hiermit die Zeugenschaft der Herren Dr. Spitzer und ZeitungsheTausgeber Jacques Sachs an. Bei der Gerichtsverhandlung wurde Back, nachdem er wegen ungehörigen Benehmens gegenüber dem Richter vom Justizwachmann hinausgeführt worden war und nachdem sein eigener Vertreter bei Back vergebens auf oberwähnten. Ausgleich hingewirkt hatte, zu 400 K verurteilt- Gleich nach Verlassen des Gsrichtssaales überschüttete mich Herr Back neuerl ch mit Beschimpfungen und Flüchem. die ich jedoch über Intervention des Herrn Hofbaner und nicht des Kultuspräsidenten ungesühnt liesa. Sohinüberlasse ich es dient geehrten Kultusvorstarxle sowie allen Mitgliedern unserer Gemeinde, sch ein Urteil über die Wahrheitsliebe ihres! Präsidenten zu bilden, der doch über alle Details der Affäre wohl informiert war. Offenbar hat der Herr Präsident bei seinem völlig entstellten Bericht vor dem versammelten Kultusvorstand damit gerechnet, dass dessen Mitgleder, selbst wenn sie wie der mitanwesende Dr. Spitzer den Sachverhalt genau kannten, nicht den Mut finden werden, dem Präsidenten in offener Sitzung die Unwahrheit seiner Darstellung vorzuhalten. Ueber die Affäre des Gemeinderabbiners Mayersohn, die doch den Anstoss zu. meinem offenen Brief gegeben hatte, schwieg der Herr Präsident sich wohlweislich aus. obzwar er wissen muss, dass meine Privatangelegenheit dem Prestige der Gemeinde kernen Abbruch tun konnte, während die skandalösen Vorgänge der Bezirks¬ und Appell-Gerichtsverhandlung Mayersohn-Komet das Ansehen der Gemeinde geradezu unterstaben mussten. Durch die wahrheitsgetreue Darlegung obigen Sachverhaltes bei den bevorstehenden Wählerversammlungen hoffe und erwarte ich. zumindesters jenen 35 Kultuswählern, die bei der letzten Wahl dem Präsdenten zu seiner Wahl verholten haben, die nötige Aufklärung zu bringen, und so Herrn Dr. Stern dem wohlverdienten Ruhestand zuzuführen. Hochachtungsvoll Siegfried O r n s t e i n. Aus dem jüdischen Leben. „Liberale“ Wohltätigkeit. Prag. Die „Selbstwehr“ schreibt: Wie die Schwalben den Sommer (signalisieren, so deuten -im Herbst die zahllosen Subskriptions- und Einladungslisten, mit denen das jüdische Haus überschwemmt wird, mit unfehlbarer Sicherheit darauf hin, dass der Sommer vorüber und der Winter vor der Türe steht. Mitten in den politischen Kämpfen schweigt auf e'nmal die Kriegsfanfare, allerdimgjs bloss in den papierenen Bittschriften, jede Tendenz tritt zurück und die nackte Wohltätigkeit wird in den Vordergrund gestellt. So schildert auch der „Unterstützungsverein für mittellose Israelitische Universitätshörer deutscher Nationalität in Prag“ den opferwilligen Juden die gewaltige Not, welche unter den studierenden Iisraeüten herrscht und fordert Geldmittel zur Linderung. Und so mancher Familienvater, der an seine eigene entbehrungsreiche Studienzeit zurückdenkt, greift tief in die Tasche, es handelt sich ja, so ist aus dem Aufruf zu sehen, einzig und1 allein um einen Wohltätigkeitsakt; doch ach — es ist „liberale“ Wohltätigkeit, die hier geübt wird, eine Wohltätigkeit, wie sie sicher nicht in den Intentionen zahlreicher Spender gelegen Ist. Denn der Aufruf verschweigt ja fürsorglich im Vereinstitel das Attribut „deutscher Nationalität“ und filmst so den Anschein erwecken, dass jeder jüdische Student auf Unterstützungen aus der Vereinskasse Anspruch habe. Er verschweigt auch, dass man den bewusst jüdischen Studenten den Eintritt verweigert, dass man Handschlag auf deutsche Gesinnung abgeben muss, um in den Besitz einer Mitgliedskarte zu gelangen. In diesem Lichte besehen repräsentieren sich die Erfolge des Vereines ganz anders. Von den Hunderten von Studierenden, welche bereitis die humanitären Einrichtungen des Vereines genossen haben, hat ein bedeutender Prozentsatz dem Judentum den Rücken gekehrt. Und das ist ja ganz leicht erklärlich bei Leuten, die da mit Stolz behaupten, die Zugehörigkeit zur Konfession gelte ihnen ebensoviel als eine Mitgliedskarte bei einem Fussbaliklub. So unterstützt und fördert der Verein Korruption und Verderbtheit schon dadurch, dajss er manchen jungen, unerfahrenen Studenten zur Abgabe eines falschen Ehrenwortes verpflichtet. Anderseits schliesst, horibile dictu, ein jüdischer-konfessioneller Verein bewusste Juden von der Mitgliedschaft aus und, weist so viele würdige und dürftige Akademiker zurück, die dann gezwungen sind, sich auf die kümmerlichste Weise ihren Lebensunterhalt zu beschaffen, bloss deshalb, weil sie Nackensteifheit und Ehrlichkeit besitzen und ihre Gesinnung für Gold nicht ieilbieten. * * * Ein Kulturbild aus Ungarn. Budapest. Die ungarländische Orthodoxie kann sich nicht damit abfinden. dass sich die zionistische Idee in allen jüdischen Kreisen, einbürgert und findet alle Mitei gut, um an den Zionisten ihr Mütchen zu kühlen. Da die Bannstrahlen ihre Wirkung bereits eingebüsst haben, werden nun aus der mittelalterlichen Rüstkammer andere Waffen hervorgeholt. Der Pressburger Dajan erklärte z. B. klipp und klar, dass die bösen Zionisten nicht zum Minjan gezählt werden dürfen. Ob eine derartige willkürliche, jedweder logischen und rituellen Basis entbehrende Entscheidung von Wirkung sein wird, ist höchst fraglich. Man sah aber schliesslich ein, dass der Zionismus mit moderneren Waffen bekämpft werden müsse. Die orthodoxe Landeskanzlei besitzt ein in der Provinz erscheinendes ungarisches Wochenblatt, welches den stolzen Namen „Magyar Zsido“ führt, ein waschechtes klerikales Schmähblatt, das iür die jetzige reaktionäre Regierung schwärmt und insbesondere dem ultramontanen Unterrichtsminister Grafen A p p o n y i lobhudelt. Es ist ein würdiges Bruderblatt des neologen „Egyenlöseg“; noch nie hat sich das Sprichwort „Les extremes se touchent“ so bewahrheitet, wie in diesem Falle. Die zwei in religiösen Dingen einander bekämpfenden, miteinander raufenden Blätter halten stramm zusammen, wenn es sich um den Zionismus handelt Im Losgehen auf die „Antipatrioten“ und „Irreligiösen“, wie die Zionisten genannt werden, scheinen sie einander überbieten zu wollen. Den Sieg im edlen Wettkampfe hat aber ohne Zweifel der „M. Zs.“ davongetragen. Vorerst fertigte er die offiziellen Organe der Bewegung „Die Welt“ und „Ha-Olam“ ab und stempelte deren Redakteur Herrn S o k o 1 o w ohne weiteres zu einem „Kofar beikor“. Den übrigen Zionisten wurden die Titel „Apikoros“, „Ketzer“ etc. taxfrei verliehen. Nun kam aber etwas Ausserordentliches. Der hohe Rabbi von Munkäcs erhob nämlich unlängst ein Zetergeschrei gegen die Erez-.Iisroel-Etrogim. Die wären nur gemeine „Limonis“ meinte der iromme Raw, und ein wahrhaft orthodoxer Jude dürfe mir Korfuer Etrogim gebrauchen. Dieser Ausfall gegen die gesegnete Frucht des Heimatlandes konnte seihstredend nicht widerspruchslos geduldet werden und die Budapester „Allgemeine Jüdiscne Rundschau“ (Organ der Misrachi in Ungarn) erhob gegen die „Entscheidung“ des Munkacser Gaon Einspruch. Dass sich die Zionisten auch zu Worte melden, konnte der “M. Zs.“ nicht ertragen und er gab seinen Gefühlen in einer Briefkastennotiz Ausdruck, in welcher die „Allg. Jikl. Rundschau“ ein im Lueger-Stil geschriebener unter Ausschluss der OÖffentlichkeit erscheinender schmutziger Druckfetzen und der Verfasser des Artikels ein in einer schmutzigen Kotlacke suhlendes, verabscheuungswürdiges Insekt genannt wird . . . Ein Kommentar ist überflüssig. Auch über die Rabbiner wäre nichts hinzuzufügen, diese Sorte der Protestrabbiner kennen wr nur allzu gut. Der rüde Ton kennzeichnet die orthodoxe Landeskanzlei in genügender Weise. Mausche!, der eine Zeit lang geschwiegen hat, ist wieder zum Vorschein gekommen. . . . B. * * * Der Jude wird verbrannt. Eger. Aus Eger wird uns gemeldet: In der Gemeindeausschusssitzung vom 12. ds. sagte der Gemeindeausschuss Brusch, es sei angesichts der fort geetzten Gewalttätigkeiten gegen die Deutschen bedauerlich, dass es in Eger noch immer deutsche Hausbesitzer gebe, die an Tschechen. Wohnungen vermieten. Gelegentlich des letzten Jahrmarktes konnte man auch bemerken, dass die Zahl der tschehischen und jüdischen Händler und Verkäufer mit minderwertigen Waren auffallend zugenommen habe; Da sei die Selbsthilfe am Platze. Der Redner stellte daher den Dringlichkeitsantrag: Der Stadtrat hat die

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