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Jüdische Zeitung · 1908-10-16 · 42 (16.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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die laufende Wahl 1906 die Bestimmung der ] Wahllokale und Wahlkommissionen n a c'ii j dem reinterritorüa1en Prinzipe und daher insbesondere verlangt, dass alle Kultuswähler des 8. Gemeimdebezirkes einem Wahllokale in der Neudeggergasse und alle Wähler des 9. Gemeindebezirices einem Wahllokale in der Müllner- oder Seegasse, ferner dass alle Kultuswähler aus dem Sprengel des Bezirksgerichtes Leopoldstadt i ^Brigittenau und Leopoldstadt links der Taborstrasse) dem Wahllokale Leopoldsgasse und alle Wähler aus dem Spregel des Bezirksgerichtes Leopoldstadt II (Leopoldstadt rechts der Taborstrasse) dem Wahllokale Tempelgasse zugewiesen werden. Als auch diese Eingabe uu erledigt blieb, sprach — auch noch vor Ablauf der Reklamationsfrist — der auf jener Eingabe nritunterfertigte Dr. Egon Zweig bei dem Herrn Kultuspräsidenten vor, um einen Bescheid zu urgieren. Herr Dr. Stern gab die.Berechtigung des Verlangens jener Eingabe wohl grundsätzlich zu, meinte aber, es sei für heuer zui gewünschten Neuregelung schon zu spät; hierbei blieb er, trotzdem Dr. Zweig darauf hinwies, dass er selbst die aufliegende Wählerliste, die damals noch nicht zum Druck gegeben war, bereits im Sinne der Neuregelung bearbeitet und zum Druck bereitgestellt habe. 'Der. Herr Kultuspräsident sagte aber die Neuregelung für die kommende; Wahlkampagne aufs best immt este zu. Indem wir an diese Zusage mit freundlichem Nachdruck erinnern, gestatten wir uns zugleich, die wichtigsten Gründe, welche uns für die Reform zu sprechen scheinen, nochmals vorzuführen. Bei dem bisherigen Modus sind die Wähler* gezwungen, ohne Rücksicht auf ihren Wohnsitz innerhalb dies Wahlbezirkes, je nach dem Anfangsbuchstaben ihres Familiennamens das zuständige Wahllokal aufzusuchen, ■ so musste z. R. die Mehrzahl der Brigittenauer Wähler, soweit sie nämlich die Anfangsbuchstaben A—Q tragen, an dem ihnen näher gelegenen Wahllokal Leopoldsgasse vorbei nach dem entlegeneren Wahllokal Tempelgasse, um Ihr Wahlrecht auszuüben, umgekehrt mussten alle Wähler mit dem Anfangsbuchstaben R—Z, mochten sie nun in der Tempelgasse selbst oder draussen am Schüttei wohnen, am Wahllokale Tempelgasse vorbei nach jenem in der Leopoldsgasse sich begeben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die durch diesen Wahlmodus bedingte Erschwerung des Wahlrechtes, insbesondere der Verlust an Zeit viele Wähler sehen Zug und eine jüdische Bewegung. Alles ist nach europä:schem Muster und der letzten Mode zugeschnitten und drapiert. Betrachtet man nur einmal unsere Geheimrassucher im Leben und unsere Lebenssucher hn Geheimnisvollen, wte sie allfe heissen, Hirschbein, Menadhem, Olgin, Nistor und die anderen, betrachtet einmal alle diese Kultur- und Lebensmüden, wäe sfc sich vor uns, drapiert mit dem Faltenwurf der letzten Menschen einer versinkenden Welt hinstellen, und ihr werdet sofort erkennen, ■wie falsch, wäe unnatürlich ihr Schaffen und ihr Leben ist Unnatürlich in bezug auf ähre Person und falsch hinsichtlich dis Milieus. Sie, die selten einen (Bissen Brot hatten, um sich" satt zu essen, geben vor, sie seien lebensüberdrüssig vor lauter Sattheit sie die Kinder eines Volkes von Asketen, singen uns Lieder von Gefühlen, die durch Uebergenuss abgestumpft und auigleibraucht sind! Falsch sind ihre Gedanken, falsch ihre Worte, unnatürlich ihre Posen, gemacht und erkünstelt ist der Inhalt und deshalb auch die Form erkünstelt und unkünstlerisch. Feiertag ist’s in der jüdisebtan Welt. Jeder ist feierlich gestimmt Grosse Glocken wurden in den Gassen von Wtlna bis Warschau angebracht und ein unendliches Geläute schallt in die Welt, eine verzückte Hallelujastimmung über die jüdische Renaissance. Und wenn df.e Glocken verstummen und die „neuen jüdischen Renaissancelieder“ angestimmt werden ... da hören wir zu unserer Verwunderung die heisere Stämme eines schlechten Phonographen altbekannte frerridle Melodien herunterleiern . . . von der Ausübung( des Wahlrechtes überhaupt äbschreckt, zumal,.jene Behelligung und jener Zeitverlust am Sonntage, auf den ja die Wahl. stets fällt, und welcher der Müsse gewidmet ist, von dem zum, Grosstei! für jüdische Angelegenheiten recht, gleichgültigen Wählern doppelt lästig empfunden wind. Sache eines Von grosszügigen politischen Gedanken geleiteten Kultusvorstandes ist es nun, jenem I n d i f f e re n t i s m u s mit allen Mitteln en t geg e n zu a r b'e i - t e n und eben darum eine grösst mögliche Wahlbeteiligung zu betreiben. Denn der Kultuswähler, welcher einmal von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht hat, ist hierdurch schon mit den Geschicken seiner Gemeinde enger verknüpft, er interessiert sich, ob sein Votum in der Mehr- oder Minderheit geblieben ist, warum wohl das eine oder andere geschah, ob mit Recht oder Unrecht und schliesslich ob die Gewählten das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen. Die starke Wahlbeteiligung erweckt anderseits das Selbst- und Pflichtgefühl der Erwählten, die hierdurch zu erhöhter Tätigkeit angespornt, wieder auf das Interesse und den Gemeingeist der Wählerschaft zurückwirken. So gewinnt diese scheinbar rein technische Frage der angeregten Reform des Wahlmodus gr.osse und grundlegende Bedeutung. Die ergebenst Gefertigten stellen daher das höflich-dringende Ansuchen, ein löbl. Kultusvorstand wolle für die kommende Wahlkampagne 1908 in Beobachtung des reinen Territorialprinzipes folgende Wahllokale, bezw. Wahlkommissionen kreieren, bezw. den Herrn Kultuspräsidenten zu deren Kreierung anweisen: Jedenfalls, , Für die Brigittenau Wahllokal: Ktuckygasse 13; für die Leopoldstadt links der Taborstrasse Wahllokal: II-, .Leopoldsgasse 29; für die Leopoldstadt rechts der Taborstrasse Wahllokal: II., Tempelgasse 12; für die Josefstadt Wahllokal: VIII., Neudeggergasse 12; für den Alsergrund Wahllokal: IX., Müllnergasse oder Seegasse 9; für Favoriten Wahllokal: X., Humboldtgasse 27; ferner womöglich nach dem gleichen Prinzipe gesonderte Wahllokale und Kommissionen für die übrigen Wahlbezirke, Folgen einige 30 Unterschriften. Da diese. Eingabe keinerlei Erledigung fand, urgierten die Antragsteller in höflichster Form am 2- September 1908. Daraufhin erfolgte schliesslich am 6. Oktober, also am gleichen Tage, an welchem der Herr Präsident in der Plenarsitzung so versöhnlich geflötet hatte, folgende ebenso kurze als beredte Erledigung: „Ueber die Eingabe dto. 28. Mai 1908 beireffend die Aenderung in der Elozierung der Wählkommissionen wird E. W. mitgeteilt, dass für eine Aenderung des bisherigen Modus keine Notwendigkeit vorhanden ist, es demnach bei der bisher geübten Praxis bleiben wird.“ Keine Notwendigkeit! Dieses Wort wird man sich merken müssen. Dem Blindesten wird es nun einleuchten, dass der bekannte Wahlrechtsraub, die Weigerung, die Wählerlisten in den eüizelnen Bezirken aufzulegen, und die Weigerung, den übriggebliebenen Wählern durch eine vernünftige Zuteilung der Wahllokale die Ausübung des Wahlrechtes zu erleichtern, organische Teile eines wohldurchdachten Systemes, Marke Dr. Stern, sind: „Die Kultuswahlen sind keine Notwendigkeit*'. Im übrigen werden die Kultuswähler, wenn sie am Wahltage kilometerweit kreuz und quer werden laufen müssen, dem Herrn Präsidenten auf seinen famosen Bescheid den gebührenden Gegenbescheid zu geben wissen: „Herr Dr. Stern und Genossen sind' keine Notwendigkeit für die Wiener Kultusgemeinde!“ Ein objektiver Anwalt des Kultus Vorstandes! Herr Alois Steiner, ein biederer. Bürger ohne jedes, Parteiinteresse, hatte den Mut gefunden, in diesem Blatte unter Nennung seines vollen Namens zu erzählen, dass er gleich anderen Umwohnern des jüdischen Versorgungshauses von dessen Pfleglingen wiederholt angebettelt worden sei, weil diese die. Anstaltskost iür ungeniessbar fanden und sich für das erbettelte Geld auswärts Nahrung kauften. Dieser offene Brief hatte, ein Beweis für den Wert einer unabhängigen Presse, anscheinend eine treffliche Wirkung, denn bald darauf . kamen dieselben Pfleglinge zu Herrn Steiner und meldeten ihm voll iiberströmender ■ Dankbarkeit, dass die Anstaltskost sich gründlich gebessert habet „Blochs Wochenschrift“ bringt nun in der Nummer vom 2. Oktober eine Korrespondenz „Ein Nachmittag bei den Greisen und Siechen“, die sich auf zwei Spalten in Lobeserhebungen über die Verwaltung des jüdischen Versorgungshauses und über die Verdienste des Kultusvorstandes ergeht. Der Korrespondent, der sich G. F. zeichnet, gibt schliesslich dem Gefühl tiefster Erbitterung darüber Ausdruck, dass in einem Blatte, das sich jüdisch nennt, über diese mustergültige Anstalt ein Schmähartikel geschrieben und neuerdings gegen die Schöpfer und Verwalter dieser herrlichen Institution als „Wahlrechtsräuber“ und „Lueger- Schüler“ losgezogen worden sei, G. F. schliesst; „Mit einem Freunde sprach ich hierüber. Er meinte, das sei ein Blatt der J ugend, ich denke, fiir diese Jugend muss etwas geschehen...“ Nach kurzem Kratzen stellte sich der gefühlvolle G. F. als Herr Gukio Fnchsgelb dar, welcher es trotz seiner „Jugend“ bereits zum Oberoffiziai der Kultusgemeinde und zu Dr. Sterns rechter •Hand in Bethausangelegenheiten gebracht hat und nebstbei auch eine ganze Anzahl wohldotierter Aemter in Vereinen inne hat, welche der Kultusgemeinde angegliedert sind. Bei dieser Sachlage ist es, gelinde gesagt, eine arge Geschmacklosigkeit des Herrn G. F., sich in den Streit der Parteien zu mischen. Wir hätten es Herrn G. Fauch ohnedies geglaubt, dass er mit Dt. Stern zufrieden ist. Das beruht ja auf Gegenseitigkeit. Reformen in der Volksküche. Die oberwähnte Kostaufbesserung für die Versorgungsanstalt scheint ihre Kompensation in der gleichfalls vom Kultusvorstand gelc'teten Volksküche in der Herrrrinengas;e, wo hunderten von armen Mittel- und Hochscbülern unentgeltlich Mittagskost verabfolgt wird, gefunden zu haben. In dieser Volksküche wurde nämlich eine Kundgebung seitens der „Speiseanstalt“ angeschlagen, wonach künftighin das zweite Gemüse, welches die Mehlspeise vertritt, ab 14. ds. gestrichen wird. Als der Diener Spitzer von den betroffenen Studenten nach dem Grunde dieser Massregei gefragt wurde, sagte er in vollem Ernst: „Man will so den Studenten das lästige Warten auf das zweite Gemüse ersparen.“ Diese Reform ist aber wenig glücklich, da schon das bisherige Menu den Studenten keine genügende Ernährung bot, denn das Stück Rindfleisch, das täglich auf den Tisch kommt, ist in niedlichstem Duodezformat gehalten. Zu befürchten steht, dass diese Klage der Studenten damit abgetan wird, die Begriffe klein und gross seien iclativ. Darum können wir den Beschwerdeführern in ihrem eigenen Interesse’nur raten, das Gewicht der ihnen zugewiesenen Portionen mit der Briefwage festzustellen. Ist doch in jedem Gefangenhause dem Sträfling eine bestimmte Ration garantiert Die Gratisausspeisung der Studenten ist gewiss sehr löblich, aber wenn schon, denn schon. Da in dieser Volksküche einige Hundert Stu- -denten ausgespeist werden, drängt sied die Anregung auf, ob nicht durch Ausschreibung einer Konkurrenz jüdischer Gastwirte und.durch Auf-

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