Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438209--0799-2440344- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 42 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Gemeindeprogramm vom Jahie 1902 bat das „allgemeine und gleiche Kultus Wahlrecht“ verlangt und unser III. österreichischer Parteitag hat 1903 diesen Programmpunkt zu einem allverbindlichen erhoben. „Das ganzeJuda soll es sein!* ist und bleibt unser Feldruf, das ganze Juda soll am Gemeindeleben Anteil nehmen, mitberaten und mitbeschliessen, wie es uns die Ueberlieferung der Väter, wie es uns die Religion, die Lehre der Nächstenliebe und nicht zuletzt, wie es uns die moderne politische Entwicklung lehrt. Muss doch die Schamröte auf unseren Wangen brennen, seh’n wir bei Kultuswahlen jüdische Brüder rechtlos abseits stehen, denen durch die Einsicht christlichsozialer Machthaber das Wahlrecht in den Reichsrat, Landtag und Gemeinderat verbürgt ist! Ihr aber, die Ihr uns die Verfechter des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes, als „Demagogen“ verketzert, seid selbst Demagogen, denn, um euch und euere Brotgeber an der Macht zu erhalten, weckt und nährt Ihr die niedrigsten Instinkte der Kultus Wähler, ihre Selbstsucht, ihre Feigheit, ihren Grössenwahn. Und was hat es mit der Auslieferung der Gemeindeverwaltung an die Besitzlosen und gar an die Sozialdemokraten auf sich? Dieser vermeintliche Warnungsruf ist in Wahrheit die ausgeblasenste, ränkevollste Phrase! Nehmen wir den Rechenstift zur Hand! Von den 175.000 Juden, die in Wien Ende 1908 wohnen, sind rund 51°|0 also 89.200 männlich und von diesen rund 49°|0 also 43.700 über 24 Jahre alt und demnach für das Wahlrecht in Betracht zu ziehen. Von diesen 43.700 kommen nun die durch Entmündigung, Straffolgen, Unterstützung aus öffentlichen Mitteln und mangels der von uns statuierten 2jährigen Sesshaftigkeit, zusammen etwa 5700 Personen — diese Ziffer ist gewiss nicht zu Hoch gegriffen — in Abschlag, so dass eine Wählerzahl von 38.000 erübrigt. Nun weist der letzte Rechenschaftsbericht des Kultusvorstandes für Ende 1905 20.255 wirklich zahlende Steuerträger auf, deren Anzahl sich bis Ende 1908 nach dem bisherigen Zuwachskoeffizienten auf zirka 23.900 vermehrt hat. Von diesen Steuerträgern sind 1000 Weiber und höchstens lOOOmännliche Minderjährige, sowie höchstens 1000 durch Entmündigung und Straffolgen vom Wahlrecht Ausgeschlossene, so dass an dem von uns gedachten allgemeinen und gleichen Wahlrecht zirka 21.000 der heutigen Steuerzahler teilhaben. Diesen 21.000 werden also bloss 17.000 heute noch nicht besteuerte Wähler gegen- ' überstehen. j Diese 17.000 sind aber noch lange keine ■ Besitzlosen. Das erhellt schon daraus, dass i der Minimalsatz der obligatorischen Kultus- Steuer in Wien heute nicht weniger als! 20 K beträgt (nur etwa 400 Personen; zahlen die freiwillige Steuer von 10 K). Die : meisten Mitglieder der Bethausvereine sind j von jeder Kultussteuer frei, beweisen aber; durch die weit grösseren Geldopfer, die sie j ihren Vereinen bringen, einerseits ihre j Steuerfähigkeit, anderseits ihr Interesse und i ihre Opferwilligkeit für religiöse Institutionen, j Bedenkt man nun, dass zum Beispiel i Berlin unter 105.351 Juden 27.000, das ist 25-8% Kultussteuerträger hat, dann ist es klar, dass bei einer von unserem Programme verlangten Herabsetzung der Minimalsteuer auf 5 K in Wien mit seinen 175.000 Juden den heutigen 23.900 Zensiten jedenfalls eine grosse Zahl neuer Zuwachsen wird. Wie viel also von den oberwähnten 17.000 „verdächtigen* Wählern werden also wirklich besitzlos sein? Ein kleines Häuflein, von dem es noch sehr fraglich bleibt, ob es überwiegend sozialdemokratisch oder aber religiös orthodox ist. Welche also ist die grosse, der Generalverwaltung drohende Gefahr, der wir den Ruhmestitel eines modernen Wahlrechtes opfern sollen? Ein grosser Schwindel! Michael. Die Wiener Kultuswahlen. Dr. Stern der Gütige.— Dichtung und Wahrheit In der letzten Plenarsitzung des Kultusvorstandes trat der Herr Präsident als unschuldsvoller Engel drapiert auf, dem es stets bitteres Herzeleid verursacht, wenn er der Opposition einen Wunsch abschlagen muss. So gern hätte er z. B. unserem Verlangen willfahrt, die Wählerliste nicht bloss in der Seitenstettengasse, sondern, soweit sie die einzelnen Bezirke betrifft, auch in diesen zur Einsicht der Reklamanten aufzulegen, wenn dieses Verlangen nur um ein paar T age früher eingelangt wäre. Was von diesem Gerede und Qetue zu halten ist, zeigt das Schicksal einer Eingabe, welche von einer grossen Anzahl von Kultuswählern betreffend die Aenderung in der Elozierung der Wahlkommissionen bereits am 2 8. Mai 1 908, also gewiss rechtzeitig, dem Wiener Kultusvorstand überreicht worden ist. Diese Eingabe hatte felgenden Wortlaut: „Die ergebenst gefertigten Angehörigen dieser Gemeinde setzen voraus, dass Anregungen im Interesse des Gemeinwohles einem löblichen Vorstande stets erwünscht sind. Ist dies ja durch die Normierung eines diesbezüglichen Rechtes der Gemeindeangehörigen, in den Voranschlag und den Rechnungsabschluss der Kultusgemeinde Einsicht zu nehmen und hierüber — pilichtgemäss zu erwägende — Erinnern n g e n an den Vorstand zu richten, in den §§ 09 b, 90 und 91 des Kultusstatutes ausdrücklich anerkannt. Es ist ein alter Beschwerdepunkt der Wählerschaft, dass die Verteilung der Wahllokale und sohin die Elozierung der Wahlkommissionen in denselben bis nun eine unzweckmässige war. In einer Reihe von Wahlbezirken, welche ja mehrere Wiener Gemeindebezirke umfassen, sind im Sinne des § 9 der Wahlordnung allerdings mit Rücksicht aui die Grösse der Wählerzahl, doch in Ausserachtlassung der eben dort vorgeschriebenen Rücksicht auf den Umfang der Bezirke mehrere Wahllokale derart bestimmt worden, dass jedes Wahllokal für den ganzen Umfang des Wahlbezirkes zuständig war und die Wähler — je nach dem Anfangsbuchstaben ihres! Namens — dem einen oder dem anderen Wahllokale ihres Bezirkes zugewiesen waren. ln Erkenntnis der hierin iür die Wählerschaft liegenden Härte hat schon im Frühjahr der damalige Kultusvorsteher Herr Hermann Eltbogen einen genauen Sprengelentwurf ausgearbeitet, welcher aui dem Prinzipe beruhte, dass reinterritoriale Wahlsprengel, je mit einem in dessen Mitte liegenden und iür alle Wähler dieses Sprenge's allein zuständigen Wahllokale geschanen wurden, und diesen Entwurf dem Kultuspräsidenten Herrn Dr. Alfred Stern zur amtlichen Behandlung übergeben. Nach den Angaben Dr. Sterns ist dieser Entwurf, weil angeblich in seinen Detailbestimmungen nicht entsprechend. der ämtlichen Behandlung nicht zugeführt worden, doch geschah anderseits nichts, um der leitenden Idee des Entwurfes eine passende Ausführung zu geben. Am 12. Oktober 1906, also noch innerhalb der mit dem 17- Oktober 1906 ablaufenden Frist zur Reklamation gegen die Kultuswählerliste vom Jahre 1906 hat das „Zionistische und oppositionelle Wahlkomitee“ und eine Anzahl von Wählern eine neue Eingabe den-. Kultusvorstand überreicht und darin noch für sammelte alle Stürmer und Dränger zum Kampfe gegen die alten Schriftsteller und die alten Fbrmen. Welche Heldenposen unsere Stürmer und Dränger dabei nich einnahmen! Mit Aexten und Hacken zogen sie gegen die alten Götter und alten Tempel und lärmend bevölkerten sie die Welt mit ihren neuen Göttern, erbauten neue Tempel und1 errichteten neue Altäre. Einigie Jahre dauerte diieser Renaissancerummel, dann wurde es in der hehräischen Literatur ruhig und still. Nicht nur der Lärm um die neuen Götten urtd Tempel verstummte, auch die Stürmer und Dränger wurden still. Würden nicht einige unfähige Nachläufer noch ihre Stimme tertöuen lassen, man würde die Spur stürmischer Geister in der hebräischen Literatur kaum erkennen. Anderes konnte man ja nicht erwarten. Ein gesundes, kräftiges Talent kann sich auch im Rahmen der alten Schulen ausleben. Die alten Formen bedrücken es nicht. Wed es ganz und gesund ist, fühlt es sich nirgends und! durch nichts beengt. Nur Talente mit angeborenen organischen Gebrechen suchen den Rahmen der bestehenden Schulen zu sprengen. An den alten, festen Formen stösst sich ihr unzulängliches Talent, deshalb schaffen sie neue Formen, Feigenblätter, die ihre Mängel verdecken sollen. Ist der Künstler, dem ein angeborenes organisches Gebrechen anhaftet, eine Willensstärke Persönlichkeit, so zwingt es seine neuen Formen, deren vornehmster Zweck die Verhüllung einer Unzulänglichkeit war. allen Durchschnittstalenten auf. die ihm bewusst oder unbewusst nachahmen, und eine neue Kunstschule bilden. Nicht die 'Künstlerschaft, sondern die Macht der willensstarken Persönlichkeit der Begründer neuer Kunstschulen bewirkten. dass sich diese Schulen kürzere oder längere Zeit behaupten. In unserer neuhebräischen Schule haben wir viele Talente gehabt Einige von Jhiien zeigten die Kennzeichen 'des Genies. Doch alle hatten eän Gebrechen, das sie verhinderte, sich den alten Formen anzirbequemen. Darum haben wir so viele Stürmer und Dränger in der neuhebräiischen Literatur aufzuwetsen. Aber unter allen iehlte eine starke Persönlichkeit die ihren Naturiehler als Eigenart der ganzen Generation aufgezwungen und so schulbildend geworden wäre. Danum ist der ganze Renaüssancerummel in der hebräischen Literatur wirkungslos verhallt Es fehlte an einem ganzen, gesunden Künstler und unter den kranken Künstlern fehlt es an einer ausgeprägten Willensstärken Persönlichkeit. Einige Jahre grollte und donnerte es —dann ward es ruhig und still. Und der Renanssancerummel mit seinen Molltönen und disharmonischen Akkorden sietzte sich in der Jargonliteratur fort. Freilich ist der Kampf nicht mehr so heftig. Alle neuen kleinen und grossen Götter lagern sich ruhig in demselben Schatten mit den alten Göttern. Aber die Renaissancegemeinde des Jargon ist nicht minder, ja noch feierlicher gestimmt wie es dazumal in der hebräischen Literatur der Fall war. Festtagsstimmung iin der jüdischen Welt. Grosse Glocken wurden in den jüdischen Gassen von Wilna h(:s Warschau angebracht und ein unendliches Geläute schallt in die Welt, eine verzückte Halleluja-Stimmung über die Renaissance (n der jüdischen Sprache. Die Literatur wächst. Den alten schlossen sich neue Namen an. Neue Verlagsanstalten entstehen und neue periodische Schriften. Es wimmelt von Büchern und Talente schiesslen! wie die Pilze aus dem Boden hervor. Kurz! Festesstrmmung, Arbeit und Erwachen, einte jüdisdte Renaissance in der Warschauer Nalewka und in der Wilnaer Kominckagasse. Wird diese jüdische Renaissance deutlichere Spuren in unserem Leben und in unserer Literatur hmterlcsaen als die sogenannte hebräische? Ich weiss es nicht. Vorläufig iehlt es an der starken Persönlichkeit, welche durch neue Formen und bedeutenden Inhalt einen Kreis von Schülern in ihren Bann zu zwingen vermöchte. Ich lausche aufmerksam der jüdischen Renaissancemusik und bleibte ..kühl bis ans Herz hinan“. Denn beim besten Willen kann ich mir nicht vortäuschen. dass dies, was jetzt geschaffen wird, der „neue jüdische Weg“ ist, denn „dEe alten Gezelte Jakobs sind zu eng und die weiten europäischen Gefilde zu gefährlich“. In der jüdischen Literatur spielt sich jetzt derselbe Prozess ab, wie seinerzeit in der hebräischen Literatur während des Renajissancetumultes. Der „neue jüdische Weg“, die „neue jüdische Literatur“, nicht nur dem Namen, sondern dem Wesen nach, sind noch nicht gefunden, noch nicht geschaffen worden. Denn was uns als Renaissanceprodukte angepriesen werden, sind Früchte, die auf den weiten Gefilden der „gefährlichen leuropäischen Kultur“ gereift sind. Der Europäismus in (»er hebräischen Literatur wurde seinerzeit hebräische Renaissance genannt und der mit den alten Mängeln behaftete Europäismus in der jüdischen Literatur wird a!>s jüdische Renaissance a u s g e r u f e n. ln dem ganzen von unseren Modernen geschaffenen Wust findet man nur selten eine jüdische Note, ein jüdisches Sujet, einen ii'KÜ-