Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.. 42 sches Dorf von bulgarischen Banden geplündert wurde, 'nannte man das „türkische Greuel“,- und ebenso, wenn montenegrinische Räuberhorden christliche Grenzer abschlachteten. . Der „türkische Wolf* bekam’s auf den Pelz geschrieben,, wenn slawische Christenlämmlein sich gegenseitig mit Mord und Brand bedachten. Reisende berichteten und berichten, dass auf dem. Balkan einzig und allein der Türke das ruhige, besonnene und gute Element repräsentiert. Aber was gilt das Urteil von Augenzeugen, wenn ein Pariser oder. Londoner Journalist schaurige Balkanhistörchen schmiert! Ein altes, dicht verstaubtes Lügengewebe hat die Ba'kanverhältnisse dem Beschauer verhüllt, die jüngste Krise lässt die Tatsachen deutlich hervortreten. Mit ruhiger Würde und Kraft hat sich in der Türkei eine Wandlung vollzögen,, die anderswo — bei den abendländischen'Kulturvölkern — entsetzliche blutige Kämpfe und Wirren erheischt hat und noch erheischen wird, die Aufklärung, die Freiheit hat ein gut Stück des Weges zurückgelegt, ohne dass ihr Fuss auch nur über eine Leiche hinweggesciiritten wäre, ln diesem Osmanenreiche steckt ein guter Kern, den man in den meisten, weit höher zivilisierten Staatengebilden vergeblich sucht. Und die europäischen Mächte, die seit Jahrzehnten heuchlerisch die „Krankheit“ der Türkei Bejammern und endlos beraten und Medizinen verschrieben haben, wissen, den Augenblick, der die merkliche Gesundung bringt, nicht besser und grossartiger auszunützen, als dem Rekonvaleszenten etwras abzulisten. Die Grossen und Kleinen. Von England herunter bis zu Montenegro,. Der einzige Staat, der seine Ansprüche begründen kann, ist Oesterreich, ln1 Bosnien steckt österreichisches Kapital. Oesterreich hat in eine Wüstenei Zivilisation getragen. Nicht die österreichische Diplomatie, sondern die österreichische Arbeit hat Bosnien erobert Die österreichische Diplomatie hat es nur verstanden, durch unzweckmässiges Verstecken- und Intrigenspiel, durch ungeschickte Wahl des Zeitpunktes die Annexion in schlechtes Licht und Oesterreich, den berechtigten Gläubiger, in die' zweifelhafte Gesellschaft von Bulgarien, Griechenland, Russland und anderer teutelüsterncr Mächte zu bringen. Die Zeche zahlt bisher der österreichische Kaufmann. Die Zionisten haben das Erstehen der modernen Türkei mit Jubel begrüsst und hunderte berechtigter Hofinungen daran geknüpft. Der momentane Zustand muss Trauer hervorrufen, aber nicht Verzweiflung. Nicht mit der Schwächung und dem Zusammenbruche der Türkei wird das Spektakel 1 enden. Die verschiedenen, heute so eng verbündeten Angreifer werden sich schliesslich wütend befehden, wie schon so oft, die neue starke Türkei aber wird die Krise glücklich überstehen, hat doch das alte,. schwache Osmanenreich manch schwerere glücklich hinter sich gebracht Hetzen im Namen Gottes. . Anlässlich der hohen -Feiertage hat sich wieder einmal ein Teil der Wiener jüdischen Geistlichkeit ahtizionistisch ausgelebt.. Der Herr Oberrabbiner hat, wie berichtet wird, die zionistische Opposition höchst geschmackvoll von der Kanzel herab mit „Strassenkehrern“ verglichen, einer seiner Kollegen hat in ziemlich unverblümter Form das alte Argument des assimilatorischen Denunzianten, die Zionisten wären Antipatrioten, seiner Betergemeinde serviert Die Kuituswahlen sind vor der Türe und die geistlichen Herren wollen ihren bedrohten Brotgebern ein Dienstchen erweisen. Sie tun daran sehr recht, denn die Zionisten sind nichts weniger als Freunde dieser Sorte von Seelenhirten, ihr Programm enthält Forderungen, deren Durchführung, viele fette Rabbinatspfründen bedenklich schmälern würden. So will es den verdammten Zionisten nicht gefallen, dass jüdische Geistliche Geschenke nehmen. Jedwedes Trinkgeldsystem ist ihnen zuwider und insbesondere der Schnorrer im geistlichen Gewände verhasst. Sie wollen dem Rabbiner sein ausreichendes und fixes Einkommen gewähren, aber nicht dulden, dass er aus freudigen und traurigen Anlässen in seiner Gemeinde Kapital schlägt Das ominöse ,-,Kuvert“, welches der Brautvater oder der leidtragende Sohn dem hochwürdigen Herrn in die Hand drücken muss, auf dass seine Zunge geschmeidiger werde, soll verschwinden. An Brautbetten, und Särgen soll man , nicht Geld zusammenschnorren. Ist’s Tradition, dann zum Henker mit ihr. Auch wünschen die Zionisten keine gesonderte Geistlichkeit für Reiche und Arme. Ein würdiger Gottesmann darf seine Mitwirkung nicht' von der Höhe der Mitgift der Hinterlassenschaft abhängig machen. Auch hätte eine zionistische Gemeinde wenig Lust, in Tempeln gegen hohes Entree wohlgepflegte Zungenvirtuosen ihre pomadige Redekunst üben zu lassen, solch zweifelhafte Genüsse als „Gottesdienst“. zu verschleissen. Kurz, mancher’ müsste es bedeutend billiger und anständiger geben, oder aber das Bündel schnüren.'Dass solche „schwarze“ Pläne bei den jüdischen Oberbonzen unfreundliche Gefühle ausiösen, war vorauszusehen, Auf Brandreden von der Kanzel sind die Zionisten gefasst. Uebrigens sind sie diesmal noch ganz gut davongekommen. Sie wurden „Strassenkehrer“ genannt. Es hätte ihnen ja auch passieren können, mit „Oberrabbinern“ verglichen zu werden. * jfc l * Polnisches. Im polnischen 'Landtage hat die Scbiachta die Forderung nach weitgehendster Autonomisierung, besser gesagt: 'völliger Lostrennung Galiziens vom österreichischen Parlamente erhoben. Einige Details: Der Statthalter soll dem Landtage verantwortlich sein, nicht den Ministern, der galizische Landesausschuss soll politische Oberbehörde werden u. dgl. m. Zukunftsbild: Reichsratsabgeordnete werden, um die bisher gebräuchlichen zeitraubenden Wahlschwindeleien zu ersparen, vom Bezirkshauptmänn über Vorschlag des ■ Gendarmerie-Wachtmeisters ernannt. Zionisten und Ruthenen zahlen vierfache Steuern. Jüdische Kinder sind sofort nach der Geburt dem Kloster zu übergeben, weil der heute geübte Kinderraub und die usuelle Zwangstaufe zur Erzielung; von Massenwirkungen nicht genügend rationell erscheinen. Bauern, denen .die Kenntnis des Lesens und Schreibens nachgewiesen wird, werden mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft, im Wiederbetretungsfalle vertilgt. Das Branntweinkontingent wird verzehnfacht. Das allgemeine und gleiche Kultuswahlrecht —• der Eckstein des zionistischen Gemeindeprogramms. Dies Glaubensbekenntnis wird ein Freudengeheul der Kahalniks ausiösen, ein schwerer Stein wird ihnen vom zagenden Herzen fallen, den sie rasch aufgreifen werden, um ihn nach uns zu werfen: Wir seien Demagogen, die sich nicht, scheuen die Gemeindevertretung den Besitzlosen, ja den religionsfeindlichen Sozialdemokraten auszuliefern- Solchem Anwurfe werden wir zu begegnen wissen! Wer ist einDemagoge? Der dem Volke und seinen Leidenschaften schmeichelt, um sich zur Macht zu bringen. Wenn nun wir Zionisten für die Ausdehnung des Wahlrechtes eintreten, können wir nur auf die Sympathien jener rechnen, die'heute vom Wahlrecht noch ausgeschlossen und uns daher zur Eroberung der Gemeinde-: herrschaft wertlos sind, hingegen werden wir durch diesen Programmpunkt — lind dessen sind wir uns -voll bewusst' — den D.ünkel, die Engherzigkeit, die Aengstlichkeit vieler Kultuswähler, welche sich über ihre ärmeren Brüder erhaben fühlen und mit diesen' nicht einmal ein Quentchen Recht teilen wollen, gegen unsmobilisieren. Sei ’s d’rum! Wir, die man so gerne als »Mandatsjäger“ verdächtig machen möchte, kennen unsere Pflicht, ein heiliges Prinzip der Partei zu wahren, und mag dies Prinzip uns hundertfach bei den Wählern schaden. Kommt es uns ja weit weniger auf deren Stimmen als auf deren Ueherzeugung an. Schon, das zionistische ln der späteren Zeit fliessen die Nachrichten viel spärlicher. Eine interessante Urkunde aus dem Jahre 1496, deren Text im Buche vollständig wieder: gegeben ist, stammt vom »letzten Ritter“ Kaiser Maximilian L, in der er »seinem getreuen lieben Ulrichen von Vornspekten, Pfleger und Richter“ zu der Eysenstadt“ mitteilt, dass er dem Juden Isae Hyrsch zu Graetz samt Weiber mit Hausgesind und Hab und Güter in der Eysenstadt zu sitzen und fürbass zu wohnen und zu bleiben“ gestattet Während das Jahr 1529 grosses Leid über die jüdischen Gemeinden von Ofen, Pressburg und Oedenburg brachte, scheint es den Eisenstädtern unter ihren milden Pfandherren um diese Zeit besser gegangen zu sein; da ein Teil der ausgewiesenen Oedenburger in Eisenstadt Schutz vor den Verfolgern fand. Im Jahre 1626 kam die Herrschaft Eisenstadt endgültig an die Grafen Eszterhazy, die »ihren“ Juden meistens recht freundlich entgegenkamen. Doch das grosse Verhängnis, das in den Siehzigerjahren des 17. Jahrhunderts über die Eisenstädter Juden hereinbrach, konnten auch sie nicht abwenden. Der »edle“ Bischof Kollonitsch von Wiener-Neustadt hatte die Vertreibung der Juden aus Wien durchgesetzt und kurze Zeit nachher mussten auch die Eisenstädter Juden zum Wanderstabe greifen und den Untergang ihrer alten Gemeinde beklagen. — Dem. »0 b erhof- und Kriegsfaktor“ R. Samson Wertheimber, der sich auch sonst um .Oesterreichs Juden vielfach ausgezeichnet hatte, gebührt das Verdienst, an der Wiederbegründung und Neubelebung der Eisenstädter Gemeinde in hervorragender Weise Anteil genommen zu haben. Durch den späteren Rabbiner Eisenstadts Meram Asch, liess er ein Gutachten ausarbeiten, wonach alle ehemaligen vermögenden Gemeindemitglieder gezwungen wurden, entweder in die alte Gemeinde zurückzukehren, oder lebenslang zu den Lasten der Gemeinde beizutragen. Die Folge dieser strengen, aber begründeten Massregel war das neuerliche Aufblühen von Eisenstadt Nicht nur die Emigranten kehrten wieder zurück, sondern auch sonst wurde Eisenstadt das Ziel einer starken Einwanderung, nicht nur aus Niederösterreicb, sondern auch aus Mähren, zum Beispiel aus Nikolsburg, von wo Mose ben Josef Austerlitz und Abraham ben Mose Spitz, der Stammvater der Eiserstädter Familie Spitzer, kommen. Auch in den folgenden Jahrhunderten war eine starke Einwanderung aus Mähren zu konstatieren: es waren meist die jüngeren Söhne, die ein böswilliges Gesetz zum unfreiwilligen Zölibat verbannte. — Man würde fehlgehen, wenn man den Häuptwert der Markbreiterschen Arbeit in den mit grossem Fleisse zusammengestellten historischen Notizen sehen würde. Nicht so sehr daran, als an dem kulturhistorischen und familiengeschichtlichen Materiale wird der Kenner seine Freude haben. Besonders an dem familiengeschichtlichen, denn die jüdische genealogische Forschung ist seit David Kaufmanns Tod etwas ins Stocken geraten und nur wenige Forscher, wie ziim Beispiel Freudenthal und.Braun in Deutschland und Dr. Wachstein in Wien wenden ihr das verdiente Augenmerk zu. Hoffen wir aber, dass Markbreiters Studie über Eisenstadt viele andere zu eingehenden geschichtlichen Forschungen veranlassen wird, damit die Urkunden jüdischer Vergangenheit fürderhin nicht in verstaubten Archiven schlummern, sondern in das lebensvolle Bewusstsein der jüdischen Gegenwart übergehen. . Aus der jüdischen Bücherweit. Von Ä. Loubetzky. I. Renaissance in der Judengasse; Nachdem die Sturm und Drangperiode ln der grossen Welt vorbei war, erstand sie in der engen Judengasse. Schon seit Jahren 'begann man in unserer jüdischen Welt in die grosse Trompete zu stossen. Wenn dies auch mit schwachen Lungen und schmächtigen, eingedrückten Brustkästen geschah, was tut es? Soviel es ihm die schwachen Kräfte erlaubten, stress jeder in die grosse Trompete, mancher auch über seine Kraft, und Renaissance, Umwertung der Wierte, Erwachen der Toten und noch andere bekannte alte und neue Worte erschollen und nahmen die jungen Herzen der Ghettojüngluige gefangen. Jahre sind schon verflossen, seitdem sich unsere jungen hebräischen Literaten als Wecker und Rufer präsentierten — für die grosse Erlösung, die jüdische Befreiung als Parailelersohefnung zur europäischen und allgemeinen Weltemanzipatöon.; Man weckte, rief und