Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufst eilen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Vertretungen In der Provinz . . . □ . Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., <$>äpkeosfrasse 9- Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Q— — - -— - -n Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. Abonnementsprais#: ln Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Manuskripte werden nloht zurückgestellt. In Brünn : Zeitungsburean, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — ln Lemberg: Karl BuchstaD. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 42 Wien, Freitag, den 16; Oktober 1908. tl. Jahrgang. s den) Jobalte: Der Tnrkenrummel. Hetzen im Hamen Gottes. Polnisches. Das allgemeine und gleiche Kultuswahlre cht. Die Kultuswahlen: Dr. Stern der Gütige — , Diohtnng und Wahrheit. Eine Zuschrift. Ans dem jüdischen I>eben:' liberale Wohltätigkeit. Parlamentswahlen inPalästina. Lemberger Brief. Das jüdische1 Museum. Feuilleton: Aus einer alten Judenstadt. Ans der jüdischen Bücherwelt. laste der Überläufer. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. An unsere Abonnenten. Wir ersuchen diejenigen Abonnenten, deren Bezugszeit am 30> September abgelaufen ist um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, da sonst eine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes unvermeidlich ist. Gesinnungsgenossen! Die Kultuswahlen nahen heran und das lebhafte Interesse, welches schon jetzt in allen Bevölkerungsscbichten sich hierfür zeigt, wird jeden Gesinnungsgenossen gewiss veranlassen, die am Montag den 19. Oktober im Lokale des zionistischen Zentralvereines IX., Türkenstrasse 9 stattfindenden MsuöirapliiBg zu besuchen.; - v V Tagesordnung: 1 Die Notwendigkeit des Wahlkampfes. Referent Reichsratsabgeordneter Dozent Dr. Arthur Mahler. 2 Programm. Referent Dr. Zweig. 3 Allgemeine Besprechung über die Kandidaturen. Einleitendes Referat Dr. Paul Weisengrün. Pünktlicher Beginn 8 Uhr abends. Das oppositionelle Knltuswahlkomitee Wien, IX., Türkenstrasse 9. Rundschau. Der Türkenrummel. Im AUerheiligsten der Christenheit, in der Grabeskirche zu Jerusalem, steht ein türkischer Wachposten. Ein Bild, das fron-ungläubige Herzen tief verletzen muss.. In höchste Weihe heidnischer Uebermut frech hineingeprlanzt . . . Gefehlt! Der Türke hat den Posten hingestellt, weil nur zu oft christliche Pilger, Fanatiker verschiedener Sekten, im Angesicht ihres Erlösers wütend über einander herfielen und sich zerfleischten. Nicht zu höhnen und zu verletzen, nur um den heiligsten Ort der Christenheit vor Entweihung durch Christen za schützen, nur darum steht der Heide dort. Wie stimmt das mit der alten Mähre von vergewaltigten heiligen Stätten, vom geweihten Lande, das unter demütigender Herrschaft Ungläubiger seufzt? Sähe er die Dinge wie sie sind, nicht wie sie in der Fabel scheinen, dann würde manch Cbristgläubiger die Träne um Zion trocknen und den Wunsch nach Befreiung des heiligen Ortes aus türkischer Herrschaft sachte fallen lassen. Der Türke ist tolerant, wie selten einer, er ist dem Palladium der Christenheit ein besserer Schützer als es mancher abendländische Protektor wäre. Sähe er die Dinge wie sie sind und nicht verzerrt, wie sie im politischen Spiegel erscheinen, dann würde so mancher Schwärmer für „europäische“ Kultur das brennende Sehnen nach der Befreiung des Balkans von türkischem „Joche“ weise kühlen und dämmen. „Türkische Greuel auf dem Balkan“ hiess die ständige Rubrik unserer Zeitungen. Was enthielt sie? Wenn ein. g r i e c h i- FEUILLETON. Aus einer alten Judenstadt. Von Paul Diamant, Wien. Zu Beginn und noch mehr in der Mitte des XIX. Jahrhunderts vollzog sich innerhalb des jüdischen Volkes ein höchst eigenartiger Prozess. Während bis dahin die Juden meistens Bewohner des flachen Landes und derkleinen Städte waren, begann um diese Zeit — begünstigt durch die. Emanzipation und den wirtschaftlichen Aufschwung — die Auswanderung in die Grossstadt. Natürlich waren es die Vermögenden, die in' -der bis dahin verschlossenen Grossstadt ein besseres Feld für geschäftliche Unternehmungen suchten sowie die jüngeren unternehmungslustigen Elemente, die dem Heimatsorte den Rücken kehrten und zum Beispiel von Westungara und Galizien nach Wien, von Posen nach Berlin und aus dem Eisass nach — Paris zogen. Diese höchst interessante Erscheinung wurde meines Erachtens von den jüdischen Geschichtsschreibern, 'die sich mit der jüngsten Geschichte des jüdischen Volkes beschäftigen, noch viel zu wenig beachtet und erörtert. Auch die Soziologen,.die sich ein wenig mit dem Problem des Judentums beschäftigen wollen (vielleicht gibt es solche), seien nachdrücklich auf diese Wanderung und ihre sozialen Folgen aufmerksam gemacht. Denn kein anderes Ereignis in der neuzeitlichen Geschichte der Juden — nur vielleicht die sich vor unseren Augen vollziehende, noch nicht abgeschlossene katastrophale Proletarisierung der jüdischen. Kleinbürgermassen in Osteuropa hat so nachhaltige Wirkungen auf die soziale Struktur, auf das religiöse und kulturelle Leben, ja überhaupt auf das gesamte nationale Wesen unseres Volkes gewirkt. Aus dem kleinen Krämer und Zwischenhändler wurde ein- Kaufmann oder Fabrikant, aus dem schlicht Gläubigen ein widriger Heuchler oder ein überlegen spöttelnder Rationalist, aus dem Kehillajuden, in dem ein tüchtiger Teil von Nationalismus latent schlummerte, ein seiner Nation entfremdeter Assimilant. Die Träger der modernen bewussten, nicht mehr bloss latenten Nationalidee haben wohl heute schon zum Teile eingesehen, dass man bei der Wiedernationalisierung unseres Volkes nicht nur an das jüdische Altertum, sondern auch vielleicht mit nachhaltigem Erfolge an die durch, die oben erwähnte Wanderung beendetevormärzliche Zeit, die ja auch der gegenwärtigen Generation in lebendiger Erinnerung steht, anknüpfe solle. Von diesem Gesichtspunkte aus können wir das uns vorliegende Buch ,Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt“,*) nach archivalischen Quellen bearbeitet» von M. Markbreiter mit grosser Freude begrüssen. Von den vielen westungarischen Judengemeinden, die den grössten Teil ihrer Einwohner an Wien abtreten mussten, ist Eisenstadt eine der bedeutendsten gewesen. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Asch S7K, wie Eisenstadt mit der kurzen hebräischen Bezeichnung lau! et, reicht weit ins Mittelalter zurück. Schon im Jahre 1373 ist die ständige Anwesenheit von Juden in Eisenstadt bezeugt, und zwar durch eine Urkunde, in welcher Bischof Stephan von Agram, Bischof Johannes von Erlau und der erwählte Bischof von Gran bei Bestätigung der Stadtpriviligien bemerken, dass sie auf eine Steuer von 70 Pfund Pfennigen jährlich Anspruch haben, und zwar von , Christen und Juden“ innerhalb und ausserhalb der Stadt. Hieraus folgt — wie Marktbreiter bemerkt — dass schon zur damaligen Zeit Juden längere Zeit in Eisenstadt ansässig gewesen sein mussten. Durch eine Urkunde aus dem Jahre 1126 wird bezeugt, dass zu dieser Zeit die Ansiedlung der Juden fortgedauert hatte. Es ist dies eine Urkunde der Grafen Ladislaus und Johann Hornstein, Neffen des früher genannten Bischofs Stephan von Agram, in der die frühere Klausel von der Steuerleistung der Christen und Juden wiederholt wird. *) Verlar des humanitären Vereines der Eisenstädter in Wien, Wien 1908.