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Jüdische Zeitung · 1908-10-09 · 41 (9.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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.Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Steuerzahler in selbstherrischer Weise einfach igno'nsort. Kultuspräsident Stern hat sich damit begnügt, in der letzten Sitzung des Kultusvorstandes die erhabene Beschuldigung als grundlos zu bezeichnen, während es seine Pilicht dem verdächtigten Beamten gegenüber wäre, eine Berichtigung dort zu erfzwingen, wo die Beschuld:- gung erhoben wurde. Traurig ist das Los der Beamten, die einem solchen „Beschützer “ ausgeliefert sind. g. Aus dem jüdischen Leben. Eine antizionistische Lüge. Lemberg, Die Assmilanten freuen sich immer, wenn es ihnen gelingt, irgend einen antizionistischen Jemand von bekanntem Namen auizutreiben, um dann vor der ganzen Welt zu posaunen: „N. N. ist auch ein Antizionist!“ Diese Praxis übten sie auch bei Morris Rosenfeld, der vor allem ein jüdischer Dichter ist und als solcher unbekümmert um seine Parteistellung die Wertschätzung des jüdischen Volkes verdient. Frohlockend schrieben „Jednose“, „Glos“ und „Der Sozialdemokrat“, Rosenfeld sei ein Antizionist und hätte des öfteren den Z.onismus einer vernichtenden Kritik unterzogen. Die Lügen dieser Blätter bestimmten nun einen Drohobyczer Zionisten, Gg. Max Ros-enfeld, den Dichter anlässlich seiner Anwesenhe.t in Drohdbycz zu besuchen und ihn;.n Gegenwart von Zeugen über son Verhältnis zum Zionismus zu befragen. Ueber das Resultat dieser Unterredung berichtet Herr Max Rosenfeld äm „Wschöd“ folgendes: „In Gegenwart der Herren Wilhelm Rosenfeld, Melsel und Oskar Alexandrowicz fragte ich den Dichter, ob er von den Behauptungen des „Glos“ und des „Sozialdemokrat“ Kenntnis habe. Morris Rosenield entgegnete darauf: „Den „Glos“ kenne ich nicht und der „Sozialdemokrat“ üst ein Hetzblatt. Sie fragen, ob ich Zionist sei. Lesen Sie meine Gedichte! Ein besonderes Buch trägt den Titel „Nationale Lieder“. Ich selbst war. Delegierter am IV. Zionistenkongress m London und gehörte der Kulturkommission an. Meine Eindrücke habe ich in diesem Buche wfedergegeben.“ Bei diesen Worten gab er dem Herrn Wilhelm Rosenfeld ein Manuskript, betitelt „Napoleon und Herzl“, Persönliche Eindrücke vom IV. Kongresse. Am nächsten Tage erklärte Morris Rosenfeld, dass er im nächsten Jahre in Palästina sein werde und dass er alle Bücher, die er auf seinen Reisen zum Andenken bekommen habe, der Nationalbibliothek in Jerusalem schenken werde. Auf die Frage, warum er den asstmiSlatorischen Lügnern nicht entgegentrete, antwortete der Dichter: „Ich will meine Hände .rticht in diesen Schmutz stecken; mögen sie schreiben, was sie wollen — die Zionisten haben meine Werke.“ * * * Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Lemberg. Am 29. September fand iln Lemberg eine. zahlreich besuchte Studentenversaimmlung satt, welche sich mit diar Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen befasste- Der Referent Herr Rieht ejr schlug nach einem glänzenden Referate der Versammlung folgende Resolution vor. Die am 29. September versammelten jüdischen Studenten anerkennen dlie Notwendigkeit, eine Aktion zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Lemhergen Universität urtcl technischen Hochschule einzuleiten. Sie wenden sich an die beiden akademischen Senate mit der Forderung, die Wünsche, der jüdischen Studenten zu berücksichtigen und erklären, dass sie unermüdlich und unerschrocken ihre Forderungen verteidigen werde. In der Diskussion sprach, lebhaft akklamiert, RRAbg. Dr. Gabel, welcher die Versicherung abgab, dass der Jüdische Klub die 'Bestrebungen der jüdischem Studenten auf das werktätigste unterstützen werde. Einer der folgenden Redner, Herr RoSenfe Id, schlug folgende Resolution vor: Die Versammlung fordert alle jüdischen Studenten auf: 1. anlässlich der Inskription die Rubrik .Muttersprache“ im Nationale mit „Jüdisch“ auszutiillen; 2. bei den Promotionen Diplome „sine natione“ zu verlangen, 3. forder-t die Versammlung den Jüdischen Klub auf, die Aktion der Studenten zu unterstützen. * * * Wie sie sich helfen. Lemberg. Im Jahresberichte der Lemberger Polytechnischen Hochschule findet man ein Beispiel einer eigenartigen Tatsachenentstellung. Die jüdischen Studenten der Hochschule füllten n vergangenem Jahre die Naconalitütenklausel mit „nationallos“ aus, weil sie sich nicht als polen bezeichnen wollten und -litten verwehrt wurde, sich Juden zu nennen. Im Jahresberichte findet ntau nun in einer Rubrik „andere" (d. h. weder Polen, noch Ruthenen, noch Deutsche) unter 132 Studenten 111 mosaischen Bekenntnisses. Welcher Nation gehören diese 111 Juden an? Die Antwort auf diese Frage scheut der Senat, er umgeht s.e lieber und macht sich lächerlich. * ij. * Furchtbare Panik während des Neujahrsgottesdienstes. Budapest.-In der orthodoxen Synagoge von Marmaros-SAget ereignete sich am Vorabend des Versöhnungsfestes ein grosses Unglück, das den Tod von fünf Personen zur Folge 'hatte. Der Vorfall .ist umso bedauernswerter. als dessen Ursache ein Bubenstreich ist. Während der Tempel nämlich von Gläubigen dicht besetzt war, rer eine bisher unbekannte Person von der Strasse beredt: „Es brennt!“ worauf die Andächtigen in wilder Eile die Flucht ergriffen. Viele Personen wurden hiebei niedergeworfen und mit Füssen getreten. Der Kantor hatte eben das Kol-N’dre angestimmt. Des Publikums bemächtigte srch eine ungeheure Panik und alles drängte zu dem einzigen Ausgange. Cer Rabbiner suchte vergebens beruhigend auf die Menge ef'inzuwlirkeii. Als endlich die Temp.lbesucher das Freie erreicht hatten, konnte min wahrnehmen, welch schreckliche Folgen der Bubenstreich hatte. Der Boden war mit Verwundeten gedeckt- Nach der bisherigen Untersuchung beträgt die Zahl der Verletzten gegen Vierzig. Ais die Aerzte das Rettüngswerk begannen, .stellte es sich heraus, dass von den Verunglückten fünf tot warien. Einem Kaufmann war der Brustkorb e.ngedriiekt, die anderen Unglücklichen hatten den Erstickungstot erlitten. Viele Frauen trugen dadurch schwere Verletzungen davon, dass sie von der Galerie herabsprangen. Die Untersuchung nach dem Uebeitiiter. der den falschen Feueralarm verursachte, ist bisher ohne Erfolg verlaufen Der orthodoxe Tempel ist übrigens ein altes Gebäude, weshalb auch der Präsident der Gemeinde die dortige reformierte Gemeinde um Ueberlassung Jder Turnhalle gebeten hatte, was aber verweigert worden war. * .j. * Ein Denkmal für die Opfer, der Pogrome. Bialystok. In einigen 'Monaten soll für die i im Pogrom von 1905 gemordeten Juden ein Denkmal errichtet werden. Dr. Mohilewe r, der Rabbiner von Bialystok, ist bereits im Besitze eines grossen Granitblockes und der Dichter B i a 1 i k istmit der Abfassung einer Inschrift betraut worden * * * Russische Aufklärung. Petersburg. Am 2. Tage Rosckbaischonoh wurde in den Synagogen ausgerufen, diesmal das „Ta s c h 1 i c h“m ac h.e n zu unterlassen, weil in den unteren Volksschichten das Märchen seinen Umlauf halte, das Wasser sei von den Aerzten und den Studenten vergiftet worden und unter diesen Umständen das Beten von Juden am Wasser schlimm aufgefasst werden könnte. * * * Die Tauiseuche in Russland. St. Petersburg. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in Russland angesichts der unglaublichen Anzahl von Beschränkungen der Juden und deren einschneidender Wirkung auf alle Lebensverhältnisse sich immer eine greise Anzahl wenig charaktervoller Juden fanden, die den äusserlichen Uebertritt zur griechisch-orthodoxen Kirche dem dauernden Kampf vorzogen. Manchen ist das bisweilen sehr schwer geworden, aber es blieb Einzelnen oft keine andere Wahl. In neuerer Zeit beginnt aber die Tauiseuche vielfach auch solche zu erfassen, die nicht vor einer fast unerbittlichen Notwendigkeit Stehen, sondern die den Uebertritt einfach aus Bequemlichkeit vollziehen. Nun kann man nicht einmal sagen, .dass die russische Regierung die Taufe besonders erleichtert, wenn natürlich auch für den Getauften alle Beschränkungen, die iiir die Juden gelten, mit einem Schlage [allen. Eine kleine ganz raffinierte Anordnung ist es. die auch den Getauiten noch stigmatisiert und ihm das Leben oft recht unbehaglich macht. Ls wird den Getauften nämlich in den Pass, den in Russland bekanntlich jeder haben muss, hinter der Angabe seines gegenwärtigen Glaubens eingetragen „früher Jude“. Trotz dieser und noch mancheanderer kleinen Schikanen beginnt die Tauiseuche in Russland allmählich grosse Dimoiis onen anzunehmen, und es lassen sich jetzt gar viele tauten, nur um in eine Schule oder um in eine Universität auigenoinmen zu werden, was früher immerhin selten vorkam. Es wäre an der Zeit, dass die leitenden Kreise der jüdischen Organisationen in Russland dieser Erscheinung ihre ernste Aufmerksamkeit zuwendeten. Ist .Mich in-vielen Fällen au dem Getauiten iiir das Judentum wenig verloren, so bleibt doch jedenfalls die .starke Zunahme der Taufen ein bedenkliches Zeichen der Erschlaffung. * * * Das Elend der Juden in Odessa. Odessa. Die Odessuer jüdische Hilisgesellschait für arme und kranke Juden „Esrath Cholint" -veröffentlicht in den Odesjsaer Zeitungen einen Brief, dessen Inhalt von dem wahrhaft erschreckenden Eiend eines grossen Teiles der Odessaer Juden berichtet. Nach einer genauen von der Gesellschaft geführten Statistik leben gegenwärtig ungefähr 50-iino Juden, d. h. ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung von Odessa, in grosser Armut und Not. Die allermeisten von diesen 50.000 haben überhaupt keinen ständigen Verdienst und sind also darauf angewiesen, von der Hand in den Mund zu leben. Aber sogar diejenigen, die ziemlich regelmässige Einkommen haben, verdienen so blutwenig, dass sie kaum das trockene Brot aus ihrem Verdienst erwerben können. So verdienen z. B. die Obstverkäufer grölsstenteils 30, 20, ja viele sogar nur 10 Kopeken täglich. Eine andere Kategorie aber verdient höchstens 30 bis 5n Kopeken täglich, wovon sie noch zumeist ln bis 15 Kopeken pro Tag an Abgaben bezahlen müssen. Die Wohnungen, in denen diese Aermsten der Armen hausen, sind feuchte, iinstere und kalte Löcher, und oit wohnen noch drei bis vier Familien in einem einzigen dieser sogenannten Zimmer! Bei diesen hygienischen Verhältnissen nimmt es natürlich nicht Wunder, dass die Leute an allen möglichen ansteckenden Krankheiten leiden, und dass Diphtherie und Scharlach, Typhus und Schwindsucht bei ihnen ständige Gäste sind. Namentlich die Tuberkulose wütet furchtbar unter diesen armen Juden. Die GeselJschaft wendet sich deshalb au die gesamte jüdische Bevölkerung von Odessa mit der dringenden Bitte, ihr Mittel zuzuwenden, damit sie diesem unsagbaren Elend eniigermassen steuern könne. * * * Jüdische höhere Schule in Warschau. Warschau. In Warschau wurde eine achtklassige höhere jüdische Koinmerzschule gegründet, für die als Unterrichtsgegenstände neben den an diesen etwa den Realgymnasien gleichstehenden Schulen üblichen auch hebräische Sprache, Literatur und jüdische Geschichte emgefiihrt sind. Auch werden an dieser Schule die Sonnabende und alle jüdischen Feiertage, .statt des Sonntags und der christlichen Festtage, gefeiert. Diese Kommerzsclntle ist die erste höhere Lehranstalt im Königreich Polen, die als rein jüdische Schule geführt wird und die hebräische Sprache und Literatur etc. als allgemeine Fächer — nicht versteckt im Religionsunterricht — anerkennt. * * * Die Premiere des neuen jüdischen Jahres. Lissabon. Telegramme aus Lissabon berichten über grosse Ausschreitungen, die in Lissabon während der Bestattung eines israelitischen Kaufmannes namens Paul Cagy begangen wurden.

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