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Jüdische Zeitung · 1908-10-09 · 41 (9.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 Unsere jung jüdische Parole lautet- Nationaler Individualismus, nicht nationaler Chauvinismus. Sowie die Freiheit des Individuums allein die Grundlage moderner sozialer Einrichtungen sein kann, so “bildet die Autonomie und Gleichberechtigung der Nationen das alleinige Fundament eines modernen Völkerstaates. So verdammenswert der offensive Nationalismus der Chauvinisten ist, so berechtigt, ja selbstverständlich ist der defensive der jüdischen Nationalisten, welcher die Verteidigung des engen Volkstums bezweckt Der jüdische Nationalismus basiert auf die Freiheit des Individuums, er steht in keinem Gegensätze zu den sozial-ethischen Prinzipien der Menschheit Nicht ohne oder gegen ihn, sondern nur basierend auf ihn, kann der Antisemitismus überwunden werden. Dr. K. Die Wiener Kultuswahlen. Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 6. Oktober 1908. Das Wunderbare ist geschehen und die Kultusvertretung der Wiener Judenschaft, dies Dornröschen, hat sich von dem Liebeswerben der Opposition zu einer öffentlichen, sage und schreibe öffentlichen Sitzung wachküssen lassen. Herr Dr. Stern präsidierte und hielt, von einer Serie beamteter Einbläser umringt schreckliches Totengericht über die Opposition. Erst liess er alle Entscheidungen über die Beschwerden verlesen, welche seit Jahr und Tag von dem und jenem gegen den Kultusvorstand erhoben worden und dann folgte der,Kommentar“ zu den obigen Beschwerden und zu den während des letzten Halbjahres in den jüdischen Blättern Wiens gegen den Kultusvorstand erhobenen Vorwürfen. Ein halbes Jahr nämlich hatte der Sommerschlaf des Vorstandes gewährt Auf das eineinhalbstündige Präsidialreferat dessen Entstellungen zu gelegentlicher Besprechung Vorbehalten bleiben, folgte eine „Debatte“ im Ausmasse von höchstens 5 Minuten! Herr Baurat Marmorek säuselte, ob der Herr Präsident nicht vielleicht doch die Reklamationsfrist etwas ausdehnen könne, da nicht alle Zensiten von der neuen Praxis gewusst haben dürften und Dr. Stern erwiderte, der Drucker (!) erlaube keinen Aufschub. Dann frag Herr Kauders in seiner urwüchsigen Art, wieso es komme, dass er als Kultusvorsteher erst jetzt von der ganzen „Prozedur“ des Präsidenten bis nun nichts gewusst habe. Darauf schnauzte Dr. Stern den Vorlauten wortwörtlich an: „Sie waren verreist Das Vertreterkollegium hat den Vorgang gewusst, und damit auch die anderen Kultus vor steher wissen, was vorgegangen ist habe ich es Ihnen heute Mer mitgeteilt Damit ist die Sache erle digt und wir gehen zu einem angenehmeren Punkte über.“ Und wirklich setzte sich Herr -Kauders wie ein Schulbub verschüchtert nieder und auch den anderen 35 verschlug der Schrecken vor ihrem .geliebten“ Präsidenten die Rede. So oft ich noch segensbereit in die Sitzungen des Wiener Kultusvorstandes geeilt bin, habe ich — ein umgekehrter Bileam — mit dem Rufe umkehren müssen: „Wie ermedrigt sind deine Zelte, Jakob! Deine Wohnungen, Israel!“ Michael. * * * Die erste Wählerversammlung Der Israelitische Wählerverein veranstaltete Donnerstag den 1. d. iM, abends in Ottakring eine Kultuswählerversammlumg, die — ein Zeihen der Zeit — sehr gut besieht war. Den Vorsitz führte der Veneinsobmaoh Herr Bernhard Trnka: Der Wählerverein greife so früh in die Wahlaktion ein, um zu verhindern. dass wie m früheren Jahren den Kultus Wählern unbeliebte Kandidaten aufoktroyiert werden. Trotz des vor 2 Jahren vom Kultuspräsidenten Dr. Stern gegebenen Versprechens, dass heuer die Bezirke XVI, XVII bei der Mandatsaufteilung berücksichtigt weriden, 'habe es den Anschein, dass diese Bezirke wieder leer, ausgehen. Dr. Stern selbst habe es ihm gesagt, es s -i leider kein Platz vorhanden — — Der Referent Herr Q o 1 id b 1 a 11 entwickelte dias Programm des Wählervereines: Bezirksweise Wahl, Steuerreform und Dezentralisierung dies Armenwesens, berührte auch den Wahlrechtsraub und erklärte, ein Zusammengehen m-t -den Offzjellen für solange als untunlich, als die Bezirke XVI, XVII kernen Vertreter im Vorstande haben. Der Referent schloss mit den Worten: „Ich bin kein Zionist, jedoch kann -ich viele Programmpunkte der Zionisten unterschreiben, da sie echt jüdisch lmid demokratisch snd.“ Als erster Dehatter spricht Herr. Max Markus, 'der bei allem Lob für die sachlichen Ausführungen des Referenten eine weniger scharfe Betonung des Bezirksstandpunktes und vielmehr eine Herausarbeitung der allgemeinen Fragen ge-v wünscht hätte. Auch der Obmann der Bezirks- Vertretung Ottakring stehe im Gegensatz zu all seinen Kollegen, mit seinen Sympathien für den Kiltusvorstand allein. Die. dringend nötigen Re- •Jonmen. des Steuersystems, der Koschertleische nrichtung, des Armen-, Kranken- und Friedbofswesens können nur durch vereinten Ansturm der Opposition aus allen Bez: rkeu gelöst werden. lnsbesonde:e die Schlussausführungen betreffend den Wahlrechtsraub, fanden Jauten Beifall. 'Der Obmann der Bezirksvertretung Ottakrug, Herr T r, e b:. t s,c h, erklärte, bei seinem Vertrauen für den Kultusvorstand verharren zu müssen, da dieser .hn für Bez:rkszwecke 400 K zu Schuhreparaturen und einige _ Hundert Kilo Mazzes bereitgestellt habe. Dieser Meinung schlossen sich auch die Herren Pollitzer und Weiner von der Chewna'kadischa an. Dr., Adler, Sekretär der Kultusgemeinde, suchte den Kultusvorstand in allem zu rechtfertigen. So wende dieser demnächst eine wahrhaft koschere Selcherei in eigener' Regie hersteilen; die Wählerliste sei diesmal genau mach dem Statut angelegt worden aus Angst vor den drohenden 'Protesten der Opposition; es sei allerdings das Streben des Kultusvorstandes, private Bethausunternehmungen und Mmjamin soweit als möglich zu beschränken. Wirklich erfreulich war die Ankündigung, dass der Kultusvorstand im Gegensätze zu früher mehrere .Wählenversammlungen abhalten werde, und zwar auch in den äusseren Bezirken. -Hern P1 a s c h :k e s legte in ausgezeichneter, volkstümlicher Weise das Unjüdische der ganzen Wiener 'Kultusgemeindeverwaltung dar. Nachdem die Herren Markus und Dr. Aid 1 e r wi'edeiiholt polemisierend in -die Debatte eingegriffen hatten, sprach Dr. Josef Zipser, legte die Widersprüche des Wiener Kultusstatutes mit dem Judengesetze vom Jahre 1890 dar und verwies insbesondere auf die Fiktion der Vertrauensmänner bei der Wahl neuer Rabbiner. Durch die Ausführungen der oppositionellen Redner sah sich der Wähler Unterberger veranlasst, an die 'Anwesenden einen Appell zu 'richten, dass sie sich nicht mit einem Mandat für den Bezirk abspeisen lassen, sondern in strammer Opposition gegen den derzeitigen Kultusvorstarad verharren sollen. fliemit schloss um halb 12 Uhr nachts die von Herrn Trnka aufs würdigste geleitete Versammlung. * * * Das Vorgehen der Kultusgemeinde am zweiten Neujahrstage. ■Am 29. September d. J. fand hn Saale des Cafe Stefanie eine ad hoc einberuiene Versammlung der Obmänner der in Wien bestehenden WVfhltätigkeits- und Betvereine statt, in welcher das Vorgehen der Kultusgemende anlässlich der am zweiten Neujahrstage erfolgten Sperrung des Vereinslokales „Linaz Hazedek“ besprochen wurde. Die Versammlung wa.r überaus zahlreich besucht, denn die Empörung über das rücksichtslose Vorgehen des Kultusvorstandes kette im II. und XX. Bezirk, wo sich de Nachr.cht von der gewaltsamen Sist.euung des Gottesdienstes wie eil Lauffeuer verbreitet hatte, efintn tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Der Versammlungsernbenifer Herr Dr. Zipser referierte über den Vorfall und erteilte dann Herrn Sess e 1/ Sekretär des Vereines „L.naz Hazedek“, das Wort; Herr -Sessel schilderte nun in schlichter, aber 'beredter Weise den empörenden Vorgang, wie. die beiden Delegierten der Polizei zuerst die betende Gemeinde aufforderten, im Lesen der Thora iimezuhalten und das Bethaus zu sperren, und wie sie dann, als ihnen entgegengehalten wurde, dass man unmöglich - den Gottesdienst unterbrechen könne* die gewaltsame Räumung des Betlokales durch 'Wachleute androhten. Hierauf sprach der Ehrenpräs.dent des Vereines „Linaz Hazedek“ Herr L» ft c z i c z. Er hob mit Bedauern hervor, 'dass der Kultusvorstand die Mitglieder des Vereines nicht nur im Gebet rücksichtslos gestört, sondern sie durch sein Vorgehen in die traurige Zwangslage versetzt hat, ‘bei einem a n si e m ii t i s c :h e n Bezirksvorsteher v «in dte n Vorstehern i h r e r e i g e n en Gemeinde Schutz zu suchen. Dieses Verhalten des Kultusvorstandes sei umso unerklärlicher* als dem Bruder des Redners Herrn Dr. Karl Liftczicz, in der Kultusgemeinde mündlich die offizielle Zusicherung gegeben wunde, dass dem Vereine die Abhaltung eines Gottesdienstes an den hohen Feiertagen nicht untersagt würde. Der Redner stellte den Antrag, es möge ein ZentTalverban'd aller kleinen Wohltätigkeits- und Bethiausvereine gebildet werden, um den Uebergriffen der Kultusgemeinde erfolgreich Widerstand bieten zu 'können, und zur Durchführung dieser Organisation aus der Mitte der Anwesenden ein Komitee zu bilden. Herr Dr- R y b a c z e wsk y bespricht sodann sehr leidenschaftlich die jetzige Wirtschaft in der Kultusgemeinde; das, was sich die Kultusgeme.nde im Betlokale „Lfnaz Hazedek“ erlaubt habe, sei. mehr als ein gewöhnlicher Uebergriff und man könne sich darüber dicht stillschweigend hirwegsetzen. Er stelle daher den Antirag, die Vei Sammlung möge dem Kultusvorstande wegen der oberwähnten Vorgänge diie tiefste Entrüstung ausdrücken und überdies sei dieser Vorfall der Staatsanwaltschaft zur Anzeige zu bringen, da während des Gottesdienstes, nicht etwa vor öder nach demselben, engeschritten wurde und der Verdacht bestehe, dass der Tatbestand der Rcligionsstörung oder eines ähnlichen strafbaren j Deliktes vorliege. Dieser Antrag, wie auch der; Antrag des Herinn Liitczicz wurde von der Ver-! Sammlung einstimmig angenommen und in das I Komitee zur Vorbereitung des Zentralverbandes übei Antrag des Herrn Dr. Dnucker sämtlicher Obmänner der vertretenen Vereine gewählt. Aus diesem Komitee wuitde ein engeres Exekutivkomitee gebildet und in dasselbe die Herren Pappenheim, Dr. Zipser, Dr. Drucker, Dr. Rybaczews'ky und Sessel gewählt. Gleichzeitig wurde beschlossen, eine Entriistungskur.dgebimg gegen die Kultusgemeinde zu' veranstalten und zu diesem Zwecke für den 14. Oktober eine Volksversammlung efnzube rufen. An der weiteren Debatte, die überaus würdig verlief, beteiligten sich die. Herren Pappenheim, Torczyner, Klausner, Nagel, Schmuc k er, Kt uh u. a. m. * * * Der Kultusvorstand und die Beamten. Wir haben in der vorigen Woche die Nachricht gebracht, dass das „Deutsche Volksblatt“ gegen einen Beamten der Kultusgemeinde eine schwere Beschuldigung erhoben hat. Es lag uns ferne, durch die Reproduzierung dieser Nachricht die Beamten der Kultusgemeinde blosszustellen. Wir wollten lediglich an einem eklatanten Beispiel zeigen, dass der Kuitusvorstand auf eine Reklamation vön aussenstehender, und diesmal 'uns feindlich gesinnter Seite alles mögliche veranlasst während er berechtigte Beschwerden jüdischer

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