Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 JÜDISCHE ZE1TCNU Seite 3 Herr Bloch, ich erbitte Antwort auf meine klare Frage,‘wer ihre Schützlinge an der so nahe liegenden Statutenänderung gehindert hat?! Etwa die Opposition? Oder das Ministerium, welches seit 1896 bereits 6 Statutenänderungen glatt bewilligt hat? Wir wären froh, wenn unsere tief empfundenen Beschwerden beim Wiener Magistrat und den anderen Behörden nur halb so willig Gehör fänden, wie Dr. Stern mit seiner altliberalen Garde. Es ist darum mehr als abgeschmackt, wenn dieselben Herren, welche sogar den Polizeisäbel herbeizurufen sich nicht Versager, die Opposition als Bundesgenossin der Antisemiten verschwärzen, sobald sie den instanzmässigen Zug 'der Beschwerdeführung erschöpft. Schon Herrnritt, der beste Kenner des Kultusgesetzes vom Jahre 1890 hat ausgesprochen, dass die Organisierung der österreichischen Judenschaft in einzelnen, von keinem höheren Judenverbande überwachten Gemeinden jeder Willkür Tür und Tor Hesse, wenn nicht die Aufsicht der Staatsbehörden normiert wäre. Und dabei hat Herrnritt noch nicht das Vergnügen gehabt, Herrn Dr. S t ern persönlich kennen zu lernen. Und in keiner unserer Eingaben an die Staatsbehörden haben wir es unterlassen, eine Rechtsverwahrung vorauszuschicken, worin wir unserem Schmerze Ausdruck gaben, in einer intern-jüdischen Angelegenheit mangels einer jüdischen Oberinstanz Nichtjuden zu Richtern aufeufen zu müssen. Herr B1 o c b, treten Ihre Schützlinge auch so mutig und mannhaft vor den Wiener Magistrat und die anderen Staatsbehörden hin? Herr Bloch, haben nicht die altliberalen Kahalniks vom Schlage Ihres Doktor Stern 1890, zur Zeit der Schöpfung des Kultusgesetzes, die wahre Autonomie der Juden Oesterreichs aus Angst vor der Berührung mit den .Polnischen“ hintertrieben? Wir lassen uns von unserer Feststellung nichts abhandeln, dass das Vertreterkollegium den Wahlrechtsraub planmässig durchgeführt hat, indem es heuer die üblichen Mahnbriefe gar nicht und die Steuerinkassanten nur sporadisch hat aussenden lassen und indem es die Reklamationsfrist, die bisher stets im Oktober geendet hatte, um einen vollen Monat vorverlegte. Die anfangs September, vor den hohen Feiertagen an die säumigen Zahler verschickte Warnung, dass bei Nichteinzahlung der Steuer das Wahlrecht verloren gehe, war bei dem gerade um diese Zeit notorischen Geldmangel der Judenschaft von vornherein aussichtslos und nur dazu geworden ist? Woher diese Veränderung? Was bedeutet diese Melodie, diese neue Melodie, die überall auf der Gasse und zu Hause zu jeder Zeit gesungen wird? Sogar im Traume höre ich dieses Lied. Sogar jetzt, da ich neben Ihnen sitze und erzähle, kommt es mir vor, als ob mir jemand in die Ohren „Chawe! Oj-oj, oj-oj Ghawe! singen würde. Hören Sie nicht? Entsetzlich! Dies ist nicht zum Ertragen! Dies ist nicht zum Erfragen! Allerlei. Die Juden der Schweiz. Schweiz. Wie immer noch sehr wenig bekannt ist, hat die nicht am wenigsten von Juden als „frei" gepriesene Schweiz erst Mitte der Sechzigerjahre des 19. Jahrhunderts durch den von ihr gewünschten Abschluss eines Handels¬ und Nidderlassungsvertrages mit Frankreich gezwungenerwetse den französischen Juden das Aufenthalts- und Niederlassungsrecht gewährt, da Frankreich eine differentielle Behandlung seiner Staatsangehörigen nicht zugestghen wollte. Da aber diesSs Recht nicht einmal den Sn der Schweiz ansässigen Juden bis dahin zustankJ, so musste man schliesslich, wollte man nicht eline Kategorie von< Ausländem gegenüber Landesangehörigen in Vorteil setzen, auch den schweizerischen Juden die vollen Bürgerrechte geben. Gleichwohl ist die Zahl der Juden in der Schweiz keine grosse. Sie bestimmt, die erwartete Entrüstung der Wählerschaft zu beschwichtigen. Eine bewusste Unwahrheit ist es, Herr Bloch, .dass die Opposition an den Wiener Magistrat das Ansinnen gerichtet hat, den Kultusvorstand zu beauftragen, dass er alle Steuerrückstände schon des laufenden Jahres mit Hilfe der Exekution eintreilie.“ Vielmehr haben wir beantragt, ohne Rücksicht auf den § 2 b der Wahlordnung, alle nicht aus eigenem Verschulden säumigen Steuerzahler in die Wählerliste aufzunehmen oder doch die Reklamationsfrist um 14 Tage zu verlängern und jedenfalls den Wahlrechtsraubparagraph aus dem Kultusstatut hinauswerfen zu lassen. Solange an der Spitze der Wiener Kultusgemeinde ein Mann von dem Starrsinn, der Härte und der Gewalttätigkeit eines Dr. Stern steht und solange sich die .im Amte ergrautea Vorsteher“ nicht dagegen aufbäumen, dass Dr. Bloch um den bekannten Ehren-Sold ihre Verteidigung besorgt, haben wir keinen Anlass, von unserer bisher bewährten Methode abzugehen und wir werden darum unbeirrt fortfahren, das Gewissen, das Ehrgefühl und den Lebenswillen des jüdischen Volkes von Wien wachzuhämmern. Dr. Egon Zweig. Nationalitätenstreit und Antisemitismus. Die politische Saison in Oesterreich hat wieder im Zeichen des Nationalitätenstreites begonnen. Die Krise im böhmischen Landtage, die dort grassierende Obstruktion ist unter vielen nur ein Symptom, dass der ganze Reichskörper krank ist und dass der nationale Gegensatz in sämtlichen gemischtsprachigen Gebieten des Reiches ungemindert fortbesteht. Diese Krankheit ist so alt, wie die geltende dualistische Dezemberverfassung und wird nicht früher verschwinden, als nicht ihr Nährboden, die unnatürliche Struktur unserer Verfassungseinrichtungen und speziell das Institut der Landtage, beseitigt sind. Aber die meisten unserer Tagespoütiker sehen nur immer die Wirkungen, nie aber die Ursachen, darum die albernen Betrachtungen über die „Lage“, die zwischen dem rosigsten Optimismus und dem unberechtigtesten Pessimismus hin und her schwanken. Die neuerliche Verschärfung der nationalen Gegensätze bringt es auch naturgemäss mit sich, dass bei den verschiedenen Nationalitäten der Monarchie die Chauvibelief sich: 1850 auf 3145, 1870 aui 6996, 1890 auf S069, 1860 auf 4216, 1880 auf 7373, 1900 auf 12264. Im Verhältnis zur Gesamteinwohnerzahl der Schweiz machte die jüdische Bevölkerung im Jahre 1850 0,2 Prozent und im Jahre 1900 0,4 Prozent aus. Die beiden alten israelitischen Bürgergemeinden der Schweiz, Neu-Endingen und Neu- Lengnau sind seit 1850 aui ein Drittel ihrer damaligen Einwohnerzahl (1515) zu/riückgegangen. Von den zwölftausend, Juden, die in der Schweiz leben, sind übrigens nur etwa 5000 Schweizer Bürger, die anderen sind Ausländer. Dfe grösste Zahl von Juden weist der Kanton Zürich aui mit 2933, dpe kleinste der Kanton Urii mit efinem Juden, der noch dazu Ausländer ist. Gar keine Juden haben die Kantone Oh- und Nidwalden sowie Appenzell-Inrrerrhoden. — Bekanntlich hat die Schweiz durch das infolge einer Volksabstimmung fo die Verfassung aufgenomroene Schächtverbot, durch Schikanen gegen Hausfterer und Kleängesvvetnbetraibende, gegen dje in der Schweiz studierenden „Russen“ usw. den Juden das Leben so sauejr wie möglich gemacht. Würde nicht der ängstlich gewahrte Ruf eines ireien und demokratischen Landes die Schweiz in \1ieler Hinsicht verpflichten, so hätten die Juden wohl noch über anderes zu klagen. Denn der Antisemitismus den Schweizer ist zwar noch kein roher und gemeiner, aber er steckt dafür umso Feier. nisten, Antisemiten und Klerikalen die Führung an sich reissen und die sogenannten »freiheitlichen“ Fraktionen, geblendet von der chauvinistischen Phrase, ihnen Handlangerdienste leisten. Alle diese schlimmen Konsequenzen des Nationalitätenkampfes in beiden Reichshälften, besonders schlimm für die Juden, werden von den assimilatorisch-jüdischen Kreisen und ihrer Presse viel zu wenig gewürdigt. Gerade die Periode der nationalen, Gluthitze sind es, in denen die leicht entzündlichen Volksmassen für das Gift des antisemitischen Rassenhasses am empfänglichsten sind und daher auch am leichtesten zu antisemitischen Exzessen verleitet werden können. Eine weitere böse Folge der nationalen Verhetzung ist die Arbeitsunfähigkeit dtr einzelnen Vertretungskörper, respektive die Vernachlässigung d er wir ts chaftlichen Reformarbeit. Dadurch verschlechtert sich naturgemäss auch die wirtschaftliche Lage der Juden, während anderseits unter den übrigen Nationen die christlichsoziale Propaganda mächtig gefördert wird, die Propaganda, welche die Juden und Freisinnigen der verschiedenen Nationalitäten als die Urheber der Völkerverhetzung und als Haupthindernis jeder sozialreformatorischen Tätigkeit hinsteilt. Auf diese Weise muss die christlichsoziale Bewegung immer mehr erstarken und beim Zusammenbruche des gegenwärtigen Systems in beiden Reichshälften zu einem vollständigen Siege gelangen. In Niederösterreich mehren sich ja anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen die Anzeichen eines stillschweigenden Kompromisses zwischen den Christlichsozialen unddensogenannten Deutschfreisinnigen und im österreichischen Abgeordnetenhause ist Dr. Karl Lueger nicht nur der Führer der vereinigten deutschen Alt- und Neukierikalen, sondern auch sämtlicher übrigen deutschbürgerlichen Fraktionen. Ja, noch mehr! Auf Grund des gemeinsamen klerikalen Programmes hat Dr. Lueger einen grossen Einfluss auf die politisch gleichgesinnten Kreise der nichtdeutschen Nationalitäten und ist auf diese Weise der Herr über die Mehrheit des Abgeordnetenhauses. Diese klerikale Mehrheit muss aber immer grösser werden, wenn die antiklerikalen Gruppen der verschiedenen Nationen sich im sinnlosen Nationalitätenhader aufreiben und überdies im Konsequenz der Vernachlässigung positiver wirtschaftlicher Arbeit auch in der Bevölkerung den Boden verlieren. Die sogenannten „freiheitlichen“ Parteien im deutschen wie im tschechischen Lager aber sind blind für diese Tatsachen. Sie begreifen nicht, dass sie mit ihrer Nationalitätenpolitik der unter allen Nationalitäten erstarkenden christlichsozialen Bewegung den W e g ebnen, wenn sie nicht in nationaler Hinsicht einen Modus vivendi finden. Man vergegenwärtige sich doch die Tatsache, dass bei fortgesetzter deutscher Obstruktion im böhmischen Landtage, auch eine tschechische Obstruktion im Reichsrat und eventuell in' den Delegationen ausbrechen und in dem allgemeinen Wirrwar das gegenwärtige Ministerium demissionieren wird. Wer wird profitieren? Gewiss nicht die deutschbürgerlichen Fraktionen, aber ebensowenig die Jungtschechen oder die Tschechischradikalen, sondern nur die Klerikalena Her Nationen. Entweder nationale Verständigung auf national - antonomistis ch er dem o kr atis eher Grundlage — oder Reaktion. Tertium non datur.