Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 Eine liberale Gemeinheit: ln -der schlesischen Stadt B i e 1 i t z, der bekannten liberalen Hochburg, wo d!.e Juden unentwegt iür die Deutschen die Kastanien aus dem Fener holen, emsig für deutschnationale Pärteizwecke Gelder und Stimmen schwitzen, hat sich ein Vorfall abgespielt, der die deutsche Dank'barke.t und den deutschen Freisinn lebhaft charakterisiert. Der dortige Direktor der deutschen Realschule hat heuer kurzerhand alle jüdischen Schüler in eine Klasse gesteckt und so den Scbmidschen Antrag teilweise in die Praxis umgesetzt D.ie jüdisch-liberalen Gemeindegrössen hätten sich diesen Streich ruhig gefallen lassen, wenn nicht einer aus der vielgeschmähten Gilde der Zionisten, die angeblich ins Ghetto wollen, im Kultusgemeindelrate energische Abwehr gefordert hätte. Für öffentliches! Vorgehen waren die Herren freilich weht zu haj ben, aber der Kultuspräsiüent entschloss sich, bei * seinem „infenen“ Freunde, dem Realschuldirekter, j „persönlich“ zu .ntervenieren. E’.n z-emlxh unver- | blümter Hnauswiuri war das ernzige Resultat j dieses Schrittes, sonst blieb’s beim Alten. Diese j Behandlung war wohlverdient denn eine iüd--! sehe Körperschaft, wie sie durch die Bielitzer * Kiltusgemeinde repräsentert w.rd. de den a n t r-; senxrtischen Deutschen Schulver-; ein subventioniert und dem Jüdischen! Na t i o n a 1 i o n d s jeden Kreuzer ver- | weigert, hat wenig Anspruch auf Achtung. Nachj dem eie „berufenen“ Vertreter . der Judenschatt sieb zur Abwehr nicht entschl.essen können, werden de Bielitzer Zionisten auf eigene Faust versuchen, dem strammen Herrn Realschuldirektor vor der grossen Oeffentlichkeit das Staatsgrundgesetz in Er nuerung zu bringen. * * * Juden werden gesucht! •Im Städtchen Saybusch werden bekanntlich Juden nicht geduldet. Man vermietet ihnen weder Wohnungen noch Geschäftslokale, nicht einmal Unterkunft für eine einzige Nacht Wird 'Durchreisenden vom Stamme Juda gewährt. Nun ist in diesem lieben Saybusch eine grässliche Epidemie ausgebrochen, die Geldnot. Schulden smd zu bezahlen, Schulen zu bauen, die Strassen zu pflastern und was dergleichen unangenehme und kostspielige Aufgaben mehr. sind. In seiner Not wagte nun der Bürgermeister den letzten und verzweifeltsten Versuch. In einer Stadtratssitzung rückte er, ängstlich und zitternd, mit dem Vorschläge heraus, behufs Schaffung neuer Geldquellen dieJudenindieStadt zu lassen! He, wie da idfe ritterlichen Polen wetterten und tobten und „Verrat“ schrieen! Aber nachdem sie ihren verletzten antisemitischen Gefühlen hinreichend Luft gemacht hatten, zeigten sie sich dcch geneigt, die Sache zu diskut'eren. Denn iür. strammes, antisemitisches Nationalbewusstsein sind diese edlen Schlachzizen immer zu haben, für Geld aber desgleichen. Ein Stadtvater, stellte den Antrag, man möge die Juden wohl einlassen, ihnen aber ein gesondertes' Stadtviertel an we isen, damit solcherart die christliche Bevölkerung vor unangenehmer Berührung gewahrt bleibe. Es ist zu erwarten, dass die Juden so grosser Liebenswürdigkeit " nicht werden widerstehen können und massenhaft nach Saybusch pilgern werden. Der Vorzug, mit so angenehmen und ehrenwerten Männern und Polenhelden dieselbe Luit atmen zu dürfen, ist selbst mit hohen Steuern rieht zu teuer erkauft. Vom Wahlrechtsraub und seinem Verteidiger. Eliren-Bloch, der altgediente Klopffechter des Wiener Kahals, ist von seinen Brotgebern zu einem Raufhandel auf die demokratische Opposition losgelassen worden. Nachdem er zwei Wochen lang seine edle Klinge gedreht und mit Gift gesalbt hatte, ist er endlich zu Hieb und Stich ausgefallen. Doch wehe, die Klinge ist nur Papiermache und lachend werfen wir ihm die Trümmer in das dank der Subvention so wohlgenährte Angesicht. Schon der Titel des Leitartikels in Nr. 40 der Oesterreichischen Wochenschrift: »Der Wahlrechtraub der Kultus ge mein de“ ist eine kleine Perfidie. Nicht die Kultusgemeinde hat den Raub begangen, sondern das derzeitige Vertreterkollegium unter Konnivenz und nachträglicher Genehmigung seitens des Kultus Vorstandes. Und nun zieht Bloch, diskret mit einem | B verhüllt, los: „Man höre und staune! Die! heurige Wählerliste enthält angeblich j 7000 Namen weniger als die vorige, obwohl i sich die Zahl der Kultussteuerträger seither i um 41)00 Personen vermehrt hat.“ — Mit! diesem Wörtchen „angeblich“ denkt wohl! Herr Bloch die von uns festgestellte und für seine Brotgeber so peinliche Tatsache auf nichts zu machen?! Bei den intimen Be-; Ziehungen, die den Kahal mit seinem Anwalt verknüpfen, kann es diesem unmöglich schwer fallen, den von uns genannten präzisen Ziffern, falls sie wirklich falsch sein sollten, die richtigen entgegenzuhalten. Also heraus mit den Daten! Bloch verschreit es dann als eine „Phrase“, als ein „leeres Schlagwort“, wenn wir die Massenstreichung von Wählern als einen „Wahlrechtsraub“ bezeichnen. Von Wahlrechtsraub könne nur dort die Rede sein, wo planmässig von der an der Herrschaft befindlichen Partei darauf ausgegangen wird, oppositionelle Volkschichten an der Entsendung von parlamentarischen Vertretern zu hindern; in unserem Fall aber treffe die Streichung der säumigen Zahler in gleicher Weise Anhänger und Gegner der Kultusgemeinde (sprich des derzeitigen Kultus v o r s t a n d e s!). Nun muss es doch jedem Denkenden einleuchten, dass die säumigen Zahler sich naturgemäss zum grössten Teil aus' den minderbemittelten Schichten und insbesondere jenen „Leuten“ rekrutieren, welche durch die Kultussteuer überlastet und daher gegen das herrschende plutokratische System besonders erbittert sind. Eine einfache Stichprobe wird diese Schlussfolgerung zweifellos bestätigen. Die Kurie der Höherbesteuerten hat nach der Kultuswählerliste vom Jahre 1906 907 Wähler umfasst, die heurige Liste führt ihrer 790 an. Der Rückgang in der Wählerzahl dieser Kategorie beträgt daher nur 13 Prozent. Die Zahl der minderbesteuerten Wähler hingegen ist von 16.473 auf 10.410, somit um nicht weniger als 37 Prozent gesunken. Da nun die Höherbesteuerten, diese eiserne Garde des Kahals ausser in ihrer, separierten auch noch in der sogenannten allgemeinen Kurie mitstimmt, ist es offenbar, dass durch diese Verschiebung in - der Verteilung der Wahlberechtigten den Interessen des Kahals gedient worden ist. Dann erlaubt sich Bloch den Witz, dass die Opposition durch ihren an d e Vorgesetzten Instanzen gerichteten Protest gegen die Giltigkeit der letzten Kultuswahl den Kahal zu den durch sein Statut' gebotenen (Massenstreichungen gezwungen habe; denn es sollte so einem künftigen Proteste und dessen Stattgebung vorgebeugt werden. Abgesehen davon, dass in den 15 Punkten unseres Protestes vom Jahre 1906 dem Kultusvorstande nirgends vorgeworfen wurde, dass er Streichungen von Wählern u n t e rlhs s en habe, zerfällt der ganze Hokuspokus von einer vermeintlichen Zwangslage des Vorstandes in Nichts, wenn erwogen wird, dass er, welche die Bösartigkeit unserer Opposition doch schon seit 1906 kennt, zwei volle Jahre verstreichen liess, ohne den anstössigen Wahlrechtsraub-Paragraphen aus dem Kultusstatut hinauszu werfen; dabei hat Dr. Stern in der letzten Vorstandssitzung ausdrücklich zugegeben, dass die Anwendung dieses Paragraphen von ihm bereits im Jänner, d. J. in Aussicht genommen worden ist. frage ich meine Frau auf dem Wege in das »Tivoli Theater“. »Sie sind doch sehr brav“, antwortet meine Frau, »was findest du denn an Ihnen auszusetzen?“ »Nichts“, sage ich, »nichts“, aber ich möchte gerne erfahren, wohin »die Arbeit“, »der Kampf“, die hohen Ideale verschwunden sind.“ »Ach! Ideale!“ sagt meine Frau; »der Mensch will leben, leben!... Sputen wir uns, die Vorstellung hat wahrscheinlich begonnen.“ Chawe! Oj-oj, oj-oj, Chawe! ... Wir laufen, wir fliegen, um ins Tivoli zu gelangen. Ist es Traum oder Wahrheit? Das Theater ist voll. Tausende Bekannte, alle zufrieden, lusüg. geputzt, als ob’s ein Fest, eine Hochzeitsfeier gäbe; einer begrüsst den andern mit einem süssen Lächeln auf den Lippen, mit jenem süssen Lächeln, das falsch, gezwungen und konventionell ist Ich betrachte die Zufriedenen, lebhaften, heileren Gesichter und ich traue meinen Augen nicht — ist dies alles ein Traum? Sind das dieselben Menschen, die mit mir zusammen jene schrecklichen Oktoberpogrome durchgemacht haben? Sind die nicht mitmir zusammen in Kellern, Ställen und auf Dachböden gelegen? Haben sie sich nicht in Angst und Qual vor denjenigen geduckt, die über ihren Häuptern die schweren eisernen Stäbe schwangen. CharchaJ — Haben sie dies schon vergessen? Haben sie denn keine Erinnerungen? Und-die Frauen? Die Damen? Wenn Sie sie sehen würden! Diese Toiletten! Diese Parfüms! Und alle sind sie dekolletiert, halbnackt und alles lebt, lacht, tollt, rauscht, ist in steter Bewegung, alles nach einem Takt, nach einer neuen, sonderbaren und brünstigen Melodie! Still! Da erscheint sie, auf welche so viele Augen schauen, der so viele Herzen entgegenschlagen. Alles verstummt, alles Leben konzentriert sich auf die Bühne, wo sich eine Durchschnittssängerin, wie man sie überall in jedem Gartenpavillon sehen kann, befindet. Doch neini Das ist keine Durchschnittssängerin, keine gewöhnliche Tänzerin — das ist eine Hexe, die die ganze Stadt mit all ihren Bewohnern verzaubert hat. Auf welche Weise?Mit Hilfe einer Melodie, eines neuen Liedes. „Chawe“ so heisst das neue Lied. »Chawe! Oj-oj, oj-oj, Chawe.“ So begann die Hexe zu singen und das ganze Publikum fiel mit ein! Alle: Damen, Herren, Studenten, Mädchen, Kinder und Greise — alle sangen mit. Die Sängerin aber, die Hexe peitschte das Publikum auf, nicht so sehr mit ihrem Gesang als durch das Tanzen, nicht so sehr durch das Tanzen als durch die Bewegungen und das Augenzwinkern. Jeder Blick, Jede Bewegung ruft Begeisterung, Ekstase hervor. Alles singt, lacht und freut sich. Ich aber betrachte diese Menschen und denke: »Herr des Himmels, was ist dies, ein Traum? ... Das ist ihnen von der ganzen Arbeit gebliebpn?... Der Gesamterfolg der Revolution — „Chawe“?... Ich betrachte meine Frau, meine Kinder; ich erkenne sie nicht mehr. Ich komme nach Hause, ich will fragen, um Erklärung bitten, doch schallt mir zur Antwort: „Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe.“ Zu Hause: Chawe! Frühmorgens: Chawe! Auf der Gasse: . Chawe! Beim Friseur: Chawe! Ich nehme einen Wagen, da pfeift der Kutscher am Bock: Chawe! Weg! rufe ich und schlage den Kutscher auf die Schultern; er wendet sich verdutzt zu mir und schaut mich wie einen Verrückten an. Aufgeregt eile ich nach Hause. Ich läute und das Stubenmädchen öffnet die Tür und dabei singt sie: Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe! Ich halte mir die Ohren zu, ich renne ins Vorhaus, doch da schalt mir dieselbe Melodie entgegen. „Das ist unerträglich“ sage ich zu meiner Frau und fasse mich am Kopfe. Sie schaut mich mitleidig an und sagt: „Du bist noch nicht vollständig gesund. Komm mit mir zu einem Arzt.“ Dann aber singt sie: „Chawe, oj-oj, oj-oj Chawe!“ Wieder Chawe! „Gut“, sage ich, „komm zum Arzt!“ Der Arzt, ein alter Bekannter, nimmt mich freundlich auf, lädt mich zum Sitzen ein, bietet mir eine Zigarre an, fragt mich, wie mir die Reise bekommen, ob ich schon im Tivoli gewesen sei und ob ich schon die neue Sängerin gehört habe: „Chawe! Oj-oj, oj-oj Chawe!“ So singt der Arzt und meine Frau begleitet ihn und ahmt die Bewegungen der Sängerin nach. Mir aber steigt das Blut zum Kopfe, mein Herz bebt und meine Hände zittern. Das erste, was mir in die Augen springt ist ein grosser Leuchter, der auf dem Tische des Arztes steht. Ich halte mich aber zurück, sitze ruhig da, gleichgiltig, wie wenn alles in schönster Ordnung wäre! Mir ist alles gleichgiltig! Doch was sage ich! Gleichgiltig? Es brennt in fhir! Es glüht! Ich platze schier vor Wut! Ich halte mich aber zurück. Ich beobachtete, ich studiere, ich will wissen, was aus dem Menschen