Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 richte aus galizischen Städten zugekommen, dass manche Schriftsteller anstatt über Literatur vorzutragen] oder ihre Werke vorzulesen, eine sinnlose, durch nichts gerechtfertigte Hetze gegen den Zionismus oder gegen das Nationaliudentum betreiben. Auch wir betrachten ein derartiges Vorgehen als einen ungerechtfertigten und unstatthaften Uebergriff. * jj* £ Die' Gleichberechtigung der galizischen Juden. Lemberg. In der galizischen Statthaiterei war die Stelle eines Veterinärinspektors zu besetzen. Unter den Bewerbern befanden sich viele Bezirks veterinäre, darunter einige ' vorzüglich Qualifizierte, ungetaufte Juden, die obendrein eüne längere Dienstzeit nachweisen konnten, als die übrigen Konkurrenten. Nichtsdestoweniger wurde die.Stelle einem der jüngsten Bewerber, dem Herrn Teofil Haiski, verliehen, der noch vor einigen Jahren — vor der Taufe natürlich — den Namen Tünche H a m m e r m a n n führte. So sieht die Gleichberechtigung der Juden in Bobrzynskischer Auslegung aus. Man darf dabei nicht vergessen, dass Bobrzynski voriges Jahr in Tarnobrzeg, wo die Juden in der Majorität sind, zum Reichsratsabgeordneten gewählt wurde. Seine jüdischen Wähler waren alle ungetauft, daran aber denkt Bobrzynski nicht mehr. Trotz der wiederholten Versprechungen, unparteiisch und gerecht das Gesetz zu handhaben, beweist er, dass er nichts vergessen und nichts gelernt hat. Er ist der alte Bobrzynski geblieben, der, solange er Vizepräsident des Landesschulrates war, keinen einzigen Juden anstellte. * £ * Praktischer Antisemitismus. Lemberg. In Galizien verstehen es die Behörden ausgezeichnet, den Schein zu wahren und dabei. zu tun, was ihnen beliebt. Besonders die Juden haben unter dieser Unaufrichtigkeit der Verwaltung zu leiden. JahrjährMch müssen die jüdischen Eltern tagelang wandern und herumiahren. bis ihre Kinder an irgend einem Gymnasium aufgenommen werden. Ueberall erhalten sie in höflichem, aber nicht minder bestimmtem Tone die stereotype Antwort: „Ueberiüllt“. Kein Bitten hilft, kein Flehen. Der Herr Direktor bleibt bei seiner Weigerung. Auf soüche Art ward die Schmid’sche Resolution, trotzdem sie im Parlamente auch mit den Stimmen der polnischen Abgeordneten abgelehnt wurde, in der galizischen Praxis durchgeführt. Das ist viel bequemer als das Odium des Antisemitismus auf sich zu laden. In Galizien handelt man und macht nicht viel Worte. Das nennt man praktischen Antisemitismus. * * * Czernowitzer Gemeinderatswahlen. Czernowitz. In Czernowitz stehen Gemeinderatswahlen bevor, bei denen es aller Voraussicht nach, sehr stürmisch zugehen ward- Die Juden bilden das Zünglein an der Wage und von ihnen hängt vornehmlich der Ausgang der Wahlen ab. Nach der Parteizugehörigkeit scheiden aus dem gegenwärtigen Gemeinderate 10 Deutsche. 9 Juden, 4 Rumänen, 1 Ruthene und 1 Pole aus. Was mm die ausscheidenden deutschen Gemeenderäte anbetrifft, die bisher bei den Wahlen mit den Juden zu paktieren pflegten und auf diese Weise gewählt wurden, sind sie in der letzten Zeit in eine prekäre Situation geraten, da die beiden deutschen antisemitischen Organe „Nachrichten“ und „Volksblatt“ unausgesetzt einen Keil zwischen Juden und Deutsche treiben, so dass die deutschen Gemeinderäte gleichsam ausgesperrt blieben. Die jetzt ausscheidenden deutschen Gemeinderäte planen daher für die kommenden Gemeinderatswahlen e:n eigenes Komitee zwecks Verhandlungen mit den Juden zu gründen, wobei sie durch ein Commimique öffentlich erklären wollen, dass sie sich in keiner Weise mit den beiden antisemitischen Organen identifizeren. Hoffentlich werden die Juden vernünftig sein, sich nicht durch Versprechungen und wertlose Versicherungen von Judenfreundlichkeit etc. betören lassen, und das Stimmvieh für Gemeinderäte abgeben, die insgeheim die Bestrebungen der Antisemiten gutheissen und unterstützen. ' * * * Das Jubiläum der Stadt Czernowitz und die Juden. Czernowitz. Die Gleichberechtigung der Juden als Nation fand in der Fünfbundertjahrieier der Stadt Czernowitz mehrfachen Ausdruck. Sie zeigte sich besonders bei der Einweihung der neuen Stadtialme, an welcher alle nationalen Gruppen der Stadt teilnahmen. Jede Nation spendete eine Schärpe mit einer entsprechenden Aufschrift. Im Namen der Juden überreichte die Gemahlin des Dr. Straucher eine blau-weisse Schärpe mit der hebräischen und deutschen Aufschrift „Friede und Eintracht“. Im Gegensätze dazu steht die Haltung der beiden israelitischen Vertreter der Städte Lemberg und Krakau, der Herren Aschkenase und Dr- Sare, die in Czennowitz in ihren Begrüssungsreden von Volksgenossen sprachen und darunter augenscheinlich die armenischen Polen verstanden, die in der Bukowina das einzige polnische Element dairstellen, denn die Bukowinaer Juden als Volksgenossen bezeichnen, das verbietet — der polnischnat onale Stolz. - * * Jüdische DelegationsmitgUeden Budapest. In die ungarische Delegation wurden vom Abgeordnetenhause ein Jude, der Kossuthianer Samuel Bakonyi, vom 'Magnatenhause hingegen zwei Juden, Dr. Franz Charin und Siegmund Kornfeld gewählt. Das ist um so bezeichnender, ais das Abgeordnetenhaus 24 jüdische Mitglieder, das Magnatenhaus nur 6 Juden zählt. Das konservative Magnatenhaus erwies sich somit den Juden gegenüber viel unbefangener als das demokratische Abgeordnetenhaus. * * * Eine neue jüdische Zeitung. Pressburg. Am 18. September erschien hier die erste Nummer der „Pressburger Jüdischen Zeitung“. Es ist ein unparteiisches Organ für die „gesamten Interessen des Judentums“ und steht dem zionistischen und jüdischnatianalen Gedanken sehr freundlich gegenüber. Die neue Zeitung ist ein Zeichen der Zeit Das erwachende jüdische Nationalgefühl, der vollständige Bankerott der jüdischen Assimilation m Ungarn sind die unmittelbaren Ursachen der Entstehung der „Pressburger Jüdischen Zeitung“. * * * Vom deutschen Hilfsverein. Berlin. Am 21. September fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäitsiührenden Ausschusses des Hiliäverevnes der Deutschen Juden statt. Es wurde u. aüber das Projekt 'beraten, einen Zusammenschluss der grossen jüdischen Vereinigungen für bestimmte Fälle zu1 organisieren. Der 'Hilfsverein der Deutschen Juden, der bereits anlässlich der ersten Kischinewer Pogrome eine solche Gesamtorganisation in Vorschlag gebracht hatte, und der nach den Pogromen im Jahre 1905 die Anregung zu dem Zusammenwirken der grossen Orgamüsatfönen gegeben hatte, wodurch alsdann auch eine schnelle und rationelle Hilfeleistung ermöglicht wurde — hat seine volle Sympathie für die Idee ausgesprochen, «n geeigneten Fällen das Hiliswerk durch Kooperation der berufenen jüdischen Vereinigungen zu zentralisieren und er hat sich prinzipiell bereit erklärt, einer praktischen, zweckentsprechenden Gesamtorganisation beizutreten. Wie die Gesamtorganisation herustellen und wer fhr angehören soll, darüber werden weitere Verharidlungen geführt werden, vor allem auch hi Rücksicht auf die Bestrebungen des Komitees, das unter Vorsitz des Herrn Justizrat Horwltz, Berlin, dem gleichen Ziel zustrebt Es wurde alsdann in der Sitzung eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen, u. a. für Erziehungsanstalten und Schulen im Orient und für Institute in Deutschland1, die sich im Dienste des Hilfswerkes für die osteuropäischen, vor allem die russischen Juden betätigen. Bei dem Umschwung der Verhältrfisse in der Türkei ist die Vennehrung und Verbesserung der Bildungsgelegenheiten daselbst von besonderer Bedeutung. Es wurden dementsprechend Mittel zur Entsendung von Lehrkräften für Schulen in Konstantinopel bewilligt, deren Reorganisation und Ausbau der Hilfsverein übernommen bat. Geeignete Persönlichkeiten sind bereits gewonnen und sie treten zum Oktober ihreStellunge.n daselbst an. Auch nach Bulgarien sind zwei neue Lehrer an Stelle abgehender entsendet. Zur Begründung eines Kindergartens — dieser für den Orient so eminent wichtigen und segensreichen Institute — in Saloniki wird der Hilfsverein die erforderlichen Mittel beistellen. Ferner wurde die Begründung einer Wanderbibliothek in Aussicht genommen, die insbesondere einer Reihe 'kleineren Ortschaften in Palästina zugute kommen soll. ■Herr James Simon machte eine besondere Zuwendung in der Höhe von 3000 Mark zur Herausgabe und Verbreitung von Schriften für die Jugend im Orient. Jugendschriften, die nach 'der Entwicklung der dortigen Verhältnisse in der Hauptsache hebräisch geschrieben sein müssen, fehlen leüder noch fast völlig, resp. ist man noch nicht an eine passende Zusammenstellung für den gedachten Zweck geschritten. * * * Die dritte Duma und die Juden. Petersburg. Das jüdische DumamitgHed Herr N i s s e 1 o w i c z hat einen Bericht über die Tätigkeit der dritten Duma veröffentlicht, in dem er hauptsächlich die Judentrage behandelt Nisselowicz ist der festen Meinung, dass die dritte Duma in der Geschichte der Emanzipation' der russischen Juden e:ne bedeutende Rolle spielen wird. Er erwähnte die zahlreichen Petitionen, die er im Namen der russischen Juden überreicht hat und brandmarkt die Weigerung der Kadetten, ihn in der Duma zu unterstützen. Er erklärte, dass die Mehrzahl der Abgeordneten judenieindtich ist. Er hofft aber dennoch, dass die gerechte Sache der Juden den Sieg davontragen werde- Zum Schlüsse regt er die Konstituierung einer alle russischen Juden umfassenden Organisation an, damit diese die parlamentarischen Aktionen unterstütze und ihm die Ermächtigung erteile, im Namen al I e r Juden zu sprechen. * * * Ein neues Gesetzesprojekt. St. Petersburg. Einem allgemein verbreiteten Gerücht zufolge beabsichtigt die russische Regierung, der Duma einen Antrag zu überreichen, der dahin geht, den jüdischen Ansiedhingsrayon zu erweitern und den Juden den Ankaui von Grund und Boden zu gestatten. Die massgebenden jüdischen Kreise messen diesem Antrag kerne grosse Bedeutung bei, denn sie sind schon zu oft enttäuscht worden und können der Regierung kein Vertrauen entgegenbringen. * * * Scholem Aleicheras 25jähr!ges Schriftsteller* Jubiläum. Baranowitz. Der bekannte jüdische Humorist Scholem Aleichem begeht in einigen Wochen sein 25jähriges Schriftstellerjubiläum. Scholem Aleichexn. der so vielen Juden und Nichtjuden — denn eine grosse Reihe seiner Erzählungen ist in verschiedene Weltsprachen übertragen worden — in diesen 25 Jahren manche heitere Stunde bereitet hat, liegt jetzt selbst schwer krank in Baranowice (Podolien). En lebt auch sonst in sehr ärmlichen Verhältnissen, und einige seiner Freunde planen deshalb, ihm zu seinem Jubiläumstage eine Ehrengabe in Geld zu überreichen. Zu diesem Zwecke hat sich ein Komitee in Warschau gebildet, das Spenden entgegennimmt und ihrem Zwecke zuführt. Die Adresse des Komitees lautet: Dr- G. L e w i n, Warschau, 'Leszna 34. * * * Jüdisch-politisches Leben in Palästina. Jerusalem. In Jaffa und Jerusalem haben sich jungtürkische Komitees gegründet. Die angesehensten Juden sind ihnen beigetreten. Dank den Bemühungen des Herrn Dr. Isak L e v y, des Direktors der Filiale der zionistischen Anglo-Palestine- Bank in Jerusalem und Kandidat iür das türkische Parlament und der Herren David Veil in und Ben-Jehuda hat sich eine Vereinigung von türkischen Juden begründet, um die Rechte jüdischer Staatsbürger der Türkei zu schützen, die jüdischen Massen zu erziehen und die Kenntnis der türkischen und arabischen Sprache unter den Juden zu verbreiten. — In Haifa wurde ein Verein